Wenn Konflikte zu lange unausgesprochen bleiben
„Da drüben ist was frei, sollen wir uns setzen?“, Katta deutet nach links auf eine verlassene Holzbank und eilt schnurstracks darauf zu, ohne die Antwort ihrer Freundin abzuwarten.
„Da, du tust es schon wieder“, fassungslos sieht Laura ihr hinterher.
„Was denn?“, antwortet Katta mit einer Unschuldsmiene und klopft auf den Sitzplatz neben sich.
„Du unterbrichst mich immer mitten im Satz, als würde dich überhaupt nicht interessieren, was ich dir erzähle.“
„Ich hab dir zugehört, du sagtest irgendwas über einen Film, der dich inspiriert hat oder so. Und ich glaube, ähm, …“, Katta schaut Laura gequält an, zupft ihr Oberteil zurecht und zieht dann eine Haarbürste aus ihrer Handtasche, „hilf mir kurz auf die Sprünge!“
„Es war ein Buch, kein Film. Und genau das meine ich, du hörst mir überhaupt nicht mehr zu“, erklärt Laura leise, „niemand tut das.“
„Ach komm, ich hör dir jetzt aufmerksam zu. Da war irgendwas mit einer Blume; mit gelben Blüten, oder?“ Katta steckt ihre Bürste weg und kramt in der Tasche herum. „Jetzt sag schon!“, fordert sie beiläufig.
„Mit blauen Blüten. Aber die meine ich nicht. Interessant ist eine andere Besonderheit der Pflanze, sie…“ Laura verfolgt mit den Augen, wie ihre Freundin endlich das Objekt ihrer Begierde findet und sich in den Mund steckt.
„Möchtest du auch eins?“, unterbricht Katta sie erneut und hält Laura ein Tütchen Bonbons hin.
Resigniert schüttelt Laura ihren Kopf.
„Wer nicht will, der hat schon!“ Schwungvoll schmeißt sie es zurück in ihre Tasche und kundschaftet die nähere Umgebung aus.
„Also, das Besondere an dieser Pflanze ist, dass sie“, wagt Laura einen weiteren Versuch, sich ihrer Freundin mitzuteilen.
„Spinnt der? Sorry“, Katta springt aufgeregt auf, „aber der darf das Kind doch nicht so hinter sich her zerren.“ Gereizt wendet sie sich an den Mann: „Ey, geht’s noch!?“
„Haste‘n Problem?“, brüllt dieser zurück.
„Ja, hab ich. Du hörst doch, dass ihm das weh tut. Lass ihn sofort los!“, offensiv geht sie ein paar Schritte auf die beiden zu, woraufhin der Kleine prompt Schutz hinter den Beinen seines Vaters sucht und verstummt. Der Mann lässt den Ärmel des Jungen los und streckt ihr seine Mittelfinger entgegen.
„Besser so? Bist du jetzt zufrieden?“, blafft er Katta an.
„Ja, danke!“
„Ach, kümmer dich um deinen eigenen Scheiß“, sagt er nun schon deutlich ruhiger, nimmt seinen Sohn an die Hand und lässt Katta stehen.
Triumphierend dreht sie sich wieder zu ihrer Freundin um: „Siehst du, war doch gut, dass ich mich eingemischt habe, der …“, überrascht hält sie inne.
Laura ist weg. Stattdessen liegt ein Zettel auf der Bank: ‚Diese Blume ist etwas Besonderes für mich! Ihr Name ist ‚Blauer Eisenhut‘ und sie wächst sogar bei uns im Garten. Ich hoffe, dass es klappt!‘
Katta kramt ihr Handy aus der Tasche und googelt nach der Pflanze. Wenige Augenblicke später rennt sie wie von der Tarantel gestochen los und murmelt im Takt ihrer Schritte: „Nein, nein, nein, nein, …!“