Seitenwind Woche 3: Schreib, was du siehst

Das Sofa war teuer gewesen. Nicht hochwertig. Aber der nette Verkäufer hatte die Vorteile des neuen Microfaserstoffs in den höchsten Tönen gelobt und gezeigt, wie einfach sich alle Arten von Flecken entfernen lassen. Schon nach kurzer Zeit hatte sich der Bezug an den viel genutzten Stellen so abgerieben, dass von dieser Eigenschaft nichts mehr übrig geblieben war. Nun lagen Decken straff gespannt über den Sitzflächen und waren in die Ritzen gestopft worden. So viel Ordnung musste sein. Unmengen geschmackloser Kissen konnten nicht verbergen, dass es einen Lieblingsplatz gab, denn die Rückenlehne war dort speckig geworden. Aber es es gab nur eine solche Stelle und die sah man eigentlich nie.

Der Tisch vor der Couch war groß genug, um allem Platz zu bieten, was gerne in Reichweite gehalten wurde. Alle Fernbedienungen, das wöchentlichen TV-Blättchen, Festnetztelefon und Handy zusammen mit dem alten Adressbüchlein, dessen Design schon in den Achtzigern altbacken gewesen war. Stifte und Zettel lagen auf dem Sudokuheft für Anfänger. Wenn man nicht explizit hinsah, fiel die Staubschicht gar nicht auf. Ein unbenutztes Glas und eine ungeöffnete Flasche Wasser standen etwas weiter hinten, ebenso der Teller mit einem kaum angebissenem Marmeladenbrot. Der leere Kaffeebecher war ein Mitbringsel von einem Urlaub auf den Kanaren und als Aschenbecher funktionierte eine große, flache Muschel. Das Menthol in den Zigaretten mochte den Geschmack angenehmer machen, aber der Geruch des Rauches war eigentümlich bissig.

Der Schrank, in dem der Fernseher stand, limitierte dessen Größe. Um noch einen Zoll mehr hineinzubekommen, war das Gerät ein wenig schräg hineingestellt worden. So musste der Kopf auch nicht ständig gedreht werden. Das hätte man eigentlich schon viel früher so machen sollen. Das Mittagsmagazin lief, wenn auch stumm. Die Katastrophen all überall auf der Welt lieferten neue Gesprächsthemen, nachdem Krankheiten und Tratsch erschöpft waren. Sobald die Soap anfing, wurde laut gemacht und alles andere vergessen.