Seiten füllen

Moin. Ich wollte euch alle mal etwas fragen:
Mir ist aufgefallen, wenn ich an einem Roman arbeite, fällt es mir unglaublich schwer, Seiten mit Belanglosigkeiten zu füllen. Sprich: Ich bewundere die Leute, die wirklich über 3 Seiten ein Zimmer beschreiben können, oder eine Situation, die man eigentlich in 3 Sätzen abhandeln könnte. Ich finde, es ist eine Kunst, 1. das hinzubekommen und 2. so hinzubekommen, dass es nicht sterbenslangweilig ist.
Wie gut könnt ihr das bzw. wie macht ihr das?
PS: Natürlich hängt es auch mit dem Schreibstil zusammen. Jemand, der ohnehin sehr ausschweifend schreibt, wird wohl weniger Probleme haben

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Geht mir exakt genau so wie dir.
In Umgebungen, die irgendwie „ungewöhnlich“ sind, die es also für den Leser wirklich wert sind, beschrieben zu werden, fällt es mir schon leichter. Das ist vor allem bei historischen Texten gegeben, bei denen ich selber erst einmal recherchieren musste, wie eigentlich ein Haus in Hatti vor 3000 Jahren aussah oder Ramses’ Krone, ein Streitwagen, usw.
Aber wenn ich in der Gegenwart einen Protagonisten in ein Zimmer kommen lasse, dann fällt es mir sehr schwer, dem Leser zu erklären, was ein Zimmer ist. Warum sollte ihn interessieren, ob da eine Rauhfasertapete an der Wand klebt und drei Stühle um einen Tisch stehen?
Klar, wenn es um eine bestimmte Atmosphäre geht, muss man schon was machen, aber geht es immer und überall darum?
Daher: ja, wenn man das spannend kann, ist es eine echte Kunst (die ich nicht beherrsche). Allerdings geht es mir auch in meiner Rolle als Leser häufig so, dass mich das Beschreiben von Belanglosigkeiten nervt. Ich empfinde das selten als Bereicherung und eher als Seitenschinderei.
Besonders aufgefallen ist mir das bei der Lektüre eines Schreibratgebers, konkret der „Meisterklasse“ von Elizabeth George, die den Schreibprozess anhand der Entstehung eines ihrer Krimis erläutert. Ich wäre fast eingeschlafen, so langweilig sind schon die ersten drei Seiten auf denen nur eine Klippe bis auf die kleineste Blume beschrieben wird, die darauf blüht.

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Die erste Frage, die ich mir diesbezüglich stelle, ist, warum ist jetzt eine etwas ausführlichere oder detailreichere Beschreibung wichtig. Treibt sie die Story voran? Schafft sie eine beabsichtigte Stimmung beim Leser? Erklärt sie eine Handlungsweise oder deren Motivation? Und ist irgendetwas zutreffend, so muss das nicht an einem Stück hintereinander in epischer (langweiliger) Breite geschehen, sondern kann in kleiner Dosierung erfolgen.

Bei Stephen King beispielsweise gelingt das in meinen Augen manchmal perfekt und ein andermal ist es ausgesprochen nervig. Als reines ‚Textbackpulver‘ kann ich es nicht ausstehen – die auftreibende Blähwirkung ist schwer verdaulich!

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Warum willst du überhaupt Romanseiten mit Belanglosigkeiten füllen? Warum über drei Seiten ein Zimmer beschreiben, wenn es die Geschichte nicht voranbringt? Anders sieht es aus, wenn du einen Tatort beschreibst und in dem, was deine Protagonisten sehen, Hinweise auf Täter, Motiv und Tathergang versteckt sind. Das gilt prinzipiell auch für jedes andere Genre, denke ich. Beschreibung als Selbstzweck langweilt. Außer vielleicht, es handelt sich um konsequentes Nature Writing. Oder es geht darum, ein Meisterwerk der Literatur zu schaffen, das das Feuilleton beeindruckt.
Viel wichtiger ist ein gewisser Mut zur Lücke: Dinge bewusst offen lassen, damit die Fantasie der Leser sie auffüllt. Spät in Szenen reingehen und früh wieder raus. Das Spiel mit dem Ungesagten, Unbeschriebenen. Soll heißen: Mach die keinen Kopf und schreibe in der Form, in der du dich wohlfühlst. :slight_smile:

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Banal, aber wenn du den Eindruck hast, dass etwas ausführklich beschrieben sollte, stell dir dieses Etwas vor.

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Ich denke, Belanglosigkeiten haben in einem Roman nur dann etwas zu suchen, wenn sie - wie meine Vorredner schon ausführlicher beschrieben haben - einen Sinn erfüllen. Dann sind es in meinen Augen jedoch keine Belanglosigkeiten mehr sondern eben wichtig.

Ansonsten sehe ich es wie @writers_headroom :

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Das würde ich eher als Stärke, denn Schwäche definieren, herzallerliebste Bommel.
Ich quäle mich derzeit durch „La Louisiane“ von Julia Malye, einer Geschichte von drei Pariser Frauen, die 1710 nach Amerika als Ehefrauen verkauft werden. Ein höchst interessanter Plot, der aber durch die langwierigen, detailverliebten Beschreibungen der Salpetriere (ein Pariser Waisen- und Irrenhaus) über die ersten 80 Seiten den Lesefluss so ausbremst, dass ich mich zwingen muss, um weiterzulesen. Schade drum. Ganz anders hingegen „So gehn wir denn hinab“ von Jesmyn Ward, ein Bericht über einen Sklavenzug in Nordamerika des 19. Jahrhunderts. Auch hier sehr oft und sehr detaillierte Landschaftsbilder, die aber immer wieder von den Umständen des Verbrechens (die nur angedeutet werden, aber messerscharf wirken) unterbrochen werden. Da ist gar nichts langweilig oder ermüdend, eben weil kein Wort zu viel geschrieben oder gar belanglos ist.

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Ich glaube ich weiß genau was du meinst, mit dem „Seiten füllen“. Bei mir fällt mir auch manchmal auf, dass ich sehr „handlungsgetrieben“ schreibe - man kommt schnell von A zu B und fragt sich, ob da ein wenig mehr Puffer zwischen müsste, sowas wie schöne Beschreibungen oder atmosphärische Erklärungen. Ich bewundere auch die, die es schaffen sowohl den Fokus auf Handlung und Charakteren zu haben aber an genau den richtigen Stellen in richtiger Dosierung einfach mal etwas ausschweifender zu werden.

Natürlich gibt es da nicht wirklich ein richtig oder falsch - so wie jeder Autor einen eigenen Stil und Geschmack hat, hat den ja auch jeder Leser.

Wenn es nicht zum Stil gehört so viel zu beschreiben, muss das nicht zwangsläufig schlecht sein (es ist umgekehrt ja nicht automatisch gut, nur weil mehr beschrieben wird). Wenn es das eine genaue Rezept zum perfekten schreiben gäbe, würden wir ja auch alle gleich klingen :joy:

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Danke, Carobee, genau das meinte ich…Ich habe es vielleicht etwas ungünstig ausgedrückt

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Gut getroffen! Genau das ist eben kein reines Seitenfüllen. Beim Seitenfüllen denke ich unmittelbar an Verlagsvorgaben in Richtung: Der Roman muss zwingend 500 Seiten haben. Schreiben Sie doch noch irgendwelche Lückenfüller.

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Ich habe es etwas unglücklich ausgedrückt…Ich schreibe sehr zielorientiert und schnell …Ich höre immer wieder: Das muss länger, das Kapitel/der Absatz ist zu kurz…

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Blödsinn. Lass die Hunde bellen und mach dein Ding!

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Ich persönlich kann beides.
Bei meinem Magier bin ich überschwänglich genau und beschreibe Gefühle, Begebenheiten, Orte, Räume und Personen viel zu ausführlich. (Seht ihr: ich hätte hier statt der Aufzählung einfach das Wort ‚alles‘ benutzen können.) Aber so bin ich eben. Ich habe das Gefühl, dass es wichtig ist.
Und ich weiß, dass manche das als total rücksichtslos empfinden. Nämlich die, die es schnell und heiß wollen.
Dann aber kann ich auch ratzfatz auf den Punkt kommen. Les- und erlebbar in meinen Busfahrergeschichten. Obwohl: da sind auch ein paar dabei, bei denen ich etwas länger in meine Gedankenwelt abschweife. Aber auch das ist mein Stil und ich finde es für das Thema der jeweiligen Geschichte enorm wichtig.
Ich finde, man müsste/sollte jedes kreative Werk immer dem eingebildeten Ideal anpassen.

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Ich schreibe auch eher knapp, aber ich habe rausgefunden (so für mich) das Reflexion der inneren Gedanken „Seiten füllen“. Diese Gedanken sollten natürlich irgendwie interessant sein und am besten ebenfalls Spannung erzeugen. (Ich glaube es reicht! Ich habe genug! Wenn Suse noch einmal das Wort Eis in den Mund nimmt, gehe ich mit ne Packung Nuii kaufen! :face_with_hand_over_mouth:)
Ich kann „lange Beschreibungen a la Snapshot“ nicht so leiden, also werden sie dynamisch erfasst. Sie berührt den schweren Tisch? Offenbar dunkle Eiche? Die Schlitze darauf? Sehen aus als stammen sie vom einem Hackmesser.
Dann geht sie weiter durch den Raum. Hmhm, Polster aus Brokat. War es schon Nacht? Ab zu den Vorgängen. Violetter, schwerer Stoff mit einer goldenen Bestickung die ein Pentagramm ergab. Sie ließen sich nur widerwillig bewegen. Ja, es war Nacht und das Fenster vergittert.

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Jede gedruckte Seite kostet Geld … solche Verlagsvorgaben gibt es alleine schon deshalb sicher nicht!!!
Manchmal frage ich mich echt, wo diese Vorurteile und Gerüchte zu Verlagen alle herkommen…

Meine Rohfassungen sind meist sehr kurz und ab und zu auch zu prägnant. Bei den Überarbeitungen versetze ich mich in die entsprechende Szene hinein (fällt mir leicht, da meine Romane an Orten spielen, die ich wirklich kenne) und versuche, dem Leser (der diese Orte nicht kennt) die Atmosphäre, die Umgebung, die Lichtstimmung usw. näher zu bringen.

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Liebe Bommel,

wieder mal ein interessantes Thema…da möchte ich gern meinen Senf dazugeben :grinning:, ich ertappe mich leider oft beim Schwafeln, bin im Flow und schreibe und schreibe…, trotz allem macht mir das Überarbeiten danach wieder sehr viel Spaß und ich kürze und kürze… :rofl:…aber zum Thema:
Ich finde, die richtige Mischung zwischen Handlung und Beschreibung zu finden, ist große Kunst, (wie CaroB schrieb)…wenn ich ein Buch in den Händen halte und es nicht mehr loslassen kann, weil es mich so sehr begeistert, dass ich sofort die nächste Seite umblättern möchte, dann ist das für mich Magie, Kunst eben…und ich bewundere jeden Autor, der das hinbekommt :blush:LG

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:+1: :+1: Sehe ich genauso

:+1: :+1: :blush:

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Ich habe das aus einem Interview mit einem Verlagsautor aus erster Hand. Es ist also weder ein Gerücht noch Halbwissen. Das Interview hatte ich übrigens persönlich mit ihm geführt!

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