…“ruf die Polizei“, sagte er dann mit bebender Stimme zu seiner Frau. Die Stille antwortete ihm. Er drehte sich überrascht um, „Dorothea?“ Stille. „Schatz?“ Richard merkte, dass seine Stimme zittrig klang. „Dorothea?“ Wiederholte er und machte ein paar unsichere Schritte nach vorne. „Wo bin ich?“ Fragte sich Richard, er erkannte sein Zuhause nicht mehr. Der Vorfall vor der Tür gerade eben, der Selbstmord von dem Unbekannten, erschien ihm auf einmal unreal. Hat er es eben wirklich gesehen oder nur geträumt? „Dorothea!“ Schrie er laut und spürte, dass er panisch wurde. Dann sah er das Licht am Ende der Flur aufflackern und taumelte unbeholfen vorwärts. Das Licht wurde heller und nu hörte er Menschen sprechen und Lachen und beschleunigte seine Schritte.
Eher er sich versah, stand er in einem Raum, was er als seine Bibliothek erkannte. An einem runden, grünen Tisch mitten im Raum saßen fünf Männer, uns spielten Poker. „Richard mein Lieber! Na endlich!“ Rief ein bärtiger Mann ihm freundlich zu. „Du fehlst mein Freund, ich habe leider kein Glück im Spiel heute.“ Er breitete seine Arme enttäuscht und nahm ein Schluck aus einem großen Glas. Die andere vier lächelten verlegen und nickten zustimmend. Richard blickte verdutzt in die Runde und stellte fest, dass er niemandem am Tisch kannte. „Wo ist Dorothea?“ Fragte er unsicher. „Dorothea?“ Der Bärtige runzelte die Stiern. „Meine Frau“, ergänzte Richard. „Mein lieber Freund, und ich dachte ich habe heute zu tief in die Flasche geblickt! Vor deinem Verschwinden warst du noch ein Junggeselle!“ Er lachte und Richard merkte, dass seine Lippen sich zu einem unsicheren Lächeln verzogen. „Komm, setzt sich zu uns mein Freund.“ Bat ihn der Bärtige. Und Richard folgte der Aufforderung. „Ich fühle mich nicht gut.“ Sagte er leise und der Bärtige warf ihm einen besorgten Blick zu. „Du bist ja blass! Lass mich deinen Puls fühlen.“ Ohne die Antwort von Richard abzuwarten griff er an seinem Handgelenk und drückte es leicht. Dann holte er eine goldene Taschenuhr hervor und zählte die Sekunden. Richard merkte, dass die Berührung von dem Mann ihm vertraut war. „Fit wie ein Turnschuh!“ Lachte der Bärtige und klopfte Richard kräftig auf die Schulter. Dann legte er seine Uhr auf den Tisch und Richard betrachtete diese fasziniert. Das Gold der Uhr glänzte matt auf der grünen, samtigen Oberfläche des Spieltisches, ein großes Eurozeichen prangte auf der polierten Oberfläche. „Ein schönes Stück nicht wahr?“ Fragte der Bärtige und nahm die Uhr wieder in die Hand, dann ließ er die goldene Kugel geschickt auf seinem Handgelenk pendeln. Richard folgte den Bewegungen der Uhr und merkte, dass er sich entspannte. Etwas berührte sein Fuß, er blickte nach unten und sah eine kleine, weiße Katze, die sich mit einer geschmeidigen Bewegung an sein Bein presste. „Dorothea!“ Sagte er liebevoll und streichelte das weiße Fell. „Das ist also die berühmte Dorothea“, sagte der Bärtige und Richard nickte. „Ich hoffe ihr habt in meine Abwesenheit nicht in meine Karten geblickt?“ Fragte er gespielt misstrauisch in die Runde. Die Männer verneinten es mit intensivem Kopfschütteln. Während Richard in seine Karten blickte, hob Marcus, der Bärtige, die weiße Katze auf seinen Schoß und betrachtete sie aufmerksam. Ein pinkes Halsbändchen, bestickt mit bunten Kristallen funkelte in Halblicht. Eine goldene „D“ baumelte daran. Marcus drehte den Anhänger um und präsentiert die Kehrseite. Eine „3“ war darauf eingraviert. Als Marcus die Zahl erblickte, lächelte er. „Eine drei Jungs, probiert mal eine drei!“ Richard blickte überrascht zu ihm und erschrak. Der runde Tisch war verschwunden, er saß nicht mehr in seinem gemütlichen Sessel, sondern lag auf der Couch. Marcus stand über ihn gebeugt, seine goldene Taschenuhr, baumelte an einer langen Kette über seinem Kopf. Drei Männer, in dunklen Anzügen standen in angespannten Posen und blickten zu Marcus. Der vierte Mann saß zu ihm mit dem Rücken gekehrt und tat etwas an dem Tresor. „Es klappt“,schrie er zu Marcus, und der heftete seine dunklen Augen wieder auf Richard. „Wir sitzen hier schon seit zwei Tagen fest und haben nur drei Zahlen“, murmelte einer der Männer unzufrieden. „Ruhe!“ Befahl Marcus und fing an, die Uhr zu schwingen.
„Und nun, wo waren wir noch Mal, ah ja, es ist Sonntag, die Sonne scheint, bedauerlicherweise kein so guter Tag für dich mein Freund. Du hattest mal wieder kein Glück auf der Börse, so wie wir auch. Es Klingelt und du gehst zur Tür…“ Richards müde Augen folgten dem Pendel. „Aber ich habe doch an der Börse nicht verloren…“ Murmelte er und spürte, dass seine Zunge sich dick anfühlte. Marcus Lächeln verzogen sich zu einem Grinsen, „was du nicht sagst“. Der Pendel schwang und die Augen von Richard schlossen sich, er hörte nicht mehr, worüber die Männer gesprochen haben, er sah nicht mehr, was sie taten. Einer der Männer kam währenddessen näher zum Marcus. „Seine Fantasien werden immer wilder, er folgt nicht mehr deinem Szenario Marcus“, sagte er heiser. Schweißperlen bildeten sich auf dem gepflegten Gesicht von Marcus. „Wir machen weiter,“ antwortete er, „wir haben zehntausend gute Gründe dafür“. Die goldene Taschenuhr in seiner Hand fing an zu schwingen…
„Bist du sicher?“, fragte Dorothea Berger.
Energisch drückte Hannes auf Pause.
„Himmel, Arsch und Wolkenbruch!“, donnerte er.
„Was ist denn nun wieder?“, erklang Tinas Stimme aus der Küche.
„Vergiss es, vergiss es einfach!“ Hannes knallte die Fernbedienung auf den Couchtisch.
„Wovon zum Geier redest du?“ Tina lugte durch die Küchentür und es hätte eigentlich nur ein großes gelbes Fragezeichen über ihrem Kopf gefehlt.
„Wir werden uns diesen Schwachsinn nicht anschauen.“ Anklagend deutete er auf den Fernseher, von wo Richard Bergers Gesicht ihn wie eine Mischung aus Karl Dall und einer beliebigen Horrorfilmpanikattacke anstarrte.
„Maik hat gesagt, der Film sei genial“, meinte Tina und stemmte die Hände in die Hüfte, wie sie es immer tat, wenn sie nicht vorhatte nachzugeben.
„Dann hat Maik eine Schraube locker.“ Diesen Kampf würde er nicht verlieren.
„Und das willst du nach nicht mal zehn Minuten beurteilen können, ja?“ Da war jetzt auch noch die kleine senkrechte Falte zwischen ihren Augenbrauen. Verflucht.
„Mal ehrlich …“, sagte er, weil seine einzige Chance darin bestand faktische Überzeugungsarbeit zu leisten. „Da kommt einer an deine Tür, verlangt Geld und droht damit, sich selbst umzubringen. Soweit theoretisch in Ordnung. Merkwürdiger Plan, aber in Ordnung. Aber in dem Moment, wo er das Geld nicht bekommt, erschießt er sich? Wem nutzt denn das? Selbst, wenn er dazu gezwungen wurde, was hätte irgendwer davon? Das ist einfach dermaßen sinnfrei. Dafür kann es am Ende nur eine völlig an den Haaren herbeigezogene Auflösung geben und auf sowas habe ich einfach keinen Bock.“ Zur Bestärkung seiner Worte verschränkte Hannes demonstrativ die Arme.
Tina hingegen legte den Kopf schräg und setzte ein schelmisches Lächeln auf.
„Was steht da?“ Sie zeigte auf den Bildschirm.
„Zehntausend Euro?“ Das war der Titel und der machte es keinesfalls besser.
„Da drunter…“
„Ab 16“ Blut, Gehirnmasse, kein Wunder.
„Daneben!“ Hannes gewann den Eindruck, dass Tina etwas ungehalten wurde.
„Mystery-Thriller?“
„Eben!“, sagte Tina mit einer Bestimmtheit, als hätte er soeben den Sinn des Lebens entschlüsselt.
„Und?“ Er verstand es nicht.
„Bedeutet, dass diese Geschichte noch eine sehr düstere und vermutlich übernatürliche Wendung nehmen wird.“
„Meinst du?“, fragte er zweifelnd.
„Ganz bestimmt!“, sagte Richard Berger.
Stephen
Stephen hatte keine Ahnung, wie lange sie jetzt schon durch die Gegend fuhren. Es war ihm auch egal. Er hatte sich auf die Schuhe gekotzt, und jetzt stank der ganze Wagen bestialisch nach Magensäure mit Dönerfleisch. Wortlos hatte der Fahrer sein Fenster einen Spalt weit geöffnet, und das blieb die einzige Reaktion des Mannes, der sein Gesicht hinter einer eckigen Sonnenbrille und einer dunkelblauen Baseballkappe verbarg, die er tief in die Stirn gezogen hatte.
Verdammte Scheiße, wieso war da eine Kugel im Lauf gewesen? Eine Kugel, die seinem Begleiter ein riesiges Loch in den Kopf gepustet hatte. Bei dem Gedanken an die grau-rote Hirnmasse und die umherfliegenden Knochensplitter musste Stephen sofort wieder würgen. Er versuchte, aus der billigen Kunstlederjacke zu schlüpfen; in dem Ding war es heiß wie in der Sauna. Dabei fiel ihm das Smartphone aus der Hand. Er musste sich zwingen, es wieder aufzuheben. Noch hatte er das Video nicht weitergeleitet. Er brauchte Zeit, um nachzudenken. Was für eine Scheiße lief hier ab? Der Typ war tot! Stephen hatte es erst gar nicht geschnallt. Er war so geschockt gewesen, dass er seine Rolle einfach weiterspielte, seinen einstudierten Text wiederholte, ja am Ende sogar herausschrie. Er hatte alles mit dem Smartphone aufgenommen, die ganze gequirlte Scheiße, von dem Moment an, als sie das Grundstück in der Wagnerstraße 6 erreichten und an der Tür unter dem Namenschild R. Berger klingelten. Er richtete das Smartphone auf seinen Begleiter, als der sich die Waffe in den Mund schob und abdrückte. Sogar als er tot auf dem Weg vor der Haustür lag, in einer riesigen Blutlache, mit offenen Augen, hielt Stephen noch drauf. Warum hatte Berger nicht einfach die zehntausend Euro gezahlt? Wieso hatten die Irren seinem Begleiter eine geladene Waffe gegeben? So war das doch gar nicht besprochen! Es hieß, sie sollten klingeln und drohen. Die Zielperson würde nicht gleich zahlen wollen, und dann sollte Stephen seinen Text aufsagen, ihn beleidigen und drohen. Sobald sein Begleiter die Waffe zücken und sich in den Mund schieben würde, wäre alles vorbei. Der Mann würde einknicken und zahlen. Stephen sollte das alles aufnehmen. Alles! Dann sollten sie in den Wagen springen, der an der Kreuzung zur Wilhelmstraße mit laufendem Motor auf sie wartete. Das Video per WhatsApp an die Nummer schicken, die auf dem Zettel unter der Adresse stand, und die zehntausend Euro dem Fahrer geben. Eine Stunde später würde Stephens Tochter wieder auf dem Spielplatz an der Rutsche sitzen, von wo diese Arschlöcher sie entführt hatten. Stephen hatte keine Ahnung, womit sie seinen Begleiter erpressten. Er war deutlich älter als Stephen. Vielleicht hatten sie das Enkelkind entführt. Oder die Ehefrau. Irgendeine solche Schweinerei wird es gewesen sein. Aber wieso hatten die ihm eine geladene Waffe gegeben? Stephens Angst wuchs ins Unermessliche. Was, wenn die seine Tochter nicht zurückbrachten? Mit zitternden Händen zog er den Zettel mit der Adresse und der Telefonnummer aus der Hosentasche. Er tippte die ersten Ziffern in sein Smartphone ein und erstarrte. Bergmann, Wagnerstraße 6, las er. Bergmann. Nicht Berger. Er stutzte.
Indessen starrte in der Wagnerstraße 9 ein gewisser Kurt Bergmann durch die Gardine auf die Straße. Er zählte fünf Polizeiautos, zwei davon zivil, alle mit Blaulicht. Ein Leichenwagen fuhr langsam an seinem Haus vorbei, der Beifahrer starrte auf seinen Hauseingang und schüttelte irritiert den Kopf. Ein Polizist lief auf den Leichenwagen zu und deutete mit der Hand auf ein Haus nur wenige Meter weiter. Bergmann atmete durch, nahm einen Nagel und einen Hammer, trat vor die Haustür und drehte die Hausnummer wieder in die korrekte Position. Wagnerstraße sechs.
Mit wackeligen Knien und schweißbedeckter Stirn taumelte Richard Berger in sein Büro.
Hinter sich verriegelte er die Tür. Schwer wie ein nasser Sack ließ er sich auf seinen Schreibtischstuhl sinken.
Hektisch und ziellos wurden Schubladen und Schränke aufgerissen und Dokumente und Akten herausgezogen. Bald türmte sich ein Papierberg inmitten des kleinen Büroraums, der sonst für Telefonate und Computerarbeit gedacht war.
Die Stimme des Mannes, der nun tot auf seiner Veranda lag, schallte in seinen Ohren und wiederholte sich in eindringlichem Stakkato: »Guten Tag. Bitte geben Sie mir zehntausend Euro, sonst muss ich mich umbringen.«
Etwas daran kam ihm so vertraut vor. Sie war markant, diese Stimme, die er lange nicht mehr gehört, aber nie vergessen hatte. Nein, das war unmöglich.
Wieso sollte er jemanden kennen, der so lebensmüde war und sich mitten am Tag, in einer belebten Straße, vor den Augen anderer Leute umbringt? Wie skurril, dass das Ganze auf Video aufgenommen wurde. Was hatten diese zwei Irren davon?
In der Ferne hörte er Sirenen. Dorothea hatte bereits den Notruf gewählt. Berger wurde zunehmend nervöser und manifestierte den Gedanken, die Polizei brauche mindestens zehn Minuten. Doch was, wenn sie schon auf dem Weg zu ihnen war?
Hastig riss er sich aus den Gedankengängen und widmete seine Aufmerksamkeit dem Blätterhaufen. Mit bebenden Händen zog er Akte um Akte heraus, bis ihm ein Blatt, vergilbt und eingerissen, ins Auge fiel. Es war eine Rechnung, deren Zahlen man nur mit Mühe erkennen konnte.
Die Erinnerungen stachen ihm ins Herz, wie zahllose Messerstiche.
Jetzt galt es zu handeln.
Ein dumpfes Pochen riss ihn aus seinen Gedanken. »Richard?«
Es war die Stimme seiner Frau.
»Die Polizei ist gleich da. Was machst du?«
Er schwieg.
Die Sirenen kamen näher. In der Stille erklang ein Geräusch, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ: das Klingeln seines Handys. Zögerlich griff er nach dem Gerät. Eine unbekannte Nummer. Er nahm ab. Schweigen.
Dann eine Stimme – bedrohlich und kalt:
»Es ist noch nicht vorbei, Herr Berger!«
Draußen löste sich ein etwas verdutzter Geist von seinem Körper. Mit leisem Entsetzen betrachtete er den blutigen Matsch an der Stelle, wo sich sein Kopf befunden hatte. Etwas, das ein Auge gewesen sein könnte, rollte auf den Kanaldeckel am Straßenrand zu. Gleich würde es durch einen der Schlitze fallen und im Abgrund für immer verschwinden. Diese Vorstellung erfüllte ihn mit Unbehagen. Er wollte das nicht. Immerhin war es ein Teil von ihm, er brauchte es noch … Oder nicht? Der dazugehörige Kopf machte im Augenblick nicht den Eindruck, als wäre er noch gebrauchsfähig. Ringsum Gewebefetzen, sehr viel Blut, dazwischen diese schleimige Masse; in der Umgebung verstreut ein paar Zähne sowie jede Menge undefinierbarer, äh … Dinge.
Gebremst von einem Bonbonpapier, blieb das Auge kurz vor dem Gully liegen. Auch wenn es ihn vorwurfsvoll anzublicken schien, auf eine glanzlose und unheilvolle Weise, weil er es gewagt hatte, seinen Kopf zu verlieren, spürte er tiefe Erleichterung.
Moment – sein Kopf? Wer war er? Wo war er?!
»Schöne Schweinerei«, hörte er eine kaum vernehmbare Stimme hinter sich. Überrascht drehte er sich um. Ein schmächtiges Wesen, in einen schmuddeligen Umhang gehüllt, stützte sich auf eine ziemlich abgenutzte Sense. Aus dem Dunkel der Kapuze drang ein Zungenschnalzen, wie er es von seiner Mutter kannte, wenn er was angestellt hatte. Sofort meldete sich sein schlechtes Gewissen.
»Ähm …«, setzte er zu seiner Verteidigung an, doch die Gestalt im Umhang unterbrach ihn mit einer abwehrende Handbewegung und wies mit der desolaten Sense nach unten.
Dort umrundete der Mann mit dem Smartphone äußerst gründlich das Ergebnis seiner Tat, filmte jeden Blutspritzer und jedes noch so kleine Detail auf dem besudelten Weg vor dem Haus. Das Auge am Gully hatte der Kerl noch nicht entdeckt, stellte er mit schadenfroher Befriedigung fest.
»War das nötig?«, kam es von dem Wesen im Umhang. Mit leisem Vorwurf blickte es auf die Überreste des Menschen, der er einmal war.
Oh nein! War!
Auf einmal wurde ihm die ganze Tragweite dieser Umstände bewusst. Müsste jetzt nicht eigentlich alles vorbei sein? Endlich Ruhe – Existenzängste und Beziehungsprobleme ade, schlimme Erkrankungen: Schnee von gestern, keine Geldsorgen oder nervige Zeitgenossen mehr, kein Spinat … »Bist du der Tod?«, flüsterte er.
»Nicht ganz.« Ein wenig verlegen schob der andere seine Kapuze vom Kopf. Unter vielen Narben blitzten zwei rabenschwarze Augen aus einem blutjungen Gesicht zu ihm herüber. »Ich bin die Aushilfe. In Teilzeit, gewissermaßen …«
»Wie bitte?«
»Na ja, Gevatter Tod ist zur Zeit enorm ausgelastet. Krankheiten, Selbstmordattentate, Kriege, Naturkatastrophen, Unfälle nicht zu knapp. Da musste ich eben einspringen …«
»Aushilfe?«, unterbrach er heftig. Hatte er nicht einmal den echten und wahrhaftigen Tod verdient? Ärger stieg in ihm hoch …
»Nicht!«, zischte der Aushilfs-Tod und schaute sich dabei hastig um. »Negative Gefühle locken sie herbei. Und eins kann ich dir garantieren: Die willst du nicht bei dir haben!«
Kurz dachte er an sein vermurkstes Leben und den ebenso vermurksten Tod. Warum war nicht endlich alles zu Ende? Was geschah hier mit ihm? War es das, was er wollte? Eine Existenz in diesem ungebetenen Nicht-Leben?
In der Ferne bemerkte er wabernde Dunkelheit, die sich auf eigenartige Weise näherte. Licht blitzte darin auf. Ein Gewitter? Die Realität, zumindest die, in der sich sein Körper befand, verschwamm allmählich, als ziehe sie sich hinter einen milchigen Schleier zurück.
»Oh nein!«, kam es erstickt von seinem Begleiter. Auch er hatte die Dunkelheit bemerkt. »Sie sind bereits im Anmarsch.«
»Blaulicht«, erkannte der Verstorbene. »Das wird die Polizei sein. Die sind bei so etwas immer prompt zur Stelle.«
»Das blaue Licht meine ich nicht«, drängte der junge Aushilfs-Tod. »Dazwischen. Das rote Glühen.«
»Oh.«
»Wir sollten hier verschwinden. Und zwar schnell!«
Nur zu gern. Verdammt! Sein Lebensende schien auch nicht einfach zu werden. Unter diesen Umständen hätte er auf die zehntausend Euro ohne Zögern verzichtet. Er fröstelte.
(c) Musenkuss
Der Geruch von nassem Gras und Benzin hing schwer in der Luft, Gruber runzelte die Nase, als er die kalte Klinke hinunterdrückte, die ihm den Weg in den Vorgarten freigab. Das Haus, eine stattliche Villa mit Fachwerkfassade, wirkte düster und bedrohlich im grellen Licht des Herbstmorgens. Vor der Haustür lag ein lebloser Mann, sein Schädel zerfetzt von einem einzigen Pistolenschuss. Neben ihm kniete ein junger Mann, ein Smartphone in der Hand, die Linse fest auf das Opfer gerichtet. Seine Augen waren leer und glasig, sein Körper steif.
Gruber beugte sich über den Toten. Der Mann trug einen grauen Pullover und Jeans, die Taschen waren leer. Die Hände lagen entspannt neben dem Körper, die Fingerkuppen jedoch färbten sich in einem unheimlichen Blau. »Cyanose«, flüsterte Gruber, ein Schauer lief ihm über den Rücken. Aber warum? Eine neue Droge? Ein tödliches Gift, das die Haut blau färbte? Er hatte schon unzählige Experten konsultiert, Toxikologen, Forensiker, sogar einen Chemiker der Goethe-Universität. Niemand konnte ihm eine Antwort geben. Das war schon der dritte Fall innerhalb weniger Monate mit dieser eigenartigen blauen Verfärbung.
»Kommissar«, sagte eine junge Frauenstimme hinter ihm. Es war Lena Müller, seine Assistentin. Sie blickte auf den Toten und dann zu dem jungen Mann neben ihm. »Was ist hier passiert?«
Gruber seufzte. »Das will ich auch gerne wissen.« Er richtete sich auf und wandte sich dem Handyfilmer zu. Der Junge starrte vor sich hin, sein Blick leer. Seine Hände waren ebenfalls blau verfärbt.
»Sie sind der Zeuge?«, fragte Gruber ruhig.
Der Junge nickte stumm.
»Können Sie mir erzählen, was passiert ist?«
Keine Reaktion. Der Junge schien in seinen eigenen Gedanken gefangen, die Pupillen geweitet und träge.
Gruber blickte den Toten noch einmal an. Die Waffe lag ein paar Meter entfernt, ein kleiner Revolver mit einem silbernen Griff. Der Schuss hatte perfekt ins Hirn getroffen. Ein klarer Selbstmord, dachte Gruber, doch die blauen Hände… Sie waren wie ein dunkler Schatten, der über diesem scheinbaren Suizid lag.
In diesem Moment kam ein kleines, graues Männchen aus dem Haus gerannt, seine roten Augen weit aufgerissen und voller Angst. Seine Moneygame-Krawatte hing zerknittert an ihm herunter. »Ich«, stammelte er, »ich.«
»Richard Berger«, informierte Lena ihn. »Es ist sein Haus. Er hat alles mit angesehen.« Die Miene der jungen Frau verdüsterte sich.
»Und?« Gruber nickte ihr zu. Lena schluckte schwer. »Und«, fuhr die junge Frau fort, »schon wieder zehntausend Euro.«
Grubers analytischer Verstand brauchte nur einen Moment, um eins und eins zusammenzuzählen. Dann sprang er auf.
»Gehen sie zurück ins Haus und verschließen sie die Tür«, bellte er Berger an. Er selbst machte drei Schritte zurück. »Rufen sie einen Krankenwagen und den Katastrophenschutz«, wandt er sich an Lena Müller. »Und das SEK. Niemand betritt oder verlässt dieses Haus. Niemand. Wenn es doch jemand versucht, wir er auf der Stelle erschossen.«
Im selben Moment hechtete der junge Mann zum Revolver.
Von Kiki T. Lee
…
„Mann, war das ein cooler Start“, murmelte Joe stolz. Er keuchte, war noch nie so schnell gerannt. „Jetzt geht’s erst richtig los. Mein Plan ist genial! Und die Bullen habe ich auch abgehängt. Geiler Tag!“
Erst nach Einbruch der Dunkelheit entschlüpfte er dem Dach der schützenden Brücke und kletterte die Böschung hoch. Er hatte Kohldampf.
In seinem Lieblingsimbiss war von nichts anderem die Rede, als von Eddy, der sich - angeblich in Lederklamotten – eine Kugel in den Kopf gejagt hatte.
„Echt?“, fragte er möglichst interessiert.
Biggi schob ihm den Döner über die Theke und bestätigte: „Aber voll! Bier? Schnäpschen? Auf den Schock … Geht aufs Haus.“
„Nee, jetzt nicht. Ich muss noch … Egal.“
Von hinten haute ihm Georg, die Saufnase, auf den Rücken, rief: „Was musst du denn schon? Hast du Verpflichtungen. Ha ha, da lach‘ ich doch. Hey wir feiern hier, nehmen Abschied. Biggi, ein Bier und nen Korn für Joe!“
Obgleich Joe es eilig hatte, oder gerade deswegen, wollte er nicht auffallen, griff zum Glas und leerte es auf einen Zug. „Der Schnaps ist für dich Georg. Hau rein! Bis die Tage … Danke Biggi.“
Unterwegs grübelte er. Ich muss flink sein, damit mein Plan aufgeht. Geil, dass es sich so schnell herumspricht. Er legte einen Zahn zu. Jetzt ist Frank dran.
Den fand er glücklicherweise in seinem Hauseingang. Er kniete sich hin und rüttelte ihn wach.
„Bist du besoffen? Ich will pennen!“ Frank schlug den fremden Arm weg und zog sich die stinkende Decke übers Gesicht.
„Ich bin’s, Joe. Hey Bro, du kannst dir nen Fuffi verdienen. Ist das cool?“
„Hä? Ja, aber nicht jetzt.“
„Nee“, sagte Joe, „aber gleich morgen früh. Los, pennste bei mir, sonst verschläfste. Komm, ich helf‘ dir!“
„Scheiße, was macht man nicht alles für nen Fuffi“, beschwerte sich Frank und kramte die wichtigsten Sachen zusammen.
Unter Joes Brücke angelangt, zeigte er seinem neuen Freund Frank echte Lederklamotten, sagte großzügig: „Für dich! Kannste morgen gleich anprobieren. Dann pfeifen dir die Ladys hinterher, wetten?“
Frank lachte verschämt. Ihm hatte noch nie eine Lady hinterhergepfiffen. Würde eine echte Lady so etwas überhaupt tun? Egal.
Zum Einschlafen erzählte ihm Joe, was heute passiert war, wunderte sich nicht, dass sein Kumpel noch nichts davon gehört hatte, der Obereigenbrödler.
„Krass!“, bestätigte Frank. „Und wer war das, der mit der Kugel?“
„Keine Ahnung“, log Joe. „Aber das ist unsre Chance! Kapierst du?“
Frank kapierte nicht.
„Pass auf, wir machen in aller Frühe, noch bevor die Leute zur Arbeit gehen, das gleiche. Was meinst du, wie schnell die ihre Kohle rausrücken. Oder glaubst du, die haben Bock auf ein Blutbad vor der eigenen Haustür? Die drücken uns die Knete in die Hand und sind froh, wenn wir verschwinden. Easy!“
„Und wieso krieg ich dafür nur nen Fuffi?“
„Weil das mein Plan ist. Okay, ich geb dir nen Hunni. Wir ziehen das eh mehrmals durch. Summiert sich. Und?“ Er langte rüber und klopfte auf Franks Decke. „Hand drauf!“
Frank überlegte kurz. Dann fragte er: „Hast du überhaupt eine Waffe?“
Joe zog den Arm zurück, antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Klaro! Ich hab sogar mehrere.“
„Echt jetzt?“
„Nee“, sagte Joe beruhigend, „ich hab nur eine. Die funzt zwar nicht, macht aber nix. Das wissen die ja nicht.“
„Wieso überfällst du nicht ne Bank?“
„Hä? Mit meiner Nummer können wir überall und nirgends auftauchen, verstehste?“
„Also“, wiederholte Frank, „du filmst und ich bin der mit der Waffe, ja?“
„Genau!“, bestätigte Joe. „Du siehst gefährlicher aus. Da pinkeln die sich in die Hosen.“
Frank holte tief Luft, blies sie hörbar aus und reichte Joe die Hand.
Während Frank schnarchte, sann Joe vor sich hin. Heute hatte es mit den 10 000 nicht geklappt. Aber morgen, garantiert! Und er war eine Nervensäge losgeworden. Hatte Eddy vorher gezeigt, dass die Knarre nicht geladen war, und das heimlich nachgeholt.
Erpressen wollte er Bergers, zusätzlich, mit dem Handy-Video. Aber das war bei genauerer Betrachtung gar nicht nötig. Ha – easy! In wenigen Stunden würde den Druck erhöhen. Okay, es gibt noch ein Opfer, na und? Wer würde Frank schon vermissen? Nicht mal Biggi und die Jungs im Schnellimbiss. Falls doch, erheben wir kurz das Glas, auf Frank – und jut is.
Joe drehte seinem Gast den Rücken zu. Frank stank. Joe war, bis zur Scheidung, etwas Besseres gewohnt und gewesen. Mit den 10 000 Euronen, nahm er sich vor, würde er umgehend nach Spanien fahren, seine Alte suchen und sich rächen. Genau!
…
Von Kiki T. Lee
Mit einem ekeligen Quietschen rutschte Bergers nackter Rücken an der Tür hinab. Sein Hemd hatte sich aus der Hose gelöst und schob sich haltlos bis zu den Schulterblättern hoch, während er langsam, aber unaufhaltsam immer tiefer sank. Kalter Schweiß lief in Rinnsalen über sein Gesicht und ein kleiner Tropfen hing an der Nasenspitze fest. Aus seinem halb geöffneten Mund drang ein hilfloses Stöhnen. Die Augen weit aufgerissen schaute er zu der schemenhaften Gestalt hinauf, die vor ihm stand.
„Dorothea?“ Der Name war nur ein Hauch auf seinen Lippen.
Die Gestalt hockte sich vor ihn, nahm seine Hände in ihre und streichelte sie. Vage nahm er die Zartheit dieser Finger wahr und der ebenso zarte Duft ihres Parfüms wehte ihm bei jeder Bewegung entgegen.
„Es ist alles gut, Richard“, sagte sie sanft, „ich bin bei dir.“
Alles gut?
Verwirrt senkte er den Kopf, versuchte den Nebel aus seinem Hirn zu vertreiben und wieder Herr seiner Gefühle zu werden. Wie konnte alles gut sein, wenn er schweißgebadet auf dem Boden saß und zitterte? Irgendwo gab es eine Lüge. Entweder die Person vor ihm log oder seine Gefühle – oder beides.
Langsam hob er wieder den Blick, suchte nach einem Gesicht, nach einem Anhaltspunkt, was hier geschah.
„Du hattest eine Vision, Richard, wieder mal.“ Dorothea seufzte. Oh mein Gott, sie war es tatsächlich! „Ich frage mich nur, warum das immer dann passiert, wenn wir zur Kirche wollen. Jetzt kannst du dich neu aufhübschen, Schatz“, fuhr sie fort.
Dann stand sie auf, streckte ihm ihre Hand entgegen und er ergriff sie. Immer noch leicht desorientiert ließ er sich hochziehen. Wie stark die zarten Finger plötzlich zugreifen konnten.
Als er stand, zog er seine Frau mit einem Ruck in seine Arme und drückte sie ganz fest.
„Danke“, flüsterte er. „Danke, dass du bei mir bist.“
Sie tätschelte seinen Rücken und ordnete ganz nebenbei sein Hemd.
Plötzlich stand alles wieder klar vor ihm. Die Visionen. Seit ungefähr einem Jahr waren sie fester Bestandteil seines Lebens. In unregelmäßigen Abständen brachten sie ihn fast um den Verstand und seinen Körper an den Rand einer Ohnmacht. Aber nichts dergleichen geschah tatsächlich. Es war, als wenn ein eingebauter Timer dafür sorgte, dass er nicht in seinen Visionen umkam.
Jedes Mal fühlte es sich an, als wenn er in eine andere Dimension eintauchte. Alles war so echt.
„Sie werden immer realistischer“, sagte er zu Dorothea und presste die Lippen aufeinander. Mit Grauen erinnerte er sich an das, was er gesehen hatte. Nein, nicht nur gesehen: Er hatte es gesehen, gehört, gerochen und … er hatte es gefühlt. Er hatte es durchlebt, als wäre es sein Leben.
„Ja“, erwiderte sie leise, „und sie werden häufiger.“ Der durchdringende Blick ihrer dunkelbraunen Augen suchte den seinen. „Richard, wir müssen mit ihnen sprechen.“
Abrupt wandte er sich ab und strich sich mit der Hand durch das Haar. „Nein.“ Er drehte sich wieder zu ihr. „Nein, Dorothea, nein. Wir schaffen das alleine.“
Der Mann mit dem Handy drehte sich um und verließ fluchtartig den Garten. Beinahe wäre er über das Gartentor gestolpert. Der Knopf in seinem Ohr piepte. « Ihr habt es versaut » sagte die Stimme, « der Ereignishorizont hat sich nicht verändert! Du bist der nächste Versuch. Wir brauchen die 10.000 EUR von einem der reichen Ärsche, Du fährst jetzt zu Christian Martinsen, dem Piloten »
« Wer war das? » fragte Dorothea und zog sich ihren Kaschmirmantel an, « Wozu brauchen wir die Polizei? »
Richard griff zu seinem iphone und wählte die Nummer 110. « Vor unserer Tür liegt ein Verrückter. Er hat sich umgebracht » keuchte er ins Telefon.
Wenige Minuten später brach der Vorhof der Hölle im Vorgarten der Bergers aus. Mehrere Polizeiwagen parkten kreuz und quer auf der Straße. Der mit eingeschalteter Sirene angebrauste Rettungswagen fuhr leise und unverrichteter Dinge wieder davon und machte dem Team der forensischen Abteilung platz.
« Kannten Sie Ihn? fragte Polizeihauptkommissar Ackermann und fischte seinen zerknitterten Noitzblock aus seinem grauen Staubmantel, den er achtlos über den Thonetstuhl mit Ratengepflecht, in der Küche der Bergers geworfen hatte.
Das Gespräch war wenig ergiebig und Nils Ackermann verließ mit der inzwischen eingetroffenen Kollegin Claudia Wolfinger das Haus.
Der Leichnahm lag, mit den Füßen noch auf dem Eingangspodest, auf dem schmalen Plattenweg.
Ackermann öffnete die Jacke des Toten und schreckte zurück. « Alle weg hier! » schrie er und zerrte seine Kollegen vehement zurück ins Haus.
« Was haben Sie gemacht? » schrie er und deutete auf den Zettel in seiner Hand.
(c) Cocolinacool Cornelia
»Ruf die Polizei«, sagte er dann mit bebender Stimme zu seiner Frau. Er blinzelte, als könne er die Bilder zurückdrängen, die sich in seine Netzhaut eingebrannt hatten. Die blutige Wolke, der fallende Körper, das Rot auf den Platten. Es war so schnell gegangen, ganz anders als in einem der Kriminalfilme, die er so gern ansah.
Und jetzt war es still. Keine dramatische Musik, kein weiteres Klingeln, kein Klopfen. Kein Wort von seiner Frau. Müsste sie nicht längst am Telefon sein?
»Dorothea«, rief er über die Schulter, brachte es noch nicht über sich der Tür – und damit den grausigen Ereignissen von eben – den Rücken zuzuwenden. »Dorothea?«
Ein leises Geräusch antwortete. Das Knarzen der Dielen, wenn sich jemand darüber bewegte.
Jetzt fuhr er doch herum, in der sinnlosen Angst, dass ihm der Mann mit der Kamera irgendwie gefolgt war und sich an ihn herangepirscht hatte. Aber es war nur seine Frau, die stumm im Flur stand und ihn anstarrte. Ihre Sonntagsbluse war schief geknöpft und sie war leichenblass im Gesicht. Kein Wunder, sie musste unter Schock stehen, so wie er.
»Ruf die Polizei«, wollte er wiederholen, doch seine Stimme versagte.
Denn Dorothea hatte den Zeigefinger gehoben. Der Blick ihrer geweiteten Augen war auf ihn gerichtet. Nicht ängstlich, sondern anklagend. Sie zeigte auf ihn.
»Ich wusste es«, sagte sie heiser. »Ich wusste, dass du dich so entscheiden würdest.«
Der Streifenwagen traf kurz nach Dorotheas Notruf ein. Die beiden Beamten fuhren ohne Sondersignale vor – wer brauchte schon einen Menschenauflauf am Sonntagmorgen?
Berger erwartete die Polizisten in Uniform am schmiedeeisernen Gartentor. Dorothea beobachtete alles vom Haus aus. Richard spürte ihren prüfenden Blick durch die Maschen der Gardine hindurch.
Der führende Beamte erblickte das Opfer in der Blutlache und machte keine Anstalten für Wiederbelebungsversuche: „Der ist hin.“ Er zückte den Polizeifunk. Während er mit der Zentrale redete, blickte er fragend auf: „Selbstmord, sagen Sie?“
„Was denn sonst?“, entrüstete sich Richard, dessen Anspannung ein Ventil brauchte. „Glauben Sie etwa, dass ich selbst …?“
Der zweite Beamte legte beruhigend die Hand auf Bergers Schulter.
Weitere Wagen trafen ein. „Mein Name ist Leonie Wilke“, stellte sich die Kommissarin vor. „Das ist mein Kollege Ansgar Boldt. Wir kümmern uns um Ihre Situation.“ Ihre Stimme klang wie warmer Honigtee an diesem kalten Tag.
„Lebenszeichen?“, fragte sie den Beamten in Uniform beim Anblick des Toten.
Der Polizist schüttelte unmerklich den Kopf. „Forensik kommt gleich.“
Wilkes Aufmerksamkeit wechselte zurück zu Richard: „Können wir reingehen?“
Auf dem Weg ins Haus studierte Boldt sein Mobiltelefon und zeigte es wortlos der Kommissarin. „Auch das noch. Die Kollegen von der Streife sollen Verstärkung anfordern“, sagte sie kaum hörbar, sodass Berger nur ein Tuscheln wahrnahm.
Boldt machte ein Zeichen zu den Uniformierten hin. Die griffen abermals zum Polizeifunk.
Drinnen bot Dorothea der Kommissarin und ihrem Kollegen Kaffee an. Wilke nippte nur kurz an der Tasse, während sie mit dem Ehepaar ein paar Worte zum Warmmachen wechselte. Komisch, dass die Polizistin darauf bestand, dass die Bergers in ihrem offenen Wohnzimmer mit dem Rücken zur Straßenseite sitzen sollten.
Die Unterhaltung kam voran. Richard schilderte den morgendlichen Hergang an der Haustür.
„Kannten Sie die Männer?“, fragte Wilke.
„Nein, nie gesehen. Und um Ihnen die nächste Tatort-Fernseh-Frage zu ersparen: Wir haben keine Schulden bei irgendjemandem, das Reisebüro läuft gut und wir sind in nichts verwickelt.“
„Gut zu wissen“, rang sich Wilke ein kurzes Lächeln ab. Sicher war Bergers Ansage genauso für die Gattin wie für die Polizei bestimmt.
„Haben Sie eine Idee, wo die Pistole geblieben ist, die der Tote abgefeuert hat?“, hakte Boldt in den Fragekanon ein. Er hob die Stimme, um den stetig aufbrausenden Lärm vor dem Haus zu übertönen.
„Keine Ahnung“, antwortete Richard wahrheitsgemäß. „Alles ging so schnell. Bestimmt hat sie der Jüngere mitgenommen.“
„Das passt schon“, lenkte die Kommissarin ein. „Wir werden einen kleinen Test auf Schmauchspuren bei Ihnen durchführen. Das ist alles. Ich schicke eine Nachricht an die Kollegin Greve von der Forensik draußen.“
Prompt klingelte es an der Tür. Boldt öffnete und herein kamen Lärm und die besagte Frau Greve. Und sie hatte einen graubärtigen Mann im Schlepptau.
„Darf ich vorstellen?“, sagte die Forensikerin, „der Tote.“
Die Hausherren warfen gleichzeitig die Köpfe zum Eingang herum.
Dort stand höchstlebendig der ältere der beiden Eindringlinge von heute, der soeben noch reglos in seiner Blutlache gelegen hatte. Richard fiel die Kaffeetasse aus der Hand und zerschellte scheppernd auf dem Tisch. Schade, denn es war gutes Porzellan, das Dorothea nur für besondere Anlässe ans Tageslicht holte.
„Wie um alles in der Welt …“, brach es aus Richard heraus. Gut, heute war Sonntag und er sollte längst in der Kirche sitzen, aber gleich eine Auferstehung? In seinem Haus?
„Wiederholen Sie gegenüber der Kommissarin, was Ihr Beruf ist“, sagte Greve und gab dem Auferstandenen einen Stups.
„Schauspieler.“
„Und?“, stupste Greve erneut.
„Mit einer Spezialisierung für Spezialeffekte.“
„Kunstblut?“, fragte Wilke und fuhr über den „explodierten“ Hinterkopf des Schmierenkomödianten. „Mit Knall und rötlich-grauer Wolke?“
Greve nickte.
„Dann müssen wir auch keine Schmauchspuren aufnehmen“, sagte Wilke zu den Bergers gewandt.
Richards vom Druck befreiten Sinne nahmen jetzt den Lärm draußen wahr. Er ging zum Fenster, zupfte an der Gardine. „Was machen all die Leute hier?“
Hinter der Polizeiabsperrung hatte sich eine Hundertschaft an Wutbürgern formiert, die „Mörder! Mörder!“ skandierten und die Wilkes Sitzordnung bis hierhin vor den Blicken der Hausherren verborgen hatte.
„Wie kommen die alle hierher?“, entrüstete sich Dorothea.
Ermittler Boldt zog sein Smartphone aus der Tasche und zeigte dem Ehepaar die Aufzeichnungen des jüngeren Eindringlings von heute früh, die es ins Netz geschafft hatten. „Das ist viral gegangen, wie man heutzutage sagt.“
Der Scheintote wurde abgeführt. Er grüßte zur Meute. Die johlte noch lauter.
„Sie sind vermutlich Aktivisten auf den Leim gegangen. Vielleicht müssen wir Sie umsiedeln, nur für eine Weile“, besänftigte Wilke das Ehepaar inmitten dessen eigener Festung, deren Mauern bröckelten.
Der Krach erreichte neue Höhen, als die Demonstranten Richards Gesicht hinter der Scheibe sahen.
In den Trubel hinein brach ein Schuss. Er zerbarst die Fensterscheibe in tausend Scherben.
Wilke und Boldt warfen sich auf Richard, um ihn vom Fenster wegzuziehen und zu schützen. Da schnitt schon der zweite Schuss durch das einsetzende Panikgeschrei der Demonstranten hindurch und schlug an der hinteren Wohnzimmerwand ein.
Richard ging hart zu Boden, zugedeckt von den beiden Staatsschützern.
Draußen quietschten Reifen. Ein Auto fuhr mit Vollgas davon.
„Sind Sie verletzt?“, fragte Wilke atemlos.
Richard wischte sich die Glassplitter aus dem Gesicht, klopfte im Aufstehen über seinen Bauch und seine Brust. Alles war noch da. Nur die Krawatte zierte ein Riss – mitten im goldfarbenen Eurozeichen. „Es geht mir gut“, log er. „Ich bin unverletzt“, wurde er präziser.
Auch die Kommissarin kam wieder auf die Beine. „Ich weiß nicht, wer Ihnen die zwei Besucher heute früh und die Gesellschaft da draußen geschickt hat“, sagte sie. „Aber irgendjemand in der weiten Welt hat Sie zum Feind auserkoren, Herr Berger.“
»Ich bin die Polizei, schon vergessen?« Ihre Stimme war ruhig, aber kalt. Sie legte das Gesangbuch auf das Schränkchen im Flur, öffnete die Schublade darunter und holte ihre Dienstwaffe hervor. Dann drängte sie sich entschlossen an ihrem Mann vorbei und riss mit der Waffe im Anschlag die Haustür wieder auf. Berger wich unwillkürlich zurück, unsicher, wie in Trance. Er schien nicht begreifen zu können, was sich soeben vor seinen Augen, vor in seinem Vorgarten abgespielt hatte.
Dorotheas Blick fiel auf den reglos am Mann am Boden liegenden Mann und ihre professionelle Routine übernahm sofort. Sie kniete sich neben ihn, legte ihre Waffe beiseite und drückte zwei Finger an seinen Hals, um den Puls zu kontrollieren.
»Ruf einen Krankenwagen und die Kollegen der Kripo. Sofort!«, befahl sie, ohne ihn anzusehen. Ihre Stimme war lauter, schneidender als zuvor. Prüfend sah sie sich um, doch die hohen Lebensbäume rechts und links im Vorgarten, schützen vor neugierigen Blicken der Nachbarn.
»Lebt er noch?«, stammelte Richard, während er hektisch auf seinem Smartphone tippte. »Er hat zehntausend Euro von mir verlangt, ansonsten müsse er sich umbringen, hat er gesagt. Es waren zwei. Der andere hatte einen ausländischen Dialekt. Der hat alles mit seinem Handy gefilmt.«
Aber sie hörte ihm nicht mehr zu. Ihre Augen fixierten den Mann, und plötzlich veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Die strenge Maske der Polizistin fiel für einen Moment, ihre Augen weiteten sich, und ein Laut, der an einen unterdrückten Schrei erinnerte, entkam ihren Lippen.
»Berger hier. Kommen sie bitte sofort Lilienstraße 10. In unserem Vorgarten hat sich jemand erschossen. Dorothea, ihre Kollegin, also meine Frau ist bereits vor Ort. Ich meine, sie wohnt ja hier.“ Richard merkte, wie er keinen anständigen Satz zustande bekam und räusperte sich. Entschuldigend blickte er zu seiner immer noch am Boden knieenden Frau und bemerkte ihren bestürzten Gesichtsausdruck. Er drückte das Handy kurz an seine Brust. »Was ist los? Kennst du den Mann?«
Sie überhörte seine Frage, und versuchte, die Fassung zu bewahren. „Hol bitte eine Decke aus der Kommode im Schlafzimmer. Ich möchte nicht, dass jemand von der Straße aus bei uns im Vorgarten eine Leiche zu Gesicht bekommt.“
Richard nickte zustimmend, wandte sich um und rief ins Telefon: „Ich sagte Lilienstraße 10, herrjeh! Und bitte beeilen sie sich.“
Der Mann vor ihr war tot. Und sie kannte ihn. Es war ihr Liebhaber. Hecktisch griff sie in die Innentasche seiner Jacke, fand das gesuchte Handy und steckte es hastig in ihre Hosentasche. Dann drehte sie die Leiche auf die Seite, um an die rechte Gesäßtasche der Jeans zu gelangen. Sie wusste, dass er sein Portemonnaie immer dort bei sich trug. Schnell ließ sie es ebenfalls in ihrer Hosentasche verschwinden.
»Schatz?« Bergers Stimme holte sie zurück in die Gegenwart. Er klang irritiert und reichte ihr die gewünschte Decke. »Kennst du diesen Mann?«, wiederholte er seine Frage.
Wieder ignorierte sie diese und wischte sich verstohlen über die Augen, erhob sich und nahm ihm die Decke ab, um sie über die Leiche zu drapieren. »Kannst du den anderen Typen beschreiben?«
Berger beobachtete, wie sie methodisch vorging, als sei sie bei der Arbeit und nicht in ihrem eigenen Vorgarten. »Mittelgroß, dünn, vielleicht dreißig. Hatte 'ne Handyhülle mit Totenkopf drauf. Schwarze Jacke…«
Aus der Ferne waren Sirenen zu hören. Dorothea hob die Hand. »Stopp, meine Kollegen sind im Anmarsch. Die können das gleich aufzeichnen«, unterbrach sie und bückte sich, um ihre Waffe aufzuheben. »Ich bringe die nur kurz rein.«
„Warum durchsuchen die unser Haus?“, fragte Berger und deutete auf die kräftigen Männer in Cargo-Hosen, die durch die Zimmer liefen, Schränke und Schubladen aufrissen und sie durchwühlten. Er blickte seinen Anwalt verzweifelt an. „Tun sie doch bitte was dagegen! Ich will diese Menschen hier nicht haben!“
Die Bergers saßen nebeneinander auf dem Wohnzimmersofa: Richard und Dorothea an den Enden, in der Mitte die sechzehnjährigen Zwillinge Dina und Jonas.
Ihnen zugewandt im Fernsehsessel saß Familienanwalt Dr. Truss, der als einziger einen entspannten Gesichtsausdruck hatte. Mit ruhiger Stimme sagte er zu Richard: „Es liegt ein Toter vor Ihrer Tür. Das zieht gewisse Aktivitäten der Polizei nun mal nach sich.“
„Aber wir haben doch mit der ganzen Sache gar nichts zu tun?“, sagte Dorothea Berger. „Wir haben diesen Verr…, diese verwirrte arme Seele, noch nie im Leben gesehen.“
„Das glaube ich Ihnen.“
„Aber es kann doch nicht recht sein, dass die Polizei in unsere Privatsphäre eindringt, nur weil irgendein Mensch, zu dem wir keinerlei Verbindung haben vor unserer Haustür durchgedreht ist! Da müssen Sie doch was gegen tun können! Es gibt doch Gesetze, dass die Polizei nicht gegen Unschuldige ermittelt, oder?“
„Rein juristisch betrachtet haben Sie recht“, sagte der Anwalt. „Juristisch gesehen wäre es nicht kompliziert, die Polizei aus dem Haus zu werfen. Kein plausibler Anfangsverdacht gegen Sie, damit kein Grund für eine Durchsuchung etc. etc. Der Gesetzgeber schützt sie da durchaus. Aber ihr Problem ist kein juristisches.“
„Was meinen Sie damit?“
Truss lächelte müde und bedachte die Bergers mit jenem Blick, den Anwälte bekamen, wenn sie mit Menschen sprachen, die keine Ahnung hatten, wie es in der wirklichen Welt zuging. Er holte tief Luft und sagte: „Lassen Sie mich Ihnen Ihre Lage noch einmal von Anfang an erklären. Vor weniger als drei Stunden hat sich ein Ihnen völlig unbekannter Mann vor Ihrer Haustür umgebracht. Sich erschossen, weil Sie ihm nicht die zehntausend Euro gegeben haben, die er zuvor von Ihnen gefordert hatte.“
„Aber das war doch eine völlig absurde…“, begann Berger. Aber er verstummte, als Truss ihm mit einer ungeduldigen Handbewegung das Wort abschnitt.
„Dieses Ereignis wurde von dem bekannten Live-Streamer Matze Stahl mit dem Smartphone live auf seinem Kanal übertragen und von hunderttausenden Followern gesehen.“
„Wow, Matze Stahl hat auf unserem Grundstück gestreamt?“ Jonas, der bisher ausgesehen hatte, als würde er alles nicht so recht mitbekommen, hatte nun glänzende Augen. Er begann sofort etwas in sein Smartphone zu tippen.
„Kennst du den etwa?“, fragte Richard.
„Jeder kennt Matze Stahl“, sagte Dina. „Der hat den krassesten Live-Channel. Er überfällt ahnungslose Menschen mit der Kamera und konfrontiert sie mit irgendwelchen absolut ekelhaften Dingen. Das streamt er und seine Follower amüsieren sich darüber, wie die Leute austicken. ‚Triff den Stahl, kotz im Strahl‘ ist sein Motto.“
„Da macht er keine leeren Versprechungen“, murmelte Richard. Tatsächlich hatte er sich in den Schirmständer übergeben, während seine Frau die Nummer der Polizei wählte.
„Aber dass sich jemand in seinem Stream erschossen hat, habe ich noch nie gehört“, sagte Dina. „Es gab schon wirklich scheußliche Aktionen, aber dass einer stirbt ist neu. Wahrscheinlich steht er unter Druck seine Follower mit immer drastischeren Sachen bei der Stange zu halten.“
„Ich weiß nicht, was mich mehr erschüttert“, sagte Dorothea. „Dass es sowas gibt oder dass meine Kinder sich so etwas anschauen. Und warum stoppt niemand diesen Menschen. Das kann doch nicht legal sein!“
„Nun, Herr Stahl hat eine Rechtsberatung, die ich in professioneller Hinsicht nur bewundern kann“, sagte der Anwalt. „Er schafft es immer, sich so abzusichern, dass er nicht belangt werden kann.“
„Er hat einen Menschen dazu gebracht, sich für seine alberne Internet-Sendung umzubringen“, fauchte Richard. „Dafür kann er nicht belangt werden?“
„Das wird sich zeigen“, sagt Truss. „Aber ich bin sicher, dass sich herausstellen wird, dass dieser Mann das völlig freiwillig getan hat und man Stahl nicht nachweisen kann, dass er zuvor geahnt hat, wie sich die Dinge entwickeln würden.“
„Warum sollte einer so etwas freiwillig tun?“, sagte Richard. „Das macht doch gar keinen Sinn.“
Der Anwalt blickte eine Weile schweigend auf Richards grüne Krawatte mit den Euro-Zeichen. Schließlich sagte er: „Sie sind ein wohlhabender Mann, Herr Berger. Wieviel haben sie dafür geopfert?“
„Wie meinen Sie das?“, fragte Richard.
„Wie viel haben sie geopfert, damit ihr Bankkonto so gut gefüllt ist? Ihre Portfolios so wohlgeordnet? Auf wie viele Dinge, die sie gerne getan hätten, haben sie verzichtet, um ihr Vermögen zu mehren?“
Stille. „Auf viele“, sagte Richard schließlich. „Auf sehr viele.“
„Sehen Sie? Jedes Mal, wenn Sie die Nächte durchgearbeitet haben, obwohl sie bei ihrer Frau hätten liegen können, jedes Mal, wenn Sie wichtige Ereignisse im Leben Ihrer Kinder verpasst haben, weil sie in einem wichtigeren Meeting waren, jedes Mal, wenn Sie ihrer Gesundheit geschadet haben, weil sie sich noch ein bisschen mehr aufgebürdet haben als gut für sie war – jedes Mal haben sie ein Stück von sich selber umgebracht. Für etwas, dass sie dafür bekommen wollten. Für Geld. Ist es da so schwer zu verstehen, dass ein Mensch sich ganz und gar umbringen kann, für etwas, das er bekommen möchte?“
„Was zum Teufel hat er denn bekommen!“, sagte Richard.
„Aufmerksamkeit“, sagte der Anwalt. „Das knappste und wertvollste gut in unserer Zeit.“
„Aber…“, begann Richard, doch der Anwalt fuhr unbeirrt fort.
„Aufmerksamkeit, gesehen werden, einmal richtig wahrgenommen werden in einer Welt, die einen nicht kennt. Wer nicht gesehen wird, der existiert nicht.“ Truss blickte in die Ferne und es war nicht klar, zu wem er nun sprach. „Wir alle möchten in unserer Einmaligkeit wahrgenommen werden. Aber niemand sieht uns. Wir sind fallende Bäume in einem Berkeleyschen Wald, aber niemand hört uns. Wir tun alles um als Person erkannt zu werden, aber wir sind nur ein Funkeln im Meer der heischenden Lichter, die mit uns um Aufmerksamkeit konkurrieren. Einmal gesehen werden, einmal eine Spur hinterlassen im Gedächtnis der anderen, oh ja, dafür kann es sich lohnen, zu sterben.“
Vier Bergers blickten den Anwalt mit offenen Mündern an.
Der fand wieder in die Gegenwart zurück, räusperte sich und sagte: „Nun, was ich damit ausdrücken möchte, ist, dass eine leicht beeinflussbare Person sich durchaus dazu bringen lässt, so etwas zu tun, wie sie es heute erleben mussten. Und Matze Stahl ist sehr gut darin, Menschen zu beeinflussen.“
„Ich verstehe immer noch nicht, warum, verdammt noch mal das jetzt mein Problem ist. Soll die Polizei doch bitte bei Herrn Stahl ermitteln!“
„Warum, Herr Berger, das durchaus Ihr Problem ist, und zwar ein ganz gewaltiges, will ich Ihnen in Kürze darlegen. Warten Sie noch etwas ab.“ Er nahm sein Smartphone, und wählte einen Kontakt. „Lisa, haben sie die Medienanalyse fertig? Gut, dann kommen Sie bitte dazu.“
Kurz darauf erschien die Assistentin des Anwalts, Nerdbrille, Minirock und Laptop. Sie setzte sich neben Truss auf die Lehne des Fernsehsessels und sagte: „Ich habe ausgewertet, wie das unvorteilhafte Ereignis in Ihrem Vorgarten, im Übrigen mein Beileid dazu, Herr Berger, ins Internet übertragen und wie es sich dort verbreitet hat.
Zeitpunkt Null: Livestream von Matze Stahl direkt aus ihrem Garten. Ihre Interaktion mit dem Bittsteller und ihre Weigerung ihm Geld zu geben wird von fünfundsechzigtausend Menschen live auf Stahls Kanal verfolgt. Ebenso natürlich das finale Kopfschussereignis. Mittlerweile wurde die Aufzeichnung des ganzen von knapp fünfhunderttausend Menschen gesehen.
Bereits dreißig Minuten nach der Episode im Vorgarten hat Stahl einen Live-Chat gestreamt, indem er das Ganze mit Gästen ausgewertet hat. Oder, um es genauer zu sagen, er hat Sie, Herr Berger, nach Strich und Faden getrasht. Hat kein gutes Haar an Ihnen gelassen. Sie als Kapitalisten, als Geizhals, gar als Mörder hingestellt. Die Zuschauerkommentare im Chat möchte ich hier nicht wiedergeben, aber sie waren nicht positiv, um es sehr zurückhaltend auszudrücken. Ich habe daraufhin bereits einen Sicherheitsdienst für sie engagiert. Rechnung schicke ich Ihnen zu.“
„Was?“, sagte Richard, „aber ich habe doch niemandem etwas…“
“Zwei Stunden nach dem Ereignis“, fuhr die Assistentin fort, „gab es mehr als einhundert Reaction-Videos auf diversen Plattformen. Diese kann man in drei Gruppen einteilen: Ihre Hater…“
„Meine Hater?“ ächzte Richard.
„Ihre Hater, Herr Berger, Menschen, die sie für den Tod des Mannes verantwortlich machen und sie dafür oder auch aus anderen Gründen hassen und Ihnen ebenfalls den Tod wünschen.“
„Was für andere Gründe?“ Richard war jetzt dem Weinen nahe.
„Eine lange Liste, die ich Ihnen in Tabellenform zukommen lassen werde. Dann gibt es die zweite Gruppe: Das sind ihre Unterstützer. Für diese Menschen sind sie ein Held, der sich nicht erpressen lässt. Diese Gruppe ist allerdings kleiner. Und dann gibt es noch die Unentschiedenen, die sich nicht festlegen wollen, wie Ihr Verhalten zu beurteilen ist. Dazu gehört zum Beispiel auch Ihr Pastor.“
„Unser Pastor?“ riefen Richard und Dorothea gleichzeitig.
„Ich zeige es ihnen.“ Die Assistentin drehte den Laptop herum und startete ein Video. Darauf war tatsächlich der Pastor der Kirchengemeinde zu sehen, die Richard und Dorothea heute eigentlich hatten besuchen wollen. Gerade sagte er in die Kamera: „Wie ihr seht, liebe Geschwister, es macht mich betroffen, dass ein Mitglied meiner Gemeinde sein Herz so im Geiz verhärtet hat, dass ein Mensch in Not vor seiner Haustür zu Grunde geht. Ist es nicht wie im Gleichnis vom Reichen Mann und armen Lazarus? Was denkt ihr, liebe Gemeinschaft? Schreibt es in die Kommentare und lasst ein Like und ein Abo für diesen Kanal da.“
„Du Judas“, fauchte Richard. „Du kriegst von mir keine Spenden mehr!“
„Ich könnte noch lange fortfahren“, sagte die Assistentin, „aber ich fasse es kurz zusammen: Sie sind eine Internetberühmtheit, Herr Berger, die ganze Welt spricht und urteilt über sie.“
„Das ist der Prozess, dem sie sich stellen müssen“, fuhr Anwalt Truss fort. „Und den können Sie nicht mit juristischen Mitteln gewinnen.“
„Ich muss mich gar nichts stellen“, kreischte Richard. „Diese Bekloppten können mich alle mal! Wir fahren vier Wochen weg und dann hat sich der Spuk hoffentlich beruhigt!“
„Es wäre schön, wenn das so einfach wäre. Aber virtuelle Berühmtheit hat leider handfeste Konsequenzen in der realen Welt. Schauen sie doch mal in Ihre E-Mails. Ich möchte wetten, dort können Sie schon etwas von diesen Konsequenzen finden.“
Richard holte sein Smartphone hervor und begann zu lesen. Seine Mine verfinsterte sich zusehends.
Seine Stimme klang matt, als er das Smartphone weglegte: „Der Aktionärsverband bittet mich, nicht zur nächsten Vorstandssitzung zu erscheinen“, sagte er. „Man möchte vorerst nicht mit mir assoziiert werden. Zwei Zeitungen wollen unsere Anzeigen nicht mehr schalten.“
„Oh Richard“, sagte Dorothea und streckte die Hand aus.
„Und die Putzfrau hat auch gekündigt.“
„Das ist erst der Anfang“, sagte Truss unbarmherzig. „Ihr Leben wird sich verändern, zum Guten oder zum Schlechten, je nachdem, wie die Öffentlichkeit auf sie blickt. Momentan würde ich sagen, eher zum Schlechten. Sie sind dabei, alles zu verlieren, was sie sich aufgebaut haben.“
„Aber ich bin völlig…“
„Irrelevant“ sagte der Anwalt. „Die Öffentlichkeit konstruiert sich ein Bild von Ihnen wie sie will. Ein Bild, das nichts mit den Tatsachen zu tun haben muss. Trotzdem wird es ihr Leben bestimmen.“
Richard vergrub die Hände im Gesicht. Schließlich sagte er: „Ich verstehe immer noch nicht, warum deswegen die Polizei mein Haus durchsucht.“
„Oh, man unterstellt ihnen online sowieso schon alles Mögliche“, sagte die Assistentin. „Es gibt zum Beispiel einen Thread auf Allmystery ‚Welches Geheimnis verbirgt sich hinter den Mauern des Berger-Hauses?‘. Die Theorien gehen von Wirtschaftskriminalität bis hin zu ziemlich unappetitlichen Dingen. Für Unbeteiligt hält sie da aber keiner.“
„Deswegen“, sagte Truss müssen wir in die Offensive gehen. „Wenn die Polizei Ihr Haus durchsucht und nichts findet, als den üblichen Beifang, können wir die schlimmsten Vorwürfe schon mal entkräften.“
„Was für Beifang?“ ächzte Berger.
„Nun, den nur leicht kompromittierenden Kleinkram, den man bei jeder Hausdurchsuchung findet. Schlüpfrige Bildchen, illegale Reisesouveniers, die Drogen der Teenager und dergleichen. Nichts, was PR-mäßig nicht zu handeln wäre.“
Die Zwillinge saßen mit feuerroten Köpfen da, während Richard und Dorothea nach Luft schnappten.
„Viel wichtiger ist“, fuhr der Anwalt fort, dass wir jetzt richtig framen. Wir müssen das Geschehene so erzählen und in die Öffentlichkeit bringen, dass wir genug Menschen auf Ihre Seite ziehen. Lisa arbeitet bereits an einer Storyline, bei der sie gut wegkommen. Ganz ohne öffentliche Buße geht es natürlich nicht. Sie müssten schon Nachdenklichkeit zeigen und etwas für die Familie des Toten spenden.“
„Einen Scheißdreck werde ich“, sagte Richard.
„Sie müssen der Öffentlichkeit etwas geben, damit sie etwas von ihr bekommen“, sagte der Anwalt. „Es geht nicht um Ihren Stolz, es geht auch nicht um die Wahrheit. Es geht nur um das Bild, das die Menschen von Ihnen haben. Wenn das nicht stimmt, sterben Sie den sozialen Tod!“
„Gewinne die Menge und Du bekommst deine Freiheit“, murmelte Dina.
„Genau“, sagte Truss. „Ihre Tochter hat es verstanden. Sie sollten auf sie hören.
„Also gut“, sagte Richard. „Was soll ich tun?“
„Nun, zuerst veröffentlichen wir ein Video mit Ihnen, auf dem sie öffentlich ihr Bedauern über den Tod des armen Mannes kundtun. Sie werden sich nicht entschuldigen, sondern darauf beharren, dass Sie im Recht waren, sonst verprellen wir Ihre Supporter. Dennoch werden Sie in einem Akt der Fürsorge versprechen, dass Sie seiner Familie die doppelte Summe zukommen lassen werden. Damit entkräften wir den Vorwurf, dass Sie ein Geizhals sind.“
Richard ballte die Fäuste, sagte aber nichts.
„Dann werden wir sie auf eine Tour durch die Channels Ihrer Unterstützer schicken. Dort können Sie ihre Version der Geschichte erzählen. Das heißt, die Version, die wir noch für Sie entwerfen werden. Und dann können wir nur hoffen, dass wir die Mehrheit der Menschen für Sie gewinnen.“
„Bleibt mir eine Wahl?“, fragte Richard finster.
„Nein“, sagten Truss und seine Assistentin gleichzeitig.
„Doch“, sagte Dina.
Alle blickten sie an.
„Ich habe eine viel bessere Idee“, fuhr Dina fort. „Mit dem, was mir vorschwebt, werden wir nicht nur die Öffentlichkeit für uns gewinnen und Papas guten Ruf wiederherstellen. Wir werden es auch Matze Stahl heimzahlen und ihm ein für alle Mal das Handwerk legen.“
Schweigen.
„Sprich weiter“, sagte Truss schließlich. „Was genau hast du vor?“
Als ich die letzte Zeile las, sah ich Riley verwundert an, denn sie sagte mir, sie hätte eine Geschichte geschrieben, aber es war gerade einmal der Anfang eines Romans oder einer Kurzgeschichte. Das Ende war offen und es wurde überhaupt nichts aufgeklärt. Als hätte sie einfach mittendrin beschlossen, dass sie keine Lust mehr hatte. Zudem las es sich wie ein Thriller und Riley hasste dieses Genre. Irgendetwas passte nicht zusammen.
“Und was sagst du?”, wollte sie wissen und beugte sich neugierig nach vorne.
“Naja… also es liest sich echt super, aber bist du dir sicher, dass das alles ist? Meintest du nicht, sie sei fertig? Und seit wann schreibst du Thriller”, fragte ich meine beste Freundin zögerlich.
Ich wollte ihre Gefühle nicht verletzen, indem ich ihr direkt sagte, dass sie das Ende niemals so lassen durfte. Vielleicht hatte ich auch nur etwas falsch verstanden. Riley hatte auf jeden Fall Talent zum Geschichtenerzählen. Dass sie sich an anderen Genres ausprobierte, musste ja nichts heißen. Ihre bisherigen Texte hatte ich immer verschlungen und ich wollte sie dazu ermutigen, sie eines Tages an Verlage zu schicken.
“Ich habe nie gesagt, dass das alles ist”, antwortete Riley schulterzuckend, dabei war ich mir da fast sicher.
Meine beste Freundin schien zu merken, dass ich überlegte und fügte hinzu: “Außerdem muss der Rest der Geschichte nicht aufgeschrieben werden. Ich wollte mir nichts ausdenken. Deine echte Reaktion ist doch viel besser!”
Riley klatschte aufgeregt in die Hände und das Grinsen, dass sich nun auf ihrem Gesicht ausbreitete, hinterließ Gänsehaut auf meinen Armen.
Es war zu breit und unnatürlich. So hatte ich Riley noch nie gesehen, doch sie saß an meinem Küchentisch, als wäre alles völlig normal. Als würde sie nicht gerade Wirres Zeug reden und sich völlig anders benehmen.
“Was… was meinst du damit? Du weißt, dass du dich nicht automatisch gruselig benehmen musst, nur weil du jetzt solche Geschichten schreibst oder?”, meinte ich spaßeshalber, da Riley dazu neigte für eine Weile die Persönlichkeit ihrer Charaktere zu übernehmen. Angeblich würde es ihr dabei helfen, die Protagonisten besser zu verstehen.
“Du wirst es gleich herausfinden, keine Sorge”, sagte Riley und erhob sich langsam von ihrem Stuhl.
Bevor ich ahnen konnte, was sie vor hatte, lief sie auch schon zum Küchenblock und nahm sich seelenruhig eines der großen Messer, die dort standen und drehte sich zu mir um.
Sie wendete es hin und her. Betrachtete die Klinge, die vom Licht der Glühbirne reflektiert wurde, und schließlich fand ihr Blick wieder meinen.
Stocksteif saß ich noch immer da und starrte auf meine beste Freundin und das Messer in ihrer Hand. Das Grinsen, das einfach nicht aus ihrem Gesicht wich.
“Ach komm schon, Elle. Schau mich nicht so an. Findest du nicht auch, dass echte Geschichten viel spannender sind? Die ganzen Thriller sind doch total unrealistisch. Was meinst du, wieso ich sie nie gelesen habe, aber das hier? Das wird perfekt”, sagte Riley nach einer Weile und brach das angespannte Schweigen.
“D-du machst Witze… Das… ist nicht lustig. Bitte Riley, h-hör auf damit”, stotterte ich, da die aufkommende Panik jeden Satz erschwerte.
Ich schluckte, weil meine Kehle sich staubtrocken anfühlte und ließ Riley nicht aus den Augen, die anfing zu lachen. Erst war es ein amüsiertes Lachen, doch mit der Zeit klang es beinahe hysterisch, als hätte sie den Verstand verloren. Es hörte so plötzlich auf, wie es angefangen hatte und nun hatte sich ihr Gesichtsausdruck verändert. Verbitterung machte dem Grinsen Platz und ihre Augen funkelten im Wahnsinn.
“Du denkst, ich mache Spaß?”, zischte sie wütend und kam einen großen, bedrohlichen Schritt näher. Das Messer hielt sie dabei genau in meine Richtung.
Hastig sprang ich auf und fiel beinahe über den Stuhl, der umkippte. Mit zittrigen Schritten wich ich vor Riley zurück. Ich verstand nicht, was hier los war. Wieso sie das tat, doch endlich schaffte ich es, dass mein Körper mir wieder gehorchte.
“Wenn du denkst, es sei erfunden, möchtest du dann nicht vielleicht Herr Berger und seiner Frau Guten Tag sagen? Ich hoffe, du bist nicht so dumm, wie sie”, fragte Riley und genau im selben Moment nahm ich vor dem Fenster einen Schatten wahr und es klingelte an der Tür.
Die Polizei war so schnell da, als hatte sie am Imbiss der Nachbarstraße nur auf ihren Einsatz gewartet. Es hielten drei Streifenwagen. Der Filmende nahm ihr Auftauchen noch auf und schien dann vor ihnen zu fliehen. Aber Richard sah, wie der Mann nochmal sein Handy zum Namensschild schwenkte, mit dem Finger strafend in seine Richtung wies und zur Kamera sprach. Dann war der Verrückte verschwunden.
„Abschirmen!“, rief einer der Polizisten in sein Funkgerät. „Schnell jetzt!“ Die Polizisten arbeiteten jedenfalls viel eiliger, als der Notarzt. Sie sicherten die Straße und das geschmiedete Tor. Der Tote hatte keinen Vorrang. Einige Beamte verteilten sich im Garten, als wollten sie das Haus vor einen unbekannten Feind beschützen. Ein Beamter mit Halbglatze wedelte sie rückwärts in das Haus.
„Polizeioberkommissar Parlow. Wir müssen jetzt schnell sein!“, begrüßte er sie.
„Wir haben mit dem Tod des Mannes nichts zu tun, er …“
Der Kommissar unterbrach ihn unwirsch. „Wissen wir. Geld oder Selbstmord. Sie sind der dritte Fall, diese Woche in Deutschland.“
„Wie bitte?!“
„Ein Trend auf TicFlop und Finstergram. Aber darum geht es jetzt nicht.“
Er starrte den Polizisten fassungslos an. „Da liegt ein Toter vor meiner Haustür!“,schrie er fast. „Sie sagten es wäre meine Schuld! Wie kann es nicht darum gehen?“
Der Polizist wedelte erneut mit dem Finger vor seinem Gesicht. „Stop!“
„Höre ihn doch mal zu, Schatz!“, mahnte ihn jetzt auch noch seine Frau.
Nur mühsam zwang er sich zur Ruhe. Immerhin war der Kopf des bärtigen Fremden genau vor seinen Augen wie ein Kürbis explodiert, in dem jemand seinen Silvesterböller gezündet hatte. Seine Schuld? Von wegen! Eine ungewisse Empörtheit erfasste ihn.
Das Funkgerät vom Oberkommissar knisterte. „Zwei Verdächtige aus nördlicher Richtung. Süden noch frei.“
Kommissar Parlow nestelte nervös an seiner Halbglatze, als suche er Haare, die er noch raufen könnte. Dann wies er zur Frau.
„Suchen sie sich und ihren Mann ein paar Sachen zusammen. Sie müssen hier weg, können sie irgendwo hin? Ländlich und einsam bevorzugt? Und ist ihr Haus feuerversichert?“
Richard stockte der Atem. Er sah, wie seine Frau losstürmte, um eine Reisetasche aus der Kammer zu holen. Von der Nervosität des Kommissars angesteckt, stopfte sie panisch Kleidung in die Tasche.
„Nehmen sie auch wichtige Papiere mit!“
„Wieso sagen sie das?!“ Seine Stimme klang selbst ihn seinen Ohren schrill.
„Vier Verdächtige. Süden noch frei“, klang es aus dem Funkgerät. Es waren doch erst wenige Momente vergangen.
„Hören Sie zu“, begann Parlow erneut. „Der Selbstmord ist der Startschuss einer … Verfolgung.“
„Verfolgung?“
„Auf TicFlop. Fotos von ihnen, 5€. Kleidung, die sie am Leib tragen 50€. Das steigert sich dann bis 5000€. Natürlich muss es gefilmt werden. Einmal bekommen die Beteiligten das Geld, aber auch die Familie des Toten. Damit rechtfertigen sie diese Aktion.“
„Das klingt mir mehr nach einer Jagd!“
„Nunja, aber …“
„Was muss man denn für 5000€ machen?“
„Illegales“, wich ihm Parlow aus.
„Wie viele beteiligen sich daran?! Das ist doch Wahnsinn!“
„Hören Sie! Die meisten Menschen dort draußen sind kluge Köpfe, vor denen sie sich keine Sorgen machen müssen. Aber es gibt auch ein paar nicht so kluge Menschen. Gelangweilte Menschen. Normalerweise würden diese Leute nicht auffallen. Aber das Internet verbindet sie miteinander …“
„Können wir nicht zum Polizeirevier? Nehmen Sie diese Leute fest!“
Der Oberkommissar lächelte nervös. „Wir sind eine große Stadt mit einem kleinen Revier. Sie da drin zu beschützen würde es regelrecht lahmlegen. Erst bei echten Übergriffen können wir handeln. Damit das anders läuft, als die andere Male müssen sie weg. Kennen sie einen Ort?“
„Meine Mutter wohnt auf dem Land. 40 Minuten von hier, verschlafener Ort, kein Netz“, rief seine Frau aus dem Hintergrund. Sie schien die Sache viel schneller zu akzeptieren als er.
„Perfekt“, meinte Parlow.
„Im Norden sechs Verdächtige. Süden, zwei Verdächtige“, raunte es aus dem Funkgerät. „Die Typen im Süden lassen eine Drohne steigen.“
„Wir müssen jetzt los. Auch wenn es unüblich klingt. Fahren sie bitte Ihren Privatwagen.“
„Lola?“, rief er ins Funkgerät. „Du fährst bei ihnen mit und nimmst ihre Aussage auf! Wir eskortieren euch zur Stadtgrenze!“
Er verließ das Haus. Sah Gesichter am Zaun. Blicke von Fremden, die ihn zornig anstarrten, deren Gesichter er aber nie gesehen hatte.
Er setzte sich ans Steuer. Seine Hände waren schweißnass. Seine Frau und die im Funk benannte Lola, eine Polizeimeisterin „L. Walther“, setzten sich nach hinten.
Wurde er jetzt wirklich eskortiert? Aus der Stadt? Als hätte er tatsächlich einen Mord verübt.
Sie hörten das Summen der Drohne, die tief über den Rasen vorbeischwebte und ein Videoschnipsel von ihm aufnahm.
„Ein 5€er für das Internet“, sagte er mit bitterer Stimme. Dann startete er den Motor.
Zehntausend Euro - Teil 2
Nichts passierte. Berger, der noch immer auf die Tür gestarrt hatte, drehte sich um. Am Treppenabsatz stand Dorothea. Blass, die Augen weit aufgerissen, klammerte sie sich ans Geländer. »Was…«, setzte sie an.
»Du sollst die Polizei rufen!«, unterbrach Berger sie lauter. Als sie sich nicht bewegte, ließ er widerwillig die Klinke los. Auf seltsam hölzernen Beinen ging er ins Wohnzimmer und nahm das Telefon. Er starrte auf die Tasten. Welche Nummer, welche Nummer, hämmerte es in seinem – ansonsten leeren – Kopf.
Dorothea trat an seine Seite, nahm ihm das Gerät ab und wählte. Richard Berger hörte, wie seine Frau dem Notruf den Vorfall schilderte. Aus ihrer Sicht schien die Sache überschaubar. Da hatte es an der Tür geklingelt und nach einem kurzen Gespräch war ein Schuss gefallen.
Als Dorothea den Kopf drehte und fragte, ob jemand zu Schaden gekommen sei, wurde klar, dass die Sache so einfach nicht war. Berger nickte. »Tot. Er ist tot.«. Es war mehr ein Flüstern als eine Antwort.
Dorothea reichte die Information weiter und bat um schnelle Hilfe. Gerade rechtzeitig, bevor ihr das Telefon aus der Hand fiel.
»Was ist denn passiert?«, frage sie. »Wer ist da draußen und was will er?«
Berger sah sich außer Stande, auf ihr Drängen zu reagieren. Er zuckte nur mit den Schultern. Seine Beine drohten, nachzugeben. Schwer ließ er sich auf die Lehne seines Fernsehsessels fallen, stütze die Ellenbogen auf die Knie und vergrub seinen Kopf in den Händen. Das durfte alles nicht wahr sein.
Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Ob der andere noch da war? Berger getraute sich nicht, nachzuschauen. Immerhin war dort draußen eine geladene Waffe.
Dorothea hatte das Fragen aufgegeben. Sie lehnte neben ihrem Mann am Sessel. Das Schweigen wurde zu einer zähen Masse, die den Raum zu füllen schien. In der erdrückenden Stille des Zimmers wurde das Ticken der alten Wanduhr zu Richard Bergers Anker. Er zählte. Jedes Tick war eine Sekunde, jedes Tack eine zweite. Sein Hirn schien den Dienst vorübergehend eingestellt zu haben. Tick … Tack … .
Erneut zerriss ein Klingeln die Stille. Die Bergers zuckten zusammen. Da er sich nicht bewegte, ging Dorothea zur Tür. Aus einem halben Meter Entfernung lugte sie vorsichtig durch den Spion, nickte dann zu sich selbst, atmete tief durch und öffnete. Die Polizei musste wohl eingetroffen sein.
Als Dorothea sich ans Herz fasste und schreiend zusammenbrach, wusste Richard Berger, dass das hier kein Traum war. Vor seiner Tür lag ein Toter. Stumm sah er zu, wie eine Polizistin unaufgefordert sein Haus betrat, Dorothea auf die Beine half und sie Richtung Küche führte.
Ein zweiter Beamter stand wie aus dem Nichts im Flur und fragte Berger: »Waren Sie an der Tür?«
»Ja. Sie waren zu zweit. Der, der da liegt und einer mit einem Smartphone. Der hat alles gefilmt.«, stammelte Richard plötzlich wie aufgezogen. Der Polizist sah ihn aufmerksam an. Er kam einige Schritte auf ihn zu. »Bitte erzählen sie von Anfang an.«, sagte er.
Nachdem Richard Berger den Vorfall, so genau er konnte, geschildert hatte, fragte er: »Wie geht es jetzt weiter?«.
»Im Grunde laufen die Ermittlungen bereits«, antwortete der Polizist. »Es ist der dritte Fall dieser Art. Alle heute. Wir werden untersuchen, was dahinter steckt. Ich bespreche mich kurz mit der Kollegin.«
Dann war Richard Berger allein. Er saß auf seiner Sessellehne und schaute unschlüssig zum Flur. Aus der Küche war Gemurmel zu hören. Ein Ruck ging durch Bergers Körper. Mit zwei Schritten war er am Telefon, hob es auf und wählte.
Es wurde sofort abgenommen.
»Du hast es schon gehört.«, stellte Richard fest. »Dann weißt du, was zu tun ist. Lösch die Daten.Lösch alles. Jetzt. SOFORT!«
Er legte auf. Atmete tief durch und starrte auf die Uhr an der Wand. Tick …Tack…
(C) DasEni
Offene Enden - Teil 2
Der junge Mann draußen starrte einen langen Augenblick auf die geschlossene Haustür.
„Scheiße“, murmelte er und blinzelte irritiert.
Er schaute auf sein Handy. Mit einem zornigen Hieb tippte er einmal darauf, so heftig, dass es ihm beinahe aus der Hand fiel, dann steckte er es in die Jackentasche. Er beugte sich über den Toten, wand ihm die Pistole aus der Hand und ließ sie in seiner anderen Tasche verschwinden.
Die Tür hinter ihm öffnete sich leise wieder einen Spalt. Für einen Moment traf sich sein Blick mit dem spähenden Auge des Geizkragens.
„Die Polizei ist schon unterwegs“, hörte er eine zitternde Frauenstimme weiter drinnen im Flur rufen.
Er drehte sich um und fing an, den Gartenweg weg vom Haus zu laufen.
„Er haut ab!“ Der Geizkragen riss jetzt die Haustür weit auf. „Bleib stehen!“, schrie er ihm wütend hinterher.
Doch er war schon aus dem Gartentor und rannte weiter, die Straße hinunter.
Immer wieder sah er sich um. Als er sicher war, dass ihm der Andere nicht folgte, verlangsamte er seine Schritte und atmete durch. Niemand außer ihm war auf der Straße. Hinter schmiedeeisernen Zäunen und Backsteinmauern, im Grün gepflegter Siedlungsgärten versteckten sich sonntagsstille Häuser.
Weiter vorne kam ihm ein Auto entgegen. Der Fahrer hielt sich streng an die Tempo-30 Beschränkung. Als der Wagen an ihm vorüberfuhr, schien das Paar im Inneren für einen Augenblick eine Diskussion zu unterbrechen, um ihn mit einem kurzen Seitenblick zu taxieren. Dann stritten sie weiter, und das Auto verschwand hinter einer Kurve.
Er erreichte die Kreuzung und bog nach links ab. Nach dem Eckgrundstück folgte der verlassene Parkplatz eines lokalen Nahversorgers. Nur ein einzelner Wagen parkte dort direkt neben der Ausfahrt: ein weißer Kleinbus mit getönten Scheiben.
Er ging zur Fahrertür. Die Scheibe glitt nach unten. Eine Frau mit Sonnenbrille blickte auf ihn herunter.
„Das war überhaupt nichts!“, zischte er vorwurfsvoll. „Wir müssen uns etwas ganz anderes einfallen lassen!“
Die Frau blickte kurz über ihre Schulter. „Wieso?“, fragte sie leise.
Bevor er antworten konnte, schreckten sie beide hoch, als vorne an der Kreuzung ein Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene vorbeiraste.
„Wir sollten weg von hier.“
Der Motor sprang an, er hastete zur Beifahrerseite und warf sich auf den Sitz. Die Frau gab Gas und lenkte den Bus zügig aus dem Parkplatz, nach links, weg von der Siedlung.
Als sie ein Stück gefahren waren, holte der junge Mann tief Luft und drehte sich nach hinten.
„Kein Grund zur Beunruhigung“, rief er fröhlich in den Fahrgastraum, wo sieben alte bärtige Männer saßen, bekleidet mit Jeans und Kunstlederjacken, und ihn zitternd vor Angst anstarrten.
(c) jona meergrund
Finn rannte, als ginge es um sein Leben. Tatsächlich war es so – nur anders, als man es sich vorstellen würde.
Er wollte das nicht. Er wollte nicht, dass Gunther stirbt. Das Geld war ihm egal. Finn wollte einfach nur überleben. Noch nie zuvor hatte er solche Angst verspürt.
Sein Puls raste, als er um die Ecke bog und dabei ein Kleinkind umrannte. Mit Mühe konnte er sich auf den Beinen halten. Die Rufe der aufgebrachten Eltern drangen gar nicht zu ihm durch. Weg hier, dachte er nur, so schnell und so weit wie möglich.
Gunther hatte sich tatsächlich vor seinen Augen erschossen – ohne zu zögern. Finn fühlte sich schuldig. Dabei kannte er Gunther gar nicht. Sie hatten sich erst vor ein paar Stunden kennengelernt und kein Wort miteinander gewechselt. War Gunther wie er in diese Sache hineingeraten? Was hatten diese Leute gegen Gunther in der Hand, dass er so weit gegangen war, sich das Leben zu nehmen? Und das alles wegen … ja, wegen was eigentlich?
Finn verstand es nicht. Es ergab keinen Sinn. Trotzdem hatte er seine Rolle gespielt und alles aufgezeichnet. In dem Video hatte er diesen reichen Schnösel als Mörder beschimpft. Wer würde so etwas glauben?
Sein Herz hämmerte in seiner Brust. Es fühlte sich an, als könnte es jeden Moment herausplatzen und wie ein Alien seinen Brustkorb durchstoßen.
Was hatte er nur getan? In was für ein krankes Spiel war er da hineingeraten?
Finn hatte sich doch nur ein bisschen dazuverdienen wollen. Ein paar harmlose Streiche, nichts Schlimmes. Vor ein paar Monaten hatte er damit begonnen, für Freunde Swatting und Doxing zu betreiben. Er hatte falsche Notrufe abgesetzt, Anschuldigungen erfunden, Unschuldige bloßgestellt und intime Details aus ihrem Privatleben veröffentlicht – mal echte, mal gefälschte. Finn hatte die Erfahrung gemacht, dass es egal war, ob die Vorwürfe stimmten oder nicht. Alles, was einen Skandal erzeugte, wurde mit Genuss weitererzählt. Aber seines Wissens nach war nie jemand ernsthaft zu Schaden gekommen. Hatten sie ihn deswegen ausgewählt? Weil er so gut darin war, Leute zu verunglimpfen?
Bäume und Sträucher flogen an ihm vorbei, während er durch den kleinen Park rannte. Dann rempelte er eine junge Frau an, aber er nahm es nicht wahr. Er war wie in einem Tunnel. Weiter, immer weiter.
Seine Lunge brannte vor Schmerzen. Auf dem Weg lagen ein paar nasse Blätter. Er rutschte aus und fiel krachend auf den schmierigen Asphalt. Finn ächzte und blickte sich panisch um. Niemand verfolgte ihn – keine Polizei, keine Maskierten, kein Berger. Er sprang auf, ignorierte die brennenden Hände und rannte weiter.
Diese Verrückten waren irgendwie auf ihn aufmerksam geworden. Womöglich hatten sie seine Kontaktdaten aus dem Darknet. Anders konnte Finn es sich nicht erklären. Eines Tages hatten sie vor seiner Tür gestanden – maskiert und schlecht gelaunt. Allein der Gedanke daran ließ seinen Magen verkrampfen.
Finn blieb abrupt stehen, als er den weißen Van am vereinbarten Treffpunkt erblickte. Er wischte sich die Tränen vom Gesicht, versuchte tief durchzuatmen und sich zu beruhigen, aber er bekam kaum Luft.
Er wankte ein paar Schritte, dann musste er sich übergeben.
Die Erinnerungen der letzten Tage stachen wie Messer in seiner Brust. Ein breitschultriger Typ hatte ihn fast bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Währenddessen hatte ein älterer Mann Fiona gepackt und ihm gedroht, dass er das Schicksal seiner Katze teilen würde, wenn er ihre Forderungen missachte. Dann hatte Finn zusehen müssen, wie Fiona …
Allein der Gedanke brachte ihn erneut zum Würgen. Die arme Fiona. Sie hatte das nicht verdient. Gunther hatte das nicht verdient. Und er selbst hatte es auch nicht verdient. Er war doch kein böser Mensch.
Gerade, als Finns Magen sich beruhigt hatte, packte ihn jemand von hinten und zerrte ihn grob weg. Ehe er es sich versah, war er im Van, eingekesselt von drei vermummten Gestalten.
»Lief alles wie besprochen?« fragte der ältere Mann vor ihm.
Finn sah sich ängstlich um, dann nickte er heftig.
»Gunther?«
»Tot«, presste Finn hervor.
»Hast du das Video?«
Wieder nickte Finn.
»Gut, gib mir dein Telefon.«
Finn reichte ihm das Smartphone und betete, dass sie ihr Versprechen halten und ihn freilassen würden.
Der Mann sah sich das Video an. Finn zuckte zusammen, als er den Schuss hörte. Er presste die Augen fest zu und wünschte sich, ganz weit weg zu sein. Ihm wurde erneut übel, als er seine eigene Stimme und die falschen Anschuldigungen mithören musste.
»Du weißt, dass wir dich nicht so einfach gehen lassen können.«
»Was? Nein …«
»Du könntest zur Polizei gehen und alles verraten.«
»Nein, bitte! Ich werde nichts sagen, ich schwöre es!«
»Ich würde dir gerne glauben, Kleiner. Aber es ist so: Berger hat dich gesehen. Und dann dauert es nicht lange, bis dich jemand erkennt. Frankfurt ist groß, aber nicht so groß.«
»Ich gehe weg! Ins Ausland. Marokko, Mexiko, egal wohin. Bitte, bitte …«
»Mach dir keine Sorgen. Es tut nicht weh.«
In dem Moment riss der Breitschultrige Finns Kopf nach hinten, und der Alte presste ihm die Hand auf den Mund.
Finn wollte würgen, doch es funktionierte nicht. Was auch immer der Vermummte ihm in den Mund gesteckt hatte, es entfaltete schnell seine Wirkung.
Die Welt verschwamm vor seinen Augen.
Der Alte zog seine Maske ab. Finn stöhnte, als er in die kalten, blauen Augen Gunthers blickte.
Dann wurde alles dunkel.
Offene Enden – zweiter Teil
Zehntausend Euro
„Richard?“, entgegnete seine Frau, die bereits im Flur stand, mit vor Schreck geweiteten Augen, „ist alles in Ordnung?“
„Ruf die Polizei, Dorothea“, entgegnete er erneut mit Nachdruck und steuerte beinahe schon von allein auf den Stahlschrank im Wohnzimmer zu, wo er sein Jagdgewehr aufbewahrte. Dies war die einzige Reaktion, die ihm sein Verstand derzeit zeigte.
Seine Frau war jedoch vollkommen verunsichert. Anstatt zum Telefon zu gehen und die Polzeit zu rufen, stellte sie weitere Fragen: „Was ist los, was war das für ein Knall?“
Richard hielt kurz inne, drehte sich seiner Frau zu und packte sie an den Schultern. Dann atmete er einmal tief ein und wieder aus. Um eine ruhige Tonlage bemüht, sagte er: „Bitte, Liebes, vor unserer Haustür hat sich gerade ein Mann selbst erschossen. Ruf die Polizei an.“
Seine Frau schwieg zunächst, während sie versuchte, diese Information zu verarbeiten. Dann jedoch überwand sie den Schreck, setzte einen ernsten Gesichtsausdruck auf und nickte. Anschließend verließ sie den Flur in Richtung Küche, wo ihr Handy lang.
Als Richard kurz darauf seinen Weg fortsetzen wollte, begann er, seine eigene Schockreaktion noch einmal zu überdenken. Was tat er hier eigentlich und was zur Hölle wollte er mit dem Jagdgewehr? Ja, der Mann hatte eine Waffe, jedoch ist Richard zu keiner Zeit direkt bedroht worden. Selbst wenn! Wollte er mit dem Jagdgewehr etwa wild um sich schießen wie in einem schlechten Western?
Das war absurd. Er konnte sich noch nicht mal richtig daran erinnern, wie das Ding überhaupt funktionierte. Er hatte den Waffenschein und die Waffe nur, weil sein Vater vor 16 Jahren darauf bestanden hatte, dass er an dessen Hobby teilnahm. Seit der bestandenen Prüfung lag es unbenutzt im Schrank.
Richard schüttelte sich und versuchte, den Schock zu verdrängen, um einen logischeren Schluss zu fassen. Die beiden Männer waren offensichtlich psychisch krank und brauchten Hilfe. Einer von ihnen hatte sich in seinem Wahn sogar selbst getötet. Oder? Hatte er sich wirklich in den Kopf geschossen oder war es am Ende nur ein Streifschuss? Es war alles so furchtbar schnell gegangen. Plötzlich kam ihm seine erste Reaktion, die Tür zuzuschlagen, vollkommen lächerlich vor. Vielleicht war der Mann gar nicht tot, sondern verletzt und brauchte Hilfe!
Mit diesem Gedanken drehte er auf dem Absatz um und ging zur Tür zurück. Als er nach der Klinke griff, hörte er Dorothea bereits in der Küche telefonieren. In dem Moment, in dem er die Türklinke berührte, drückte er sie sofort nach unten und öffnete diese, um der Furcht keine Chance zu geben, ein Argument vorzutragen.
Auf dem Plattenweg am Ende der kleinen Treppe lang immer noch rücklings der ältere Mann. Der obere Teil seines Schädels endete in einer breiigen Masse und eine Blutpfütze breitete sich rings um seinen Kopf aus. Ihm konnte man definitiv nicht mehr helfen.
Auch wenn er bereits geahnt hatte, was ihn erwartete, überkam ihn bei dem Anblick Übelkeit und er zwang sich, den Blick abzuwenden. Stattdessen suchte er in seinem Vorgarten nach dem anderen Mann, von dem jedoch nichts zu sehen war. Sein Blick blieb schließlich an etwas auf dem Boden hängen:
Ein Smartphone!
„Richard? Bist du etwa da draußen?“, hörte er unvermittelt Dorotheas Stimme hinter sich.
Schnell drehte er sich um, zog die Tür hinter sich zu und erwiderte: „Bleib im Haus, das willst du nicht sehen!“
„Komm bitte wieder nach drinnen!“, flehte seine Frau, wobei ihr die Sorge deutlich anzuhören war, „die Polizei ist in zehn Minuten hier, die können sich dann um alles kümmern.“
„Einen Moment, ich komme gleich rein. Warte drinnen, Dorothea!“, antwortete er knapp.
Natürlich hatte seine Frau recht. Er sollte nicht hier draußen rumrennen. Nicht nur, dass der andere Mann erneut auftauchen und ihm gefährlich werden könnte, zudem war sein Vorgarten ja jetzt irgendwie ein Tatort. Er sollte zurück ins Haus gehen und auf die Polizei warten – aber er konnte nicht.
Sein Blick war nach wie vor auf das Smartphone gerichtet. Die Situation war so verworren. Warum hatte sich der Mann erschossen, wieso wollte er die 10.000 Euro von ihm und warum hatte der andere diesen Wahnsinn auch noch gefilmt, nur um dann doch sein Handy liegen zu lassen? So viele Fragen: Er musste mehr wissen!
Noch bevor er richtig darüber nachdenken konnte, ging er die Treppe hinab, machte einen großen Schritt an der Leiche vorbei und bewegte sich auf das Smartphone zu. Dort angekommen blickte er auf das auf dem Rücken liegende Gerät hinab und erschrak.
Der Mann hatte gar nicht gefilmt. Auf dem Display lief eindeutig ein Videoanruf. Richard sah genauer hin und erkannte die Silhouette einer Person. Eine Silhouette, die sich leicht nach vorn beugte. Er riss die Augen weit auf, als ihm klar wurde, dass die Übertragung nach wie vor aktiv war.
Seine Neugier bezwang sein Unbehagen und ohne Rücksicht darauf, dass es sich um ein Beweismittel handeln könnte, hob er das Gerät auf. Er sah sich das Bild genauer an, doch die Person, vermutlich ein Mann, saß in einer so überbelichteten Perspektive, dass lediglich ein Schemen zu sehen war.
„Ihre Gier hat diesen Mann umgebracht, Herr Berger“, Richard hätte vor Schreck beinahe das Telefon fallen lassen. Nicht wegen der unerwarteten Stimme, die aus dem Gerät kam. Viel mehr, weil diese Stimme ihn mit seinem Namen ansprach.
„Was? Nein!“, protestierte Richard.
Diesen Vorwurf wollte er nicht auf sich sitzen lassen: „Der Mann hat sich selbst umgebracht. Ich kann doch keinem dahergelaufenen Typen einfach ohne Grund 10.000 Euro geben!“
„Ach nein?“, fragte die Stimme mit einem bösartigen Unterton, „als Thorsten Liebel vor drei Monaten 11.200 Euro von Ihnen haben wollte, haben Sie nicht NEIN gesagt und sie ihm mit Freuden gegeben. Sie können also sehr wohl. Ihnen ist die Chance darauf, Ihr Vermögen zu mehren, lediglich wertvoller als ein Menschenleben.“
Richard lief es eiskalt den Rücken hinunter, als der Unbekannte nicht nur den Namen seines Investmentbankers nannte, sondern auch die genaue Summe, welche ihm Richard damals gegeben hatte, um in sein vermeintlich todsicheres Aktiengeschäft zu investieren. Woher wusste dieser Kerl das alles? Nun bekam er es doch mit der Angst zu tun.
Als er gerade überlegte, das Handy einfach fallen zu lassen und zurück ins Haus zu gehen, sprach die Stimme erneut. Dieses Mal klang sie jedoch wesentlich zorniger: „Ihr Kapitalistenschweine widert mich an. Diese ganze Stadt ist krank und ihre Moralvorstellungen sind vollkommen verkümmert. Sie setzten Tausende einfach aus Gier und Leichtsinn in den Sand, während in anderen Stadtteilen Leute auf der Straße leben und verhungern. Heute werden Sie eine Lektion lernen, Herr Berger. Heute werde ich Ihnen zeigen, wie lächerlich Ihr ach so wertvolles Geld im Vergleich zu einem Menschenleben ist. Im Anschluss an dieses Gespräch werde ich auf dieses Gerät einen Namen und eine Adresse senden. Sie haben dann sechs Stunden Zeit, diese Person dazu zu bringen, Ihnen 10.000 Euro ohne eine Gegenleistung zu überlassen. Wenn Sie das nicht schaffen, müssen Sie sich umbringen. Rufen Sie diese Nummer an und übertragen entweder das eine oder das andere.“
Richard kniff die Augen zusammen und ein plötzlicher Zorn überkam ihn. Wütend entgegnete er: „Seid ihr denn alle vollkommen wahnsinnig geworden, wieso sollte ich so etwas Dämliches tun? Ich werde das Smartphone der Polizei übergeben und denen können Sie dann Ihre Verrücktheiten erzählen!“
Anstatt einer Antwort schwenkte der Kamerawinkel auf dem Display herum. Nun waren die Lichtverhältnisse besser und man sah deutlich eine auf einem Stuhl gefesselte junge Frau.
„Selin!“, entfuhr es Richard schockiert und sein Herz setzte für einen Moment aus, als er die weinende und um ihr Leben flehende Frau als seine Tochter identifizierte.
„Sechs Stunden, Herr Berger“, fuhr die Stimme nun ruhig fort, „entweder erhalte ich einen Videoanruf mit einem der beiden beschriebenen Ereignisse von Ihnen, oder Ihre Tochter wird den Preis für Sie bezahlen. Wenn Sie irgendjemandem hiervon erzählen, stirbt sie ebenfalls. Nun erfahren Sie am eigenen Leib, wie es ist, wenn man mit einem Kapitalisten über den Wert eines Lebens verhandeln muss.“
Kurze Zeit später standen Richard Berger und seine Frau am Küchenfenster und beobachteten, wie der erste Streifenwagen vorfuhr. Die Polizeibeamten stiegen aus, bahnten sich durch die dichte Traube herbeigeeilter Nachbarn einen Weg zum Gartentor und betraten den Vorgarten, in dem der jüngere Mann immer noch neben dem Toten stand und das Geschehen um sich herum mit dem Handy filmte.
Dorothea war ganz blass geworden. Ihre Hände hatten zu zittern begonnen, nachdem sie die Polizei angerufen hatte. Inzwischen bebte sie am ganzen Körper.
Richard selbst war zwar ebenfalls zutiefst erschüttert, konnte sich keinen Reim auf das Geschehen machen, doch schien ihm die heftige Reaktion seiner sonst so gelassenen Frau seltsam.
Die Beamten näherten sich der Eingangstür, Richard stand schon dahinter und legte gerade die Hand auf die Klinke, um sie hereinzulassen, da flüsterte Dorothea mit deutlicher Panik in der Stimme: »Nicht! Warte! Lass sie noch nicht rein. Ich muss dir erst noch etwas Wichtiges erzählen.«
Richard drehte sich irritiert zu ihr herum.
»Ich kenne den Toten«, gestand Dorothea leise und blickte zu Boden. Richard traute seinen Ohren nicht.
»Ich bin wahrscheinlich verantwortlich dafür, dass er das Geld brauchte.« Pause. Es klingelte an der Tür. »Aber er dachte, du wärst schuld.«