Ich frage mich gerade, wie ich diesen Thread bisher übersehen konnte.
Hier ein aktueller Text von mir, in dem meine Protagonistin sich Gedanken macht, was ohne Strom mit ihren Texten passieren würde. Ich lasse sie ihre Lebensgeschichte im Buch selber schreiben.
Alte Technik zieht mich besondern in ihren Bann. An Schreibmaschinen oder Küchengeräten aus längst vergangenen Tagen komme ich nie vorbei, ohne sie genauer unter die Lupe zu nehmen. Mit einem Mixer aus den 50er Jahren macht Backen einfach mehr Spaß und der Pudding schmeckt leckerer. Die ersten Entwürfe dieses Textes habe ich auf einer Adler- Schreibmaschine von 1935 getippt. Das rhythmische Klappern der Typenhebel inspiriert mich, und bin produktiver. Und weil es ewig dauert, einen Tippfehler zu korrigieren, schreibe ich konzentrierter. Netter Nebeneffekt ist, dass meine Texte erhalten bleiben, wenn ich mal wieder – aus Versehen – den Strom ›entfinde‹, ich meine, aus der Geschichte streiche. Die Wiederherstellung ist kniffelig und es ist mir mehr als einmal passiert.
Mein Papa hat mir ca. 10 Millionen Notizblöcke in allen möglichen Größen, ebenso viele Kugelschreiber und Bleistifte hinterlassen. Mit den dazugehörigen Radiergummis.
Nein, überhaupt gar nicht. Er hat nicht einmal gern gelesen. Aber er hat gern alles aufgeschrieben. Seine Blutdruckwerte, Geburtstage, Spritverbrauch, Haushaltskosten, Urlaubskosten, auf welchem Kanal welcher Fernsehsender zu finden ist, das gleiche fürs Radio, wie die große Schwester von meinem Mann heißt, wann seine Mutter gestorben ist, …
Wir hatten 2016 einen mehrwöchigen Stromausfall - es waren circa 3 Wochen. Neben dem Stromproblem war auch die halbe Stadt vom Rest abgeschnitten, weil die Straßen nicht mehr befahrbar waren. Die Lebensmittel waren kein Problem - einen Rucksack voll haltbares Zeug schleppt man sich schon nach Hause und dann futtert man halt Zwieback, Chips, Dosenfleisch. Das Wasser war das Problem.
Einige Kilometer entfernt hatte aus anderen Gründen das Heer eine Art kleinen Stützpunkt mehrere Monate davor aufgeschlagen (Stichwort Flüchtlingskrise). Von denen wurden wir einmal täglich mit Wasser versorgt. Allerdings kamen die auch nicht bis zu uns, die Abholstation für das Wasser vom Tankwagen war circa 2 Kilometer entfernt. Da durften wir uns einen Kanister holen.
Es hört sich nicht schlimm an, aber am Ende geht man über matschige Felder. Für den Weg, den man normalerweise 1 Stunde hin und zurück benötigen würde, brauchte man da dann 3-4 Stunden. Auch weil man den Mist jeden beschissenen Tag machen muss. Irgendwann ist man durch. Irgendwann tritt man nicht sehr sauber und der Gummistiefel bleibt stecken. Wenn du Pech hast, kannst du ohne Hilfe nicht mehr weiter
Aber Hilfe hast du bekommen, weil ja auch die ganze Stadt genauso wie du diese Völkerwanderung unternommen hat. Dabei triffst du auf allerlei Bekannte, man bleibt kurz stehen und redet , auch darum braucht man für alles eine Ewigkeit („Nein, Kerzen haben wir genügend, könnt ihr euch gerne welche holen. Was wir bräuchten wären am Frischtücher … Was, ihr habt welche? Der Nachbar macht am Abend Kesselgulasch, ihr könnt sicher auch noch dazustoßen und dann tauschen wir!“). Daneben gibt es viele Ältere, die dann auf die Nachbarn angewiesen sind. Unsere Stadt hatte knapp 10.000 Einwohner. Obwohl aus den Nachbarländern und aus anderen Städten (teilweise 100 Kilometer entfernt) Hilfskräfte da waren, war es beeindruckend zu sehen, wie schnell die Kapazitätsgrenze erreicht ist.
Also wenn der Strom weg ist, würde ich nicht schreiben, obwohl ich hunderte Stifte und Blöcke herumliegen hätte. Dazu auch jede Menge Kerzen und Kurbel-Solar-Akku-Lampen (man lernt daraus). Aber man ist den ganzen Tag damit beschäftigt, seinen Alltag zu bewältigen. Wenn das geschafft ist, will man 2-3 Bier und die Füße gegen das Lagerfeuer strecken.
Das glaube ich Dir sofort! Hut ab und Respekt vor dieser Erfahrung, die Du machen musstest.
Wir haben ein anderes „Endzeitszenario“ erlebt - brauch ich nicht nochmal.
Aber zum Thema: sollte ich (in meiner romantisierten Vorstellung) dennoch genug Kraft zum Schreiben haben, so habe ich einen wunderschönen Montblanc Füller, den mir eine ganz besondere ältere Dame zu einem Examen geschenkt hat. Der ist emotional so besetzt, dass er einer Zauberfeder gliche. In meinem Kopfkino würde ich darauf zurückgreifen.
Ich möchte es trotz allem nicht missen, hat mich viel gelehrt.
Aber zum romantischen Kopfkino zurück: ich denke, ich würde wahrscheinlich Szenen skizzieren, Ideen sammeln. Dass ich so 100 Seiten Fließtext mit Stift auf Papier bringe, kann ich mir eher nicht vorstellen. Dazu schreibe ich zu intuitiv einfach drauf los und mach mir währenddessen zu wenige Gedanken. Am PC geht das ja, mit danach einfach überarbeiten und umschreiben.
Innerhalb weniger Tage könnte ich mich wahrscheinlich nicht umgewöhnen.