Text »verbessern« weil's Regeln gibt?

Ich bin bearbeite gerade das Lektorat meines eigenen Werkes und bin genau mit diesem Problem konfrontiert: Wie viel Tell und wie viel Show darf es sein: „Vielleicht doch noch eine Scheibe ‚Tell‘ mehr?“

Ich selbst neige leider dazu, mehr zu beschreiben, als über „Show“ zu erzählen. Wenn ich aber dann die Passagen ohne „Tell“ lese, die mir die Lektorin gestrichen hat, merke ich selber, um wie viel prägnanter der Text geworden ist.
Umgekehrt lasse ich Beschreibungen dort stehen, wo sie eine Atmosphäre zu Beginn einer Szene fühlbar machen sollen.
Vielleicht gilt die Regel „So viel Tell wie möglich, und so viel Show wie nötig.“ In diesem Graubereich sollte man entsprechend des eigenen Stils diese beiden Elemente fein austarieren, am besten mit der Apothekerwaage. :wink:

7 „Gefällt mir“

Ja das kann man nicht über einen Kamm schären.
Und ein paar andere Augen sind sicher Gold wert.
Vielleicht ist es nicht immer ein verbessern, sondern eine andere Möglichkeit ein Bild zu erzeugen.

Ich finde das so schwierig. Einfach auch, weil Schreibstile in Sachen Show und Tell so extrem der aktuellen Mode unterliegen. Ich lese zur Zeit bewusst deshalb viel zeitgenössische Literatur mit besonders viel Show, um selbst darin besser zu werden.
Dabei genieße ich es so sehr, Texte von einem guten Erzähler zu lesen…

Manchmal hab ich das Gefühl, das einzige, was ich einigermaßen drauf habe, sind Dialoge. Meine Plots sind oft recht gut. Halbwegs unvorhersehbar, trotzdem schaffe ich es, den Erwartungen gerecht zu werden innerhalb der Handlung. „Diese Geschichte braucht XY“, ich liefere „XY“ und überrasche trotzdem dabei.
Aber ich bringe den starken Plot dann nicht gut rüber. Meine Texte lesen sich schwerfällig. Ja. Das ist das richtige Wort. Außer den Dialogen. Die laufen meistens von selbst.

Ach, ich weiß auch nicht. Regeln helfen mir oft nicht, weil ich sie meist nicht verstehe. Ich brauche Beispiele zu den Regeln. Lese ich dann ein Buch, also ein richtig gutes Buch, das ich mir handwerklich zum Vorbild nehmen möchte, tauche ich komplett in die Geschichte ein und habe am Ende wieder nichts gelernt :melting_face:

3 „Gefällt mir“

Das klingt sehr, sehr selbstkritisch. Vielleicht sogar zu viel.
Ein genaues Bild kann ich mir da nicht machen. Hab von dir ja noch nichts gelesen. Aber ein zweites Paar Augen habe ich oben schon erwähnt.
Vielleicht findest du hier ja einen Vertrauenswürdigen Tippgeber. :wink:

Ich hab für mich beschlossen auf „show, don’t tell“ zu ******
Wenn man sich bis zur Selbstaufgabe verbiegen muss, um so einer Regel zu entsprechen, dann hat es andere Probleme.
Et es, wie et es!

7 „Gefällt mir“

… und: " Et hätt noch emmer joot jejange. :sunglasses: :+1:

3 „Gefällt mir“

Ich glaube, ihr geht viel zu verkopft an die Sache ran.
Eine gute Mischung macht es aus, denke ich.

Ich zeige euch jetzt mal eine kleine Szene aus dem Buch, an dem ich gerade bin. (ist nur Rohbau also seid sanft zu mir. Und habe ich gerade erst geschrieben.)

Dagon sah ihnen nach, wie sie aus unserem Blickfeld verschwanden. Dann spürte ich, wie er nähertrat. Seine Hände auf mir, die den Stoff lösten. Zärtlich hauchte er einen Kuss auf meine Schulter, biss kurz neckend hinein, was mich erschauern ließ.
Kyron löste sich von meinem Mund, ließ seine Hände ebenfalls wandern, knabberte an meinem Hals.
In dem Moment verschwamm die Realität und ich wurde in einen Gefühlsstrudel gerissen, der mich in ungeahnte Höhen trieb.
Das Wasser um uns wurde gleichzeitig heißer und kälter und ließ die Empfindungen intensiver auf mich einprasseln. Wie sehr ich sie liebte. Meine beiden Jungs. Meine … Soujari.

Das ist überwiegend Show und nur zwei Sätze sind im Grunde Tell. Aber ganz ehrlich? Ich musste meinen Copi-Kumpel fragen was davon jetzt was ist…
So genau analysiere ich meine Texte im Grunde NIE.
Aber ich glaube, in der Ich Perspektive ist es leichter in Show zu fallen oder? Keine Ahnung. Wie ist das bei euch?

1 „Gefällt mir“

Dein Textbeispiel ist etwa zur Hälfte ‚show‘, ab ‚In dem Moment verschwamm die Realität …‘ switcht es ins 'tell, denn ab diesem Moment erzählst du dem Leser lediglich, was sie fühlt, statt es über konkrete Details erfahrbar zu machen.

Es gibt wirklich weder feste Regeln noch ein Patentrezept, wann man was in welchem Ausmaß verwendet, man sollte halt wissen, was sich wie auswirkt. Je nach gewünschter Wirkung kann man dann entscheiden, welche Form man verwendet.

4 „Gefällt mir“

Und genau das ist der schwächste Satz in dem Text.

Ich habe den gestern nur überflogen und beim Lesen genau das gedacht, ohne mir weitere Gedanken zu machen (ich hatte keine Zeit).

Aber genau dort steigt die Protagonistin, die ja auch Ich-Erzählerin ist, aus sich selbst aus und betrachtet sich abstrakt von außen. Genau deshalb passt es nicht zu der erzählten Situation.

5 „Gefällt mir“

Klar. Und naja, wie soll ich sagen? Wenn man bestimmte Regeln beachten und neue Kniffe lernen möchte, muss man auch mit dem Kopf an die Sache rangehen, oder nicht? Wenn man intuitiv schreibt, würde man ja so weiterschreiben, wie man es eben tut. Frei dem eigenen Gefühl nach. Will man sich verbessern, muss man den eigenen Text mit den Augen eines Lehrers oder Lektors lesen, der nach Schwächen sucht… In diesem Fall halt nach Erzählersätzen, wenn man sich zum Ziel gesetzt hat, mehr Showsätze einzubauen.

5 „Gefällt mir“

Hm…
dann schreib einfach erst mal ne Seite nach Gefühl und guck mal, was am Ende rauskommt. Ob da mehr Show oder Tell vorhanden ist. Vielleicht passt es ja doch schon. Und danach schreib diese Seite einmal um.
Ich glaube, wenn man beide Texte dann nebeneinander liegen hat, sieht man den Unterschied viel besser und bekommt automatisch Übung darin.

Vielleicht hilft euch eine Brücke:
Show entsteht aus Wahrnehmung, Emotion, Reaktion, Atmosphäre, Körpergefühl, inneren Erleben… halt… intuitiv.
Schreibt man aus einer Figur heraus, also versetzt ihr euch in die Figur, macht man meistens ganz automatisch Show.

1 „Gefällt mir“

In dem Moment verschwamm die Realität…

  • Dieser Satz ist noch immer Show, denn es bezieht sich auf innere Wahrnehmung.

Der einzige Satz der Tell ist, lautet: Wie sehr ich sie liebte.
Alles andere ist Show.
Weil: Innenperspektive, Wahrnehmung, Körpergefühl, Handlung.
In dem Fall ist es ihre innere Wahrnehmung die verschwimmt, also ist es Show weil sie beschreibt, wie es sich anfühlt, nicht was es bedeutet.

Außerdem habe ich die Szene an dieser Stelle bewusst auslaufen lassen.
Wenn ich weiter in Show geblieben wäre, wäre die Darstellung schnell zu explizit geworden, und das wollte ich vermeiden.
Gerade in intensiven Momenten ist es oft sinnvoll, die Wahrnehmung der Figur zu verengen oder zu abstrahieren, um die Grenze zu halten, ohne den emotionalen Fluss zu brechen. Das ist echt nicht leicht.

Du zeigst hier eben genau nicht, wie es sich für sie anfühlt, du versetzt dich nicht in die Figur, es ist nicht ihre persönliche Wahrnehmung u.s.w. aus sich selbst heraus, sondern plötzlich ihre distanzierte Sicht von außen, leider in einen ziemlich abgedroschenen Allgemeinplatz gefasst.

Man würde in so einem Moment nicht denken, ‚oh, die Realität verschwimmt‘, sondern eher etwas wie ‚ich wußte nicht mehr, was eigentlich Sache war, und es war mir in diesem Moment auch völlig egal.‘

Hier Dasselbe. Welche Empfindungen? Welcher Mensch, der gerade eine intensive Liebesszene erlebt, würde sich so ausdrücken?
Du beschreibst etwas, lässt es den Leser aber nicht miterleben.

Du verwendest hier Floskeln, wie man sie in zig anderen Werken dieses Genres findet. Deswegen lesen sie sich austauschbar und (zumindest in meinen Augen) auch etwas schwülstig.
Gerade die Art, wie man Lust und Liebe erlebt, ist ja etwas höchst Individuelles (man kann es auch ausdrücken, ohne dass es zu explizit wird), aber wenn man das mit irgendwelchen Allgemeinplätzen abhandelt, bleibt die Persönlichkeit der Figur zwangsläufig auf der Strecke und die Sache bekommt einen beschreibenden, keinen erlebten Charakter.

6 „Gefällt mir“

Wir drehen mal die Uhr um einen Tag zurück :beers:

11 „Gefällt mir“

Endlich Wochenende. :innocent: :sunflower:

8 „Gefällt mir“

Also seitdem ich erst meine Worte wohlgewählt und ganz nach meinem Gusto auf den Bildschirm brenne, dabei zuerst auf meine Stimme höre und erst später über Regeln nachdenke, klappt es recht passabel.
Die meisten Kniffe und sprachlichen Regeln befolgt man ja eh unbewusst, gar intuitiv.

Danke :slight_smile:

Ich glaube auch, man sollte sich nicht so auf die Regeln versteifen. (Es sind Werkzeuge, keine Ketten die einen Fesseln sollen)

Man sollte nach seinem Gefühl arbeiten und erst einmal in einen Flow kommen. Nichts muss direkt super sein. Warum auch? Ihr habt doch Zeit.
Und wenn ihr einem Teil erst einmal nur ein Grundgerüst gebt, euch dann daran heranhangelt und dann den Stil verfeinert ist es doch auch in Ordnung. Lasst die Storys erst mal wachsen. Ob ihr sie dann noch 4 oder 5 Mal anpacken müsst, spielt keine Rolle. Lasst sie wachsen.
Und um wirklich rund zu sein, braucht eine Geschichte beide Seiten. Sowohl Show als auch Tell.

Wie man das erreicht, so hat jeder seinen eigenen Stil zu schreiben. Und das ist doch auch in Ordnung.
Ich könnte nicht ein Kapitel schreiben und es zig mal überarbeiten bis es perfekt ist, weil es mich persönlich aus dem Rest der Story werfen würde. Andere schreiben aber genau so.
Es gibt keinen perfekten Weg, weil wir alle Individuen sind und unterschiedlich arbeiten. Versteift euch nicht auf Regeln, sondern lasst euch von euerer Intuition leiten. Feinheiten kommen dann später dazu.

4 „Gefällt mir“