Heimlicher Hunger
Abendessen. Die Mutter ruft.
Ich klappe mein Buch zu, Winnetous Abenteuer werde ich morgen weiterlesen. Wie heute mit einer Tafel Schokolade dazu. Wie heute werde ich am Mittag, nach dem Essen, wenn Mutter das Geschirr spült und ich noch ein paar Minuten zeit bis zum abtrocknen habe, in den Keller schleichen und mir Schokolade aus dem Topf nehmen. Dem großen Topf aus Metall, in dem die Süßigkeitenvorräte aufbewahrt werden. Kekse, Schokolade, Tüten mit Gummibärchen. Nicht eine Tafel oder zwei Tüten, sondern von allem – viele. Weil es die Schogetten im Angebot gab, oder die Butterkekse.
So viele kaufen die Eltern, dass meine täglichen Raubzüge unbemerkt bleiben. Oder unkommentiert.
Nach dem Abtrocknen und Erledigen der Hausaufgaben bleibt mir Zeit bis zum Abendessen.
Das Abendessen, das wird auch heute wieder bestehen aus Graubrot, Butter, und Aufschnitt, Fleischwurst, Sülze, Leberwurst und Schinken. Aus allem, was ich beim Metzger eingekauft habe, alles, was auf Mutters Einkaufsliste stand. Auch Käse gehört auf den abendlichen Esstisch, Frischkäse aus dem Kühlregal des Supermarktes und Gouda, mittelalt. Dazu wird es Gürkchen und Tomaten geben.
Ich bin so satt. Die Schokolade habe ich gelutscht, Stück für Stück, schmelzig und süßg. Dazu habe ich gelesen wie Old Shatterhand und Winnetou Blutsbrüder wurden. Nun ist mir schlecht. Aber das ist mein Geheimnis. Ich weiß nicht, ob die Schokolade mir geschmeckt hat. Ich weiß, dass das Buch mich in seinen Sog gezogen hat, weit weg war ich, im Wilden Westen. Beides ist untrennbar verbunden. Lesen von den Abenteuern Old Shatterhands und das gierige Verschlingen der Schokolade.
„Ich komme gleich“, rufe ich ins Erdgeschoss.
Satt von meinem heimlichen Mahl betrete ich das Esszimmer und nehme meinen Platz am Tisch ein. Der ist gedeckt und ich schiebe eine Scheibe Brot auf meinen Teller. Streiche Butter darauf, Leberwurst und Senf. So mag ich mein Brot. Die Fragen der Eltern nach dem Schultag beantworte ich mechanisch, so, wie ich die Gurke in Scheiben schneide und auf mein Brot lege. „In der Mathearbeit hatte ich eine eins.“
Algebra, darin sei er auch immer sehr gut gewesen, sagt mein Vater. Mutter erklärt, für eine solide Ausbildung brauche man keine eins in Mathematik.
Ich beiße in mein Brot, kaue und schlucke. Es tut weh, denn mein Magen ist schon voll. Meinen Stolz auf die Eins spüre ich nicht mehr. Ich schmecke die Schärfe des Senfes auf meinem Wurstbrot. Gleich mache ich mir noch eins.