Was war das Wichtigste? Die Erinnerung?
„Die Silberminen müssen gesichert werden. Für den Schutz der Minen benötigt man viele Soldaten. Diese müssen entlohnt werden, was natürlich den Gewinn mindert.“ Die eigene Stimme hört sich immer dann abscheulich an, wenn der Gedanke so vollkommen unpassend ist.
Sie, die schönste von allen, sah auf und ich meinte zu erröten. Ich rang um Fassung und sprach langsam weiter.
Ich erklärte, dass es fatale Folgen haben wird, es Spanien gleichzutun. Sie brachten ihr Gold von Amerika nach Gutdünken auf den Markt. Der Wert des Goldes sank dadurch drastisch, und die Aufwendungen, um es nach Europa zu schaffen, stiegen ins unermessliche, denn es musste immer mehr Gold für einen stetig sinkenden Gegenwert hergeschafft werden.
„Wir wollen es Spanien nicht nachtun. Unser Silber halten wir unter Verschluss!“, kam es klug und kultiviert über ihre Lippen.
Wie oft hatte ich das gepredigt und wie nachdrücklich hatte ich simple Beispiele zum besten gegeben. „Das Silber wird knapp gehalten“, war mein Leitspruch. „Ein Ding, welches begehrlich ist, aber überall existiert, ist nämlich wertlos. Erst durch Mangel wird der Wert steigen. Nur ein Beispiel: Wasser kostet kein Geld. Es ist immer vorhanden. Wie kostbar aber wird es in der Wüste, wären wir am Dürsten. Tatsächlich gibt es in Arabien Menschen, die Wasser gegen Geld feilbieten. Wir aber haben Wasser im Überfluss. Niemand würde für einen Becher Wasser bezahlen wollen.“
Was war das Wichtigste? Die Erinnerung?
Sie klopft immer wieder an und wie gerne denke ich an diese wunderbaren Glücksmomente zurück. Ich war im vergangenen Sommer sicher, ich würde die Erbprinzessin verführen, doch die Frau, die auch für mich eine Schwäche hatte, war für eine eheliche Verbindung an den spanischen Hof vorgesehen.
In der Ferne klangen die Glocken. Es war das Sturmgeläut. Jetzt im stillen Winter war sie guter Hoffnung. Ich seufzte. Gemächlich trabte ich auf mein Ziel zu. Den hohen Schnee überwand mein Pferd nur mit Mühe. Auch der stille See, an dem wir uns einige male bei einem Schäferstündchen verabredet hatten, lag schwarz und in ihm spiegelten sich die fliehenden Wolken.
Unmittelbar am Waldsee wuchs eine mächtige Trauerweide, deren Rinde auf der zum See gerichteten Seite vereist war. In der Jugendzeit des Baumes hatte ihn irgendjemand einen Kreis in die Rinde geschnitzt. Es konnte auch ein Herz sein, das mittlerweile bis zur Unkenntlichkeit verwachsen war. Ich stieg aus dem Sattel und stapfte durch den Schnee zum Bootssteg.
Ich hatte den Steg nie betreten, um mein Antlitz oder gar meinen Körper auf der Wasseroberfläche zu betrachten, sondern ich betrat das schneebedeckte Holz einzig und allein, um es unter meinen schwarzen Lederstiefeln knarren zu lassen.
Ich liebte es, wenn sich die Bretter unter meinen Füßen bogen. Für mich offenbarte der See zu jeder Jahreszeit seine Reize. Die dichten Baumkronen waren jetzt schneebedeckt, und das kräftige Buchengeäst ragte so starr in den Himmel, dass es stellenweise kein Schnee durchfallen ließ. Über verschlungene Wurzeln glitzerte gekörnter Firn und gefrorenes Laub bedeckte schlafendes Moos. Der See lag regungslos da, und er hatte durch die klirrendkalten Januarnächte am Ufer eine dünne Eisschicht erhalten. Darin lagen geknickte Uferschilf und niedrig stehende Binsen.
Nach Nordosten und nur dort badeten noch ein paar Weiden ihre Wurzeln in ihm. Die fallend traurigen Zweige waren vom Eis erstarrt. Im vergangenen Sommer wehte ein laues Lüftchen und wie konnte ich widerstehen, wenn sie so schön an einer Weide lehnte?
Mit dem niemals enden wollenden Gezwitscher der Vögel, dem dumpfen Knarren des Holzes und dem Rauschen der Blätter ruhte das Gewässer im kühlen Schatten und warf die spärlichen Sonnenstrahlen in die leicht wehenden hellgrünen Weidenäste. Darunter vergnügten wir uns.
Mich schüttelte der Gedanke, was bald geschehen würde. Wäre ich doch in ein Kloster gegangen, hätte ich enthaltsam gelebt, wie viele Bücher hätte ich lesen können, nicht nur die alten Kriegsgeschichten, die aber jetzt zwangsläufig über dieses Land herziehen würden.
Ich schaute mich um. Über mir ein Falke am Ufer neben mir Vogelspuren. Weit und breit die einzige Wasserstelle. Direkt an einem Weidenast, keinen Meter von der Böschung entfernt, lagen die Federn eines Eichelhähers. Aha, dann hat er ihn geschlagen. So wird es mir auch ergehen. Ich lauschte. Mein Pferd scharrte im Schnee und schnaubte.
Ich ging den Bootssteg auf und ab, und wenn ich auf die Uferseite zulief, stierte ich auf den Karren, indem ein grauer Granitstein lagerte. Tragen konnte ich ihn nicht.
Liebe, Leidenschaften. Plötzlich dröhnten Pferdehufe. Die erfahrenen Männer der Patrouille würden mich rasch einholen. Zu fliehen war zwecklos. Ich hatte mich ja schon entschieden.
Der spanische Gesandte, den ich vor ein paar Monaten heimlich getroffen hatte, berichtete mir, dass es an der Grenze zu kleineren Scharmützeln gekommen war. So fing es an. Das Ende war eingeläutet. Ich schritt auf meinen treuen Fuchs zu, gab ihm einen Klaps, damit er frei war. Dann schritt ich zum Karren.
Später verriet mir der Gesandte, dass mehrere bedeutende Schlachten verloren gingen. Seit einer Woche kam das Gerücht von Verrätern auf, befeuert dadurch, weil gefangen genommene spanische Söldner fliehen konnten. Ja, es wurde laut geschrien: Verrat, Verrat! Einen Tag nach diesen Zwischenfall gingen Bürger auf die Straße und entwaffneten ein eigenes Infanteriebataillon.
Mit dem Karren kam ich zum Ende des Bootsanlegers. Ich schnürte das schwere Strick um meinen Bauch, über die Brust und nicht zuletzt um den Hals. Die Hufschläge meiner Verfolger waren an der letzten Weggabelung angekommen. Ich schloss die Augen und atmete schwer.
Wie wollte man diese Revolte niederschlagen, wenn man nicht mal Gefangene beaufsichtigen konnte? Binnen einer Woche stürzte das Land in eine blutige Revolution, bis zum nächsten Sommer würden zwei Fünftel der Bauern und Landsknechte elendig verrecken. Wer bestellt die Felder?
Krachend stürzte meine Karre in den See, mit ihm der riesige Granitstein und ich hinterher. Meine letzte Frage war dann noch, ob mein ungeborenes Kind und meine Geliebte es im erbärmlichen Krieg überleben könnten? „Natürlich!“, hörte ich meine Stimme. „Sie würden Glück haben und mit ein paar Blessuren aus der Misere herauskommen.“