Mäusefell
( Keine politische, aber eine persönliche Geschichte über Kälte )
Immer wenn ich meine Schneidezähne Stück für Stück tiefer im Fleisch versenke, meine Lippen sich festsaugen, die Zungenspitze an der äußeren Hülle anstößt und mit den Lippen zusammen etwas Pelziges spüren und dann der wunderbare Duft von Pfirsichen in meine Nase strömt, muss ich an dich denken.
Das ist die Sequenz, in der du auftauchst, bevor du in meinem Alltag wieder verschwindest und Menschen, welche mehr Zeit in meinem Leben verbringen konnten, dich mit meinen Erinnerungen an sie überlagern.
Wir stehen in der Küche, die ein schmaler Schlauch ist. Sie ist karg und kühl, genau wie du. Du stehst vor dem kleinen Fenster und wirkst, wie ein großer Scherenschnitt, denn das Licht kann nicht durch dich hindurchscheinen. Der dunkelbraune Linoleumboden glänzt, die Arbeitsfläche deiner einzeiligen grauen Küchenzeile ist leer. Auch sie ist spiegelblank. Der dunkelbraune Tontopf am Boden, in dem du das Brot aufbewahrst, ist noch prägnant in meiner Erinnerung verankert.
Du, geboren 1904, elegant, streng und mit einer adeligen Ausstrahlung stehst groß und breit vor mir. Dein mit Haarkämmen frisiertes dunkles, nur leicht ergrautes Haar, welches mehr schwarze, als graue Haare zählt, stellt sich der hereinscheinenden Sonne in den Weg. Du bist dein eigener Schatten.
Wasser läuft mir im Mund zusammen. Ein Pfirsich. Woher hast du ihn? Es gibt keine zu kaufen? Wie gern würde ich ihn jetzt essen. Aber du beißt in meiner Erinnerung hinein und sagst: " Ich mag keine Pfirsiche. Die Haut ist so pelzig, wie bei einer Maus."