Seitenwind Woche 7: Göttlicher Auftritt

Tapio – finnischer Gott des Waldes

„Iß nicht vom blassen Apfel des Schicksals,
kannst du ihm nicht widerstehn´
werden zweitausend Jahr vergehn!“ Halten die warnenden Worte von Pykuul, einer Fruchtbarkeitsfee, in seinen Ohren.
So ein Unsinn. Er schluckte die letzten Bissen herunter, sah sich um.
Wo waren sie nur alle hin? Er hatte doch nur für einen Moment die Augen geschlossen, weil der Apfel so bitter geschmeckt hatte.
Er war an einem anderen Ort. Gleicher Wald, zweifelsohne, aber ein anderer Ort. Die Bäume wirkten hier viel schwächer, als dort, wo er sich um ihren Wuchs kümmerte.
Tapio ging langsam vorwärts, berührte den Stamm der Tanne vor sich.
„Zeige mir … alles“, raunte er mit dunkler Stimme. Der Baum gehorchte. Der Borke teilte sich mit schmatzenden Lauten, und zeigte ihm einen goldgelben Spiegel aus Harz. Er sah sein Gesicht. Zotteliger Bart, das Geweih der Herrschaft kam aus seinem Haar. Sein haselnussbrauner Pelzmantel war mit Eichenblättern durchsetzt.
„Zeige mir … Pykuul! Ich muss ernsthaft mit ihr reden!“
Bilder wechselten. Er sah eine seltsame Stadt. Riesige Gebäude aus Stein, vor denen eiserne Gespanne ohne Pferde fuhren. Ein Gebäude mit einem roten Kreuz kam in sein Sichtfeld. Das Sichtfeld vergrößerte ein Fenster und dort sah er einen Raum, indem ein ganzes Dorf an Kindern in seltsamen eckigen Glasgefäßen schliefen, lagen oder schrien. Sie wirkten krank und schwach.
Er erkannte Pykuul an ihren roten Haaren. Sie trug schlichte weiße Gewänder und schien sich um diese Menschen zu kümmern.
Sie hielt plötzlich inne, als ob ein eisiger Schauer sie frösteln ließ. Blickte dann direkt zu Tapio, obwohl sie ihn unmöglich sehen konnte.
„Tapio?“, fragte sie ungläubig. „Komme nicht hier her! Du würdest es nicht verst…“

„He, lass den Baum in Ruhe, du Lump!“, hörte er hinter sich, und ließ vom Harzspiegel ab.
Tapio drehte sich, sah in die Gesichter von zwei Sterblichen. Einer trug schwarz, der andere hatte grüne Gewänder, denen eine Aura der Unnatürlichkeit beiwog. Wie das schwarze Öl aus der Erde. Seltsam.
„Wir hätten dich beinah, über den Haufen geballert, hätten wir!“, sagte der Sterbliche in grüner Gewandung.
„Was bedeutet, wir sind auf der Jagd, du Waldschrat! Also, komme uns nicht in die quere und lass ja, die Natur in Ruhe, hörst du?“
Tapios Miene verhärtete sich.
„Wie redet ihr denn …“
„Alter, wir hören dir nicht zu! Du vertreibst uns noch die Tiere! Was soll das überhaupt, mit dem Geweih? Suchst du ne Hirschkuh?“
„Und wenn ja, was hättest du mit ihr vor?“
Der andere Sterbliche in Schwarz lachte.
„Was soll denn dabei herauskommen? Ein Mann mit angewachsenen Geweih?“
Tapios Augenbraue zuckte mehrmals. Er griff mit den Händen nach dem Gewebe, dass sie alle miteinander verband.
Er fand … sieben Raben, zwei Falken, sechzehn Wildschweine, einen Waschbären, siebzehn Eichhörnchen, zwei Wölfe, drei Bienenstöcke, vier Füchse.
Er rief sie alle.
„Du redest nicht viel, oder?“, meinte der Sterbliche in grün. „Und was soll dieser Tanz? Sammelst wohl Pilze mit Effekte, he? Hast du überhaupt einen Namen?“
„Tapio“, grollte es aus ihm hervor.
„Wie der Gott des Waldes und der Jagd?“
„Ein Olympiasieger hat doch einst zu ihm gebetet!“
„Heißt deshalb ein Stadtteil Tapiola in Espoo?“
Rings um ihnen herum begann es zu rascheln. Im Halbschatten des Dickicht tauchten zahlreiche Augenpaare auf. Kleine und große Pelzgesichter, Schulter and Schulter näherten sich. Bedrohliches Summen erfüllte die Luft, als eine Wolke Bienen herbeizog.
„Was passiert hier Tapio?“
Er streckte die Hand zu den beiden aus, und seine Stimme donnerte. „Ihr wolltet doch eine Jagd. Und jetzt jagen wir!“