Für Tippfehler hafte ich noch nicht 

Und ja, bin so nervös 
Kapitel XX.0
Serina
Ich liege wach in meinem übergroßen Bett und versuche die Gedanken im Kopf zum Schweigen zu bringen. Alles an diesem Ort wirkt so alt und mysteriös. Die hohen Decken, der Stuck an jeder Wand. Emporragende Fensterscheibe mit schweren dunkelroten Vorhängen an den Seiten. Ich drehe den Kopf und schaue aus dem Fenster. Die Nacht ist klar, der Mond ist zunehmend, aber sein Licht durchflutet den Raum und legt ihn in eine düstere Atmosphäre. Es ist still. Es ist mein Herzschlag, der diese Ruhe unterbricht. Ich drehe und wende mich unter der Decke. Greif nach einem der vielen Kissen und kuschle mich hinein. Nein, an Schlaf ist nicht zu denken. Etwas an diesem Ort ist so sonderbar. Wieso haben 3 Männer so ein altes Herrenhaus? Ich meine Brix ist zwar ein hoch angesehner Chefarzt, dafür ein gigantisches Arschloch, Céd und Alex sind ebenfalls erfolgreiche Ärzte, aber ebendieses Haus schreit nach Adams Family. Der Butler war nett und höflich. Na ja, wer weiß, was sie ihm zahlen, damit er so zuvorkommend wirkt. Seine Worte kreisen in meinen Gedanken.
Denken Sie daran Miss Martelli, dass der rechte Flügel im 2. Stockwerk für Besucher strengsten verboten ist. Sir Moral hat mir aufgetragen, Sie darüber ausdrücklich zu unterrichten.
Hat man denen nicht beigebracht, dass solche Verbote zu verlockend sind?
Hm … Was verbirgt sich im rechten Flügel? Vermutlich führen die drei dort Experimente durch. Würde erklären, warum sie in ihrem Alter so unfassbar erfolgreich sind. Somit würde sich wenigstens etwas Medizinisches in dieser Gruft widerspiegeln. Aber wenn es so wäre, wieso darf ich nicht hinein. Die experimentieren doch nicht an Menschen, oder? Bei dem Gedanken wird mir kalt. Brix würde ich das sogar zutrauen und Cédric, der hat einen Hang zum Makaberen. Er ist Pathologe, diese Person liebt den Tod. Er singt klassische Oper-Stücke beim Obduzieren. Fehlt nur, dass er mit einer Leiche durch den Kühlraum tanzt.
Mein Finger tippt auf das Handy, liegend auf dem Nachttisch. 01:05 Uhr … und ich bin wach. Ich muss wissen, was sich da oben verbirgt, eher finde diese Serina keinen Schlaf.
Ich stehe vom Bett auf und laufe rüber zu dem großen Holzschrank, dessen Scharniere mal etwas Öl vertragen. Ich ziehe mir meine Kapuzenjacke über und schlüpfe in meine Chucks. Langsam öffne ich die schwere Tür und schiebe vorsichtig den Kopf durch den Spalt. Auf dem Gang ist nichts zu sehen, nichts zu hören. Hoffentlich knacksen nicht die Holzdielen. Mit dieser Hoffnung schleiche ich durch den langen Flur. Vorbei an den Schlafzimmern der Männer. Vorbei an den ganzen weiteren Türen, die zu weiteren großen Zimmern führen. Wie viele Räume benötigen 3 Junggesellen? An der breiten steinerne Treppe angekommen versichere ich mich, ob mir keiner folgt. Leise steige ich die Treppe hinauf in den 2. Stock, laufe nach rechts in den verbotenen Flügel. Ich traue meinen Augen nicht. Sackgasse. Fuck! Wieso machen sie so ein Geheimnis darauf? Hier ist nichts! Seufzend lass ich mich auf einen der 2 Sessel am Fenster nieder und blicke auf eine große leere Wand. Auf dem Tisch neben mir steht ein ausgestopfter Rabe. Dessen Körper wirkt unfassbar lebhaft. Ungeduldig und grübelnd tippe ich mit meinen Fingern auf die Tischplatte. Sehe dem Vogel tiefer in die Augen. Funkelndes rot. In mir kraucht ein unheimliches Gefühl die Kehle lang hoch. Ein Tier, welches mich in seinen Bann zieht. Wie suchend nach Nähe zu diesem Wesen. Kalter Schauer rennt über meine Haut. Finger kribbeln. Gebannt von der Gefahr und fasziniert drehe ich den Vogel zu mir. Plötzlich, ein leiser Klicklaut. Erschrocken zucke ich zusammen. Unnatürlich glänzt sein Gefieder. Unsere Blicke kreuzen sich. Seine Gestalt friert mich ein. Gänsehaut überströmt sehe ich den Raben. Die Kreatur versinkt im Tisch. Klick! Erstarrt wende ich den Kopf zur Wand. Da - ein Spalt. Groß genug, dass ein Mensch hindurch passt.
Na klar, was für ein Klischee. Zu einem gruseligen alten Herrenhaus gehört auch eine Geheimtür. Wo haben die nur so einen Architekten aufgegabelt? Doch in Wirklichkeit zieht sich mein Magen zusammen, als hätte ich Gift geschluckt. Spottend und zitternd gehe ich durch die Öffnung. Mit einem dumpfen Knall schließt sie. Stille!
Mein Atem stockt. Das Pochen in der Brust verstummt.
Ein bekannter, brennender Geruch liegt in der Luft. Grasig gepaart mit Vanille, teils säuerlich. Vollkommene Dunkelheit. Irritiert vom Duft, drehe ich mich um. Suche einen Lichtschalter. Fahre die Flächen ab. Verdammt, nie sah ich so wenig. Da ist es wieder, mein Herz. Hämmernd gegen Rippen, als wolle es ausbrechen. Entspann dich Serina, atme!
Meine Finger ertasten etwas Weiches. Ein geflochtenes Seil aus Seide. Oh Gott, was mach ich hier?
Ich greife mit beiden Händen danach. Zupfe ein wenig daran. Ein deutlicher Widerstand. Meine Gedanken rasen, soll ich, soll ich nicht? Nein, kein Zurück. Ich muss wissen, was sie vor mir verbergen, ich kann sonst keine weitere Nacht hierbleiben! Ich hole tief Luft, presse die Lippen aufeinander, kneife meine Augen zu. Mit einem Ruck ziehe ich an dem Seil. Ein lautes, schwer schlagendes Geräusch durchdringt den Raum. Verkrampft öffne ich langsam die Augen. Blinzelnd drehe ich mich um, gewöhne mich nur langsam an die Helligkeit. Zögernd durchblicke in den Raum. Suchend nach der Quelle des Lichts, führt mein Blick zur Decke. Am Ende des Raumes, ein gigantisches, rundes Fenster, befreit von schweren Vorhängen. Wie durch Zauberei flammt an den Wänden Licht auf – warm, fast friedlich. Zu friedlich. Ich gehe weiter, den Kopf wachsam nach vorne gerichtet. Auf die Gefahr wartend, die hier lauert. Doch etwas stimmt nicht. Die Stille schreit mir direkt ins Ohr. Fassungslos versuche ich, meine Gedanken zu ordnen.
Der Butler verbietet mir ausdrücklich, im Auftrag der Morals, den rechten Flügel des Hauses zu betreten. Ein langer dunkler Gang, verfluchtes Federvieh, rote brennende Augen, klischeehafte Geheimtür, erdrückender Raum. Das große runde Fenster wie aus der Kathedrale von Notre Dame und das alles führt … hierher?
In eine Bibliothek?!
Ungläubig starre ich auf die meterhohen Regale, die bis an die Decke reichen und ein Meer aus alten Büchern bergen. Zugegeben – so eine gewaltige Sammlung habe ich noch nie gesehen. Doch wieso zum Teufel sollten sie mir ausgerechnet das verheimlichen? Bücher sind doch harmlos …, oder? Ist das wieder eine ihrer perfiden Scharaden? Steckt hinter diesen Werken etwas Gefährliches? Gefährlicher als es den Anschein hat?
Angespannt wandern meine Augen durch die Reihen. Manche Bände wirken uralt, das Leder abgenutzt und eingerissen. Andere wirken makellos, wie frisch gebunden. Meine Finger tanzen über die Titel. In welchen Sprachen sind diese Bücher? Den Kopf verrenkt, um die Buchstaben und sonderbaren Zeichen zu deuten.
Ich lehne mich näher an, um besser zu sehen – ein leises Knistern durchströmt mich, als ob die Seiten selbst atmen.
„Verboten!“ hauche ich, als ob das Wort die unheilvolle Atmosphäre erklärt. Doch nichts wirkt wie ein Zufall.
Ein erschauderndes Geräusch. Etwas ist hier. Jemands ist hier.
Gefahr schwebt in der Luft. Mein Herz stolpert, als ich ein Schatten von den Regalen löst. Blinzelnd versuche ich die Umrisse zu erkennen – doch ehe ich begreife, was um mich geschieht, erstarrt mein Körper.
Diese Präsenz. Packend. Fixierend … Tötend. Hitze. Hitze? – wie ein Raubtier auf Beutezug. Mein Atmen stockt, mein Nacken prickelt. Zu spät bemerke ich, wie dicht er sich an mich heranschlich. Nur der Geruch, metallisch, vermischt mit einem Hauch von teurem Rauch und kalter Eleganz schärft meine Sinne.
Lippen, so nah an meinem Ohr. Atem, der mich erfrieren lässt. Brummendes Flüstern – tief, glatt, durchdringend.
Cédric. „Neugierde, kann tödlicher sein als Unwissen, kleine Serina!“ Das ist kein Hinweis, sondern eine verdammte Drohung. Nein, ein Versprechen.
Ein gefährliches Lachen schwingt in seiner Stimme, das meine Knie darunter erweichen. Schauer jagt mir über die Haut. Alles in mir schreit – Lauf. Aber wie soll ich mich aus diesen Fängen befreien, wenn ich mich freiwillig hineinbegebe? Meine Finger, die noch immer fest ein Buchrücken umklammern. Das verräterische Herz in mir unterliegt nicht länger meiner Kontrolle. Ertappt. Wie ein Kind, das im Schrank die verbotenen Süßigkeiten sucht und erwischt wird. Nur ist das hier kein Kinderspiel. Es ist die reine Jagd, und die Süße ist meine Neugier. Verhängnisvoll. Naiv. Erregend. Erregend?
Räuspernd öffne ich meine Lippen, aber es kommt nur ein matt gepresstes: „Ich … ich wollte nur …“ Heraus. Die Wörter bleiben stecken. Das Ding in meiner Brust – es dröhnt. Laut. Durchdringend. Mir Sicherheit das er es hört.
Noch immer starre ich auf das Buch vor mir.
Er lächelt. Ich spüre es, ohne ihn anzusehen. Dieses kalte gefährliche lächeln, das mir ständig den Atem raubt und gleichzeitig etwas Dunkles in mir wachruft, wie bei allen Morals. Aufsteigende Hitze. Fehl am Platz und unaufhaltsam. Verängstigt und erregt zu gleich. Meine Haut glüht, ich hasse mich dafür. So verräterisch.
Adrenalin durchschießt meine Adern. Hole tief Luft, nimm den Mut, drehe mich um, will erneut zum Sprechen ansetzen.
Ein Ruck – packend am Hals, knallt er mich gegen das Bücherregal. Schmerzhaft entweicht mir die Luft, gepresst, hilflos. Er beugt sich vor. So dicht, dass sich unsere Nasen fast berühren. Zähne fletschend zischt er.
„Was. Tust. Du. HIER. ?“Jedes Wort ein Schnitt, jede Silbe eine Warnung.
„Solltest du nicht längst im Land der Träume sein, statt in meiner Bibliothek herumzuschleichen und Dinge herauszukramen, deren Gewicht dein kleiner Verstand niemals tragen könnte?“
Seine Augen funkeln – wild, unheilvoll. Verräterisches Herz, ein lautes Donnern, so das es wehtut. Gleichzeitig brennt mein Hals unter seinem festen Griff. Selbst mein Körper müsste in Flammen aufgehen unter der brennenden Glut, die von ihm ausgeht.
Mit zitternder Stimme will ich mich wehren, meinen Stolz retten. Getrieben von Trotz und Panik schaue ich ihm in seine Augen. In seine tiefblauen Augen. Wild und unbezwingbar wie das Meer. „Wäre ich intellektuell so vermindert,“ presse ich hervor, versuche das Zittern in meiner Stimme zu unterbinden, „wäre ich doch nie Ärztin geworden.“
Cédric Moral lacht, lautstark, ungehalten. „Schwach Serina, verdammt schwach.“ steigt es grollend seiner Kehle hinauf. „Du solltest lernen, dich besser zu verteidigen. Dann würde das Ganze hier noch mehr Spaß machen.“ Spaß? Ich bin doch keine Spielfigur!
„Oh, du kleines wehrloses Ding,“ knurrt er, „so zart und zerbrechlich. So töricht zu glauben, Intelligenz sei Voraussetzung für Medizin.“
Seine Lippen, verzogen zu einem scharfen Grinsen. „Man braucht keine Klugheit, nur die Fähigkeit zu gehorchen. So wie es sich für deinesgleichen gehört.“
Wie, meinesgleichen? Wovon redet er da?
Ach ich kann nicht mehr klar denken. Röte steigt mir ins Gesicht – aus Wut und seiner dominanten Nähe. Gott Serina, er ist gefährlich. Was stimmt nicht mit dir? Aber sein Duft, sein Atem, dieser stählerne Körper, die Muskeln, die unter dem Hemd zu leben scheinen. Mein ganzer Körper schmilzt unter ihm. Schweiß bricht mir aus. Gedanken taumeln zwischen Panik und einem Verlangen, das ich nicht verstehen will. Verdammt, reiß dich zusammen Serina. Du musst dich irgendwie herauswinden.
„Ich … em … ich -“
Sein Griff wird enger. Mein Satz bricht ab. Cédrics Finger pressen fester an meinen Hals. Kleine dunkle Sterne schweben vor meinen inneren Augen. Sein Gesicht, gezeichnet von Wut. Aber… nicht nur Wut. Etwas anderes spiegelt sich darin. Es wirkt fast wie… Verzweiflung?
Abrupt, wie kalt erwischt lässt er los. Die Härte verschwindet. Schnappe nach fehlender Luft. Hustend und Haltsuchend komme ich dem Boden nah. Cédric wendet sich ignorant ab. Geht mit langen gelangweilten Schritten zur Sessel-Loung, inmitten der Bibliothek. Zwei dunkelbraune Sofas und dazu die passende zwei Ohrensessel. Glänzend im gedimmten Licht. Mittig ein Couchtisch, so antik wirkend das er eins einem König gehören musste. Lässig sinkt er auf die Couch. Passend zum Tisch hebt er, wie ein König, herablassend, Macht demonstrierend seine Hand. Deutet mit einer belanglosen Gestik an, mich zu ihm zu setzen. Ungeduldig, nervenstrapaziert, augenrollend.
Verwirrt und völlig durcheinander gehorche ich. Meine Knie zittern noch immer, mein Kopf rauscht, und doch folge ich der stummen Anweisung wie gebannt. Ich lasse mich in den Sessel neben ihm nieder. Zu meiner Überraschung ist dieser unheimlich bequem. Fast kehrt ein wohliges Gefühl in mir zurück.
Stillschweigend und unsicher sehe ich Cédric an. Seine Augen mustern mich, als wäre ich ihm ein Rätsel. Dann senkt er seine Stimme. Ruhig. Beginnt zu sprechen. Zu ruhig für das, was eben war.
„Mal sehen, wie schlau du wirklich bist kleines naives Ding.“ Da ist es, das dunkle verführerische Lächeln. „Also, Serina,“ - er spricht meinen Namen, als koste er jeden Laut aus - „du willst wissen, wieso dieser Teil des Hauses verboten ist! Nun, sichtlich hast du unseren Befehl missachtet. Sünden werden bekanntlich bestraft.“ Seine Stimme ist samtig, gefährlich, mit einer Spur Belustigung, die meine Nackenhaare aufstellt. Ich nicke, eingeschüchtert, doch er schüttelt kaum merklich den Kopf. „Das war keine Frage! Ich weiß längst, warum du in Wirklichkeit hier bist. Du suchst Antworten. Aber Antworten, …“- er beugt sich zu mir, so nah, dass seine Lippen fast meine Schläfen streifen - „Antworten sind seltener süß, wie man glaubt. Manchmal sind sie bitter. Bei falschen Fragen sind sie tödlich.“ Schon wieder, ein Schauer nach dem anderen sucht mich heim und doch hänge ich an seinen Worten.
Cédric lehnt sich zurück, die Arme frei über die Lehne ausgebreitet, als wolle er den ganzen Raum einspannen. „Ich werde mit dir ein kleines Spiel spielen. Du hörst von mir eine Geschichte. Nicht weil du sie verdient hast …“ – ein höhnisches Zucken huscht über seine Wangen – „sondern weil ich Lust darauf habe, dein Gesicht zu sehen, wenn meine Worte beginnen, in deinen kleinen, hübschen Kopf Wurzeln zu schlagen. Wissen hat ihren Preis. Für deine Erleuchtung und deinem unbefugten Zutritt wirst du machen, was ich dir sage. Du bekommst von mir das, was du suchst, und ich bekomme das, was ich mir sonst ungefragt nehme.“
Kapitel XX.1
Cédric
Ich liebe es, Macht auszuüben. Tief verborgenes Verlangen zu erwecken, jener die meinen Weg kreuzen. Schau dich an. Serina Martelli. Schüchtern. Neugierig. Hübsch. So naiv. Wie ein junges Reh springst du vor die geladene Waffe. Denkst, kannst den Jäger zum Gejagten machen. Ein König, der seine Spielfiguren nicht kennt? Sei nicht töricht. In diesem Reich bist du der Bauer. Verhältst dich wie der Turm, den wir mit Leichtigkeit zertrümmern. Du willst Königin sein? Dann beweise deine Fähigkeit, gleich drei Könige zu stürzen. Versuch ruhig, uns in die Knie zu zwingen, am Fuße deines Throns zu kratzen. Es gibt nur einen Sieger, Serina. Und Könige sterben zuletzt.