Ich brauche etwas mehr Tiefe

Der folgende Text (mal wieder sehr finster) soll der Beginn eines historischen Dark-Fantasy werden.
Ich habe immernoch das Problem meinem prota einwenig Gefühl einzuhauchen.

Der Abend war gegangen und es finsterte die Nacht. Die Straßen von Zittau lagen still, alles schlief. Alles? Nein! Außer dem Nachtwächter war noch jemand unterwegs.
Holger hockte im Schatten eines Erkers in der Frauengasse. Er zählte die Schritte auf dem Pflaster, ohne hinzusehen. Der Nachtwächter würde in elf Schlägen abbiegen, sein Trinklied anstimmen und den nächsten Bierkeller prüfen. Holger hörte das dumpfe Echo der Stiefel. Dieser Rhythmus war seine Versicherung. Er war der Takt, in dem er unsichtbar blieb.
Als das Licht der Laterne an den Wänden verblasste, löste er sich aus der Dunkelheit. Er glitt durch die Gassen zur kleinen Pforte nahe dem Frauentor. Immer im Schatten. Das verzogene Eisen gab lautlos nach. Ein Moment des Widerstands, dann spie ihn die Stadt in die Freiheit aus.
Draußen war die Stille weit. Die Fenster der Vorstadthäuser, schwarze Augen. Holger mied den Weg und hielt sich im Gras. Der Geruch von feuchtem Lehm und dem Wasser des Stadtgrabens stieg ihm in die Nase. Niemand zu sehen, niemand zu sehen. Hier war er sicher.
Sein Weg führte ihn auf den Gottesacker an der Frauenkirche. Dort waren alle gleich, arm oder reich. Groß oder klein. Es war egal. Vielleicht, so glaubte Holger, war seine Mutter auch hier irgendwo. Er suchte nach ihr, aber finden konnte er sie nicht.
Er ging zurück zum Eingang.
Das Tor des Frauenfriedhofs ragte vor ihm auf. Die Pfeiler aus grobem Sandstein, zwei stumme Wächter. Holger trat an den rechten Stein. Er spürte die Kälte des Sandsteins, die langsam in seine Finger kroch, doch er begrüßte sie. Sie war ehrlich. Sie versprach keine Wärme, die sie später doch wieder entzog. Seine Hand glitt über die Oberfläche, bis er die Kerben fand, die er Nacht für Nacht vertieft hatte. Es war ein Sensenmann, den er hier in den Stein ritzte. Ein Bildnis, das seinen Vorstellungen vom Tod entsprach.
Diese Gravur war der einzige Halt in seinem Leben. Die Versprechen der Kirche und die Gesetze der Gemeinschaft waren für ihn nicht greifbar und ernährten ihn nicht. Nur der Sensenmann hielt Wort. Er war der einzige Vertraute, der Holger schon immer begleitet hatte. Ihm war seine ganze Hingabe gewidmet.
Er holte den Nagel heraus, das Eisen war warm. Es war ein trockenes Scharren, als er die Spitze in den Sandstein setzte. Holger arbeitete am Schädel, zog die Linien der Augenhöhlen nach, er wollte dem Tod das Sehen lehren. Staub legte sich auf seine Finger.

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Mir gefällt es soweit wirklich sehr gut. Du bringst die Stimmung toll rüber, auch das Ambiente kann man sich perfekt vorstellen.
Ich würde es so lassen, es ist ein gelungener Einstieg und quasi das Setting für alles, was als nächstes passiert.
Holger fängt jetzt an zu meißeln, das fände ich auch den passenden Moment, etwas mehr auf ihn einzugehen; eher muss es gar nicht sein. Was denkt und fühlt er dabei, warum macht er es überhaupt, was passiert, wenn er erwischt wird und so weiter.

Genauer wollte ich eigentlich schon bei der Suche nach seiner Mutter in seine Gedankenwelt zu tauchen. Ich grübel drüber nach und finde irgendwie nicht den Einstieg in seine Seele.

Ich hab mir erlaubt, die ersten Zeilen etwas umzuformulieren, vielleicht sind meine auch schlechter

Die Straßen von Zittau lagen still, alles schlief. Alles? Nein! Außer dem Nachtwächter war noch jemand unterwegs. Elf Schläge noch. Holger presste den Rücken gegen den kalten Stein des Erkers in der Frauengasse. Er sah den Nachtwächter nicht, aber er hörte ihn – ein dumpfer Takt auf dem Pflaster, der den Takt seines eigenen Überlebens vorgab. Sobald er das Trinklied anstimmte, würde die Stadt ihm gehören. Er wartete auf das Verblassen der Laterne …

Danke, aber das ist nicht, was ich suche. Ich möchte Teile seiner kleinen, schwachen kinderseele freilegen.
Die Trauer, wenn er nach dem Armengrab seiner Mutter sucht und nicht findet.
Die Trostlosigkeit seiner Einsamkeit, die in veranlasst den Sensenmann in Stein zu ritzen (das mittelalterliche Graffito gibt es tatsächlich)
Das ist noch nicht meine Erzählweise, aber ich möchte lernen.

Interessant. Aus deinem Text, den ich gern gelesen habe, konnte ich nicht entnehmen, dass Holger auf dem Friedhof das Grab seiner Mutter sucht…
Ist Holger ein Kind oder erwachsen?

Du könntest z.b. die Mutter sprechen lassen, als Geist in seinem Kopf…tröstende Worte…Anspielungen an eine gemeinsame Zeit… seinen Kosenamen…Warnungen vor xyz
Quasi ein Gespräch zwischen den beiden. So kannst du erzählen und den Leser in die Vergangenheit schauen lassen.

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Guten Abend Holger

Der Text ist wunderschön, düster und melancholisch, inhaltlich geht es mir da allerdings wie @EffEss. Auch ich habe nicht bemerkt, dass Holger nach dem Grab seiner Mutter sucht.

Gelesen habe ich den Textausschnitt sehr gern, lediglich über den ersten Satz bin ich gestolpert. Ich würde schreiben „Der Abend war vergangen“. Sonst hat mich nichts gestört.

Und ich liebe diesen Satz:

Ohne wörtlich Sinn zu ergeben, übermittelt er ein Gefühl, das sich schwer greifen oder begreifen lässt. Sehr gelungen, finde ich.

Danke fürs Teilen! Liebe Grüße und einen schönen Abend, Arletta

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Wie stellt man die Gefühle im jungen dar, ohne
»voller Tauer ging er über den gesamten, dunklen Friedhof. Ganz hinten, da waren die Armengräber. Auf seinem einsamen wteg rannen ihm die Tränen über die Wangen. Wenn er ihr nahe sein könnte, so dachte er wäre er vielleicht nicht so einsam«
Für mich klingt es wieder nur nach Beschreibungen, ich möchte mehr.
Grübel, grübel.

„Ich weiß, dass du hier irgendwo bist, Mutter. Eines Tages werde ich dein Grab finden. Dann werden wir uns wieder vereinen. Meine Einsamkeit verschlingt mich. Darum bin ich hier…nur so kann ich dir nah sein … nur so ergibt alles einen Sinn“
Das sind Gedanken, die man kursiv setzen könnte, die den Leser an seinem Innenleben teilhaben lassen, ohne dass du nur beschreibst.

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Ja darüber habe ich auch nachgedacht.
Aber er fällt in eine tiefe Depression, die ich langsam aufbauen möchte.

Dort waren alle gleich, arm oder reich. Groß oder klein. Es war egal. Vielleicht, so glaubte Holger, war seine Mutter auch hier irgendwo. Er suchte nach ihr. Ganz hinten in den Armengräbern muss sie irgendwo liegen,aber finden konnte er sie nicht. Endlose Trauer bemächtigte sich seiner, Tränen hatte er aber keine mehr drüber. Sein Herz wurde langsam hart.
Er ging zurück zum Eingang.

Bin aber noch nicht glücklich damit

Da beschreibst du wieder nur … Das ist der Unterschied zwischen Show, don’t tell.

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Eben. Die Gedanken werde ich nochmal überfenken, Dankeschön

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Ganz hinten in den Armengräbern muss sie irgendwo liegen,aber finden konnte er sie nicht. »Du fehlst mir so unheimlich! Wie soll ich dich nur finden?« Endlose Trauer bemächtigte sich seiner, Tränen hatte er aber keine mehr drüber. »Vielleicht,wenn ich den Tod finde, dann finde ich auch dich.«
Er ging zurück zum Eingang.

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Du bist auf dem richtigen Weg. :beers:

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Ich würde bei solchen Szenen auch nicht gleich mit der ganzen Tür ins Haus fallen. Vielleicht drehen sich seine Gedanke ja gar nicht direkt um die konkrete Situation der toten Mutter? Vielleicht fängt er erstmal die Stille und Trostlosigkeit des Ortes auf, vielleicht macht ihm der Friedhof auch Angst (er ist ja ein Kind), vielleicht denkt er sogar über den Tod an sich nach, das ist für ein Kind (und für Erwachsenen auch) ja etwas sehr abstraktes. Er könnte sich fragen, wo seine Mutter jetzt ist, sich ein paar Erklärungen zurechtlegen, die für ihn vielleicht mehr oder weniger zufriedenstellend sind. Vielleicht stellt er sich vor, dass sie in einer Art Himmel ist, vielleicht ist er gläubig - vielleicht auch nicht? Er könnte sich auch an Momente erinnern, die alltäglich waren, die jetzt aber nie wiederkehren. Vielleicht auch kurz beschreiben, was sich seitdem verändern hat.

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Danke euch, ihr lieben.
Ich bin zur Erkenntnis gekommen, ich schreibe erstmal so, wie ich es am besten kann. Als Erzähler. Erst zum Schluss werde ich überlegen, wo etwas Emotion gut reinpasst.

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Hallo @Ho.Ro,
Dein Text hat eine Stimmung, die ich gut aufnehmen konnte, hauptsächlich durch das Setting, die Dunkelheit.

Ich habe jedoch nicht verstanden, dass Holger ein Kind ist.

Dass er einsam ist, habe ich sofort verstanden. Er versteckt sich, will nicht entdeckt werden, die Mutter ist tot, er sucht sie (warum sollte er das tun, wenn es jemand in seinem Leben gäbe?) - also die „Grundstimmung“ ist klar.

Wie gewinnt dein Prota an Charakter?
Durch Handlung, durch Interaktion, durch Dialoge … ich glaube, in deinem Auszug ist gar nicht mehr nötig- du hast Zeit, ihn zu entwickeln. Wichtig fände ich nur, dass sein Alter klarer wird.

Kinder trauern anders als Erwachsene. Es macht vlt Sinn, das zu recherchieren.

Wie zeigst du seine Gefühle? Indem du zB. seine Körperhaltung beschreibst: gesenkter Kopf, eingesunkene Schultern, Kloß im Hals, Druck auf der Brust, langsamer, schlurfender Gang, Schweigsamkeit, Selbstverletzung(?), ignorieren der eigenen Bedürfnisse (Hunger, Schlaf, Wärme)

Warum sucht er nach seiner Mutter? Ich weiß, die Frage klingt blöd, ist sie aber nicht.
Es lohnt sich, darüber nachzudenken. Geht es um Akzeptanz? Oder Sehnsucht? Das sind völlig verschiedene Gründe mit ganz anderen charakterlichen Aspekten.

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Das genaue alter von Holger kenne ich auch noch nicht genau. Das entwickelt sich Grade erst vor meinem inneren Auge. Aber so klein kann er nicht mehr sein, wenn er Nachts in den Gassen untergs ist und sich auf den Friedhof traut. Ich denke so 12 Jahre.