Ich habe keine Ahnung wieso, aber ich habe gerade diesen seltsamen Gedanken.
Sind Autoren, die etwas veröffentlicht haben, unsterblich? Natürlich nicht wirklich, aber metaphorisch gesehen. Ein Roman kann einem Autor eine Art kulturelle Unsterblichkeit verleihen, weil Gedanken, Sprache und Vorstellungskraft über den biologischen Tod hinaus weiterwirken. Solange Menschen einen Roman lesen, interpretieren, zitieren oder neu entdecken, begegnen sie einem Teil der geistigen Welt seines Autors.
Ein Mensch kann irgendwann nicht mehr da sein – und trotzdem kann ein Satz von ihm noch jemanden Jahre später zum Weinen bringen, zum Lachen bringen oder dazu bringen, über das eigene Leben nachzudenken. Ein völlig unbekannter Leser kann einem längst verstorbenen Autor begegnen und für einen Augenblick eine Verbindung herstellen, die zeitlich eigentlich unmöglich scheint.
Ist das nicht ein schöner, tröstlicher Gedanke? Wenn ich irgendwann (in hoffentlich seehr vielen Jahren) nicht mehr da bin, gibt es noch etwas von mir.
Shakespeare, Goethe, Schiller … Sie sind unmodern und reißen junges Volk sicher nicht mehr vom Hocker. Dennoch werden ihre Werke immer wieder und immer noch gelesen, zitiert und auf den Bühnen dieser Welt aufgeführt. Mal modern, mal klassisch.
Bram Stokers blutiger sowie tragischer „Held“ fasziniert immer noch.
Mary Shelleys Albtraum ängstigt immer noch hart Gesottene, wenn auch nur in den eigenen Albträumen.
Sir Arthur Conan Doyle inspiriert immer noch auch moderne (Krimi-) Autoren.
Die Liste ist unendlich lang, denn es kommen immer wieder neue Geschichtenerzähler mit ihren Texten hinzu. Bis zu dem Punkt, an dem die Erde aufhört zu existieren.
Genau dieser Gedanke ist es, der viele schreiben lässt oder kreativ sein lässt. Jedes Werk ist der Ruf seines Schöpfers: „Hallo, auch ich habe gelebt.“
(Leider für die tot diskutierte Zukunft mit ‚gewissen Hilfsmitteln‘ allerdings bald obsolet.)
Ist es nicht schön, sich vorzustellen, dass die eigenen Nachfahren unsere Geschichten auch noch in 100 Jahren noch lesen und hoffentlich sagen: Gar nicht so schlecht, was der Alte damals so von sich gegeben hat. Allein dafür hätte sich alles gelohnt.
Solche oder ähnliche Gedanken hatte ich auch schon. Vielleicht habe ich mich damals nicht korrekt ausdrücken können. Es sind zweierlei Gedanken, die ich da habe. Zum einen der digitale Abdruck den wir hinterlassen (und das Thema Digitales Erbe sowieso ) und zum anderen, was das erste nicht ausschließt, Spuren mithilfe von Kunst/Büchern zu hinterlassen. Als kleines Licht, nicht als Lichtgestalt der Literatur.
Du hast soeben den Sinn des Lebens erkannt. Ob Kinder zeugen, oder Bücher schreiben. Der Sinn des Lebens ist es, etwas zu erschaffen, das zu dem Zeitpunkt, als man geboren wurde noch nicht existierte. Es ist eine Form der Selbstverwirklichung und der Selbstwirksamkeit.
Jeder von uns wurde in eine Welt geboren die bereits existierte, die bereits klare Kanten und Formen hatte. Das Ziel ist es doch, selbst eine Kante in dieser Welt zu hinterlassen, die von kommenden Generationen erfühlt und gesehen werden kann.
Das erscheint mir doch ein bisschen zu weit gegriffen. Ja, die meisten streben danach, Spuren zu hinterlassen, weil sie darin einen (egoistischen) Sinn sehen. Aber das würde bedeuten, das ein gelebtes Leben, das keine nennenswerte Spur hinterließ, sinnlos war, und das glaube ich nun nicht. Denn die Wahrheit ist, dass auch unsere Spuren, manche tiefer als andere, manche hässlicher oder nachdrücklicher als andere, dennoch vergänglich sind. Besonders in Bezug auf das Schreiben, denn gerade da macht der Gehalt den Unterschied in der Halbwertzeit. Ein Goethe hallt deutlich länger nach als ein Arztroman aus dem Bastei-Verlag.
Oder ein Charles Dickens, dem dieses Zitat zugesprochen wird: „Niemand ist nutzlos in dieser Welt, der einem anderen die Bürde leichter macht“.
Ich befürchte (oder hoffe, habe mich noch nicht festgelegt), dass ich mich in die Riege derer gut hundertmilliarden Menschen, die bisher auf dieser Welt gelebt haben, einreihen werde, an die keine Sau mehr denken wird.
Wenn ich überlege, dass in etlichen drölffantastilliarden Jahren alle Materie zerstrahlt sein und unser Universum den einsamen Kältetod sterben wird, ist meine Existenz nicht ganz so von Bedeutung.
Lebe, dass du in deinen letzten Minuten nicht denkst : Mist, das wollte ich ja auch noch machen, oder wie der jute Juhnke sang: Nie die goldene Mitte, immer volles Risiko.