Danke
Auch von mir: Herzlich Glückwunsch zur Fertigstellung deines ersten Romans. Hier sind meine Tipps:
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Das Buch weglegen. Ich verstehe dein Bedürfnis, deinen Roman so schnell wie möglich zu publizieren. Doch nur ein zeitlicher Abstand gibt dir die notwendige Klarheit, die für eine Überarbeitung nötig ist.
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Große Überarbeitung: Mit großer Überarbeitung meine ich, dass du die großen Fehler suchst. Tippfehler, Formatierungsfehler und dergleichen würde ich ignorieren. Suche nach unnötigem Ballast und nach logischen Fehlern. Unnötiger Ballast: Wir schreiben uns oft in Szenen hinein. Der erste Absatz ist oft ein Warmschreiben und kann gekürzt werden. Mit logischen Fehlern: Person geht in ein Wohnzimmer und plötzlich wird das Wohnzimmer zu einer Küche.
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Erneute Pause: Danach würde ich den Roman wieder zur Seite legen. Es klingt lächerlich, aber nach der ersten Überarbeitung würde ich mir wieder Zeit nehmen.
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Weiteres Kürzen: Braucht der Text wirklich so viele Adjektive, um eine Person zu beschreiben. Benötige es wirklich fünf Sätze - reicht nicht ein Satz?
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Feinschliff: Erst wenn die zweite Überarbeitung vollzogen ist, würde ich nach Tippfehlern, Grammatikfehlern und dergleichen zu suchen. Hier habe ich folgenden Tipp: Druck dein Buch aus und lies es langsam und laut vor. Es wundert mich immer wieder, wie viele Fehlern einem auffallen, wenn man einen Text langsam und laut vorliest.
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Querfeldein: Außerdem würde ich den Text nicht nur von Anfang bis zum Ende bearbeiten, sondern immer auch querfeldein. Ich suche zum Beispiel nach „dass“ und überlege mir, ob ich die Dass-Sätze nicht verkleinern kann. Viele Dass-Sätze sind Sätze dieser Art: Ich denke mir, dass wir uns morgen treffen könnten. Eine mögliche Alternative: Können wir uns morgen treffen? Wenn es sich um einen Dialog handelt, muss man natürlich vorsichtig sein, denn Dass-Sätze können zum Charakter passen. Doch außerhalb von Dialogen zahlt sich eine Straffung dieser Art oft aus.
Viel Erfolg mit der Überarbeitung und viel Erfolg mit deinem ersten Roman. Ich wünsche dir viele begeisterte Leser.
Lieber @Koebes
Da ich ebenfalls gerade in der gleichen Situation bin wie du, hier ein paar (NOT!)-To-Dos von mir, die ich aus eigener Erfahrung schätzen lernte:
- Überarbeiten wozu? Lass den Quatsch und schmeiss das Ding raus. Sofort und mit einer Erstauflage von mindestens 10.000 Stück!
- Testleser gefällig? Klar doch. Deine Frau, deine Kinder, dein bester Freund. Wer denn sonst? Die kennen dich am besten. Oder?
- Fremde Testleser? Gar solche, die selbst schreiben? Glaub denen ja kein Wort! Von Neid zerfressene Dilletanten, allesamt!
- Kritiken: Positive mit gelben Leuchtstift markieren, negative mit schwarzem Edding!
- Benutze nie die pap-Stilanalyse. Alles fantasieloser Quatsch für ewig gestrige Erbsenzähler.
- Benutze nur die pap-Stilanalyse und nimm jede ihrer Empfehlungen an. Ausnahmslos!
- Wenn schon überarbeiten, dann immer unter Einfluss von Alkohol und den gesamten Text in einem Aufwasch.
Liebe Grüße aus Wien.
Gratuliere im Übrigen.
Hey Koebes,
Hauptsache, du lässt dich nicht verrückt machen.
Aus dem Alter bin ich raus
Herzlichen Glückwunsch zum Erstling.
Ich lese das Manuskript mehrfach mit unterschiedlicherZielvorgabe: Wiederholungen, Hilfsverben, Adjektive, Perspektivfehler, Satzbau und Satzanfänge, Handlungsverlauf und Plotlöcher, Logik, Tempo.
Dann übertrage ich es in Word, lasse es vorlesen.
Dann noch einmal ein Gang als E-Book für eine neue Sichtweise.
Inzwischen habe ich Routine, daher bekommen meine Testleser das Machwerk nach 5–10 Durchgängen. Bei mir immer als Datei, und ich bekomme mehr oder weniger ausführliche Rückmeldungen.
Bei manchen Testlesern arbeite ich mit der Änderungsnachverfolgung, das ist dann fast wie ein Lektorat.
Hier ein paar Tipps ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
- „Waritis“ und „Hattitis“ - grammatikalisch richtig, aber dennoch schlecht zu lesen: das Plusquamperfekt. Da gibt es elegante Wege, das zu minimieren. Die beiden Hilfsverben nie als Vollverben nutzen. (Da hilft das Programm schon.)
- Kennzeichnet Papyrus ebenfalls, aber dennoch: Füllwörter und Adjektive unter die Lupe nehmen.
- Stimmt die Perspektive überall?
- Die Satzkonstruktionen anschauen. Viele neigen zu einem ähnlichen Satzbau, auf Abwechslung achten und nicht ständig das Subjekt an den Anfang stellen.
- Logischerweise: die Logik. Würde das wirklich so passieren, verhalten sich die Figuren glaubwürdig
- Sind die Charaktere gut ausgearbeitet und komplex?
- Kann der Leser der Handlung folgen, oder setzt du manches voraus, was nur du weißt?
- Überbeschreibungen und Pleonasmen meiden
- Temposteuerung: bei einer Aktionszene bitte auch das Erzähltempo erhöhen, in ruhigen Phasen entschleunigen.
- Schauen, ob jede Szene zur Handlung beiträgt.
Noch etwas: Wenn du im Bauch ein Ziepen spürst und dir etwas nicht gefällt, ohne den Finger drauflegen zu können, ist es meist auch nicht gut.
Ich wünsche dir viel Freude beim Überarbeiten.
Ergänzend: Nicht jede Szene muss zur Handlung beitragen. Sie kann auch der Charakterisierung einer Figur dienen. Eins von beidem muss die Szene auf jeden Fall leisten, sonst ist sie schlichtweg überflüssig.
Und als dritter Punkt: Sie kann Stimmung aufbauen und vermitteln, auch in diesen Fällen hat sie ihre Daseinsberechtigung.
Interessante Vorgehensweise. Ich werde mit Tipp 7 beginnen, dann zu Nr. 1 wechseln. Ob die Gefahr besteht, anschließend die Liste von @Hanna1 noch einmal abarbeiten zu müssen? Bin gespannt!
Ich lese häufig in Reaktionen auf Kommentare folgendes: Ich habe den Text jetzt fünfmal überarbeitet und werde ihn weiterhin überarbeiten. Eine neuerliche Lesung zeigt auf, der Text ist immer noch schwach und wird es vermutlich auch bleiben. Warum?
Nichts gegen Überarbeitung, ganz im Gegenteil, es ist wohl die Hauptarbeit eines Schriftstellers, aber es braucht dafür auch das richtige Werkzeug. Wenn ich einen schartigen Hobel nehme, werde ich kein Brett damit glatthobeln können. Egal, wie oft ich es bearbeite. Ebenso verhält es sich mit Texten. Also zunächst einmal das Werkzeug kennenlernen und schärfen
Eine mir bekannte Lektorin, Gabriele Kern, schrieb vor rund 20 Jahren eine Schreibfibel, die sich in erster Linie mit Stil und Sprache auseinandersetzt. Sie nannte ihr Büchlein, das kaum dicker als ein Daumen ist, „Die literarische Diät“. Sie bezeichnet darin z.B. Füllwörter als leere Kalorien, Dickmacher, die ähnlich wie Hefe bloß das Backwerk aufblasen ohne literarischem Nährwert.
Es ist heute leider nicht mehr erhältlich, ich halte es dennoch für eine wunderbare Grundlage zur schriftstellerischen Arbeit. Besonders für jene, die noch am Anfang ihrer Entwicklung stehen. Mir hat es damals, vor rund 20 Jahren, (neben Wolf Schneiders u. a. Werken) geholfen, meinen sprachlichen Ausdruck weiterzuentwickeln.
Ich erlaube mir, ihre Vorschläge zur finalen Überarbeitung eines Textes hier vorzustellen und habe sie mit eigenen Worten und Beispielen kreativ etwas erweitert. Es geht dabei nicht um Plotaufbau oder Spannungskurve, sondern primär um sprachlichen Ausdruck, metaphorisch gesprochen, um die Schärfung des Hobels. Anbei: Ich bin mir sicher, Gabi hat nichts dagegen, wenn ich ein klein wenig aus ihrem Werk zitiere.
Abgesehen davon, dass Papyrus ein starker Partner bei der Erstellung literarischer Texte ist, hier ist ein 12 Tage-Plan zur sprachlichen Überarbeitung eines Textes vor Veröffentlichung bzw. Vorlage.
- Tag - Füllwörter (Leere Kalorien eines Textes)
Man erkennt sie daran, dass sich die Satzaussage nicht ändert, lässt man sie weg. Bsp: Heute ist es wirklich kalt.
Vorschlag: Sämtliche Füllwörter im Text markieren und überlegen wie man sie eventuell ersetzen kann. Ich lösche sie grundsätzlich, wenn ich sie erkenne.
- Tag - Hilfsverben (Vom Haben, Sein und Werden)
Vor allem gilt es, sie zu vermeiden, wenn es als Ersatz ein aussagekräftiges Vollverb gibt. Und das gibt es fast immer.
Bsp: Mama, vor der Tür ist ein Mann. Dieser Mann ist. Aber er tut nichts, außer zu sein. Besser: Mama, vor der Tür steht, wartet, sitzt ein Mann, etc. Jetzt tut er etwas, der Mann und ist nicht nur. Heißt, die Figur wird lebendig. Und wir wollen doch lebendig wirkende Figuren.
- Tag - Adjektive
Alle Adjektive im Text markieren und prüfen, ob sie nötig sind oder es nicht besser erscheint, einen Teil davon in Bilder zu verwandeln. Adjektive sind wichtig und unverzichtbare Ausdrucksformen, aber zuviele davon verderben den Brei.
- Tag - Verben
Prüfen ob das Verb aussagekräftig genug ist, eventuell nach Synonymen suchen. Wenn immer möglich, Substantivierungen vermeiden. Ein Verb ist am stärksten, wenn es als Verb eingesetzt wird und nicht als Hauptwort. Bsp: Das Klirren der Gläser, das Gehupe der Autos, das laute Pochen an der Tür etc.
- Tag - Wortwiederholungen
Am besten finde ich es, den Text laut zu lesen und alle Wiederholungen sofort zu markieren. Anschließend Synonyme suchen.
- Tag - Negativ-Konstruktionen
Alle Adjektive markieren, die mit der Vorsilbe „un“ beginnen. Klassisches Negativbeispiel in anderer Form: Nicht, dass ich mich über Ihren Besuch nicht wirklich freue, aber …
In diesem Beispiel finden sich gleich drei Schwächen: Negativ konstruiert, unnötige dass-Konjunktion, wirklich, als Füllwort.
Kürzlich las ich anderswo: Wir bogen auf eine unasphaltierte Straße ab. Allerdings interessiert den Leser vermutlich nicht, was nicht ist, sondern was ist. Also: Wir bogen auf eine Schotterstraße, einen Feldweg, Lehmpiste etc. ab.
- Tag - Passiv-Konstruktionen
Passiv-Konstrukte haben in einem guten literarischen Text nichts verloren, es sei denn, man setzt sie bewusst ein.
Passivbeispiel: Noch einmal wurde der Teig vom Bäcker geknetet, dann zu Laiben geformt und in den Ofen geschoben.
Aktiv: Noch einmal knetete der Bäcker den Teig, formte ihn zu Laiben und schob ihn in den Ofen.
Passiv: Der Reiter ließ sich aus dem Sattel gleiten. Hier lässt der Reiter etwas geschehen.
Aktiv: Der Reiter glitt aus dem Sattel. Hier tut der Reiter etwas.
- Tag - Partizipial-Konstruktionen
Obwohl es heutzutage woke Mode ist, sich in grammatisch falschen Partizipialkonstruktionen zu ergehen, (die Studierenden, die Lehrenden, die Forschenden) sind sie in einem literarischen Text weitgehend unerwünscht. Je nach Textlänge sind 3 - 5 derartige Konstrukte tolerierbar. Besser wäre es, sie ganz zu vermeiden.
- Tag - dass-Konjunktionen
Alle dass-Konjunktionen markieren und auf Notwendigkeit überprüfen. In Zeitungen und Sachbüchern wimmelt es davon, leider auch in vielen Internettexten. In der fiktionalen Literatur sollten sie - ebenso wie Partizipialkonstrukte - möglichst sparsam eingesetzt werden. In Überzahl wirken sie langweilig, sprachlich unelegant, zudem verleiten sie zu häufiger Wiederholung in Folgesätzen. Ganz ähnlich wie bei der „Als-Heimer-Krankheit“, deren Symptome sich durch häufige Satzanfänge mit „Als“ bzw. Als-Konjunktionen bemerkbar machen.
- Tag - Metaphern u. Vergleiche
Alle Metaphern im Text markieren und überprüfen, ob es sich dabei um Klischees oder abgedroschene Phrasen handelt. Vergleiche nicht verstärken, indem man noch einen zweiten draufsetzt. Das macht den eigentlichen Vergleich nicht stärker, sondern schwächer. Vergleiche vor allem auf Stimmigkeit prüfen.
- Tag - Satzbau, optische Struktur
Sprachfluss, Sprachmelodie prüfen. Das geht am besten, wenn man den Text laut vorliest. Klingt das Gelesene monoton oder geleiert? Verwende ich zu viele Bandwurmsätze? Eckt die Sprachmelodie? Falls ja, Satzbau variieren. Ganz zuletzt: Optische Struktur prüfen. z. B. Absätze einfügen, keinen Textblock präsentieren.
- Tag - Rechtschreibprüfung
Dazu muss nicht viel gesagt werden, dafür reichen in heutigen Tagen gute Rechtschreibprogramme, von denen es einige gibt. Der erweiterte Papyrus-Duden beispielsweise.
LG, Manuela
Tolle Liste.
Liebe @Manuela_K
Vielen Dank für deine ausführliche Liste. Als Hobbybäcker (Brot und Brötchen) muss ich jedoch in einem Punkt widersprechen: Ohne Hefe geht kein Teig (Ausnahme ist natürlich Sauerteig). Allerdings sollte man sparsam damit umgehen. Ebenso halte ich es bei Füllwörtern. Manche davon machen durchaus Sinn – die Dosis macht’s.
Welches Füllwort macht Sinn? Ich kenne keines.
In wörtlicher Rede ist natürlich alles erlaubt.
Man definiere „Füllwort“ als ein Wort, das nicht sinnvoll zum Text beiträgt, dann kann es per Definition kein sinnvolles Füllwort geben.
Es gibt oft Wörter, die zwar nicht die Aussage des Satzes verändern, aber die Stimmung, die man transportiert, und die Vorstellungen, die man im Leser weckt, beeinflussen. Diese Wörter sind dann sinnvoll, also per Definition keine Füllwörter.
Hast Du das nie, dass Du ein Füllwort einfach nicht streichen kannst, ohne den Sinn des Satzes zu verändern?
Mir passiert das gelegentlich, ich versuche es zu streichen oder zu ersetzen, und egal was ich probiere, der Satz verändert seine Dynamik oder sogar die Bedeutung. Das kann aber natürlich auch an mir liegen. In diesem Fall hat das Füllwort dann einen Sinn, oder?
Ein Füllwort ersetzt man nicht, sondern streicht es, da es schlicht überflüssig ist. Deshalb nennt man es Füllwort.
Ein Füllwort ändert zwar nichts an der Bedeutung eines Satzes, es kann aber, wie @_Corinna schon sagt, Stimmung transportieren, es kann sich auch auf die Dynamik auswirken, Sprachfluss und Sprachmelodie verändern (zum Besseren wie zum Schlechteren) und Nuancen hinzufügen.
Man braucht keine Füllwörter, um einen Text zu verstehen, man braucht aber auch keine Stilmittel - und trotzdem können die einer Aussage den letzten Feinschliff verpassen.
Ich bin auch dafür, jedes Füllwort genau zu prüfen (so wie auch Adverbien), aber sie grundsätzlich zu verteufeln, ist in meinen Augen über das Ziel hinausgeschossen.
Das klingt hier oft so, als wäre ein Füllwort irgendein verachtenswertes Buchstabenkonstrukt. Es gibt m.E. nur Wörter, und je nach dem, wie sie eingesetzt werden, sind sie hilfreich im Text oder nicht. Da die meisten von uns nicht in der Hochliteratur unterwegs sind, in der extrem abgespeckte Texte oft kalt und kalkuliert wirken, helfen u.U. streckende Wörter auch dann, wenn sie für das Verständnis verzichtbar wären. Liest man einen radikal ‚entfüllworteten‘ Text laut, wirkt er wie aus der Maschine und nicht mehr authentisch…
Warum verzichten wir eigentlich nicht auf Vokale? Die braucht man genau genommen auch nicht. Unser Gehirn ist durchaus in der Lage, Texte ohne Vokale zu lesen.
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Lesen mag ja noch gehen, aber an der Aussprache muss ich noch arbeiten!