Kapitel 8
Die Luft schwappte an diesem Morgen im Atelier herum wie das Wasser in einer Badewanne.
Kian stand vor dem halb fertigen Lehmklumpen, der die grobe Form einer sitzenden Frau darstellte. Aber seine Hände blieben unbeweglich. Er konnte nicht arbeiten und wartete. Lauschte reglos auf die Töne, das er zu hassen gelernt hatte und trotzdem so dringend benötigte: die verlässliche Hypnose ihrer Absätze auf dem Beton draußen vor der Tür.
In der Nacht hatte er kaum Schlaf gefunden. Die Erinnerung an ihre letzte Sitzung, an die Geschichte ihres Rings, rumorte in seinem Schädel. Er hatte eine Wahrheit gefordert und eine Wunde bekommen. Eine heilige, schmerzhafte Reliquie, ihm aufgehalst unter komplizierten Tränen. Die ganze Zeit überlegte er, was er damit anfangen sollte. Er war Bildhauer und kein Priester.
Pünktlich um zehn hörte er das leise Surren eines teuren Motors vor der Halle. Das Geräusch einer sich schließenden Autotür. Die Schritte. Langsamer als sonst. Zögerlicher.
Als sie eintrat, sah er es sofort.
Die Frau, die gestern den Raum mit der stillen Entschlossenheit einer Partisanin verließ, war verschwunden. Ihr Tarnanzug in Anthrazit trug Pulverrauch, penetrant und rissig.
Sie stellte ihre Tasche ab, legte ihren Mantel auf den Stuhl. Alles mit fast schon aggressiver Präzision.
»Guten Morgen, Dr. Vance«, sagte er beiläufig.
»McBride«, erwiderte sie forsch.
Er wartete und ließ die Stille ihre Arbeit tun.
»Sie bringen etwas mit. Etwas von außen. Es macht Lärm. Was ist es?«
Sie hob erstaunt den Kopf.
»Nichts.«
Ein Wort, das vorher sorgsam in den Gewehrlauf eingelegt worden war. Die Lüge hing zwischen ihnen wie ein schlecht gespanntes Leinentuch.
»Sollen wir?«, fragte sie schließlich mit vermittelndem Unterton.
»In einer Minute«, sagte er. »Nehmen Sie Platz. Angezogen.«
Überraschung blitzte in ihren Augen auf. Sie hatte mit sofortiger Entblößung gerechnet. Stattdessen ging er langsam zu seinem Arbeitstisch, nahm zwei schmutzige Tassen und füllte sie mit schwarzem Kaffee aus einer alten Thermoskanne. Eine davon schob er ihr über den staubigen Tisch.
Sie setzte sich misstrauisch auf den Hocker ihm gegenüber.
»Was ist passiert?«, fragte er ohne Umschweife.
»Nichts ist passiert«, log sie. Anlegen, zielen, abdrücken in einer fließenden Bewegung.
»Sie riechen nach Angst«, sagte er leise.
»Eine Mischung aus teurer Deckung und billigem Adrenalin. Sie waren im Krieg, und Sie haben ihn verloren.«
Angestrengt presste sie die Lippen aufeinander.
»Meine Emotionen sind nicht Teil unseres Vertrags.«
»Doch, Eleonora«, erwiderte er, und sein Blick wurde tiefgrün. »Sie sind das Einzige, was mich interessiert. Ihre Haut ist nur die Landschaft, um sie auszustellen.«
Er lehnte sich vor.
»Wer war es? Ihr Chef? Ihr Ex-Mann? Wer hat diese neue Narbe auf Ihrer Seele hinterlassen?«
Schweigend trommelten ihre Finger nervös auf den Rand der Kaffeetasse.
»Gut«, sagte er und lehnte sich zurück. »Dann finden wir es auf die harte Tour heraus.«
Die Sitzung begann. Mit der gleichen Routine aber in völlig veränderter Atmosphäre. Ihre Gegenwehr war heute nicht nur provokant, sondern verzweifelt. Er spürte, wie sie sich ihm mit jeder Faser ihres Willens entgegenstemmte. Gegen seinen Blick, die Erinnerungen, die er an das Licht zerren wollte.
Die Arbeit ging nicht voran. Der Lehm klebte tot an seinen Händen. Erkennbar saß die Form vor ihm, aber er konnte die Energie nicht greifen, überlegte fieberhaft, was zu tun sei. Die Wahrheit lag hinter einer neuen Mauer aus frischem Schmerz begraben.
»Es ist Gessner, nicht wahr?«, sagte er unverhofft in die Ruhe hinein.
Sie zuckte zusammen, als hätte er sie mit einem Eispickel berührt.
»Er traf sie gestern Abend zum Essen«, fuhr er unbarmherzig fort, die Puzzleteile fügten sich zu einem Bild. »Er hat den Vertrag gefeiert. Seinen Triumph. Und er hat versucht, sich auch den Rest zu holen.«
»Hören Sie auf«, flüsterte sie, ihre Stimme brüchig.
»Nein«, sagte er. Er legte sein Werkzeug weg und trat hinter dem Tisch hervor.
»Ich höre nicht auf. Ich will es sehen. Ich will es verstehen. Was hat er getan, Eleonora?«
»Nichts.«
»Lügen Sie mich nicht an!« Ein Donner prallte von den großen Fenstern zurück.
»Sein Geruch klebt an ihnen wie widerliches Zelluloid. Ich will wissen, was er gesagt hat. Was seine speckigen Hände wieder angestellt haben.«
»Er hat nichts getan!«, schrie sie ihn an, und mit diesem Schrei brach die Mauer. Tränen, heiß und wütend, schossen ihr aus den Augen.
»Er hat nichts getan, weil ich es nicht zugelassen habe! Weil ich die ganze Zeit lang über Renditen und Auktionswerte geredet habe, bis er fast erstickt ist an seiner eigenen Gier! Weil ich seine schmierigen Komplimente in eine Diskussion über Versicherungssummen verwandelt habe! Weil ich ihn mit Worten kastriert habe, bevor seine Hände auch nur in die Nähe von etwas kamen, das ihm nicht gehört!«
Eleonora atmete schwer, ihre nackte Brust bebte. Sie hatte sie ihm vor seine Füße erbrochen. Die ganze hässliche, widerwärtige Wahrheit.
Kian stand reglos da. Er hatte keinen Kampf erwartet. Er hatte Verletzlichkeit gesucht, Lücken, Makel. Und fand diese unbezwingbare Stärke. Die schärfsten Waffen einer Frau in einer Welt, in der Überleben im Grunde illusorisch war.
Ein Geräusch riss ihn aus seiner Betrachtung. Der leise Tritt von Pfoten auf Beton.
Aus dem Halbdunkel unter einem Regal glitt die struppige Katze hervor. Das Fell von der Farbe rostiger Nägel.
Anmutig setzte sie sich in respektvollem Abstand auf den Boden, außerhalb von Kians direktem Arbeitsbereich.
Sie saß nur da und starrte Eleonora mit einem Auge an. Das linke fehlte, war geschlossen.
Ihr Blick war nicht feindselig. Nur eine unvoreingenommene Beobachtung, um die neue Frau dem Umfeld zuzuordnen.
Die Stille wurde unerträglich.
»Ihre Katze?«, fragte Eleonora, und die Stimme klang dünn.
Kian formte Ton.
»Sie gehört niemandem. Schon gar nicht mir.«
Er machte eine Pause, seine Finger drückten eine tiefe Kerbe in den Lehm.
»Ihr Name ist Inna.«
Eleonora schwieg.
Dann fragte sie: »Warum heißt sie Inna?«
Seine Hände hielten für einen Moment in der Bewegung inne. Er zuckte mit den Schultern.
»Weil sie immer hereinkommt, ohne anzuklopfen. Was weiß ich. Warum heißen Sie Eleonora?«
Kaum spürbar nickte sie mit dem Kopf und ließ der Frage genug Zeit, sich im Raum zu verteilen.
»Sie wollen mir etwas über Wahrheiten erzählen, ja? In ihrem Revier gibt es nichts, von dem sie nicht Bescheid wüssten.«
Kian fuhr zusammen. Ignorierte die Spitzfindigkeit.
»Ihr Auge verlor sie, als sie den Katern klarmachte, wo ihre Reviere enden.«
Er sah hinüber zu der Katze.
»Es waren zwei. Den einen habe ich hinter dem alten Speicher begraben. Der andere durfte gehen, um seinen Kumpels Bescheid zu sagen.«
Die beiläufige Brutalität dieser Aussage presste ihr die Luft aus den Lungen.
Sie betrachtete ehrfürchtig die Katze und sah eine Kämpferin. Eine Überlebende.
Und mit eiskalter Klarheit ahnte sie allmählich, wonach dieser Mann vor ihr suchte.
Es war die Wahrheit, die sich Leben nannte.
Kian ging langsam auf Eleonora zu. Die Katze fauchte ihn bissig an.
Inna hat noch nie für jemanden gefaucht, wunderte er sich.
»Alles gut, Streunerin. Es passiert ihr nichts.« Mit den Handflächen nach unten versuchte er, sie zu beruhigen.
Vorsichtig hockte er sich vor Eleonora hin, ihre Knie jetzt auf Höhe seiner Augen. Er nahm ihre rechte Hand. Hielt sie nur fest.
Eine Geste, so überraschend, so voll rauer Zärtlichkeit, dass sie zurückzuckte und ihn erschüttert anstarrte.
Warum berühre ich sie? Das war nicht der Plan.
Kian sah ihr nicht in die Augen, blickte nur auf ihre zitternden Finger.
»Okay, Eleonora«, sagte er leise.
Er stand auf.
»Für heute ist es genug. Nehmen Sie sich einen Tag frei.«
Ich kann kein Handwerk. Das könnt Ihr.
Es ist noch keine Besserung in Sicht. Vielleicht gefällt Euchs trotzdem.