Seitenwind Woche 3: Schreib, was du siehst

Im Dunkel

Ich rieche Blut.

Meine Augen…!?
Ich will sie öffnen, aber die Wimpern kleben aneinander.
Mein Kopf tut fürchterlich weh… Etwas brennt und pocht in meinem Hinterkopf wie hundert Bienenstiche.
Ich schneide schmerzhafte Grimassen, presse Brauen und Wangen zusammen, so fest ich kann, und ziehe sie dann ruckartig auseinander. Nach mehreren Versuchen lockert sich der Schorf an einer Stelle. Zäh reißend lösen sich die Wimpern eines Auges voneinander.
Ich sehe… nichts!?
Bin ich blind?
Oder ist es stockdunkel um mich herum?

Unheimliche Geräusche…
Kalte, modrige Luft.
Und der klebrige Gestank von Blut, stechend und übel, stark wie beim Ausbluten und Zerlegen einer großen Jagdbeute, vermischt mit dem Geruch von verspritzten Körpersäften, von rohem Fleisch und Innereien.

Der Stein!
Ich erinnere mich…
Sie haben mir einen Stein auf den Kopf geworfen, dann bin ich umgekippt…
Nein… Da war noch etwas…
Der Anführer! Der Große!
Er war plötzlich hinter mir und hat mir noch einen Schlag versetzt…
Der Erinnerung treibt den Schmerz jäh in den Vordergrund meines Bewusstseins. Er strahlt pulsierend vom Kopf in den Nacken und sendet brennende Wellen durch meinen Körper. Sie werden stärker und schwächer… stärker und schwächer… ziehen mich nach unten, in eine Region von dumpfem, schwerem Druck… und noch weiter hinab… in ein tiefes, empfindungsloses Dämmern…

Die Geräusche…
Schaben und Knacken.
Reißen und Malmen.
Schmatzen. Grunzen. Stöhnen.
Fressgeräusche!!
Quengeln und Quieken… von hungrigen Jungtieren?
Murren und Knurren.
Knuffen. Fauchen. Jammern.
Was frisst hier? Und was wird da gefressen??

Ich halte die Luft an. In der Dunkelheit nehme ich Bewegungen wahr, mit dem Gehör nur… oder sind da feine Luftbewegungen auf meiner schmerzenden, klebrigen Haut? Mit der Zeit meine ich, auch etwas zu sehen, ganz schwach hinter dem Rauschen der wolkigen Netzlinien, die die Schwärze meiner Wahrnehmung durchziehen, auch wenn ich die Augen geschlossen habe. Etwas ändert sich, wenn ich sie öffne: Das Dunkel wird eine Spur weniger dunkel.
In einiger Entfernung von mir gibt es einen fahlen Fleck… Von Zeit zu Zeit wird es dort kurz heller… Als ob irgendwo weit weg vor dem Eingang der Höhle – ich bilde mir ein, dass ich mich in einer Höhle befinde – ein Wetterleuchten flackert.
Vage Formen, die weniger dunkel sind als das restliche Dunkel, bewegen sich – kaum wahrnehmbar, so dass ich es nur bemerke, wenn ich nicht direkt hinsehe. Aus den Augenwinkeln spüre ich einen schwachen, düstereren Schein, der von diesen Formen ausgeht. Die gleiche Art von Leuchten, die ich an den Gestalten über dem Hohlweg bemerkt habe… und zuletzt an der Faust, die mich zu Boden geschlagen hat.
Wie lange ist das her? Augenblicke? Tage?
»HUNGER!«
Ich zucke vor Schreck zusammen. Der Laut war kehlig und tierisch – aber ohne Zweifel gesprochen!
»Hunger!«
»hunger – mehr essen!«
Da sind mehrere Stimmen! Laute und leisere, wild fordernde und unterwürfig flehende.
Eine Mischung aus Erstaunen und Abscheu lässt mich keuchen. Sie reden!
Noch nie war ich diesen Wesen so nahe, und noch nie habe ich sie sprechen gehört. In meiner Vorstellung waren sie bis jetzt primitive Ungeheuer, die sich – wenn überhaupt – nur mit angsteinflößenden Urlauten verständigen…
»Hunger!«
»Mehr ESSEN!«
»Noch anderer Mensch! ESSEN!!«
Etwas nähert sich, langsam, zögernd. Etwas schnüffelt…