Würde er/ sie wirklich ...?

Hallo, zusammen!

Ich glaube, ich habe meinen Endgegner beim Schreiben identifiziert. Also den Teil des Handwerks, den ich am schwierigsten finde. Ich überarbeite gerade nochmal den ersten Band meiner Fantasy-Serie. Bis zum Ende des ersten Aktes gefällt mir alles sehr gut. Der erste Teil des zweiten Aktes ist auch noch plausibel. Aber ab dem Mittelpunkt und spätestens im 3. Akt kippt es. Bei den Szenen des 3. Aktes frage ich mich mittlerweile wirklich, unter welcher Droge ich gestanden habe, als ich die geplant habe. Da passen so viele Dinge überhaupt nicht mehr zusammen.
Und wenn ich die Handlungsstränge zurückverfolge, fange ich plötzlich an, mehr oder weniger jedes Detail meines Weltenbaus anzuzweifeln. Ist das plausibel? Was für Folgen hätte das? Und wenn ich es ändere? … Fällt dann die ganze Story zusammen? An manchen Stellen ja.
Ich werde schon in Band 1 einiges umschmeißen müssen. Leider hat es auch Konsequenzen für die Folgebände. Ein Glück, dass ich bisher kaum Text für die einzelnen Szenen geschrieben habe …

Wie ist das bei euch? Habt ihr auch solche Probleme, die Plausibilität der Handlungen eurer Figuren oder bestimmter Weltenbauregeln zu beurteilen?

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Huhu, ja die habe ich auch. Weil ich meine Figuren z.T. auch erst beim Schreiben richtig kennenlerne. Und dann stehe ich da nach etlichen Seiten und denke mir, dass XY so niemals reagiert hätte, wenn nicht vorher etwas anderes passiert wäre. Und dann fange ich wieder vorne an, bis alles stimmig ist.

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Ich finde Charaktertreue durchaus wichtig und dazu gehört natürlich konsequente und nachvollziehbare Handlung der Protagonisten.

Aber zu päpstlich muss man da nicht sein. Keiner von uns handelt im Leben nur charaktertreu, weil wir aus Facetten bestehen. Und manchmal auch schlicht falsch entscheiden oder unsere eigenen Verhaltensmuster nicht so eindeutig sind und ggf sogar in der selben Situation unterschiedlich ablaufen könnten.

Zuletzt: unsere reale Welt ist unglaubwürdig. Kein Pandemie-Roman hatte auf dem Schirm, dass Leute gegen das Heilmittel demonstrieren. Kein Politsetting glaubt einen Präsidenten, der stündlich seine Entscheidungen und Verbündeten ändert. Über das Verhalten netter Menschen, die auf social media zu assozialen Gewaltphantasien hingerissen werden ganz zu schweigen. Welche SciFi-Welt würde man glauben, wo wir die Möglichkeit zu umweltneutraler Energie haben und die Bevölkerung sich für Verstahlung und Kohlekraftwerke entscheidet. Das soll keine politische Diskussion werden - es zeigt nur, dass die Welt nicht homogen logisch aufgebaut ist.

Deine Protas haben die magische Kugel gefunden, um alles Wissen der Welt, alle Magie, alle Informationen jederzeit verfügbar zu haben. Und was machen sie? Katzenvideos und Pornographie…

Menschen sind nicht logisch.

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Das stimmt natürlich.

Dann meine ich vielleicht eher physikalische Probleme, die ich nicht mit Zaubererei übergehen kann.

Wie realistisch ist es, dass jemand mit einem hölzernen Wohnwagen, der von einem (!) Pferd gezogen ist, während der Kontrolle am Stadttor plötzlich auf den Bock springt und das Pferd dazu peitscht, in vollem Galopp davonzupreschen, wenn es Winter ist und die Wege von geschmolzenem Schnee aufgeweicht sind? Wie weit könnte er da kommen, ohne steckenzubleiben?
Auch wenn die Gendarmerie erst durch einen Läufer alarmiert werden müsste - hätte er überhaupt eine Chance? Vielleicht, wenn er sich irgendwo versteckt?

Damals erschien mir das plausibel. Heute bin ich total unsicher.

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Weißt Du noch, was Du Dir ursprünglich beim Planen gedacht hast? Du könntest Deine ursprüngliche Idee nochmal aufgreifen und versuchen, genau daran anzuknüpfen. Vielleicht ist es nur ein ganz kleines Detail, das Dir jetzt Probleme bereitet?

Oder viele kleine, die sich summieren … :rofl:

Wenn ich z.B. davon ausgehe, dass die Fluchtszene, die ich weiter oben beschrieben habe, plausibel ist, dann kann ich darauf aufbauen. Wenn nicht, wird ein großer Teil des 3. Aktes zunichtegemacht …

Ich hab Zorro ganz andere Dinge durchgehen lassen. Es ist ein Aktionszene! Das Fantasy-Pendant zu der permanenten Bond-Verfolgungsjagd. Da hätte ich kein Problem mit, wenn es nicht ständig vorkommt. Jack Reacher als “Übercharakter” macht ständig so etwas vergleichbares …

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Ja. Ein praktisches Problem. Ich habe Deinen zweiten Beitrag erst nachträglich gelesen, der entstand gerade, während ich tippte. Mein Internet macht heute Ärger, sorry. Ganz simpel: Bodenbeschaffenheit ändern? Der Boden ist hart und weicht nicht völlig auf? Wird also nur etwas schlammig? Ich weiß nicht, was Deine Welt da hergibt. Wie weit muss das Pferd mit dem Wagen denn kommen?

Edit: oder eine Verfolgung gestaltet sich schwierig, weil der Verfolger nicht durchkommt? Kann man ihm etwas in den Weg werfen oder eine Menschenmenge dazwischendrängeln?

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Ich finde Szenen, bei denen ich als Leser denke „Das funktioniert nie und nimmer“ spannend. Mir ist aufgefallen, dass manche Autoren solche Fluchtszenen gelingen lassen, weil bei den Verfolgern etwas schief läuft. Stürzende Pferde, falsche Entscheidungen, widersprüchliche Befehle, Zwist unter den Verfolgern, usw.

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Es ist Tauwetter. Vorher gab es eine Schneekatastrophe. Jetzt ist der Schnee endlich genug geschmolzen, dass man sich wieder bewegen kann. Aber ganz trocken ist es natürlich noch nicht. Und wenn ich Frost einfüge, könnte das Pferd sich die Beine brechen.

Das werde ich überlegen. Außerhalb der Stadt sind normalerweise keine Menschenmassen. Bisher besteht die Verzögerung lediglich darin, dass die Gendarmen erst benachrichtigt werden müssen, in einer Welt ohne Telefon, also durch einen Läufer, und dann erst ihre Pferde satteln müssen …
Mal sehen, ob das reicht.

Wenn es eine leichtere Kutsche wäre, wäre es plausibler, aber der Wohnwagen spielt eben auch eine wichtige Rolle.

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Oh, da war Arletta schneller

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Da könnte man gut ansetzen. Wenn es erst jetzt nach der Schneeschmelze überhaupt wieder möglich ist, zur Stadt zu gelangen, wollen vielleicht alle aus den umliegenden Dörfern genau dorthin und warten am Tor auf Einlass?

Das wäre eine Idee. Ich muss das mit der Tageszeit abgleichen. Denn wenn es mitten am Tag ist, hätte sich die Menge wahrscheinlich schon zerstreut. Mal sehen, ob ich das irgendwie hinkriege.

Für mich stellt sich hier die Frage, warum ist er in Panik (gibt es einen nachvollziehbaren Grund und was steht für ihn auf dem Spiel?) und wenn er keine Zeit zum Nachdenken hat, tut er das naheliegende: flüchten. Wir sind in aller Regel eher auf Flucht, als auf Kampf ausgelegt. Insofern denkt man da gar nicht weiter nach.

Die nächste Frage die ich mir stelle ist: Was könnte seine Verfolger hindern, wenn die Flucht gelingen soll? Gibt es Verbündete? Gibt es ein nahendes Unwetter, wie einen Schneesturm, welcher seine Spur verweht? Gegen nachfolgende Reiter bei klarer Spur wird die Flucht halt kaum gelingen. Wenn er Glück haben soll, dann müsste mir als Autor etwas glaubwürdiges einfallen.
EDIT sagt: Ich war zu schnell, bei Tauwetter klappt das mit dem Schneesturm nicht gut. Aber hinter ihm könnte ja das tauende Wasser eine Brücke einreißen oder sowas.

Der Vorteil der Autorenschaft ist ja, dass man jederzeit wie ein Magier eingreifen kann und der Entwicklung eine andere Richtung geben kann, bzw. etwas entstehen lassen kann, womit niemand gerechnet hat. Halbwegs glaubwürdig sollte es schon sein, aber wie michel oben schon erwähnt hat, die Welt bietet so skurile Dinge und Verhaltensweisen, dass man da schon eine recht große Spanne hat, um sich etwas einfallen zu lassen. :wink:

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Ja, es gibt einen Grund. Sogar mehrere. Bei der Kontrolle am Stadttor werden die Torwächter misstrauisch und wollen wegen Schmuggels nochmal genauer hinschauen. Da ergreift er die Flucht. Aber er wird auch gesucht, hat sich hier jedoch verkleidet, sodass er nicht erkannt wird.

Das ist mal eine gute Idee.
Allerdings fließt der einzige Fluss, der bisher eine Rolle spielt, direkt durch die Stadt und nicht außen herum. Und ich müsste schauen, wie der Fluss dann sonst noch in die Geschichte passt. Ich werde das mal vormerken …

Momentan denke ich auch an das Pferd. Am Anfang der Geschichte war der Typ ein fahrender Händler bzw. hat sich als solcher ausgegeben. Da reist man mit einem Wagen und einem Pferd, aber alles ist auf Langsamkeit ausgerichtet. Es sollen Waren transportiert werden. Der Wagen ist eine Unterkunft für den Händler. Die ganze Konstellation ist eigentlich nicht dafür geschaffen, in vollem Galopp davonzupreschen …

Stimmt, für ein Pferd ist das schon recht schwer zu bewegen. Könnte er auf sowas vorbereitet sein und etwas vom Wagen abwerfen, was die Pferde der Verfolger scheuen lässt? Sie zum Beispiel die Brücke nicht überqueren lässt?
Zeit zu gewinnen kann ja ein Vorteil sein, aber die Sache mit den Spuren ist dann tricky. Die lassen sich im Schneematsch recht lange finden. Bin gespannt, was Dir einfällt.

Ich auch. :rofl:

Vielleicht ergibt sich auch noch eine ganz andere Szene und diese Flucht wird gar nicht mehr gebraucht. Ich werde mal verschiedene Szenarien durchspielen.

Vielen Dank trotzdem.

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Oh-oh, rieche ich da etwa einen Perfektionisten :wink: ?
Ja, ich kenne sowas verdammt gut, ich denke da ähnlich. Und mittlerweile bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man in einem Roman nicht alles bis ins letzte Atom logisch erklären muss.
Wenn an der Pferdewagen-Szene nicht ein ganz wesentlicher Teil des Plots hängt (dann sollten die Details schon stimmen), sieh es locker, schau, dass es sich schön spannend liest - und lass das Pferd in vollem Galopp abgehen. Wenn du dann behauptest, es kommt durch, glaubt dir das jeder.

:heart_eyes::face_blowing_a_kiss:

Achtung! Ist das Pferd beschlagen? Es könnte sich Eis in den Hufen bilden und das Pferd fies ausrutschen, weil es zu Fall kommt. Denn Pferde sind schlechte Schlittschuhläufer … :rofl:
Bei Tauwetter ist das wiederum egal, also der Beschlag. Allerdings, wenn Kopfsteinpflaster drunter ist, also unter dem Schneematsch, ist es wiederum ganz furchtbar, wenn das Pferd beschlagen ist. Das geht natürlich alles sehr ins Detail, aber ich weiß ja nicht, wie detailliert du die Szene ausarbeitest.

Es kommt auch darauf an, welches Pferd du vor den Wohnwagen spannst. Pferde können unmenschlich viel ziehen, ein Araber bricht allerdings möglicherweise fast zusammen bei einem Gefährt, das von einem Kaltblut ganz locker gezogen werden kann. Wenn ein Kaltblut flüchtet, ist es jedoch viel langsamer als ein Araber. Nur so als Beispiel.

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