Die Frage ist nicht einfach zu beantworten.
Die Wahrheit liegt vermutlich, wie so oft, in der Mitte.
Aus der Sicht des Lesers betrachtet, denn für ihn schreiben wir, stellt sich die Frage: Wann beginnt ein Text für ihn, langweilig zu werden? Wenn ein Schriftsteller am Beginn einer Szene den Protagonisten in ein Zimmer gehen lässt und dieses so beschreibt, dass beim Leser das Kopfkino startet und er sich das beschriebene Zimmer vorstellen kann, bevor er sich sein eigenes Bild von dem Zimmer konstruiert, dann hat der Schriftsteller weder zu viel noch zu wenig beschrieben. Der Leser hat somit die Vorstellung des Schriftstellers im Kopf und liest den Roman hoffentlich weiter.
Beschreibt der Schriftsteller für den Leser zu wenig, dann beginnt er sich sein eigenes Bild zu konstruieren. Wenn sich in weiterer Folge das Bild im Kopf des Lesers nicht mehr zu der Geschichte passt, entsteht Irritation, dann Langeweile; der Leser legt das Buch weg.
Erfordert es die Geschichte, dass das Zimmer erneut beschrieben wird, ist es beim Protagonisten vermutlich nicht mehr erforderlich, alles noch einmal zu beschreiben.
Kommt eine andere Figur in das Zimmer, werden mit Sicherheit andere Dinge in dem Zimmer in den Vorder- oder Hintergrund rücken.
Und dann kommen noch die vielen anderen Aspekte wie Zielpublikum, Handlung, Tempo, Dialog etc. dazu, die ebenso Einfluss auf die Beschreibung einer Szene nehmen.
Vieles andere wurde schon beschrieben und noch viel mehr könnte man schreiben.
Eines ist sicher: Wenn der Schriftsteller so schreibt, dass der Leser kaum aufhören kann, den Roman/Geschichte zu lesen, dann stimmt alles.
Nachdem alle Beiträge auch öffentlich zu lesen sind, erlaube ich mir zu deinem Text Stellung zu nehmen. Ich bin immer bemüht, meine Beiträge sachlich zu schreiben und für niemanden Partei zu ergreifen.
Wir alle haben in den letzten fünf Jahren wiederholt feststellen müssen, dass es Ereignisse zwischen Himmel und Erde gibt, die man sich nicht ausdenken oder vorstellen kann und vor allem nicht will. Lass mich zum besseren Verständnis ein Zitat des griechischen Philosophen Heraklit von Ephesos anbringen:
„Durch ihre Unglaubhaftigkeit entzieht sich die Wahrheit dem Erkanntwerden.“
Will sagen: Nur weil man sich etwas nicht vorstellen kann, kann es trotzdem wahr sein.
Und wenn jemand schreibt, dass ein Text soundso viele Seiten haben soll oder muss, dann kann man das anzweifeln, eine Meinung dazu haben, die konträr zu dieser Aussage steht; was aber nicht heißt, dass die Aussage deshalb falsch ist.
Unser demokratisches Forum lebt doch gerade durch unterschiedliche Ansichten. Es wäre geradezu grotesk, hätten wir alle die gleiche Meinung; dann gäbe es bei einem neuen Thema keine Kommentare, dafür zweihundertneunundfünfzig (259) „Gefällt mir“, sprich „Herzerln“. Demokratie lebt von Vielfalt.
Ich nehme an, dass du das Forum tatsächlich verlässt oder bereits verlassen hast.
Dann wünsche ich dir auf deinem weiteren Schriftstellerweg alles Gute.
PS.: Konnte leider nicht früher antworten, musste schreiben!
Mein Leseverhalten ist anders. Ich bin nur dann irritiert und lege ggf. das Buch weg, wenn der Autor sich selbst widerspricht.
Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn ein Autor einfach nur „sie gingen ins Wohnzimmer“ schreibt. Lese ich zwei Seiten später, dass die Protagonisten vom Sofa aus aus dem Fenster aufs stürmische Meer gucken, füge ich die neuen Infos einfach in das innere „Bild“, das ich mir von der Szene gemacht habe, ein.
Wenn „… sie gingen ins Wohnzimmer“ für die Szene und das Kopfkino ausreicht, dann ist es nicht zu viel und nicht zuwenig. Und wenn die Protagonisten dann später von dort ins Meer gucken, passt auch alles; und Dein Bild wird mit Blick auf das stürmische Meer ergänzt.
Also alles bestens!
Hallo@Bommel,
Ich kann das (leider) manchmal zu gut. Mein Zugang zum Geschehen ist entweder das Setting oder ein Dialog. Denn in beides kann ich mich am Besten „einfühlen“ und komme rasch in Schreibfluss.
Das bedeutet jedoch auch, dass ich im Nachgang viel streichen muss. Denn die Handlung muss im Vordergrund stehen. „Ausufernde“ Beschreibungen müssen einen Zweck erfüllen, also zB Tatort- Beschreibungen bei einem Krimi oder um Gefühle zu transportieren und um Nähe zu handelnden Figuren herzustellen/ etwas über sie zu erfahren.
Eine Umschreibung, die überhaupt keinen Nutzen hat, ist auf allen Seiten Verschwendung.
Wenn also deine Kapitel gefühlt zu kurz sind, dann ist es eben so. Das muss kein Makel sein.
Ein Stück weit ist das natürlich abhängig vom eigenen Stil, vielleicht auch noch Genre, und dem Geschmack der Leserschaft. Wenn man die mehr oder weniger goldene Mitte sucht, gibt es sicherlich diejenigen, die eher (zu) ausschweifend schreiben und diejenigen, die eher (zu) verknappt sind, und alles dazwischen. Ich gehöre zu denjenigen, die recht nüchtern schreiben. In der Überarbeitung sehe ich dann zu, dass ich die zu „nackten“ Stellen identifiziere und dort, wo es vom Erzähltempo her passt, etwas mehr Atmosphäre und Beschreibung einbaue. Mittlerweile habe ich mich da, würde ich sagen, schon so weiterentwickelt, dass die erste Fassung etwas besser balanciert ist. Ich würde aber niemals absichtlich „Belanglosigkeiten“ einbauen, sondern versuche, das rechte Maß zu finden. „Atmosphäre erzeugen“ ist ja auch eine Funktion.
Das erinnert mich an einen Nesbo-Krimi, in dem über mehrere Seiten ein paar winzige Kieselsteine vom Ermittlerteam analysiert wurden - und es war mörderisch spannend. Fand ich zumindest und war damit nicht die einzige. Es gab aber auch viele Leser, die das sterbenslangweilig fanden → du kannst es eh niemals allen recht machen.
Ich meine, dass das Gesamtpaket stimmen und überzeugen muss.
Das Genre ist dabei sehr wichtig, ein abgehackter Stil mit kaum Informationen ist im Liebesroman wohl eher suboptimal, während ein Actionthriller sehr gut ohne die ausufernde Beschreibung der Blümchenwiese auskommt, auf der sich dann der Sportwagen von Agent Nullkommasieben fünfmal überschlägt.
Ich versuche es immer so zu halten, dass jedes Element (egal ob Beschreibung, Dialog oder sonstwas) in der Story einen Sinn haben, eine Aufgabe erfüllen muss.
Entweder bringt es die Handlung voran oder es vermittelt Informationen oder es erschafft eine bestimmte Stimmung.
Erfüllt eine Textpassage mindestens einen dieser drei Punkte, ist sie wichtig und darf bleiben. Erst wenn sie nichts davon erfüllt, ist sie belanglos und kann weg.
Als Liebesromanleser möchte ich dazu anmerken, dass ich Handlung voller Gefühle, Dialoge voller Gefühle und gerne auch innere Monologe voller Gefühle lesen möchte - aber keine seitenlangen Beschreibungen von Zimmereinrichtung oder Blümchenwiesen.
stimmt schon, aber die Handlungen und Dialoge voller Gefühle finden ja nicht im luftleeren Raum statt, gerade in diesem Genre spielt das Ambiente durchaus eine Rolle.
Ein bei Kerzenlicht am wunderschön gedeckten Tisch mit schimmerndem Wein in Kristallgläsern, passender Musik im Hintergrund, dem Duft der Rosenbeete, der durch die Fenster hineinströmt und so weiter (hab sicher noch jede Menge vergessen) hingehauchtes „Du bist die Frau, von der ich immer geträumt habe“ liest sich da vermutlich besser, als wenn das irgendwo kurz und trocken im Nirgendwo passiert.
Ja, da hast du recht, wenn der Autor es versteht, da Gefühl hineinzubringen. Eine meiner absoluten Lieblingsszenen in der Liebesgeschichten-Krimi-Thriller-Reihe von J.D. Robb ist die, in der die knallharte Mordermittlerin sich damit abquält, ein romantisches Kerzenscheindinner für ihren Liebsten vorzubereiten.
Gefühl sollte man in jedem Genre händeln können, von Panik über Angst über Langeweile bis hin zu Freude, Lust und Liebe, und Spannung brauchts eh überall. Ohne Gefühle kommt kein Roman aus - es ist eine ganz wichtige Aufgabe des Autors, genau und vor allem glaubhaft rüberzubringen, was die Figur gerade fühlt.
Klingt gut, das könnte man so richtig schön fies ausarbeiten.
Jaaa - das mit den Gefühlen. Ist nicht einfach und - jedenfalls IMHO - kann immer nur die Gefühle des Autors widerspiegeln. Niemand kann eine Szene mit Gefühlen füllen, die ihm selbst fremd sind.
Ich bin kein Mörder, aber habe eine Schwiegermutter.
Erleben und vorstellen sind zwei paar Schuhe und doch kann beides verwendet werden um etwas zu entwerfen.
Einen Raum beschreiben, obwohl er mit der Handlung nichts zu tun hat …
Da fallen mir einige Gründe ein.
Nummero Uno. Dem Leser ein bestimmtes Gefühl vermitteln. Eine heimelige Atmosphäre verstärkt zum Beispiel den Schreck in der näschsten Szene.
Unsere Leser in Sicherheit wiegen und dann … Buhhh!
Bei genretypischen Dingen verlangt es das Publikum oft.
Eine Bibliothek bei einer Fantasy kann sich jeder sofort vorstellen. Trotzdem entführt der Autor hier bewusst in riesige Dimensionen. Regale so lang, dass man das Ende nur erahnen konnte, selbst das Echo der leisen Schritte schienen nicht zu verhallen.
Und natürlich, um den Leser zum Beispiel in einem Krimi auf ein Indiz hinzuweisen. Aber halt nicht direkt. Da liegt der brieföffner halt nicht als einziger Gegenstand auf dem teppichfreien Fußboden.
Die Idee etwas von der bedrückenden Atmosphäre, von den Lebensumständen der Zeugin zu verdeutlichen, finde ich prima. Man erfährt etwas über die Person, weshalb der Text eben nicht überflüssig ist. Allerdings sind m.E. bei ausreichend dichten Beschreibungen manche Adjektive obsolet und überladend:
„Muffig“ wäre m.E. überfüssig. Einerseits trifft das eher auf schlecht gelüftete Schlafzimmer, Dachböden oder Keller zu und andererseits wurde der Geruch viel lebendiger im Anschluss beschrieben.
Die „bunte Mischung“ erklärt sich schon durch die Beschreibung.
Schwer, groß und erdrückend = zuviel für einen so kurzen Abschnitt, da ein solcher Schrank in der Vorstellung des Lesers ohnehin sicherlich schwer ist. Schwer und groß sind zudem sehr gängige, schwammige (weil relativ) Attribute, die sich vielleicht prägnanter in bspw. ‚ein wuchtiger Büffetschrank dominierte den Raum‘ o.ä. zusammenfassen ließen.
Zu viel aufreihende Beschreibung für dieses kleine Detail. Zudem ist die Menge der Medikamente entweder durch das kurze Adjektiv erkennbar oder durch die anschließende Aufzählung.
Kurz: Geschichten brauchen an manchen Stellen Textraum, um den Leser auf die Fantasiereise mitzunehmen, die der Autor im Sinn hatte als er sie schrieb. In meinen Augen überflüssig sind Wiederholungen oder ‚Doppeltgemoppeltes‘, die das entstehende Bild überladen.
Meine Rohfassungen sind ein Klappergerüst und brauchen tatsächlich etwas auf den Rippen. Ich freu mich drauf, weil ich gern überarbeite und weiß, dass jetzt erst die Stimmung, die Buntheit hineinkommt.
Ich finde als Leserin „Talking heads in a white room“ total nervig. Mir reicht auch „Sie gehen ins Wohnzimmer“ nicht unbedingt, wenn es das Wohnzimmer der Prota ist. Oder ihres Love Interests. Ich brauch nicht jede Gardinenfalte und Tapetenmuster, aber etwas, was mir etwas über den Bewohner sagt. Ist sie ein plüschiger Charakter oder Minimalistin? Und wenn vor dem Fenster das Meer stürmt, möchte ich das sofort wissen (denn da möchte ich auch hin) oder nie.
„Wohnzimmer“, das Wort erzeugt bei mir das düstere Bild des Wohnzimmers meiner Großeltern, leider nicht mein eigenes. Das Wort „Tisch“ setzt in meinem Kopf eine dünne Holzplatte mit vier Beine, aber was hat die in einer barocken Bibliothek zu suchen? „Mann“ ist sofort entweder Indiana Jones oder Cary Grant. Wenn der Autor nicht sofort klarstellt, dass es ein helles, modernes Wohnzimmer ist, ein Nierentisch aus den Fünfzigern oder ein Timothy Chalamet (da wäre imA das Wort „Mann“ falsch gewählt ), bin ich eventuell später enttäuscht, wenn der Prota im Wohnzimmer gegen Dachbalken rennt. Daher bin ich im Zweifel eher ein Freund des sogenannten Schwafelns. Die Dosis macht das Gift. Ich habe einen Roman im Schrank (nicht von mir geschrieben), der schwafelt wie verrückt, aber so sehr, dass man lachen muss (und soll). Wenn zum Beispiel beim Blick aus der Kutsche eine Wiese zu sehen ist und ein ganzer Absatz nur den unterschiedlichen Grüntönen gewidmet ist. Die zerknitterten Beipackzettel aus dem anderen Beispiel aber wären eindeutig eine Überdosis.
Für mich, liebe Heidi, ist das genaue Hinschauen ebenso wichtig, denn auch ich lerne noch und habe selbst etliche Schwächen, die ich vielleicht bei anderen sehe, aber nicht bei mir. Insofern war das keine Mühe, sondern ein Gewinn für mich.
Generell bevorzuge ich es, Beschreibungen in den Erzählverlauf einzubinden und weniger aufreihend zu erläutern. Wir haben im Forum noch einen (?) Drehbuchautoren, der es auch gewohnt war, aufzählend in aller Kürze Bilder zu vermitteln. Ich stelle mir vor, dass es eine große Herausforderung ist, davon in epischer Prosa abzulassen. Sparsam eingesetzt, kann das ein gutes Stilmittel sein, aber der Mix macht es.
Übrigens musste ich tatsächlich die Suchmaschine bedienen, da ich nur eine vage Vorstellung vom Begriff der ‚Stubenmusik’ hatte. Ich würde vielleicht nur ein Element verwenden, da ‚Stubenmusik‘ den volkstümlichen Charakter schon beinhaltet :
Das Radio dudelte volkstümliche Musik.
Stubenmusik aus dem Bayerischen Wald … (hier einen Satz weiterführen, wie: übertönte … drang …, machte eine Gespräch unmöglich …, lief leise im Hintergrund … – je nachdem wie wichtig das Detail für den weiteren Verlauf wird, bzw. was weiter geschah).
EDIT: Ich habe sogar einmal in einer Kurzgeschichte (da sollte man sich idealerweise sehr kurz fassen) geschrieben: Im Radio sang XY (Weihnachtstitel) … Das war wichtig, weil eine Szene folgte, die die erlebenden Protagonisten lange mit diesem Song verknüpfen würden.
Wenn ich mich da mal, liebste Heidi, als natural born Landei, mit 45 Jahren Grossstadtprägung einmischen darf: Der Satz
geht vielleicht dann, wenn du aus der auktorialen Perspektive schreibst. Aus der Ich-Perspektive einer im urbanen Bildungsbiotop geprägten Protagonistin, schließe ich aus dem Wort „Stubenmusik“ entweder auf ein Special Interest der Protagonistin oder auf einen Logikfehler. Volksmusik und Volksmusik sind zwar (manchmal) das Gleiche, aber nicht immer das Selbe - sowie etwa Country und Folk zwei unterschiedliche Stile sind. Was dem Stadtohr meist unangenehme Schauer über den Rücken jagt, ist das Humpadumpaduliöh der Bierzelte, echte Stubenmusik ist durchaus reizvoll. In den letzten Jahren hat sich eine neue Volksmusik breitgemacht (Hubert von Goisern etwa, die Ausseer Hardbradler, oder Zabine), die „echte“ Volksmusikbringt (auch rockig aufgearbeitet), die auch von Stadtleuten durchaus positiv konnotiert wird.
Um deine Prota hier authentisch rüberzubringen, musst du ihre persönliche Einstellung zu dem Thema kennen. Gefällt ihr das, sollte das auch irgendwo erwähnt werden, gefällts ihr nicht, lass es sie ignorieren (= also nicht länger konkret beschreiben). Nervt es sie, dann „show, don’t tell“.
hier ein bissl Gänsehaut für dich (nein, keine „Stubenmusik“)
Ich würde ein bisschen vom Liedtext zitieren.
Beispiel:
Im Radio sang eine laute Frauenstimme: „Suchst du Liebe, geh wieder nach Haus!“ Das lenkte die Kommissarin so stark ab, dass sie die halbe Antwort der Zeugin verpasste. Sie riss sich zusammen, tat ihr Bestes, diese Musik aus ihrer Wahrnehmung auszublenden, und konzentrierte sich mit aller Kraft auf die Zeugenaussage.