Wie oft geht ihr über ein Kapitel?

Das Hauptproblem bei der drölften Überarbeitung ohne Lektorat ist, dass man selbst betriebsblind für das eigene Werk wird. Ich habe ja oben beschrieben, wie ich vorgehe. In meinem Werk gibt es daher Abschnitte, die ich über zwanzig Mal überarbeitet habe, und mit denen ich dennoch unzufrieden bin. Das liegt dann nicht mehr an zu wenig Überarbeitung sondern daran, dass man selbst irgendwann an einen Punkt kommt, an dem man nicht mehr weiter weiß.
Man merkt vielleicht, okay, die Szene ist nicht zu hundert Prozent gelungen, bekommt es aber ums Verrecken nicht besser hin. Umschreiben? Kein Ding. Besser wird es dadurch aber nicht mehr.

Ich zumindest stehe dann vor einem der folgenden Probleme: Entweder, 1) ich kann es selbst einfach (noch) nicht besser oder 2) mir fehlt die neutrale Sicht von außen auf das eigene Werk an dieser Stelle. Ich hab es mir so oft angesehen, dass ich vollkommen festgefahren bin.

Ersteres passiert mir aus Unerfahrenheit, Letzteres passiert auch etablierten Autoren, nur haben die eben einen Lektor.
Da helfen auch nur gute Testleser, vieeeeel zeitlicher Abstand (oft sieht man Jahre später klarer, aber wer hat schon Zeit und Lust, das Werk fünf Jahre lang irgendwo verstauben zu lassen?) oder eben und am effektivsten ein professioneller Lektor.

Ich kenne das Problem aus dem Sport: da haben Profis auch einen Trainer. Der ist, technisch gesehen, kaum besser in dem Sport als der Athlet. Er sieht nur von außen die Fehler und kann korrigieren, was dem Athleten vielleicht selbst nicht mehr auffällt. Bei jemand anderem würde es dem Sportler beim Zusehen aber auch direkt ins Auge springen.

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Das ist alles richtig. Trotzdem bin ich mit dem zufrieden,was am Ende herauskommt. Man kann einen Text auch zu Tode umformulieren.

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Als Anregung: ich nutze in Papyrus den Navigator, um - möglichst vor dem Schreiben, und das ist nicht leicht - die Szenenplanung stringent per Visitenkarte zu dokumentieren. Wenn du dich an diese „Leitplanke“ halten willst, dann ist die Informationsdramaturgie sowie Ziel der Szene und Emotionen im Gesamtkonsens stimmig. Dann geht es „nur“ noch um deine Autorenstimme. Das klingt leider sehr theoretisch und planerisch, aber es hat mich als „Bauchschreiber“ überzeugt, um dem ganzen Werk mehr Struktur zu geben.

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Danke. Jetzt würde mich noch interessieren, wie oft du dein Endprodukt liest.

Ca. sieben Durchgänge, jeder davon mit einem eigenen Schwerpunkt. Und ja, dafür geht mehr Zeit drauf, als für Plot und Rohentwurf.

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Hast du denn eigentlich schon mal ein Buch von @nolimit gelesen? Erst dann könnten wir ja wirklich beurteilen, ob seine Vorgehensweise ausreichend ist.
Ich habe noch keins von ihm gelesen, werde mir aber vermutlich eins zum Advent wünschen.

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Meine Romane sind sicher nicht perfekt, nein, wahrscheinlich sogar weit davon weg, aber ich habe sie so geschrieben, wie sie sind. Es ist mein Stil und den verbiegt mir niemand.

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So halte ich es mit meinen Romanen auch.

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Ganz ehrlich, ich kann mein aktuelles Projekt fast komplett auswendig aufsagen.
Mir nützt das nochmalige Lesen recht wenig.
Dafür nutze ich die Vertonung für den letzten Schliff.

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Es kann auch stark verunsichern, wenn man den Schreiber fragt: „Hast du auch jede Szene 10 Mal gelesen? Nein? Anfänger!“
Perfektionismus ist im kreativen Schaffen enorm hinderlich. Z.b wird jemand der das perfekte Foto für 4 Wochen plant und genau eines macht … Sehr wahrscheinlich dem Fotografen unterlegen sein, der vier Wochen lang draußen war und unter unterschiedlichsten Bedingungen fotografierte.
Wer immer wieder dieselbe Story und dieselbe Szene wieder schreibt, wird vielleicht nochmals 10% rausholen, aber auch nur ein Buch in 5 Jahren schreiben. Insgesamt kommt er vielleicht langsamer voran, da er ja immer wieder am selben Thema arbeitete.
Zu lernen unterschiedliche Szenen zu schreiben, unterschiedliche Stories zu entdecken, herauszufinden welches Genre einem liegt oder nicht, kann womöglich langfristig lohnender sein.
Wichtig ist es auch zu lesen und herauszufinden, warum bestimmte Bücher einen besonders berühren. Wie hat der Autor das erreicht? Welche Metaphern und Bilder hat er benutzt?
Der einzige Nachteil bei dieser bedingten Analyse, viele Fernsehserien kommen einen plötzlich durchschaubar vor :sweat_smile:

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Wahrscheinlich ist das mehr oder weniger normal. Es liegt am Ende an mangelnder Erfahrung.

Mir haben seinerzeit die Schreibtips von Andreas Eschbach geholfen
https://www.andreaseschbach.de/schreiben/schreiben.html
Kompetent und kurzweiliger als mancher Schreibratgeber.

Sinngemäß heißt es dort: Du musst ein Buch zuende schreiben, um besser zu werden. Forstschritte kommen nicht kontinuierlich, sondern in Sprüngen, etwa alle 100.000 Wörter.

Das deckt sich mit meiner Erfahrung. Liegt wahrscheinlich daran, dass man im laufe eines Buches mit ganz unterschiedlichen Problemen konfrontiert wird. Du musst ruhige Szenen schreiben, aber auch Action. Du musst Dialoge zwischen unterschiedlichen Personen lebendig hinbekommen. Du schreibst Szenen, wo du vorher genau weißt, was da ablaufen muss und andere, die sich von selbst entwickeln. Du hast ganze Kapitel in eins weg im Flow geschrieben und an anderen Tagen in zwei Stunden nur einen Satz. Und auch der war Mist.

Das klingt jetzt alles ein bisschen pathetisch, aber wahrscheinlich ist es so, dass, wenn du das alles und noch viel mehr beim schreiben erlebt hast und trotzdem das Wörtchen „Ende“ unter deinen Text schreibst, dann guckst du mit anderen Augen :eyes: auf das Kapitel, welches dir jetzt gerade solche Probleme bereitet.

In solchen Situationen, wie du sie beschreibst, ist es wichtig, sich zu sagen, der Text ist erstmal gut genug. Dann kann man weiterschreiben. Vieles fügt sich später schon irgendwie.

Der Text, den du in dem anderen Thread gepostet hattest, ist jedenfalls so gut, dass du ihn nur ganz behutsam überarbeiten solltest. In jedem Fall kannst du ihn so stehen lassen und das nächste Kapitel in Angriff nehmen.

PS: nachdem ich meinen Post nochmal überflogen habe, stelle ich fest: das klingt alles ganz schön großkotzig. Gerade so, als hätte ich schon zehn Bestseller verfasst. Dem ist nicht so. Ich gebe hier eher den Trainer, der selbst nicht wirklich Schlittschuh :ice_skate: laufen kann, aber sagt: „Kommt mal alle her, ich weiß jetzt, wie wir den Tabellenführer besiegen können.“

Und manchmal klappt das ja sogar. :wink:

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Guten Morgen,
dazu zitiere ich gerne den treffenden Satz, den ein User hier vor einiger Zeit einmal gepostet hat:
„… man pocht so gerne auf den eigenen Stil, ohne zu merken, dass man keinen hat.
Oder man hält das, was man falsch macht für den eigenen Stil …“

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Ich finde immer noch, dass wir @nolimit s Stil oder Nicht-Stil erst dann beurteilen können, wenn wir etwas von ihm gelesen haben. Das gilt natürlich für alle anderen Verfasser von Texten ebenso.

Stelle uns doch mal einen deiner Texte vor oder zumindest einen Auszug.

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Guten Morgen,
a) ich habe ca. 1/3 eines seiner Bücher (Unter dem Grün) gelesen - möchte es aber nicht weiter kommentieren!
b) ich stelle ich hier generell keine Texte rein, weil dies einer ausschnittsweisen Veröffentlichung gleichkommt, was ich in meinem Fall nicht ohne Verlagszustimmung darf, bzw. den Verkauf von Nutzungsrechten zukünftiger Texte erheblich erschweren kann UND sich niemand zu wundern braucht, wenn sein geistiges Eigentum plötzlich als KI generiert eingestuft wird … (wie hier erst kürzlich geschehen) …

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Dann schicke uns doch einen Link mit einer Leseprobe oder hast du bisher noch nichts veröffentlicht? Denn dann geht das ja nicht und wir müssen notgedrungen auf deine erste Veröffentlichung warten.

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Das steht dir selbstverständlich frei. Wenn es dir nicht gefällt, auch gut.
Trotzdem ändere ich meinen Stil nicht, auch wenn es deiner Meinung nach keiner ist.

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Ach wärst du damals nur mein Coach gewesen !!! :wink:

Aber du hast schon recht - ich mache mir einfach zu viele Gedanken. Und seien wir ehrlich? Wird jemals jemand hier den Literaturnobelpreis gewinnen? Nicht unmöglich. Aber unwahrscheinlich.

Mein eigentliches Problem ist es im Moment, dass ich nicht schreiben kann, was ich nicht fühle.
Auch wenn ich die Form eines Erzählers und nicht des Ich-Erzählers gewählt habe, bleibt es doch weitestgehend aus der Perspektive der Hauptfigur erzählt.
Und meine Figuren lehne ich an real existierenden Menschen an. Eine frei erfundenen Figur Tiefe und Glaubwürdigkeit zu geben, traue ich mir ich mir (noch?) nicht zu.

„beschreiben sie die Farbe Grün“
„Aber ich doch farbenblind“
"Bemühen sie sich.

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So ist es, mein Auftaktband erscheint erst Ende Mai 2027.

Nun, dann müssen wir uns wohl noch in Geduld üben.

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Also meine Figuren haben immer Züge von Menschen, denen ich mal begegnet bin. Und wenn es nur der Tonfall der Frau ist, die mich heute beim Gassi angemault hat. Und die Begegnung muss nichtmal physisch gewesen sein, ich hab schon Menschen „verarbeitet“, die ich virtuell kennengelernt habe, egal ob nur schriftlich, am Telefon oder in Videocalls.

Wichtig ist, dass die Person glaubwürdig ist, vor allem dann, wenn sie eine Entwicklung macht. Daran hadere ich immer wieder. Aber auch das bekommt man hin.

Meine Mutter sagte immer wieder: „Back dir einen Mann.“ Genau so erstelle ich meine Figuren: Ich schmeiße 30 Zutaten zusammen und wundere mich über das, was am Ende rauskommt.

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