Schreibblockade: Die richtigen Figuren zur Geschichte finden

Hallo!

Ich sitze jetzt schon längere Zeit am Beginn meines ersten größeren Sci-Fi-Romanprojekts (vorher habe ich Kurzgeschichten geschrieben), bin aber ins Straucheln gekommen. Das Überlegen der Story hat mir total viel Spaß gemacht, da hab ich die Figuren eher ausgeklammert, aber jetzt, wo ich so langsam ans Schreiben kommen will, merke ich, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, was das für Charaktere sein sollen. Sie agieren überhaupt nicht glaubhaft zur Geschichte und sind auch sonst eher blass oder sehr stereotyp. Meine größte Schwierigkeit ist es, dass ich einfach überhaupt keinen Zugang zu all meinen Charakteren finde. Ich habe Probleme mir vorzustellen (vielleicht habe ich da deshalb auch gar keinen Spaß dran), wie sich ein Mensch verhalten würde oder welche Eigenschaften er bräuchte, wie sein Leben außerhalb der Story aussieht, was er für Vorlieben hat etc. - Habt ihr Ideen für mich, wie ich mich aus meiner Sackgasse raushieven und Zugang zu meinen Charakteren finden kann? Würde mich wirklich über eure Ansätze freuen.

Viele Grüße!

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Meine Figuren entwickeln sich beim Schreiben. Es ist eher selten, dass ich vorher schon weiß, wie jemand ist und damit auch einschätzen kann, wie er sich beim Schreiben verhalten wird in den unterschiedlichsten Situationen.

Bei meinen „rohen“ Figuren kommt es immer darauf an, wie genau ich die Szene vor Augen habe, an der ich sitze. Dann kann ich sehen, wie die Figur sich verhält oder verhalten muss, um mit der Szene dahin zu kommen, wo ich plane, schlussendlich zu landen. Nicht immer ganz einfach, aber so entwickelt es sich nach und nach - sowohl die Geschichte, als auch die Figur selbst mit ihren Eigenheiten.

Ein aktuelles Beispiel, um es vielleicht besser verständlich zu machen:
Ich arbeite gerade an einer Geschichte, wo meine Protagonistin Hilfe beim Schreiben braucht. Ich weiß also nur, dass sie Schreiberling ist (und ich weiß nichtmal, ob Autorin oder Journalistin) und sie verzweifelt ist. So verzweifelt, dass sie etwas tut, was Aberglaube ihr immer verboten hat. Sie weiß nicht, ob und was passiert, wenn sie handelt, also kommt Wagemut mit dazu, geboren aus Verzweiflung. Als schließlich etwas passiert, hab ich zwei Möglichkeiten, sie handeln zu lassen: Entweder sie verkriecht sich in Angst oder aber sie packt die Gelegenheit beim Schopfe und nutzt sie zu ihrem Vorteil. Also entweder ist sie ängstlich oder aber opportunistisch.

So ergibt sich bei mir im Schreiben, wie ein Charakter ist. Wie die Person aussieht, ergibt sich in den meisten Fällen genauso erst beim Schreiben. Was aber eben genau daran liegt, dass ich die Szene wie einen Film vor meinem inneren Auge sehe und dann weiß, welche Äußerlichkeiten am besten passen für meine Fantasie.

Vielleicht ist das für dich auch ein gangbarer Weg, die Geschichte so klar wie möglich vor sich sehen und daraus die Figuren entwickeln. Sei es im Schreiben oder wirklich mit einem Charakterbogen hinsetzen und überlegen, wie die Person sein muss, um ihre Aufgabe im Plot zu übernehmen.

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Ich fürchte, du befindest dich in dem Irrtum, in dem sich viele Schreibende befinden, nämlich jenen, dass du fix annimmst, du würdest die Geschichte schreiben. Tust du aber nicht. Die Protas erzählen sie dir, du protokollierst das ganze nur. (Ja, ich weiß, es gibt jede Menge Leute, die jetzt, dagegenhalten, ist aber trotzdem so, nicht nur bei mir - siehe Annabelles Post)
Tja, was rate ich dir? Lass dir Zeit, geh mal mit deinen Protas auf ein Bier (oder ein Glas Prosecco, was auch immer) und lern sie kennen. Vielleicht sind sie ganz nett, vielleicht auch richtige Bad Asses, wer weiß? Lass sie aber auf jeden Fall ihre eigene Geschichte erzählen und drück ihnen nicht deine rein. Da kommt nix Gscheites raus, außer dass der Buchschnitt so komische Farben kriegt…

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Ich würde Freunden die Geschichte erzählen und mit ihnen Dialoge durchspielen. Sie fragen, wie sie reagieren würden. Am besten ist natürlich, du hättest im Familien-/Bekanntenkreis viele unterschiedliche Leute, so kannst du Freund A jeweils zu Charakter A befragen. Immer mal wieder. Und irgendwann entwickelst du ein Gefühl für deine Figuren. Wenn nicht, dann so lange fragen, bis es passiert oder deine Freunde genervt sind. Aber auch das Genervte könntest du ja vielleicht verwenden.

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Es ist genauso , wie @anon94906099 schreibt. Wenn überhaupt, darfst du vor Schreibbeginn (als Schreiberling) allenfalls den Namen einer Figur festlegen, wenn es hochkommt noch deren Haar- oder Augenfarbe. Alles weitere wird dir die Figur befehlen. Was du allerdings haben solltest (ohne das geht es wirklich nicht) ist eine Idee, eine Vorstellung, wo, wie, wann deine Story handeln soll. Der Rest gibt sich.

Ich sammele alles, was sich ergeben hat, auf einem Denkbrett und habe so immer den Überblick, ob die Figur sich entwickelt hat oder platt bleibt. Beides ist in Ordnung. Jedoch muss eben alles zusammen passen. Deine Figur kann nicht erst rote Haare haben und dann plötzlich eine Glatze. Es sei denn, es passiert in der Geschichte etwas, das zur Glatze führt.

Steht eine Figur komplett fest, trage ich so viel wie möglich ihrer Eigenschaften in die Figurendatenbank ein und streiche die Eintragungen im Denkbrett.

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Rot nicht, das stimmt. Aber fast weiß geht - wie eine meiner Figuren, als Jüngling lange weiße Haare, später Glatze, dann wieder lange weiße. :joy: :joy:

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Danke für eure zahlreichen Antworten, das hat mir schon sehr geholfen. :slight_smile:

Die Geschichte habe ich schon ziemlich klar vor Augen. Aber deinen Ansatz, zu überlegen wie die Person sein muss, um ihre Aufgabe im Plot zu übernehmen finde ich toll. Das entspannt bei der Charakterisierung.

Das ist ja interessant. Ihr seid ja beide, Annabell & nolimit, so wie ich euch lese sehr gegensätzlicher Ansicht.

Oh, das mag ich! Das setze ich auf jeden Fall um. Auf sowas bin ich überhaupt nicht gekommen. Dankeschön!

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Hm, ich lasse keine Figur ohne eine mir bekannte Backstory auf die Geschichte los. Die muss nicht ausschweifend sein, liefert aber ein paar Eckpunkte, aus denen heraus die Figur zu handeln und sich zu entwickeln vermag. An der dann langen Leine, die ich ihr als Autor lasse.

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Ich habe viel Fantasyrollenspiel betrieben, daher fällt es mir etwas leichter die Ilusion eines Charakters aufzubauen. Was dir helfen könnte ist, wenn Protagonisten in der gleichen Situation unterschiedlich handeln würden. Das heißt, du baust eine Art »Protagonist in einem Satz«. Am Besten mit einem PlusMinus. Das könnte zum Beispiel sein:
»Mathilda ist gutherzig, aber ängstlich bei körperlicher Nähe.«
»Keem ist schmierig, aber verlässlich. Außerdem ist er leichtgläubig.«
»Tazok ist mutig und furchtlos. Außerdem ist er zornig und mistrauisch.«

Was würde nun passieren? Keem nimmt einen Auftrag für die Gruppe an, der nach Betrug riecht. Dabei nähert er sich Mathida an, die das nich leiden kann. Tazok brüllt den Haufen zusammen, will den Auftrag trotzdem schaffen.

Später, wenn sie miteinander reden, kannst du dir bei Bedarf die Geschichte ausdenken, warum sie so sind, wie sie sind.

Ich empfehle eine minimale Idee von den Protagonisten zu machen, denn erstens kann das von allein die Handlung vorantreiben, zweitens verhinderst du, dass sich alle gleich anhören (Deine Stimme :smiley:)

Ich baue Nebendarsteller auch gerne mal nach Bedarf. Aber aufpassen, dass es nicht ein »Einmalauftritt« wird.

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Man könnte für jede wichtige Figur, also mindestens Protagonist und Antagonist, zu Beginn einen Steckbrief erstellen. Darin werden nach und nach nicht nur körperliche Merkmale eingetragen, sondern vor allem auch Stärken und Schwächen. Ich empfehle, regelmäßig die sich entwickelnde Geschichte mit den Steckbriefen abzugleichen.

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Ich kenne meine Figuren sehr gut, bevor ich schreibe, ohne dass ich viel darüber nachdenke. Ich weiß, xy ist mit Leib und Seele Polizist. Daraus ergeben sich für mich schon Charaktereigenschaften, die ich nicht mehr bedenken muss. Die Storyidee und die Figuren beginnen ihren Tanz, und ich bin überrascht, wieso ich vorher wusste, dass xy für diese Story Polizist sein musste. :sweat_smile:
Will sagen: Ich komme über Berufe sehr weit. Wenn eine Figur für die Story zB Chirurg sein muss, dann wird sie entscheidungsfreudig, handfest, ruppig und zumindest in gewissem Maße rücksichts- und gedankenlos sein. Sonst kommt sie als Chirurg nicht klar. Weltraumpirat: ähnlich.
So komme ich oft voran (das ist nicht alles, aber ein Anfang).

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Ich denke die wahre Kunst ist es, keine Klischees zu bedienen. Vorhersehbarkeit langweilt. Keine Berufsgruppenklischees. Der Kommissar, der einsame Wolf mit seinem Hang zu Zigaretten und Alkohol oder geläutert mit Pfefferminzbonbons. Schon 1000 x gesehen.
Man muss anders denken, um sie spannend zu machen. Nicht, dass ich dafür ein Rezept hätte, aber ich bemühe mich.

Für mich habe ich festgestellt, dass meine zweite HF immer der spannendere Charakter ist. Warum, weiß ich nicht. Ich muss mal Dr. Froid fragen, der weiß es vielleicht. Ich, mit meinem Spatzenhirn denke, dass ich da nicht so genau hinschaue. Die Figur einfach machen lasse, vielleicht ist das das Geheimnis. Loslassen.

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Genau. Im Moment ist sie (auch) diejenige, die die erste HF „erklärt“. Einfach durch den Gegensatz der beiden.

Kannst du mich aufklären, für was HF als Abkürzung steht?

Vermutlich Hauptfigur

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Ja, genau. Es sollte Hauptfigur heißen.

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Menschen sortieren andere Menschen anhand kleinser Fakten schnell mal in Schubladen. Die hochnäsige kurzangebundene Ärztin, welche das Pflegepersonal scheucht? Niemand kennt sie als die überforderte Mutter, die noch ihre stark erkrankten Großeltern pflegt.

Deshalb finde ich es in Ordnung mit Klischees zu spielen, wenn es Nebendarsteller sind. Der korrupte Wachposten? Wir erfahren nie, ob er drei Kinder alleinerziehend groß zieht und deshalb Geld annimmt, solange er es moralisch vertretbar findet. Touris lässt er in die Sperrzone, die bewaffneten Söldner meldet er aber. Man kann mit kleinen Nuancen andeuten, dass er mehr als ein Klischee ist. Das Bild der Kinder im Wachraum. Sein zögern und die leichte unzufriedenheit, obwohl er das Geld annimmt.

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Hm, was ich mit Berufen meinte, sind reale „primäre“ Charaktereigenschaften, die zur Berufswahl führen und eine erfolgreiche Karriere nötig sind.
Ein sensibler Träumer wird wahrscheinlich nicht der König der Unfallchirurgie. Aber wenn, erzähle mir eine glaubhafte Geschichte, wie es dazu kommt.

Was Berufsalltag aus Menschen „sekundär“ macht, ist mE offen für jede literarische, auch klischeereiche Interpretation. Aber auch da gehe ich von dem aus, was die Leute zunächst in diese Laufbahn brachte.
Der Palliativmediziner, der Leiden lindern möchte und dann todkranke Patienten tötet. Passt.
Der Serienkiller, der aufhört, weil er im Lotto gewonnen hat. Passt nicht.

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Eine andere Idee wäre, sich am Anfang Vorlagen zu suchen. Am besten öffentliche Personen oder Bekannte/Freunde/Familie. Die nimmt man dann und sagt sich „mein Weltraum-Pirat ist ein Typ, wie mein Cousin, der seit 15 Jahren auf Teneriffa als Aussteiger lebt. Und der Schiffsarzt ist ein Typ wie Fritze März.“

Den ersten kennt man und vom zweiten kann man sich 20 Minuten lang Interviews angucken. Wenn man das durchgehalten hat, weiß man, wie er redet.

Dann lässt man die beiden mal aufeinander los und schreibt eigenen Dialog. Nicht unbedingt für die Story, sondern erstmal als Trockenübung. Dann sieht man schon, ob das funktioniert.

Wichtig ist, denke ich, dass man irgendwie anfängt. Möglichst ohne den Druck, gleich etwas Brauchbares zu produzieren. Daher finde ich es auch nicht verwerflich, am Anfang verschiedene Klischees zu verwursten. Etwas abgewandelt vielleicht. Nach ein paar Seiten Dialog zur Übung wird man sich sowieso von den Vorbildern entfernen.

Das Setting tut ein übriges. Wenn ich z. B. Börne und Thiel aus dem Tatort als wissenschaftliches Team in ein Raumschiff versetzte, wird sie kaum jemand erkennen.

Eine Sache noch: Wenn es geht, sollte man zu Beginn einen Namen haben. Nach meiner Erfahrung ist der Name oft die halbe Miete für den ganzen Charakter.

In diesem Sinne: viel Spaß beim ausprobieren.

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