Der Seher vom Hochwald
In Hain und den umliegenden Dörfern rund um den Hochwald geht seit uralten Zeiten die Kunde von einer seltsamen Gestalt, die rastlos die Wälder rings um den Gipfel des Berges durchstreift. Doch er ist kein gewöhnlicher Geist. Die Alten nennen ihn ehrfürchtig den Seher oder die Geißel des Berges. Sie warnen Fremde: »Hütet euch vor dem Seher! Viele, die ihm begegneten, kamen nicht zurück. Die Legende besagt: Sein linkes Auge, es glüht gelb. Damit schaut der Seher in die Tiefe von Herz und Seele. Findet er dort einen Makel, so bist du vor seinem Fluch nicht sicher. Und ehrlich, keiner unter uns ist frei davon.«
Hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt, dass dieses gelbe Auge in tiefen Nächten durch die Fensterscheiben in die Stuben blickt, um die Schläfer zu prüfen. Aber vielleicht war es auch nur der Mond.
Und ja, es gab sie wirklich, die Geißel, den Seher. Und ja, er hatte ein gelbes Auge. Wie er zu dem geworden ist, was er nun war, davon will ich euch erzählen.
Es fing alles vor vielen hundert Jahren an, in einer Zeit großer Hungersnot. Wenn das Brot nicht für alle reichte, wurden die Menschen hart. Eine arme Familie sah keinen anderen Ausweg mehr. Sie schickten den jüngsten Spross einfach nach oben in den Wald am Gipfel. Dort sollte er auf ein Wunder warten. So etwas passierte oft in dieser Einöde. Meist reichte nur eine Nacht da oben in der Kälte, in der Dunkelheit, und diese armen Kinder ereilte der Tod.
Aber dieser eine Junge war anders, er überlebte. Von den Hasen lernte er, welche Pflanzen man essen konnte, die Wildschweine zeigten ihm, wo Wurzeln zu finden sind. Wölfe brachten ihm das Jagen bei. Irgendwann fand er eine kleine Höhle an der Flanke der blanken Felsen.
Eines Abends entdeckte er eine kleine Schlange. Sie hatte sich in der Ecke zusammengerollt. Aus reiner Neugierde hob er das Tier empor und hielt es sich dicht vor das Angesicht. In diesem Moment schoss die Schlange vor und biss ihn ins linke Auge. Die Giftzähne schlugen mitten in die Pupille, bohrten sich tief in den Augapfel und das brennende Gift verbreitete sich rasend schnell.
Wie ein Blitz fuhr ein nie bekannter Schmerz durch den Kopf. Er schlug sich hart in die Schläfe. Seine Fingernägel gruben sich in die Haut, bis Blut hervor quoll. Doch das Gift fraß sich weiter durch seinen Körper. Es erreichte das Herz, welches stockte und dann kurz aussetzte, um dann ungleichmäßig und wild weiterzuschlagen. Ein Beben überkam ihn, als der Schmerz seinen Höhepunkt erreichte. Es war ein Reißen, das nicht nur durch Fleisch und Knochen ging. Der Schmerz zerriss seine Seele in zwei Teile. Dann wurde es schlagartig finster um ihn. Er verlor sein Bewusstsein, versank in einen Fiebertraum. Dort durchlebte er die grausamen Tage seiner Kindheit noch einmal. Den Hunger. Die Pein. Und den Streit seiner Eltern. Die harten Worte des Vaters. Das Weinen der Mutter.
In ihm wuchs eine nie gekannte Wut. Als er nach langer Zeit aus seinem dunklen Gefängnis erwachte, da war er verwandelt. Er war die Geißel, der Seher.
Als er die Lider aufschlug, war die Welt eine andere. Aus seiner linken Augenhöhle drang ein unheimliches, gelbes Leuchten. Es glühte gelb wie Schwefel. Das Auge war blind für das Licht der Sonne, aber es sah nun das, was den Menschen verborgen blieb, die Farbe der Seele. Er sah die Fäden der Schuld, den Schmutz der Lüge, aber auch den hellen Schein der Güte. Er konnte den Menschen direkt in die Seele schauen. Und die erste Seele, die er richten wollte, war die seines Vaters.
Nachts stieg er hinab vom Hochwald ins Dorfe Hain. An der Hütte seiner Eltern schaute er mit dem gelben Auge in die Stube, dem Mondschein gleich. Da saßen sie. Der Vater, gezeichnet vom Alter, aber mit denselben harten, unversöhnlichen Zügen im Gesicht. Die Mutter, gebeugt vom Gram, die Hände vom Weben krumm und steif.
Sein gelbes Auge fixierte den Vater. In der Brust des alten Mannes sah er keine Reue, nur unbarmherzige Härte. Das Auge des Sehers glühte heißer. Ein stummer Fluch löste sich von seinen Lippen, ein Fluch, der dem Vater den Atem rauben und sein Herz im Schmerz verkrampfen ließ. Er fiel tot vom Hocker.
Dann wandte sich der Blick des Sehers der Mutter zu. Das gelbe Auge hielt inne. Das rachsüchtige Glühen wurde sanft. In ihrer Brust sah er ein reines, warmes Licht. Ihre Seele war voller Güte, voller Schmerz über den Verlust ihres jüngsten Knaben, den sie nie vergessen hatte. Ihre Tränen von damals waren echt.
Der Seher senkte das Haupt. Er tat ihr nichts. Er drehte sich um und verschwand lautlos in die Finsternis des Hochwalds. Zurück blieb ein gerichtetes Haus und die ewige Gewissheit, dass kein Makel vor ihm verborgen bleibt.
In Hain und den Dörfern ringsum wusste nun ein jeder. Wer den Hochwald betritt, spielt mit dem Leben. Immer wieder fand man Wanderer, die tief im Forst jämmerlich umgekommen waren. Mit schreckverzerrten Gesichtern und Augen, die im Tod noch das nackte Entsetzen widerspiegelten. Für die Dorfbewohner gab es keinen Zweifel. Sie alle hatte der Fluch der Geißel getroffen. Niemand wagte sich mehr nach dem Abendläuten in die Nähe des Berges. Fenster und Türen wurden verriegelt und verrammelt. Das Dorf lebte in Angst und Missgunst.
Bis zu jenem Tag, als ein seltsamer Wanderer im hainschen Kretscham einkehrte. Er trug einen auffälligen, roten Hut, ein feines Gewand und einen Wanderstab. Die Bauern am Tisch raunten von der düsteren Mär, erzählten von der Geißel und warnten den Fremden mit angstvollen Worten vor dem Berg: »Hütet euch vor dem Seher! Viele, die ihm begegneten, kamen nicht zurück.«
Der Wanderer mit dem roten Hut hörte schweigend zu. Er trank seinen Krug aus, wischte sich den Schaum vom Mund und sah in die Runde der verängstigten Gesichter.
»Ich weiß«, sagte er ruhig. »Ich habe ihn getroffen.«
In der Gaststube wurde es totenstill. Die Bauern starrten ihn an, als stünde ein Geist vor ihnen. Ungläubiges Gemurmel erhob sich.
»Oben am Kammweg trat er aus dem Walde«, erzählte der Wanderer. »Sein linkes Auge war gelb wie Schwefel. Er trat an mich heran und blickte mir nicht in die Augen. Sein Blick traf mich tief in meinem Inneren. Was er da suchte, kann ich nur raten. Er suchte wohl einen Makel, ein dunkles Geheimnis. Er fand wohl nicht, was er suchte.«
Der Mann griff nach seinem roten Hut, rückte ihn zurecht und grinste frech in die Stille hinein.
»Sein Auge erlosch. Und er ging einfach weiter seiner Wege. Verdutzt und verschont blieb ich zurück. Meine Seele war wohl zu leicht.«
Mit diesen Worten erhob sich der Fremde, warf ein paar Münzen auf den Tisch und schritt hinaus. Sein Weg führte ihn fort.
Die Waltersdorfer blieben schweigend zurück. An diesem Abend begriffen sie die wahre Botschaft der Geißel des Berges. Der Seher richtet nicht aus blinder Wut. Seine Strafe ist gerecht, denn er ist der unerbittliche Spiegel des eigenen Gewissens. Wer im Hochwald den Tod findet, dessen Seele wird nicht von der Geißel zerbrochen. Sie zerbricht an der Last der eigenen Schuld.
Gegen den Seher hilft keine Waffe und kein Versteck. Wer die Wälder des Hochwalds durchqueren will, der braucht keinen Schutzschild. Er braucht nur eine reine Seele.
Das ist eine der »Die neuen Sagen der Heimat«
Ein kleines Nebenprojekt von mir.






