Seitenwind Woche 1: Gäste im Geisterhaus

Nenn mich Frank

WAS ZUR HÖLLE! Wer ist da? War vielleicht nur mein alter Freund der Wind, als er schräg von der Seite kam. Halt! Da ist noch etwas. Oder war es gestern? Kann auch ein Jahrzehnt her sein, seit …? Zeit hat keine Bedeutung. Kein Ziel. Kein Ende. Nein, da sind Stimmen.

»Sind wir bald da?«, fragt eine kleine Frau mit kurzen schwarzen Haaren. »Meine Füße bringen mich gleich um.«

»Wir sind gleich da. Nur die Ruhe«, antwortet ein junger, bärtiger Mann genervt. Er stampft schwer keuchend voran und scheint der Anführer der Gruppe zu sein. Sein Blick wandert immer wieder angestrengt auf einen kleinen schwarzen Kasten in seiner Hand.

»Google Maps kann die Route nicht finden, aber laut GummiUlli37 aus dem Forum soll das Haus genau hier sein.«

»Er hat dich bestimmt verarscht«, sagt der große Blonde mit dem riesigen Rucksack auf dem Rücken.

»Nein, hat er nicht«, sagt der Anführer. »Hat er ganz sicher nicht. Ich weiß es!«

Die drei kommen mir immer näher. Wollen sie etwa zu mir? Das wäre wundervoll. Ich habe gern Gäste unter meinem Dach, nur bin ich auf Besuch weder eingestellt noch wurde der Eingangsbereich seit 1998 gewischt. Der Besen in der Ecke langweilt sich genauso schwer wie ich. Die Blutflecken am Fuße der Treppe sind aber kaum noch zu erkennen.

Der Anführer freut sich. Er hat mich entdeckt. Er fuchtelt wild mit seinen Armen und schreit wie von Sinnen: »Da ist es, Leute! Da ist es! Was hab ich euch gesagt! Ich wusste, er hat mich nicht verarscht.«

Der große Blonde und die kleine Frau sehen nur wenig begeistert aus, dabei bin ich mit der untergehenden Sonne im Rücken durchaus imposant, aber die zwei Schnauben und Pusten nur. Waschlappen.

Der bärtige Anführer öffnet die Vordertür und strahlt über sein verschwitztes Gesicht. Er scheint sich richtig über mich zu freuen. Das gefällt mir.

»Stell die Kamera auf.«

Der große Blonde setzt den Rucksack ab und holt allerhand Technik heraus. Ein Stativ, eine Kamera und ein kleines Mischpult. Wenn die drei hier 'nen Porno drehen, lasse ich die Küche brennen.

»Alice, du setzt dich hier hin.« Der Anführer zeigt der kleinen Frau die Couch im Salon und sie verzieht angeekelt ihr Gesicht.

»Alter, für nichts in der Welt, setz’ ich mich da drauf.«

»Dann machst du es halt im Stehen.«

Der bärtige Anführer streicht mit seinem Zeigefinger über den staubigen Kaminsims und gibt seinem Kumpel ein Zeichen.

»Sind wir ready?«

»Kamera läuft!«

»Alice, bist du bereit?«

»Lass knacken, Alter.«

Der Anführer stellt sich unter meinen kaputten Kronleuchter und spricht mit tiefer, bedeutungsvoller Stimme.

»Hallo, ich bin Mike und das sind meine Freunde Alice und Kevin. Wir wollen nur ein kurzes Interview mit dir machen. Nichts Wildes, echt nicht. Nur ein bisschen quatschen. Wenn das okay ist?«

Vor Schreck lasse ich fast den Kronleuchter fallen. Bedrohlich wackelt er über Mikes Kopf. Würde dem Klavier am Fenster nicht die Saiten fehlen, hätte ich alle meine Entchen klimpern können, denn was anderes kann ich nicht, aber ein Interview? Mit mir?

»Okay, wenn du da bist, gib uns ein Zeichen.«

Ich versuche es ja, aber seit die Stadtverwaltung den Strom abgestellt hat, kann ich nicht mal Morsezeichen. Was solls, ich nehme das kleine schwarze Ding, das Mike in seiner Hand hält.

»Hallo! Hallo! Könnt ihr mich hören?«

»Dein Handy spricht«, sagt Alice leicht verblüfft und Mike reckt seinen kleinen Kasten in die Luft, als hätte er Wimbledon gewonnen.

»Spreche ich mit dem Haus?«, fragt mich Mike.

»Ja, ich bin das Haus.«

Alice seufzt. »Wenn wir mit der Hütte telefonieren können, warum sind wir dann den ganzen Scheiß Wald hier rauf gelaufen?« Entnervt lässt sie sich jetzt doch auf die große Couch fallen. Dicke graue Flocken wirbeln herum und lassen den blonden Kameramann laut husten.

»Sorry, Hausstauballergie, geht gleich wieder.«

Mike stellt seinen kleinen schwarzen Kasten auf Lautsprecher.

»Wie darf ich dich ansprechen? Haus oder Villa oder vielleicht Anwesen?«

»Ach, das ist mir egal, nenn mich Frank. Den Namen fand ich schon immer klasse.«

»Super Frank, also wir sind hier, weil wir mit dir ein Interview machen wollen, also wenn du kurz Zeit hast.«

»Wenn ich etwas besitze, neben knarrenden Dielen, dann ist es sicherlich Zeit.«

»Fantastisch. Also Alice, meine Freundin, sie wird das Interview führen. Mein Kumpel nimmt alles mit der Kamera auf und ich führe Regie.«

»Also die anderen zwei arbeiten und du machst nichts.«

»Genau so ist es.«

»Okay, ich bin bereit.«

Mike gibt Alice ein Zeichen und dann macht der große Blonde mit seinen Fingern drei, zwei, eins und dann lächelt Alice plötzlich so unnatürlich in die Kamera, dass ich einen Schlaganfall vermute, aber es scheint ihr gutzugehen.

Sie schlägt die Beine übereinander, zündet sich eine Zigarette an und bläst mir den Qualm in die vergilbten Kissen.

»Nun, Frank. Du bist vom P-Forum zum miesesten Spukhaus des Landes gewählt worden. Über dreihundert Mitglieder haben abgestimmt und alle waren sich einig, dass es kein schlechteres Spukhaus gibt. Wie konnte es so weit kommen, Frank? Was ist da schiefgelaufen?«

»Nun ich …«

»Ist es nicht so, dass kein Poltergeist, der etwas auf sich hält, in deiner ollen Villa vor sich hin spuken will?«

»Nun, die Zeiten haben sich geändert, Alice. Der Markt für Spukhäuser hat sich in den letzten 20 Jahren nicht zum Besten entwickelt. Jetzt kommen tote Frauen aus Fernsehern und Zombies knabbern sich durch Buchhandlungen.«

»Nun, das Overlook-Hotel hat diese Probleme nicht.«

»Ist das nicht abgebrannt?«

»Tut nichts zur Sache. Fest steht doch, dass sich hier nicht mal meine Oma gruseln würde, und die erschreckt sich sogar bei den Heinzelmännchen.«

»Also, wenn die Guten Naaaabend brüllen, erschrecke ich mich auch.«

»Halt die Klappe, Mike. Also Frank, warum bist du so ungruselig?«

»Also erstens, kann ich verdammt gruselig sein. Hast du den Blutfleck vor der Treppe gesehen? Und … und überhaupt ist es ja auch gar nicht so einfach ohne Personal. Wie willst du horrormäßig Geschirr aus dem Schrank fliegen lassen, wenn du gar keine Teller zum Schmeißen hast? Ich kann auch niemanden in der Badewanne ertränken, weil die Wasserleitung tot ist. Ich kann nicht mal jemanden die Treppe herunter schubsen, weil sie einen Fahrstuhl mit Handkurbel eingebaut haben. Selbst ein bisschen schaurig-schön mit den Fensterläden klappern geht nicht. Die haben die Fenster letzten Sommer einfach abgeschlossen und meine wehenden Vorhänge haben sie bei eBay verkauft. Ist das zu glauben? Es ist ein Albtraum, sag’ ich dir. WIE soll ich unter diesen prekären Bedingungen vernünftig arbeiten? Kann mir das mal jemand sagen? Wenn ich könnte, würde ich euch alle einen Mordsschrecken einjagen, aber ich kann nicht mal den Kronleuchter fallen lassen.«

»Mal dran gedacht, umzuschulen?«

»In meinem Alter bin ich für Heimsuchungen, Verwünschungen, Hexenkulte, Dämonen und Teufelsaustreibungen einfach zu faul. Vielleicht mache ich eine Pommesbude auf, oder vielleicht verirrt sich ein Psychiater hierher und baut sich aus mir eine rustikale Praxis. Die Couch ist bequem und ich könnte wirklich jemanden zum Reden gebrauchen.«

Mike ruft: »Cut! Zehn Minuten Pause. Frank, du warst großartig, ganz große klasse.«

»Vielen Dank. Deine Freundin hat mich ganz schön in die Mangel genommen.«

»Ja, Alice hat Haare auf den Zähnen.«

»Ist das nicht unangenehm zu kämmen?«

»Das sagt man nur so. Hey, hör mal, wo kann ich denn bei dir mal aufs Klo gehen?«

»Also oben ist ein Badezimmer, aber ich habe da schon seit ca. 87 Jahren, 14 Tagen und 21 Stunden nicht mehr nach dem Rechten gesehen.«

»Aber da liegt jetzt keine Leiche oder so in der Duschwanne?«

»Wo soll ich die denn her haben?«

»Da kommt mir aus dem Spiegel über dem Waschbecken auch keine gruselige Fratze rausgesprungen?«

»Ich habe ein Waschbecken?«

Wir lachen. Wir lachen laut. Alle lachen. Selbst Alice.

Mike nimmt die Treppe in den zweiten Stock.

»In zehn Minuten machen wir weiter!«

Mike lacht immer noch.

Noch.