Guten Morgen. Hier meine Alltagsgeschichte. Unspektakulär, leise, langsam. Alltag eben.
Manchmal wache ich viel zu früh auf. So wie heute. Die erste Nacht heuer mit weit geöffnetem Fenster. Noch ist es ruhig, aber ich kann nicht mehr schlafen. Aus dem Schlafzimmer höre ich Mutter leise schnarchen und Vater murmelt etwas. So liege ich und höre, wie das Haus erwacht. Es ist alt und vieles daran gebrechlich, aber es erzählt Geschichten. Von einem alten Schuldirektor und seiner Frau, dem es einst gehörte. Sein Sohn hat es uns zu einem guten Preis vermietet.
Im Garten stehen alte Bäume. Im letzten Herbst brach ein Sturm einen großen Ast ab, der liegt noch immer dort hinten und wartet, dass sich jemand erbarmt und ihn zu Brennholz schneidet. Die Bäume sind das Haus der Vögel und Eichhörnchen, selbst ein Fledermauspaar lebt dort, die Igel wohnen in den Sträuchern.
Das Nachtblau wird zum Morgengrau. Ich stehe auf und gehe hinaus und lausche. Vierzehn verschiedene Vogelstimmen kann ich unterscheiden. Sie sind die Engel, die die Sonne herbeisingen. Ich gehe barfuß ein paar Schritte, Tau benetzt meine Füße, das Gras kitzelt. Eine verschlafene Katze sieht mich an, als würde sie sagen : „Geh ins Haus, dummes Kind.“
Ich mache, was sie denkt, und bereite das Frühstück vor. Dann ist Vater da, küsst mich auf den Nacken , nimmt sich eine Tasse Cay und tritt auch vor die Tür. Er raucht und scheint die Laternen zu zählen, die im Morgenlicht langsam verblassen. Aus der Ferne hört man ein Auto und den ersten Zug, der die Pendler in die Stadt bringt.
Ich gehe zu Vater und wünsche ihm Gottes Frieden für den heutigen Tag. Er dreht sich um und beschreibt mit der Hand einen großen Kreis, als wollte er den ganze Garten streicheln. „Merkst du?“, sagt er, „Er ist bereits da, Gottes Frieden.“
(Ifrah Elhadi)