Seitenwind Woche 4: Geist in der Maschine

Von Stimmen im Flurschrank

Manchmal wiegt meine Herrin mich nachdenklich in der Hand und streicht über meinen Schaft, als müsste sie noch herausfinden, wozu ich tauge. Das muss sie aber nicht. Sie kennt meine Qualitäten besser, als so mancher Mann ihr zutrauen würde. Leider ist Wissen nicht immer gleich Handeln, das sei ihr verziehen.

Derweil sie lächelnd mit mir im Flur steht, vor dem Schrank, in dem sie mich zuvor fluchend gesucht hatte, fällt aller Ärger von ihr ab. Natürlich auch, weil sie mich nur hervorkramt, wenn sie mich wirklich braucht und entsprechend erleichtert ist, mich endlich irgendwo zwischen Waschmittelvorrat, Lackdosen, Kabelsalat und Schmirgelpapier entdeckt zu haben.
Aber mehr, weil es mich seit jeher gab. Und immer geben wird. Mich zu finden, inspiriert sie zu Sätzen vom Ursprung bis in die Zukunft der Menschheit.

Ich weiß das, weil sie es später oft anderen Menschen erzählt.

Im Flurschrank höre ich die Stimmen aus allen Zimmern und wenn mein Name fällt, wird meine Spitze so rot und heiß vor Stolz wie in der Glut am Tag meiner Geburt. Damit das niemand sieht, verstecke ich mich grundsätzlich in unergründlichen Schranktiefen. Obwohl das Gerücht umgeht, zum Verschwinden würden alle meine Artgenossen in jedem Haushalt neigen, also vielleicht kann meine Herrin mit ihrem Gerede gar nichts dafür.

Eine Zivilisation ohne mich sei undenkbar, ich würde unterschätzt und zu Unrecht als selbstverständlich angesehen, sagt sie beispielsweise. Für höchstes Lob an ihren Freunden nutzt sie meinen Namen, etwas Tolleres als mich kann es folglich nicht geben.
Sie meint auch, sämtliche Digitalgeräte wären im Grunde nichts anderes als ich. Das ist übrigens ihr Lieblingsbeispiel, wenn der Streit pro und contra Digitalisierung eskaliert: »Ein Computer ist weder gut noch böse, sondern ein Werkzeug, wie ein Hammer. Man kann damit Hütten und Häuser bauen, ganz großartige Welten erschaffen oder jemandem den Schädel einschlagen. Nicht jeder, der einen Hammer hat, wird ein Mörder.«
»Hammermäßiger Vergleich«, lautet gelegentlich die Reaktion. Dann ergänzt sie: »Du hast den Hammer, äh, Computer in der Hand. Wenn du ihn gut und sinnvoll einsetzt, schlägt das Ergebnis ein wie ein Hammer und die Leute sagen, du bist der Hammer!«

So etwas denkt sich meine Herrin also aus, wenn sie lächelnd vor dem Flurschrank steht, meinen Kopf am hölzernen Schaft provokant wippen lässt und murmelt: »Aber auch dich musste die Menschheit vermutlich erst lernen, mehrheitlich friedlich zu nutzen. Ich hoffe, es dauert bei den neuzeitlichen Werkzeugen nicht ebenso lange.«
Bis sie sich erinnert, warum sie mich überhaupt gesucht hatte und energisch nach der Packung Nägel greift.

Dann seufzen wir beide und machen uns an die Arbeit. Denn in der Praxis habe ich eine total langweilige Herrin. Sie braucht mich selten und wenn, dann für die eintönigste Tätigkeit der Welt.
All die großartigen sowie die bösartigen Dinge, die man mit mir anstellen könnte, passieren vorher in ihrem Kopf und dann lässt sie mich doch nur wieder Nägel in die Wand klopfen.

»Aua, Misthammer!«
Entschuldigung, Herrin, ich bin nicht ganz bei der Sache. Abschweifen passierte schon meinen Urahnen in der Steinzeit gelegentlich, wenn sie unterfordert waren.
Oder ihre Herrschaften überfordert.