Show, don't tell mal kurz erklärt

Tom zuckte zusammen. „Du weißt … also davon?“

Er nickte. „BMBF-finanziertes Projekt. Hohlraum-Versiegelung mit Ultrahochvakuum. Der Schädel wird anschließend als Linearbeschleuniger zur Synthese neuer Elemente genutzt. Innen ist er mit Nanokohlenstoff ausgekleidet. Die ersten Versuche in Heidis … Linearbeschleuniger liefen erfolgversprechend. Man hat Spuren von Kryptonit gefunden.“
„Woher weißt du davon? Das Projekt gilt als streng geheim.“
Heidi wedelte mit dem leeren Champagnerglas. Ihre Gleichgewichtsprobleme waren mehr als offensichtlich. „Einer geht noch, einer geht noch rein!“
Jean wollte mit den Augen rollen, aber das hatte ihm die Lektorin ausgeredet. Also verdrehte er sie nur.
„Ein Maulwurf im BMBF, Michelangelo, hat geplaudert. Heidis Kopf ist so leer, wie …“ Er suchte für den Vergleich nach Namen von geeigneten Politikern, aber da waren einfach zu viele. „… so leer wie ihr Glas eben. Schenk lieber noch einmal nach. Ich möchte nicht, dass es zu einem Emergency Shut Down in Heidis Schädel kommt.“
Tom füllte großzügig nach. „Aber was ist mit den Socken?“
Jean rümpfte die Nase. „Das sind meine. Ich hatte mal was mit Hedie, ich meine Heidi. Also nichts Ernstes. Ich habe sie ihr nur geliehen.“
Tom nickte. „Verstehe. Dann sollte sie die aber mal waschen. Es riecht irgendwie nach –„
„Cham-pang-ner! JETZT!“, lallte Heidi und krallte sich an Tom fest. „Bitte. Nur einen wönzigen Schluck.“

7 „Gefällt mir“

:joy::joy::joy::joy:

1 „Gefällt mir“

Ich verstehe genau, was du meinst. Und wenn das Ganze aus seiner Perspektive geschrieben oder komplett auktorial wäre, gebe ich dir absolut recht.
Wenn es aber ein anderer Ich-Erzähler ist oder aus einer anderen Perspektive geschrieben wurde, dann kannst du ja nicht wissen, wie es in seinem Innenleben aussieht. Dann musst du zwingend die Außenwahrnehmung beschreiben :slight_smile:.
Das sind die Stolpersteine bei der Perspektive.

1 „Gefällt mir“

Nein, grundsätzlich eignen sich manche Erzählperspektiven gut oder weniger gut, um einen bestimmten Sinn des Lesers anzusprechen, was dann zu Perspektivfehlern führen kann, aber nicht muss.
Unabhängig von der Erzählperspektive sollten (je nach augenblicklich angebrachtem Erzähltempo und dem Punkt auf der Spannungskurve) ALLE Sinne des Lesers angesprochen werden.
Tell: der Autor erzählt, der Leser hört zu → Hörsinn.
Show: der Autor zeigt und erzeugt beim Leser ein Bild → Sehsinn

oder, das was @_Corinna meinte, den Leser mit in die Handlung nehmen, ihn zum (Mit-) Fühlen bringen. Klar, bei einem Ich-Erzähler ist das etwas einfacher, aber warum soll das nicht aus einer Außenwahrnemung heraus auch möglich sein?

1 „Gefällt mir“

Beispiel: Lisa sieht, wie Markus schwitzt. Das Buch ist aus Lisas Perspektive geschrieben.
Dann möchte ich viel lieber davon lesen, was gerade in Lisa vorgeht [das, was man in der Psychologie als „Gegenübertragung“ bezeichnet], als die Schweißtropfen auf der Oberfläche von Markus’ Haut beschrieben zu bekommen, die Lisas Sehsinn gerade wahrnimmt.

Aber das widerspricht sich doch nicht. :slight_smile: Ich schreibe auch hauptsächlich im „personalen Erzähler“ (er/sie - nicht allwissend) und natürlich würdest du dann hauptsächlich Lisas Innenleben beschreiben und wie ihr Herz aussetzt vor Schreck. Aber wenn sie auf Markus trifft, soll es halt nicht heißen. „Markus kam in den Raum, hänselte sie auf gemeine Weise und verschwand wieder“, sondern du beschreibst etwas genauer, was Markus macht. (ohne dass wir seine Motive und Gefühle dabei kennen, aber Lisa kann sich Gedanken darum machen)

3 „Gefällt mir“

Da stehe ich komplett auf der anderen Seite. Ich mag überhaupt keine ausformulierte Innenschau, weder lesen noch schreiben.

Ich mag es, Texte/ das Verhalten von Figuren zu interpretieren. Ich will selbst erkennen, was da los ist und warum. Es langweilt mich, wenn der Autor mir erklärt, dass Markus aufgeregt ist und was Lisa darüber denkt und warum sie das denkt und was sie dabei empfindet. HIER bin ich außen vor. Denn HIER ist nur der Autor anwesend - nicht Lisa und schon gar nicht ich. (Mit eigenen Gedanken/ Erwartungen auf Grund persönlicher Erfahrungen)

Eine Figur ist für mich ein angefangenes Bild. Der Autor gibt ihr einen Hintergrund, und eine Form, aber der Leser „malt“ sie aus.

Jede Minute unseres Lebens zeigen (show) wir, was wir fühlen. Selbst wenn wir es nicht wollen, selbst wenn wir allein sind. Körpersprache ist uns geläufiger als Worte. Lange bevor der erste Satz gesagt wurde, teilen wir uns mit. Das ist eine komplexe, universelle Sprache, die sich im Übrigen nicht ausschließlich auf das Sehen beschränkt.

Schreiben wie im Film? JA! Umbedingt! Was gibt es schöneres, als mittendrin zu sein?

4 „Gefällt mir“

Die Zielgruppe verstehe ich nicht. Warum gibt die Zielgruppe den Kaufpreis nicht lieber für eine Kinokarte aus statt für ein Buch?

Ich gehe ins Kino und lese Bücher. Das ist kein Widerspruch. Wenn ich ein Buch richtig toll finde, gucke ich immer danach, ob es nicht auch verfilmt wurde.

Oder ich sehe im Vor-/abspann: Nach einem Roman von … und halte dann nach dem Buch Ausschau.

2 „Gefällt mir“

Ja, ich auch. Aber deshalb, weil ich eben vom Buch etwas anderes erwarte als vom Film. Sehr, sehr vereinfacht ausgedrückt: Vom Film die großen Bilder, vom Buch die „Innenschau“.
Wenn das Buch nur die Außensicht beschreiben würde, wann wäre es für mich einem Film unterlegen, der doch die Außensicht viel besser zeigen kann.
Deshalb meine Frage: Wenn jemand die „Innenschau“ nicht will, warum dann Buch statt Kino?

Weil Lesen mehr ist, als nur „berieselt“ zu werden. Es lässt (im besten Fall) meiner Phantasie mehr Raum, denn die Bilder, die der Autor „anstößt“ sind nicht aufbereitet- sie warten auf MEINE Augen, die die Welt auf meine Art sehen.

4 „Gefällt mir“

@Antje6 Ah, okay, das ist ein Argument. :boom:
Jetzt hast du mir geholfen, eine Zielgruppe besser zu verstehen, zu der ich nicht gehöre.

Blockzitat
Tell: „Markus war sehr nervös.“
Show: „Markus trommelte ununterbrochen mit den Fingern auf die Tischplatte, während sein Blick immer wieder zur Tür wanderte. Ein einzelner Schweißtropfen rann ihm die Schläfe hinunter.“

Manches Showing ist auch nur Telling. „Zeigen“ meint nicht unbedingt, Gefühle durch körperliche Reaktion zu kodieren, die man stattdessen tellt und den Leser sich fragen lässt: Sitzt Markus mit einem gastrointestinalen Infekt vor einer besetzten öffentlichen Toilette in den Tropen?
Showing ist nicht nur (aber, wo es passt, natürlich auch) Zurückgreifen auf primäre Sinne.

Es gibt Showing, das geht über simples Beschreiben hinaus, und ich denke, das meint @Corinna. Ich hab gerade eben ein Buch begonnen (wollte kurz anlesen vor der Arbeit), darin beschreibt der Autor, wie eine Frau in der New Yorker U-Bahn einschlummert. Und alles, was man über New York und seine U-Bahn und das Können des Autors wissen muss, steckt in einem Halbsatz: An act of trust to make any saint weep. Keine Erklärung über Kriminalität, Wegsehen und Ausgeliefertsein, einfach nur: Bäm.

3 „Gefällt mir“

Ich möchte einfach beides :stuck_out_tongue: Deshalb der personale Erzähler. Kinoartige Spannung und Aktion (hoffentlich) aber auch das Innenleben der Personen. Deshalb mag ich vor allem Bücher, die hauptsächlich aus einer Perspektive geschrieben sind und nur selten wechseln. (und handhabe es auch selber so) dann wird sich der Leser hoffentlich mit dem Protagonisten identifizieren und es nicht nur als „externe Beschreibung“ wahrnehmen.

2 „Gefällt mir“

Ich kann es nur wiederholen! Permanente äußere Betrachtung, freigegeben zur Interpretation des Lesers, kann ebenso nervig und missverständlich sein, wie eine zusammenfassende Behauptung des Erzählenden. Manchmal reicht es (oder muss es reichen), wenn bspw. zu lesen ist „sie spürte, wie kalte Wut in ihr aufstieg“, ein anderes Mal ist es notwendig, eine Situation so zu beschreiben, dass der Leser diese Wut erwartet.
Auf jeden Fall ist nichts schlimmer als betonierte ‚Gesetze‘ beim Schreiben. Locker bleiben! Wenn der Leser der anvisierten Zielgruppe ohne zu Stutzen in die Story und dorthin gezogen wird, wohin der Autor ihn haben will, hat man den richtigen Mix gefunden, und genau der ist das eigentliche Geheimnis.

5 „Gefällt mir“

Da hast du recht. Die Dosis macht das Gift. Tell reicht mir immer dann, wenn die Gefühlslage durch die aktuelle Handlung klar erkennbar ist. Sie streiten gerade? Klar, dass sich mindestens einer dabei aufregt. Hier genügt es also, wenn man die erwartbare Emotion nur benennt. (besonders, wenn ein ausführliches tell den Fokus zu sehr ablenken würde)

1 „Gefällt mir“

Ganz genau! Wir alle haben Gefühle kennengelernt wie Wut, Scham, Trauer, Glück, Nervosität oder Verweifelung. Und nicht in jeder Situation muss ich das nachfühlbar beschreiben. Ich zanke mich gerne mit meinem Papyrus, das, kaum dass ein Adjektiv oder Adverb getippt wurde, rät, ob ich es nicht anschaulich machen will. Wir werden uns immer einig. Mal hat Papyrus recht, mal setze ich mich durch. Der Lernprozess liegt eindeutig in der Auseinandersetzung!

4 „Gefällt mir“

Ich habe mal versucht, einen für mich sehr typischen show-Text in einen tell-Text umzuschreiben. Die Show war hier auch gar nicht so einfach, da es eine klassische Innenschau war, etwas, dass ich möglichst vermeide.
Vielleicht wird so klar, wie ich show meine und wie ich sie mag:

  1. Show
    Ihre Kajüte an Bord der Brighe war erfüllt von Caileans und Mhorams tiefen Atemzügen und Bogus Schnarchen.
    Nur Tamani fand keine Ruhe. Sie schwitzte. Mit den Füßen streifte sie das Plaid von ihrem Leib. Körper und Geist summten wie ein Bienenkorb. Sie sehnte sich nach Schlaf. Doch sobald sie ihre Augen schloss, kehrten die Bilder zurück: zuckendes Fackellicht auf regennassem Stein, Bogus Tanz mit dem Schwert und dieser Arm, der mit der brennenden Fackel zu Boden fiel. Lieber starrte sie mit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit, an die Decke, die nur eine Handbreit von ihrem Gesicht oder so weit entfernt wie der Himmel sein mochte.
    Den schweißnassen Händen auf ihren Ohren zum Trotz brachen die Geräusche der Nacht über sie herein: das knarrende Rigg, das Schlagen der Wellen am Schiffsrumpf, das Schnarchen, Stöhnen und Murmeln der Männer … und der Schrei des Sterbenden.
    Es schien, als hätte die Welt zu all dem Kämpfen und Sterben geschwiegen, damit nun jeder Laut umso stärker ihre Sinne reizte.
    Nur zu gern würde sie in Caileans Koje kriechen. Doch ihr Körper gehorchte dem Willen nicht. So wachte sie in der Dunkelheit, mit klopfendem Herzen, bis sie darüber einschlief.

2.Tell
Die letzte Nacht, der Kampf auf Leben und Tod lösten in Tamani Unruhe aus, die sie nicht beherrschen konnte. Eine Mischung aus Angst, Erschöpfung und bedrückender Anspannung hinderten sie am Schlaf. Die Erinnerungen an Bogus Tanz mit dem Schwert, den abgetrennten Arm und den Todesschrei des Mannes ließen sie nicht los. Sie starrte mit offenen Augen in die Dunkelheit und ihr wurde klar, wie sehr sie diese Erlebnisse aus dem inneren Gleichgewicht gebracht hatten. Sie spürte, dass sie Trost brauchte. Doch sie erkannte, dass sie unfähig war, ihn zu suchen. Dadurch fühlte sie sich hilfloser als zuvor. Irgendwann schlief sie dennoch vor Erschöpfung ein.

Bei Show stehe ich in dieser Kajüte, an ihrem Bett.
Bei Tell erfahre ich genau, was sie denkt, woran sie sich erinnert, was sie fühlt.
Die Essenz aus beidem: Hier haben wir eine traumatisierte Figur.

Ich weiß, tell könnten andere gewiss „besser/poetischer“ schreiben, als ich und ich will keinesfalls provozieren, weil ich es nicht besser kann. Aber ich hoffe, hier wird klarer, was ich meine.

PS: Habe einige Zeit nach einer Textstelle gesucht, in der ich dem Leser eine Emotion benenne. Tatsächlich kommt es kaum vor. Aber das wäre ein Beispiel:
„Ich weiß, dass du wütend bist. Aber das ist ein sinnloser Kampf.“ Besänftigend strich er über ihren Rücken.

3 „Gefällt mir“

Gutes Beispiel :slight_smile: und hier würdest du 2.Tell wirklich den Vorzug geben? Rein vom Überarbeitungsaspekt würde ich sagen „Nimm 1 und überarbeite es“, weil bei 2. die Distanz wirklich groß ist, so groß, dass es mir als Leser fast schon egal sein könnte (Zumindest, wenn ich den Rest der Geschichte nicht kenne). Das Benennen einer Emotion im Dialog finde ich in Ordnung. Könnte ja auch falsch liegen. „Ich weiß, dass du traurig bist …“ (und in Wirklichkeit kocht die Gestalt vor Zorn)

Es war ein Experiment. An dieser Stelle bleibe ich bei Show. Denn ich will größtmögliche Nähe zu Tamani. Aber natürlich muss ich das Ganze noch straffen.

1 „Gefällt mir“