Offene Enden Teil 3: Schreib Teil 4

Richard Berger und Christian Pfeiffer machten sich auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Die Uhr zeigte 19:45 Uhr. Trotz der ausdrücklichen Warnung hatten sie die Polizei informiert, die ihnen unauffällig in zivil folgte.
Beide waren sich einig, dass die Gefahr eines Alleingangs zu groß war. Fehler konnten tödlich enden, wie sie beide bereits am eigenen Leib erfahren hatten. Die Gelegenheit, diesen Schweinehund dingfest zu machen und Marlene zu retten, durften sie nicht verstreichen lassen.
Marlene… Richard Berger wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel. Niemals hätte er gedacht, seine uneheliche Tochter auf diese Weise wiederzusehen. Ein guter Vater war er nie gewesen. Er hatte seinen Ausrutscher mit monatlichen Zahlungen abgegolten, hin und wieder ein Geschenk geschickt, und alle paar Jahre hatten sie sich getroffen – bis der Kontakt schließlich ganz abbrach. Dorothea war immer eifersüchtig gewesen, hatte es nicht ertragen, wenn er Marlene sah. Die Tatsache, dass sie nun ausgerechnet Pfeiffers Ex-Freundin war, gab dem Ganzen eine beunruhigende Note. Richard bereute sein Verhalten zutiefst. In den vergangenen Jahren hatte er sich oft gefragt, was aus Marlene geworden war. War sie glücklich? Verheiratet? Hatte sie Kinder?

Christian und er wussten nun, was sie verband, aber nicht, was sie getan hatten, um diese Ereignisse auszulösen.
Bergers Hände zitterten. Seit dem Vorfall vor seiner Haustür war er nicht mehr derselbe. Der Schock saß tief, die Bilder hatten sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt. Über Nacht war er um Jahre gealtert. Verstohlen warf er einen Blick zu Pfeiffer, dessen Augen tief eingesunken wirkten. Der ungepflegte Drei-Tage-Bart und der Geruch nach billigem Fusel sprachen für sich – es bedurfte keiner weiteren Erklärung. Ihm ging es genauso schlecht wie Richard selbst.

Sie erreichten die Abfahrt in Richtung Industriegebiet etwa fünf Minuten später. Bergers Aufregung steigerte sich ins Unermessliche. Angst breitete sich in ihm aus – Angst vor dem, was sie erwarten würde, und davor, die Wahrheit herauszufinden.
Konnten sie Marlene retten? Unruhig spielte er mit seinen Fingern und wischte sich die schweißnassen Hände an seinen Hosenbeinen ab. Sein rechter Wangenmuskel zuckte. Ein Tic, der immer auftrat, wenn er nervös wurde.
Pfeiffers Mimik hingegen blieb ausdruckslos.
»Wir sind gleich da. Machen Sie sich bereit, Richard.«

Zögerlich betraten sie eine alte Lagerhalle, die als Treffpunkt fungierte.
Es war stockdunkel, nur ein paar verrostete Öltonnen, die als improvisierte Feuerstellen dienten, warfen ein flackerndes, schattenhaftes Licht in den großen Raum.
Die Beamten hatten hinter ihnen Stellung bezogen-gut versteckt und unsichtbar.
Langsam schritten sie voran. Irgendwo schrie eine Katze. Berger zuckte kaum merklich.

»Marlene?«, rief Pfeiffer plötzlich in die beklemmende Stille. »Kannst du mich hören? Bist du hier?«
Eine schwarze Gestalt löste sich aus den Schatten und schritt mit leisen Sohlen langsam auf sie zu. Ihre roboterhaften Bewegungen wirkten fast unmenschlich.
»Keine Sorge, wir sind alle hier, Christian, nur Geduld.«
Die Stimme klang verzerrt, künstlich. Das Gesicht war hinter einer schwarzen Skimaske verborgen, sodass es unmöglich war, zu erkennen, ob die Person männlichen oder weiblichen Ursprungs war. Ein kalter Schauer lief Richard über den Rücken, und seine Nackenhaare stellten sich auf. Selbst Pfeiffer, der sonst kaum Emotionen zeigte, schluckte hörbar, als rechts ein greller Scheinwerfer aufflammte.

Das Licht offenbarte eine zarte Gestalt, die wie einst Jesus an die Wand genagelt war. Ein Knebel steckte zwischen ihren grellroten Lippen, über ihr ein Schriftzug in schwarzer Farbe: Sünde, Eifersucht, Verrat, Gier, Schuld und Sühne!
Ihr schmerzverzerrtes, blutiges Gesicht wirkte grotesk und verstörend im kalten Lichtschein. Nur die blauen Augen erkannte Richard sofort. Er hätte sie unter Tausenden wiedererkannt. Sein Herz setzte für einen Moment aus.

»Dorothea? Um Himmels willen!«, keuchte er.

User @Bommel/Tanja