Brötchen mit Soße für 60 Pfennig
„Sie haben ihn umgebracht.“ Ihre Stimme ist tonlos. Vor Tauer, die ich mir nicht einmal vorstellen kann.
Keine Tränen.
So groß ist das Entsetzen und der letzte Rest von Verleugnung.
„Sie haben meinen Jungen umgebracht.“ Sie hält ein Geschirrtuch in Händen. Legt es zusammen, auf die Hälfte und noch mal auf die Hälfte. Sorgsam, fährt mit den Fingern über jede Kante. Ich vermute, dass ihr die Handlung nicht bewusst ist.
„Wer? Wer hat Ihren Sohn umgebracht?“ Ich setze mich ihr gegenüber, sehe mich verstohlen um. Eine kleine Wohnung, verwohnt und alt, aber sauber. Durch das Fenster sehe ich die Nacht und das kränklich gelbe Licht der Straßenlaterne.
Es zieht zu diesem Fenster herein und ich unterdrücke mein Schaudern. Auch, weil ihre tonlose Stimme so schrecklich nüchtern ist.
„Sie waren es. Die anderen. Die, mit denen er früher herumgehangen ist.“ Sie nimmt das Tuch wieder auseinander, glättet es auf dem Tisch. Fängt erneut an, es zu falten. Halb und halb und halb.
„Können Sie mir sagen, wo ich „Die“ finden kann. Haben Sie mir einen Namen?“ Sie sieht mich nicht an mit ihren trockenen Augen. Der Mund bebt.
„Er hatte eine Tüte mit Brötchen dabei.“ Ich sehe auf meinen Notizblock, um nicht ihren Blick suchen zu müssen. „Eine Tüte Fertigsoßenpulver und …“, ich wende mich zum schwachen Schein der Straßenlaterne. Ein Licht hat sie bisher nicht angemacht, sitzt da in der Düsternis ihrer kleinen Wohnung und ihrer noch finstereren Gedanken. „Kleingeld, 60 Pfennig, was uns alle verwundert hat. Keinen Euro oder sonstiges Geld, Papiere, Ausweis.“
Ein bitteres Lächeln, die Augen geschlossen. „Seine Leibspeise. Brötchen in Soße getunkt.“ Sie blickt mich an und ich kann nicht anders: ich scheue vor diesem Blick zurück. Die Augen sind blau wie Polareis. Auch ihr Sohn hatte solche Augen. Aber seine Augen hatten dieses arktische Blau verloren und starrten blicklos in den kalten Regen hinauf.
„Brötchen in Soße getunkt.“ Das Tuch wird auseinandergenommen. „Wir hatten nie irgendetwas. Sein Vater war … weg und mein Junge verdiente sich Geld beim Bäcker um die Ecke. 60 Pfennig die Stunde. Und ab und an Brötchen und Tüten mit Soßenpulver.“
Dann wieder Stille. Dicht und gelb vom Laternenlicht. Einzig das leise Geräusch des Stoffes, der gefaltet wird.
„Wer hat ihn umgebracht?“ Ich greife mir in den Hemdkragen. So zugig diese Wohnung ist, mir ist heiß. Diese Frau … ihre Abgestumpftheit bestürzt mich. Er war ihr Sohn. Er lag mit offenen Polareisaugen und offenen Mund erschlagen unter den Bäumen. Die Brötchen vom Regen aufgeweicht, die Tüte mit dem Soßenpulver aufgerissen und über sein Gesicht gestreut. Braune Schlieren, Blut und Soße.
„Er … mein Junge … Bastian …“ Zum ersten Mal sagt sie seinen Namen. Und zum ersten Mal eine Reaktion. Ihre Hand fährt zum Mund, um einen Schluchzer aufzuhalten.
„Frau Müller …“ Ich bin versucht, nach ihrer anderen Hand zu greifen. Die, die noch immer das Geschirrtuch hält. Aber ich wage es nicht. Die Haut sieht kalt aus und mich fröstelt bei der Vorstellung.
„Frau Müller, wer hat ihren Sohn umgebracht?“ Meine Stimme wird lauter als ich beabsichtige. Die Enge dieser Wohnung und die Dichte der unbegreiflichen Trauer setzen mir zu.
„Sie alle, die hiergeblieben sind. Der Schläger von oben, die Hure von gegenüber, die ganze Meute, die es nicht geschafft hat, aus dieser schäbigen Hölle hier zu entkommen.“
Sie schöpft Atem, zitternd, leise. Allein die Menge der Worte scheint sie erschöpft zu haben.
„NEID!“, schreit sie plötzlich und schlägt mit dem Tuch auf den Tisch. „Sie haben ihm das nicht gegönnt, diese Aasgeier, diese …“ Eine Hand fährt an ihre Kehle, sie japst nach Luft.
Ihr Ausbruch, so unerwartet, lässt mich zusammenschrecken. Mein Block fällt mir aus der Hand, der Stift kollert unerreichbar unter den Tisch.
„Die Brötchen und die Soße … Es war ein Ritual zwischen uns. Er hat versprochen, wenn er die 60 Pfennig auch mitbringt, hat er es geschafft.“
„Was geschafft?“ Ich weiß, dass er das Jura studiert und seine erste Stelle in einer Kanzlei angetreten hat.
Frau Müller sinkt auf ihrem Stuhl zusammen. Blicklos starrt sie auf das Tuch in ihrer Hand. Krallt sich daran, fährt damit über das eisige Blau der Augen, das jetzt schmilzt.
„Wenn er die 60 Pfennig mitbringt, nimmt er mich mit. Er wollte sie hier auf den Tisch legen und mich „auslösen“. Weil diese 60 Pfenning das erste Geld waren, das er je verdient hat.“