In meinem Liebesroman habe ich das auch gemacht. Da gibt es geheimnisvoll schimmernden Chablis, dazu Klassik, die von einer Galerie herab ertönt. Was ich da ganz genau geschrieben habe, weiß ich gar nicht mehr. Ich habe jedenfalls direkt am Anfang ziemlich geklotzt und alle Klischees bedient, um ganz gezielt einen Gegensatz zum hammerharten Ende zu schaffen.
Da ist es dann schon schade, wenn die Leute nicht zu Ende lesen
Damit ist der schwülstige Text aber der ganz bewusst eingeführte Gegenpol des Romanendes und hat somit einen Sinn. Wenn dieser Stil aber der Grundton der gesamten Geschichte ist, bin ich auch raus.
Sein Herz schlug wild und unregelmäßig gegen seine beengte Brust, während er der düsteren, nebelverhangenen Kathedrale entgegenstrebte.
Hab ich gefunden…
Eigentlich wollte die Autorin Anspannung, vielleicht sogar Angst vermitteln.
Sind in meinen Augen eher Symptome für einen Herzinfarkt.
Im groß aufgeblasenen blau blasierten GoogleInternet steht ja: „Show dont tell“ - „Zeigen, nicht erklären“
Dadurch gewinnt man schnell den Eindruck, ok athmosphäre erzeugt man nicht durch Dialog, sondern durch stark belastete Attributionen.
Bsp1: schwer tropfendes Wasser -(das hält sich noch in grenzen, da geht noch mehr)
Bsp2: üppig und kräftig gesalzene Würzsuppe meiner faltig grauhaarigen Uroma aus dem nahen Fernost.
Bsp3: knackig frisches Eis mit rot glasierten Früchten, in einer golden glänzenden Schüssel mit blinzendem blauen Silberbesteck.
Das trägt alles die Mühe, Athmosphäre zu erzeugen und dem Leser genau die Bilder in den Kopf zu pflanzen, die der Autor selber im Kopf hat. Im grunde hat man Angst, der Leser versteht den Text falsch und man müsse unter die Arme greifen.
So kann man Bsp2 auch schreiben: Meine Uroma kocht gern eine kräftige Suppe mit ordentlich Würze. Ob das an ihrer asiatischen Herrkunft liegt? Mir ists egal, ich mag es, wenn es etwas salziger ist.
Und schon kann sich jeder die asiatische Omi vorstellen wie er will, die Suppe vorstellen wie er will, vielleicht sieht der Leser noch den Tisch samt Decke und den Raum, in dem die Szene spielt.
Mit der Macht der Phantasie
Und jetzt das Bsp 2 mit Dialog:
„Hallo Omi, was gibt es zum Mittagessen? Hast du heute wieder Suppe gekocht?“ Ich warf meinen Schulranzen in die Ecke und pflanzte mich auf die Bank aus Bambus.
„Ja, ich habe sie genau so zubereitet, wie du sie magst.“ Sie kam mit einem großen weißen Emaille-Topf, in dem dampfend eine klare Brühe mit goldenen Fettaugen schwamm.
„Also wieder salzig ohne Klöße?“ Ich grinste sie an.
Sie lächelte mich mit ihren mandelförmigen Augen, die in einem hageren Gesicht saßen, liebevoll an. Wir lachten herzhaft und sie streichelte mir über den Kopf.
Ich mag schlicht. Sehr sogar. Ich mag aber auch blumig, mit haufenweise Adjektiven. Letztendlich muss es zur Geschichte und deren Welt passen. Man muss schwülstig und blumig halt auch können. In märchenhaften Welten. In Fantasy. Muss halt einfach passen. In Liebesszenen finde ich es eher unfreiwillig komisch. In Spannungsszenen unpassend. Aber in einem anderen Kontext? Wie gesagt, es muss passen.
Man kann natürlich alles zerschreiben.
Deine Beispiele teiben es grad genau auf die Spitze, die (weil es mir selber so geht) einfach unlesbar sind.
Und natürlich lockert Dialog wirklich jede Szenerie auf (wenn man Dialoge schreiben kann).
Die richtige Balance zu finden, ist die Kunst.
„Wilder, unbändiger Wind fegte durch die Baumkronen der Föhren hoch über Horuld von Hartenbach. Ihr Holz knarrte und seufzte, doch stoisch hielt es dem Schieben und Ziehen der Mächte des Himmels stand.
Anhaltendes Gewimmer von allerlei unsichtbarem Getier um ihn herum mischte sich unter das Knarzen. Alle diese Klänge tönten wie ein Stöhnen und Raunen in seinen Ohren. Wie die Wehklagen geschundener Seelen. Ein ums andere Mal lief ihm ein Schauder den Rücken hinab. Sein unbedarftes Gemüt litt unter den Widrigkeiten.“