Ich dachte, hier könnte jeder, der will, seine persönlichen Schreibtipps posten. Und zwar schön einzeln, damit der Thread lange lebt
Ich fange an mit …
Eine Idee, die ich beim Schreiben erfahren habe, ist eine Schule der Aufmerksamkeit. Statt besonders originell, oder poetisch zu klingen, oder mehr Adjektive zu finden, um Sätze zu schmücken, ging ich dazu über mich zu fragen „Was ist hier eigentlich wirklich wahrnehmbar?“. Also mit wie wenigen, aber ausgewählten Beschreibungen, kann ich die Szene in ihrer Einmaligkeit zeigen.
Michelangelo hat in dem Marmorblock für seinen David schon die fertige Skulptur gesehen und „nur“ alles Überflüssige weggemeißelt, so ähnlich wie es @Carlo-Valentino mit dem Holzklotz beschreibt.
Lass also ruhig erst einmal alles stehen und dann entfernst Du die Dinge, die Dich stören. Wenn noch einige „Grate“ übrig geblieben sind, dann wird es die Lektorin gnadenlos entfernen. Ich mache das gerade mit meinem Werk durch. Es tut zwar weh, wenn so viel wegfällt, aber es ist so wunderbar, wenn der Schmerz nachlässt und der literarische David einen hellweiß anstrahlt.
(Ich entschuldige mich für die schräge Metaphorik.)
Ich versuche, mir die Szenen wie in einer Verfilmung vorzustellen. Wie würde Prota A jetzt reagieren? Wie würde B gucken? Welche Geräusche wären im Hintergrund zu hören? Was würde ich in einem Film als nächstes erwarten?
Der Mann, der durch die Tür kam. …
Ist eine sehr wohlgefällige Doppelung. Jeder Versuch es zu umschiffen klingt dann komplizierter oder veraltet
Eine Möglichkeit wäre den Satz umzustellen und auf das Komma verzichten.
Mhm … ich nutze »welcher« auch gerne mal. Bin halt schon über 40.
In manchen Szenarien macht das auch Sinn. Ansonsten fallen mir nur Partizipialkonstruktionen ein. »Der dort stehenende Mann … «
Ich bin auch über 40 und empfinde Relativsätze mit welche/r/s als holprig und sogar richtig unangenehm. Da ist mir das doppelte der/die/das tausend Mal lieber! Möchte man die Wiederholung vermeiden, könnte man den Satz umstellen oder zwei Sätze daraus machen, oder?
Ich, geboren irgendwann in der späten Kreidezeit, habe die Benutzung von „welcher“, „welche“, „welches“ et al. durchaus wertzuschätzen gewusst.
Damit es mir aber nicht so geht wie den Dinos und ich mit meinen Sprachgefühl aussterbe, bin ich opportunistisch auf Konstruktionen wie „Der Mann, der…“ umgeschwenkt.
Das klingt zeitgemäß und gut und ist keineswegs ein Anstoß des Ärgers für die Lesenden.
Wie heißt es so schön „Regeln sind da, um gebrochen zu werden!“
Daher höre ich lieber eher auf mein Bauchgefühl, wie blind auf die Regeln pochen. Denn die können ein ganz schön in die Irre leiten - vor allem, wen man sie falsch versteht.
Die Story ist iÜ wirklich cool: KI im Klassenzimmer ersetzt Lehrende. Um es mit Reinhard Mey zu singen: „und ein Finger schreibt ins gerinnende Blut: auch althergebrachte Methoden sind gut!“
Du schreibst schneller, wenn du nicht ständig zurückliest. Die pure Rohschrift wird länger, aber vollständiger. Erst in der zweiten Phase, der Revision, wird geschnitten, was nicht dient. Diese Methode entlastet den psychischen Druck. Du musst nicht gut schreiben, du musst nur schreiben.
Der größte Feind des Autors ist das weiße Blatt, denn da kann man nichts überarbeiten. Daher Schreiben, egal was!
Wenn mir das komplette Bild für ein Kapitel fehlt, schreibe ich in der Rohfassung ungeachtet der Grammatik, der Logik, irgendwelcher Regeln einfach drauf los.
Aus den Stichpunkten werden bald Sätze, dann Bilder. Fehlen mir die passenden Worte für eine Textstelle, so wird mein Gedanke in eckiger Klammer niedergeschrieben. Es darf in der Sprache geschludert werden und ein Wechsel der Zeitform ist nicht selten.
Am Ende steht das Rohmaterial - viel Masse.
Manchmal lohnt es sich diesen Brocken ruhen zu lassen. Das Bild des Kapitels/ Werkes reift in einem wie ein guter Wein nach.
Wenn die Zeit gekommen ist, dann nehme ich mir dieses Rohmaterial wieder vor.
Einmal drüberlesen, dann Augen zu und Kopfkino an.
Passt das geschriebene Bild zu meiner Vorstellung? Wie werden die Sinne angesprochen? Wie sind die Emotionen? Passt die Atmosphäre? Gibt’s Ballast? …
Fragen sind meine Werkzeuge, die mich Schritt für Schritt dem Ziel ein Stück näher bringen.
Was am Ende übrig bleibt, das weiß ich nie genau. Ein Kapitel ist schließlich nie zu 100% fertig.
Aber eines bin ich mir gewiss: Mit jedem Wort, dass ich egal in welcher Phase eines Kapitels geschrieben habe, komme ich meinem Ziel ein Stück näher.
Der Handlung ein passendes Ende zu geben.
Irgendwo habe ich mal den Tipp gelesen, mit dem Schreiben aufzuhören, wenn man noch genau weiß, wie die Geschichte von dort an weitergeht. Für mich ist das ein unglaublich wertvoller Tipp, weil ich oft Probleme mit dem Einstieg habe (und ja, meinen Anfängen einer Geschichte liest man das an, die ersten paar Abschnitte einer Kurzgeschichte oder eines Romans, oder manchmal sogar eines Kapitels, wenn es eine neue Situation einleitet, sind IMMER meine schwächsten).
Seit ich diesen Tipp befolge, klappt es viel besser. Ich höre einfach einen Abschnitt vor dem Ende einer Szene auf. Da weiß ich genau, welchen Abschnitt ich beim nächsten Mal schreiben muss und habe den Einstieg schon vorbereitet.
Vielleicht hilft das noch jemanden?