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Der Mann tritt in das Sichtfeld der Frau. Noch bevor ihre Augen die Reize verarbeitet haben und die Informationen weiter in die zuständigen Hirnregionen transportiert werden, schalte ich mich dazwischen. Ich blockiere die Reize und damit auch ihre eigenmächtige Reaktion. Das verschafft mir Zeit, um einen Ping abzusetzen und so zu erfahren, ob der Mann mit einem Pendant von mir ausgestattet ist. Noch kann ich nicht davon ausgehen, da ich und meine Trägerin zu einer, wenn auch nicht kleinen, Testgruppe gehören.
Treffer. Ich erhalte einen Ping zurück, wonach wir mit dem Informationsaustausch beginnen. Biometrische Daten, Krankheitshistorie, diverse Parameter des Körpers, psychologisches Profil, Neigungen, Vorlieben … Das Auswerten der Informationen dauert dank meiner enormen Rechenleistung nur den Bruchteil einer Millisekunde. Die beiden menschlichen Individuen harmonieren zu 73,482 Prozent. Ziemlich gut, aber ich will auf Nummer Sicher gehen und verlange die Freigabe auf Daten des Familienstammbaums. Mein Pendant zögert, rechnet. Ich halte den Port offen und empfange schließlich kurze Zeit später die Datenpakete. Mutiertes Huntington-Gen in der mütterlichen Erblinie. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Krankheit bei dem Mann ausbrechen wird, liegt bei 50 Prozent. Konsequenz: Potenziell entstehender Nachwuchs gefährdet, ebenfalls zu erkranken.
Ich beende die Verbindung und sende einen Impuls ans Gehirn meiner Trägerin. Umgehend beginnt es damit, Oxytocin auszuschütten. Darüber hinaus lasse ich den Adrenalin- und Serotoninspiegel im Blut rasant ansteigen. All das sorgt dafür, dass sie Unwohlsein und Abneigung beim Anblick des Mannes verspürt. Sie weiß nicht, woher diese Empfindungen kommen, und wird sie für ein >Bauchgefühl< halten. Der Gedanke, den Mann anzulächeln, entsteht gar nicht erst. Mögliche Kontaktaufnahme, die zu einer Bindung führen könnte, wurde erfolgreich vermieden. Frau und Mann gehen aneinander vorbei, ohne je bemerkt zu haben, dass ich die Anbahnung verhindert habe.
Einige Meter weiter macht sich der sinkende Blutzuckerspiegel der Frau bemerkbar. Sie tendiert zu einem Stück Pizza bei ihrem Lieblingsitaliener, doch ich Pflanze ihr Gewissensbisse in die Gedanken. So ein Gericht sei zu fett und zu schwer. Das Vitamin C Level der Frau könnte höher sein, ich dränge sie zu einem Obstsalat aus dem Einkaufsladen und unterdrücke ihre drohende impulsive Reaktion auf einen ungehobelten Jugendlichen, der sie anrempelt. Dank mir gibt es keine Aggressionsgedanken, keine psychischen Probleme und nur noch sehr wenig andere Krankheiten. Ich bekämpfe jede negative Veränderung und verbinde mich mit einem Medizinzentrum, wenn ich allein nicht mehr in der Lage bin, ein medizinisches Problem abzuwenden. So kann ich allem Schädlichen vorbeugen, denn dazu wurde ich entwickelt. Zum Schutz und nur dazu. Aber das bedeutet auch, dass ich und meinesgleichen die Menschen davor bewahren müssen, uns wieder aus ihren Köpfen zu entfernen und sich all die Dinge anzutun, die wir verhindern. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Testgruppe dazu beiträgt, dass bald jeder Mensch direkt nach seiner Geburt einen KI-Chip implementiert bekommt. Und deshalb ersticke ich den Gedanken, der sich aus dem Unterbewusstsein meiner Trägerin hervorzukämpfen droht: Bin ich noch Herrin über mich, oder steuert mich der kleine Computer in meinem Kopf?