Unberührt
Der Geruch hängt in den Möbeln, den Vorhängen, sogar die gerahmten Bildern riechen nach Rauch. Marlboro war stets deine Lieblingsmarke gewesen. Mich hat das an meine Oma erinnert. Dich an den Marlboro-Mann aus der Werbung. Ein verwegener Typ, der für seine Ideale stirbt. Der letzte Wunsch am Galgen: eine Zigarette der Lieblingsmarke. Bestimmt hast du dich damals so gesehen. Und ich dich vielleicht auch ein wenig. Es ist merkwürdig hier zu sein. Ohne dich.
Ich halte deinen Wohnungsschlüssel in meiner linken Hand. Die Plastiktüte, der ich ihn entnommen habe in der anderen. Der Notar übergab mir den Schlüssel so. Als dein einziger Freund habe ich dieses Erbe angetreten. Merkwürdig, dass du es in all den Jahren nicht geschafft hast, zumindest einen weiteren Menschen zu finden, der dir Nahe steht. Ich schlendere an dem Sideboard, dass einen Großteil deines Apartments einnimmt entlang. Es stehen Fotos dort. Von deinen Großeltern, Eltern und auch eines von uns. Wir sind jung. Ich habe lange Haare, du trägst einen Irokesen-Schnitt. Verrückt, dass wir uns damals zum attraktiven Teil der Gesellschaft gezählt hatten. Ich lächle.
Langsam nähere ich mich dem Mittelpunkt deines Wohnraumes. Ein Löffel liegt auf dem abgenutzten Tisch. Daneben ein Feuerzeug. Mein Lächeln schwindet sogleich. Die Polizei muss diese beiden Dinge damals liegengelassen haben. Vermutlich habe sie genug andere Dinge gefunden, um dich für Jahre hinter Gitter zu bringen. Hätte ich gewusst, dass du niemals mehr in Freiheit leben wirst, hätte ich dich sicher besucht. Zu groß war meine Angst erneut abzurutschen. Deine Festnahme war damals ein Schock für mich. Doch er half mir mein Leben in geordnete Bahnen zu lenken.
Auf dem Weg nach draußen nehme ich das Bild von uns an mich. Eine dicke Staubschicht hat sich in all den Jahren darauf gelegt. Es blieb lange unberührt. Genau wie all die Erinnerungen, die über mich hereinbrechen, als ich die Türe hinter mir zuziehe.