Vielen Dank, mein Bester.
Da komme ich nur mit viel Musik drüberweg. Das wird heut ein langer Abend.
Ich habe gerade dein Gedicht gelesen und jetzt sitze ich hier in Ehrfurcht erstarrt.
Ein Gemälde.
Eine Komposition aus Andy Warhol und Peter Doig. Mit einem Nachwort von Hermann Hesse.
Auch ich bin beeindruckt von deiner sehr persönlichen Interpretation des Brechtschen „kaukasischen Kreidekreises“. Ich gehe davon aus, dass du eine der Kernbotschaften in deinem sehr schönen Gedicht adaptiert hast. Chapeau!
Meine Herren, Ihr Lob macht mich verlegen.
Ich selbst sehe meine allzu hastig hingefetzten Zeilen kritischer. Zu oft drängt sich da eine Silbe zuviel zwischen die Jamben, das Reimschema in der fünften Strophe ändert sich plötzlich, die Dialektik im vierten Vers der ersten Strophe ist zu grob im Verhältnis zu den anderen, und überhaupt: Wäre es nicht dramaturgisch besser gewesen, die erste Strophe mit der dritten auszutauschen? Keine Ahnung…
Dass die Anleihe an Brecht erkannt wird, war mir bewusst, aber der Gute, hat sich ja auch zuvor bei König Salomon bedient. Als Lyriker schätze ich ihn sehr, bloß als Dramatiker wirkt er manchmal etwas lost. Gut, dass er ein paar kluge Frauen um sich hatte. Die Dreigroschenoper etwa wäre ohne Elisabeth Hauptmann nie geschrieben worden und auch dort hat er fleissig bei François Villon gewildert.
Whatever, ich glaub man darf das. Manchmal zumindest. Aber wer bin ich, das zu behaupten?
Hier noch ein kleiner Anhang für Sie/euch:
Frauen, sagt meine Mutter,
Müssen doppelt so gut sein wie Männer,
Sonst werden sie nicht gehört.
Mädchen, sagt meine Mutter,
Müssen doppelt so gut sein wie Frauen.
Migrantinnen doppelt so gut wie die Mädchen hier
Und eine Muslima doppelt so gut, wie andere Migras.
Eine Eins, sagt meine Mutter, ist nicht gut genug.
Man sollte neue Noten einführen.
Ja, klar, denke ich,
eine Null oder was?
Also, liebe Ifrah,
ich finde es schön, dass Du Dich hier wieder meldest. Und noch besser, was Du schreibst (über das Gedicht).
Ich bin kein Literaturtheoretiker, auch kein Literaturkritiker!
Die Informationen über Brecht zeigen, wovon Du sprichst.
Auf zwei Fragen möchte ich doch mit meiner unmaßgeblichen Meinung antworten, verzeih, ich kann nicht anders.
Dramaturgisch steht für mich die erste Strophe an genau der richtigen Stelle: es wird eine Ansage getätigt, man weiß, wo es langgeht. Alles Folgende ist die Begründung für dieses Statement.
Und der Wechsel des Reimschemas in der fünften Stufe ist genau der Hook, der mir dieses Gedicht so liebenswert macht. Ich lese (nicht nur Deine) Texte mit den Ohren. Das hier ist der Moment, auf den die ganze Geschichte hinausläuft. Und ganz ehrlich: Als ich an der Stelle angelangt war, musste ich tief Luft holen. Ab hier wird das Gedicht unvergesslich (für mich, wegen dem Wechsel in der Lautmalerei).
Ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll. Was ich weiß ist, dass ich von Dialektik keine Ahnung habe. Was ich aber gewiss weiß ist, dass Du Deine Mutter bei jeder sich bietenden Gelegenheit fest drücken solltest.
Vielen lieben Dank!
P.S. Was ich wirklich ändern würde (für mich nur): Respekt statt falschem Selbstvertrauen! Die letzte Zeile der vierten Strophe. Alles andere verteidige ich (für mich nur) wie die Löwin ihr Junges.
Ich auch, obwohl: signiert, unsigniert. Egal. Ich nehme das, was ich kriegen kann! Wenn noch etwas übrig bleibt.
Die Situation mit dem Juror habe ich mir auch schon oft versucht, vorzustellen.
Was macht er in solcher Situation? Du bekommst diese Texte serviert.
Und erst jetzt versteht man die Weitsicht diese Mannes, Die Stärke hinter seiner Entscheidung.
Und mit dem Loben, da überlege ich auch schon lange dran.
Inzwischen glaube ich, dass Ifrah das ganz gut einordnen kann. Keine Angst, lieber Phlox!
Kapitel 5
Die Heimfahrt vollzog sich wie im Trance. Eleonora saß am Steuer ihres Wagens, die Hände fest um das helle Leder geschlungen, und navigierte mechanisch durch den dicken Nachmittagsverkehr. Aber sie fuhr nicht wirklich. Ein Teil von ihr saß noch immer in dem staubigen Atelier, den Blick auf den leeren Platz geheftet, wo Kian seinen Werkstoff bearbeitete.
Er hatte nachgegeben.
Dieser Gedanke war eine absurde, unlogische Melodie, die sie immer wieder neu im Kopf anstimmte.
Der Mann, der ihren Panzer Schicht um Schicht mit sachkundiger Präzision ausrangierte, der ihr seine eisenharten Bedingungen diktierte – dieser Mann war vor der Geschichte eines kleinen Silberrings zurückgewichen.
Er hatte gedroht, er hatte getobt, trotzdem gab er nach. Warum?
McBride war ein Tyrann, aber einer, der Schmerz sieht und ihn … respektiert?
Sie bog in die Tiefgarage ihres Wohnkomplexes ein. Der Motor erstarb mit behaglichem Schnurren. Im Rückspiegel beobachtete sie, wie sich das Rolltor lautlos hinter ihr senkte.
Wer ist dieser Mann?
Eine Frage, die sie sich seit ihrer ersten Begegnung stellte, aber jetzt hatte sie eine neue, dringlichere Qualität. Er war nicht nur der rohe, unberechenbare Einsiedler, für den sie ihn anfangs hielt. Er war weitaus komplexer. Um einiges gefährlicher.
Und die Gedanken kehrten zurück. An den Umstand, der sie überhaupt erst in diese ausweglose Lage gebracht hatte. Den Moment, in dem ihre professionelle Strategie in etwas Persönliches kippte.
Die Erinnerung reichte zurück bis zu vergilbtem Papier und der stillen Verzweiflung nächtlicher Recherche.
Es war nicht nur die Angst um ihren Job. McBrides Verachtung traf sie an ihrer empfindlichsten Stelle: ihrer Eitelkeit.
Die beschämende Abfuhr in seinem Atelier hatte einen Brand in ihr entfacht. Gessners kalte Wut am Telefon danach goss rigoros Benzin ins offene Feuer.
»Finden Sie einen Weg, Vance, oder finden Sie einen neuen Job.«
Die Demütigung schlug in fiebrige Energie um.
Zwei Tage lang hatte sie wie eine Besessene gearbeitet.
Durchforstete alte Artikel, las obskure Interviews. Besuchte zweifelhafte Internetseiten, wechselte Identitäten.
Und endlich fand sie ihn.
Den wunden Punkt, die Achillesferse von Kian McBride.
Das „Eisenkai Jugendprojekt“.
Ein heruntergekommenes Backsteingebäude, eingeklemmt zwischen einem Lagerhaus und einer stillgelegten Fischfabrik. Ein Ort, so weit von ihrer Welt entfernt wie der Mond von der Erde.
Sie fuhr an einem Dienstagnachmittag dorthin. Verzichtete bewusst auf Etikette. In den Jeans, die sie seit Jahren nicht mehr aus dem Schrank genommen hatte. Und einem bescheidenen Kaschmirpullover. Ihr Auto ließ sie in der Garage und setzte sich aufs Fahrrad.
Der Lärm traf sie zuerst.
Das Zischen von Spraydosen, markante Bässe, die aus einem billigen Lautsprecher dröhnten. Dazu das Lachen und Rufen von Teenagern.
Im größten Raum, dessen Wände mit wilden Graffitis überzogen waren, hatte sie ihn entdeckt.
Einen völlig anderen Menschen.
Die grimmige Spannung war aus seinem Gesicht gewichen. Er stand neben einem schmächtigen Jungen mit einem Kapuzenpulli und zeigte ihm mit einer väterlichen Geduld, wie man eine Spraydose hält, um eine saubere Linie zu ziehen.
»Nicht so verkrampft, Tommy. Lass es fließen.«
Eleonora blieb im Eingang und beobachtete. Sah zu, wie er einem Mädchen mit lila Haaren half, eine Schablone zu schneiden, und dabei herzhaft lachte.
Dann trat sie aus dem Schatten und ging hinüber zu der Frau, die am Rande des Chaos auf einer wackeligen Kiste saß und mit einem Lächeln das Treiben überwachte. Die Leiterin des Projekts.
Sie stellte sich ihr als Eleonora Vance vor.
Die Frau erzählte in zwanglosen Sätzen vom Mangel und der fehlenden Anerkennung für die Kids. Von labilen Elternhäusern und der Gefahr, die von der Straße ausging.
Und letzten Endes hatte Eleonora ihr einen Vorschlag gemacht. Kein Geld. Etwas Besseres.
Eine kleine, aber professionell kuratierte Ausstellung in einem leer stehenden Raum in der Nähe der Gessler-Foundation. Mit richtiger Beleuchtung, Einladungen und Presse.
Und selbstverständlich, den allgemeinen Gepflogenheiten entsprechend, einer diskreten Spende für die nagelneuen Materialien.
In dem Moment, als die Augen der Leiterin zu leuchten begannen, wusste Eleonora, dass sie gewonnen hatte.
Erst dann, als die Frau rief – »Kian, du hast Besuch!« – trafen sich ihre Blicke quer durch den Krawall.
Sein Lächeln erlosch, als hätte jemand einen Kippschalter umgelegt. Die finstere Miene war zurück, seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
Er kam auf sie zu und wischte sich die Farbe von den Händen.
»Was wollen Sie hier, Dr. Vance?«
»Das Projekt ansehen«, erwiderte sie gelassen.
»Welches Projekt?«, konterte er. »Das, bei dem wir talentierten Kindern eine Plattform geben, oder das, bei dem Sie meine Seele an Gessner verhökern?«
Sie hielt seinem Blick stand.
»Beide. Warum sollte sich das ausschließen?«
Ein Kampf entbrannte hinter seinen Augen.
Er fixierte sie lange durch die Haare, die ihm ins Gesicht hingen. Seine Nasenflügel bebten. Im Radio schlug jemand minutenlang auf ein Schlagzeug ein.
Und dann, endlich, befreite er sein Gesichtsfeld mit einer konzentrierten Bewegung. Nickte. Ein einziges, knappes Mal.
»Morgen«, sagte er. »Zehn Uhr. In meinem Atelier. Allein.«
Ich habe Deine Tränen gesehen und meine abgewischt. Ich bleibe im Ring. Auch wenn das komplett lächerlich sein sollte.
Das! Genau das! Deswegen bin ich hier. (Ich beginne zu verstehen) Vielen lieben Dank!
Ja, genau, auch ich bin deswegen hier.
Weißt Du, was für mich das Schöne am Entwurf solcher Texte ist? Du kannst alles machen.
Du kannst in die Vergangenheit reisen, in die Zukunft, in fremde Länder, in ferne Galaxien. Aber am liebsten bin ich hier im Heute und versuche Menschen in ihrem Handeln zu verstehen. Warum tut er dies, sie das? Welche Umstände führten zu diesem Charakter oder jenem?
Und genau deshalb sind Deine Geschichten für mich so wertvoll. Ein junger Mensch sucht mit aufwühlenden Texten nach dem Platz in seinem Leben. Das ist ein faszinierendes zentrales Thema bei Dir. Die „Verlockungen“ der Häuserwände im Kontrast zur Weisheit Deiner Mutter. Verpackt in die leisen Zeilen Deiner Demut. Allein diese Entwicklung mitzuverfolgen ist die Sorte Abenteuer, die die größten für mich sind.
Ich danke Dir dafür, Ifrah.
Hallo Ifrah,
ich habe gerade eine Leseprobe von Fatma Aydemir gelesen. Ich kannte die Autorin gar nicht.
Mich traf fast der Schlag! Es ist, als liest man Deine Stimme! Jetzt kann ich mir vorstellen, wie Deine längeren Geschichten aussehen werden. Ist das verrückt! Das genaue Gegenteil meiner ruppigen Sprache!
Kapitel 6
Es war der Morgen der zehnten Sitzung. Oder der vierzigsten. Eleonora verlor so langsam den Überblick.
Ein neuer, zermürbender Rhythmus hatte sich in ihr Leben gefressen. Aufstehen, eine undurchdringliche Fassade errichten, zu seinem Atelier fahren, sich entblößen, nach Hause kommen und die Scherben ihrer Selbstbeherrschung zusammenkehren.
Sie stand vor ihrem offenen Kleiderschrank und ihr Blick fiel auf den grauen Hosenanzug, der unberührt in der Ecke hing. Wie ein Geist ihrer alten Selbstmord-Strategien.
Seit diesem Tag hatte sie ihn nicht mehr getragen. Der Anblick allein reichte. Der Geruch von damals schien noch daran zu haften – eine Mischung aus Angstschweiß und teuerem Parfüm.
Die Erinnerung an den Tag, an dem sie glaubte zu gewinnen und alles verlor.
Die Atmosphäre war eine andere, als Eleonora am nächsten Morgen um Punkt zehn Uhr sein Atelier betrat. Eine persönliche Spannung knisterte über Staub und Lösungsmitteln.
Kian McBride lehnte mit dem Rücken lässig an einem Pfosten im hinteren Teil des Raumes. Die Arme bis zu den Ellenbogen in den Hosentaschen, ein Fuß an der Wand, erwartete er sie seelenruhig. Er sah aus wie ein Fischer, der im Begriff ist, sein Netz nach einem erfolgreichen Fang einzuholen.
Sie zwang sich zu einem professionellen Lächeln und ging direkt auf den Arbeitstisch zu, wobei sie ihn bewusst in einem großen Bogen umrundete. Aus ihrer Aktentasche zog sie eine dünne Mappe.
»Ich habe den Vertrag aufsetzen lassen«, sagte sie und ihre Stimme klang entschlossener, als ihre Beine sich anfühlten.
Das Momentum lag eindeutig auf ihrer Seite. Sie hatte seinen wunden Punkt gefunden und schlug jetzt zum Satzball auf.
»Standardkonditionen. Eine Skulptur mittlerer Größe, exklusiv für die Gessner-Foundation. Die Bezahlung ist, wie Sie wissen, mehr als großzügig.«
Sie schob die Mappe über den staubigen Tisch in seine Richtung.
Kian rührte sich nicht. Er ignorierte das Papier vollständig. Sein Blick war auf ihr Gesicht gerichtet. Grüne Augen analysierten sie durch die Locken hindurch, gefährlich wach.
»Ein cleverer Zug, das im Jugendzentrum«, sagte er leise. Seine Stimme war so scharf, dass sie meinte, sich daran geschnitten zu haben.
»Strategisch geschickt, die Dinge, die mir etwas bedeuten, als Dolchstoß zu benutzen.«
Nora straffte die Schultern. »Ich habe lediglich eine gemeinnützige Organisation unterstützt.«
»Hören Sie auf zu lügen, Dr. Vance«, sagte er, ohne die Stimme zu heben. »Sie belügen sogar den hohen Herrn beim Gebet. Sie haben mich in die Enge getrieben. Aber wie sieht es mit ihrer Strategie aus? Sind sie auch darin ausreichend geschult?«
Kian stieß sich von der Wand ab und schlenderte ein paar Schritte auf sie zu. In seinen schweren Arbeitsstiefeln bewegte er sich geräuschlos, nahezu tänzelnd.
»Nehmen wir also an, sie bekommen Ihre Skulptur.«
Eine Welle der Hoffnung durchflutete sie so heftig, dass ihr für einen Moment schwindelig wurde. Sie hatte es geschafft. Erleichtert deutete sie auf die Mappe.
»Dann bräuchten wir nur noch Ihre Unterschrift…«
»Ich habe noch nicht von meinem Preis gesprochen«, unterbrach er sie.
Sie erstarrte. »Der Preis steht im Vertrag. Er ist verhandelbar, aber…«
»Ich spreche nicht von Ihrem Geld«, sagte er und arrangierte einen weiteren Schritt. Sie hob den Kopf, um ihm in die Augen zu sehen.
»Ihr Geld interessiert mich nicht. Gessners Geld interessiert mich nicht.«
Ein eiskaltes Gefühl der Vorahnung schlich ihr den Nacken hinauf. »Wovon sprechen Sie dann?«
Sein Blick wanderte durch ihr Gesicht, verweilte auf ihren Lippen, kroch ihren Hals hinab bis zur perfekt gebügelten Seidenbluse. Sie musste sich am Tisch festhalten, um nicht umzufallen. Diese Haare, diese Augen.
»Ich habe über Ihre kleine Rede nachgedacht. Die, in der Sie mir vorwarfen, ich hätte Angst, dass hinter meiner Fassade nur gähnende Leere steckt.«
Er machte eine Pause, die Stille summte im künstlichen Licht.
»Vielleicht haben Sie ja recht. Aber um sie vom Gegenteil zu überzeugen, müsste ich Kunst schaffen. Und Kunst entsteht aus Wahrheit, Dr. Vance.
»Ich verstehe nicht…«
»Ich werde ihnen eine Skulptur liefern«, fuhr er mit unerbittlicher Ruhe fort. »Ein Meisterwerk. Aber unter einer Bedingung. Ich will nicht irgendetwas modellieren. Sondern die Frau dahinter. Die, die sich hinter teurem Stoff und einem falschen Lächeln versteckt.«
Er beugte sich ein wenig vor, blies sich die langen Haare aus dem Gesicht.
»Sie werden mein Modell sein.«
Eleonora lachte. Ein kurzes, fast hysterisches Geräusch. »Das ist absurd. Das ist unprofessionell. Das kommt überhaupt nicht in Frage.«
»Doch«, sagte er. »Das ist die einzige Frage, die jetzt noch im Raum steht.«
Er richtete sich wieder auf.
»Jeden Tag. Hier. Auf diesem Stein.« Er deutete auf den Würfel in der Mitte des Raumes. »Sie werden dort sitzen. Und ich werde arbeiten.«
»Auf keinen Fall werde ich…«
Seine Augen glühten plötzlich neben ihren, sein Atem touchierte ihre Wange.
»Nackt«, beendete er den Satz. Die Stimme war nur noch ein Flüstern, aber sie hatte die Endgültigkeit eines gezielten Hammerschlages.
Eleonora sog hörbar die Luft ein. Eruptionen wüteten in ihren Eingeweiden.
»Ohne die Bluse. Ohne den Rock. Ohne die Strümpfe. Ohne die Sonnenbrille und ohne den Namen auf Ihrer Visitenkarte. Nur Sie. Ihre Haut. Ihre Narben. Ihre Geschichte. Das ist mein Preis, Eleonora.«
Die Welt schien für einen Moment stillzustehen. Irritationen, heiß und scharf, schossen ihr durch die Adern. Das war keine künstlerische Forderung. Das war eine gezielte Hinrichtung.
»Niemals, sie sind verrückt!«, presste sie hervor, ihre Stimme ein heiseres Krächzen. Sie griff nach ihrer Tasche, wollte fliehen.
»Dann nicht«, sagte er achselzuckend. »Dann gibt es keinen Deal. Gessner bekommt keine Skulptur. Und Sie können ihm erklären, warum.«
Sie erstarrte, die Hand auf dem weichen Leder. Gessners kaltes Gesicht erschien vor ihrem inneren Auge. Der Gedanke an ihre Schulden. An den Verlust von allem, was sie sich in zwanzig Jahren aufgebaut hatte. Ihr perfektes Leben, das in Wirklichkeit wankte wie ein Kartenhaus im Wind.
Er hatte sie. Er wusste, dass er gewinnt. Er hatte einen neuen Schwachpunkt geschaffen und drückte unerbittlich mit dem Finger in die offene Wunde.
Sie sah von seinem unbewegten Gesicht zu dem steinernen Würfel und wieder zurück. Es war eine Wahl zwischen zwei Arten des Ruins. Dem beruflichen oder dem persönlichen.
Unendlich langsam ließ sie ihre Hand von der Tasche gleiten.
Ihr Blick traf seinen. Sie sah keinen Triumph darin. Nur eine seltsam traurige Entschlossenheit.
Ein einziges Wort kam über ihre Lippen. Kaum hörbar, wie das Knacken von dünnem Porzellan.
»Ja.«
Kian betrachtete sie einen langen Moment, als würde er das Gewicht ihres Wortes prüfen. Dann nickte er langsam. Er ging zum Tisch und nahm die Mappe. Zog einen Stift aus der Brusttasche und kritzelte seinen Namen auf die letzte Seite des Vertrags, ohne auch nur eine Zeile zu lesen.
»Hier«, sagte er und schob ihr das Dokument zurück. »Dein Papierkrieg für Gessner. Damit er ruhig schläft.«
Kian verstaute in aller Ruhe seinen Kugelschreiber.
»Unser Pakt«, fügte er leise hinzu, »steht auf keinem Papier. Und er ist unantastbar.«
Die Erinnerung ließ sie nicht los. Sie folgte ihr wie ein treuer Begleiter aus dem Atelier von Kian McBride zu Gessners gläsernem Turm. Ihr Gang bis in die höchsten Etagen fühlte sich an wie der einer zum Strang Verurteilten. Die unterschriebene Vertragsmappe lag schwer in ihrer Hand. Eine Trophäe selbst erwählter Schande.
Sie betrat das Büro mit neusortierter Fassade.
Gessner nahm das Dokument entgegen. Sein Gesicht glänzte vor selbstgefälligem Erfolg. Er kam um den Schreibtisch herum auf sie zu.
»Exzellent, meine liebe Eleonora. Ich wusste, ich kann mich auf sie verlassen.«
Seine feuchte, schmierige Hand landete auf ihrer Schulter, blieb eine Sekunde zu lange. Sein Daumen strich beiläufig über den Stoff ihrer Bluse.
Ihr Magen drehte sich, aber ihr Lächeln blieb. Eis. Immer Eis.
»Ein Triumph«, sagte er, seine Stimme jetzt intimer.
»Unser Triumph. Das müssen wir feiern. Nur wir beide. Ich weiß, Sie sind schrecklich beschäftigt mit den Vorbereitungen zur Hamilton-Galerie. Sagen Sie mir einfach, wann es Ihnen passt. Aber lassen Sie mich nicht zu lange warten.«
Es war eine Anweisung, verpackt unter den Schleifen einer unappetitlichen Einladung.
Seine Augen glitten von ihrem Gesicht zu ihrem Körper und wieder zurück, und in ihnen lag absolut nichts Geschäftliches. Es war der Blick eines Sammlers, der sein wertvollstes Objekt taxiert.
Und in diesem Moment des geifernden Chefs, ging Eleonora der wahre Preis des Paktes auf, den sie gerade geschlossen hatte. Sie war einer glattzüngigen Falle entkommen, mit dem Ergebnis, in ein Fangeisen geraten zu sein.
Und sie lächelte. Weil Widerstand in dieser Welt glattweg lächerlich wäre.
Eins habe ich dann noch. Viel Spaß beim Lesen!
Kapitel 7
Dr. Eleonora Vance betrat die Lobby mit einem entschlossenen Blick.
Sie trug den Hosenanzug, den sie am Morgen vor dem Spiegel ausgewählt hatte. Er war dunkelgrau, wie aus Schiefer gefertigt. Kein Schmuck, kein Lippenstift, kein Parfum. Nur kühles Körpermaterial und ein Gang wie eine unliebsame Gerichtsverhandlung.
Der Concierge hatte sich kaum zur Hälfte verbeugt, da war sie schon auf dem Weg zur Dachetage. Der Aufzug summte lautlos, die Spiegelwände warfen ihr das Bild einer Fremden zurück.
Das »Le Ciel« hing zwanzig Stockwerke über dem Abendverkehr wie ein aristokratischer Käfig. Es war genau die Art von Restaurant, die Gessner liebte. Diskret, unverschämt teuer und so leise, dass man das Klimpern der Eiskristalle im Whisky-Glas bis in die hintersten Winkel hören konnte. Ein Ort, an dem Macht nicht nur zur Schau gestellt, sondern mit hohen Summen verzehrt wurde.
Eleonora betrat den Raum pünktlich um acht. Sie schnitt durch den Dunst des Nobelrestaurants wie ein Schlachtschiff durch dichten Nebel. Ihr Haar war zu einem makellosen Knoten gebunden, in der Hand hielt sie die dünne Ledermappe.
Gessner saß bereits an einem abgeschiedenen Ecktisch. Ein Tisch für zwei, intim mit Kerzenschein. Er erhob sich, als sie kam, mit einem Gesicht gönnerhafter Gastfreundschaft.
»Eleonora, meine Liebe. Pünktlich wie immer. Setzen Sie sich.«
»Ich komme direkt vom Büro«, log sie.
Der Kellner zog ihren Stuhl heraus. Sie spürte, wie Gessners Blick über ihren Anzug strich. Wie eine Hand, die fieberhaft nach dem Reißverschluss suchte.
Sie nahm Platz, schlug die Beine übereinander, entblößte keinen Zentimeter zu viel.
»Dr. Gessner«, erwiderte sie mit einem bezaubernden Lächeln und legte ihre Mappe demonstrativ neben ihren Teller. »Danke für die Einladung.«
Er musterte sie, sein Blick glitt über ihr Gesicht. Ein Anflug von Irritation verklärte seine Züge, wurde aber sofort wieder von jovialem Grinsen überdeckt.
»Immer eine Freude. Wir müssen auf unseren Sieg anstoßen.«
Er winkte dem Sommelier. »Champagner, natürlich.«
»Ein Mineralwasser für mich, danke«, sagte Eleonora, bevor der Kellner reagieren konnte. »Ich habe morgen früh einen wichtigen Termin.«
Gessners Lächeln gefror für eine Millisekunde. »Unsinn. Ein Glas, um zu feiern.«
»Ich bestehe darauf. Klares Wasser für einen klaren Kopf«, sagte sie und öffnete ihre Mappe.
»Ich habe die Agenda vorbereitet, wie besprochen. Zuerst sollten wir die PR-Strategie für die Ankündigung besprechen…«
»Eleonora, Eleonora«, unterbrach er sie mit gespielter Sanftheit und fuhr mit seiner feuchten Hand über ihren Unterarm.
»Legen Sie das weg. Heute Abend sind wir keine Kollegen. Heute sind wir zwei Gewinner.«
Wie oft hatte sie diesen Satz schon gehört. Meist kam danach ein Handschlag. Oder ein Griff an das Gesäß.
Sie zog ihre Hand langsam, aber bestimmt zurück und tastete nach ihrem Wasserglas.
»Die erste Pressemitteilung ist entscheidend, um die Narrative zu kontrollieren«, fuhr sie ungerührt fort, als hätte sie von Berührungen nichts bemerkt.
»Ich schlage vor, wir betonen McBrides Zurückgezogenheit und seinen legendären Status. Das erhöht den Wert des Exklusivvertrags. Morgen früh geht alles in den Druck.«
Die Vorspeisen wurden aufgetragen. Sie rührte nichts an.
»Außerdem, Dr. Gessner, die Marktanalyse zeigt interessante Tendenzen.«
Sie entfaltete eine Grafik zwischen den Tellern.
»McBrides Bronzeperioden erzielen 23% über Schätzwert. Hier, die Londoner Auktionen bestätigen es haargenau.«
»Eleonora.« Gessners Finger trommelten gegen sein Sektglas. »Sie essen nichts.«
»Weiterhin habe ich den Bericht des Kunsthistorikers vorbereitet.« Sie tippte auf ein Tablet.
»Seite 14 zeigt die Problematik mit–.«
Er seufzte, ein Geräusch ungeduldiger Toleranz.
»Sie sind brillant. Das habe ich stets betont. Aber Sie sind immer im Dienst.«
Er lehnte sich über den Tisch, seine Stimme wurde zu einem konspirativen Flüstern.
»Sagen Sie mir, wie ist er wirklich? Dieser wilde Mann in seinem Loch? Hat er versucht, Sie anzubaggern?«
Nora nahm einen Schluck vom Wasser.
»Abschnitt 3.4 behandelt genau diese Frage: den Mythos um seine Arbeitsweise als wesentlicher Beitrag zur Markenbildung.«
Gessners Augen verengten sich zu Schlitzen.
Unbeirrt fuhr Eleonora fort:
»Mr. McBride ist ein Profi. Ein exzentrischer, aber er versteht die Bedingungen des Vertrags.«
»Soso, ein Profi«, wiederholte Gessner und lachte leise.
»Natürlich. Aber Sie, Eleonora, sind mehr als das. Sie sind eine außergewöhnlich schöne Frau. Und Sie sind allein.«
Er nahm einen Schluck von seinem Champagner.
»Das muss verdammt einsam sein. So viel Verantwortung, eine Fülle an Macht. Und niemanden, mit dem man sie teilen kann.«
Er sprach nicht mehr über Kian, nur noch von sich selbst. Jedes Wort war ein kleiner, vergifteter Pfeil auf die Abwehrmechanismen einer Frau.
»Meine Arbeit erfüllt mich vollkommen, Dr. Gessner«, sagte Eleonora, ihre Stimme so zugeknöpft, dass die Kerzenflamme zwischen ihnen zu flackern begann.
»Natürlich tut sie das«, sagte er hochherzig.
»Aber es gibt andere Dinge im Leben. Leidenschaft. Berührung. Ein Mann, der Ihren wahren Wert zu schätzen weiß. Nicht nur Ihren intellektuellen.«
Sein Fuß berührte unter dem Tisch beiläufig ihren Knöchel.
Eleonora zuckte mit keiner Wimper. Tat, als wäre nichts gewesen. Stattdessen nahm sie eine Gabelspitze vom Salat und blickte ihm direkt in die wässrigen Augen.
»Apropos Wertschätzung«, sagte sie mit schneidender Süße. »Das bringt mich zu Punkt zwei auf der Agenda: die Versicherungssumme für das Werk. Ich habe ein Gutachten in Auftrag gegeben, und die ersten Schätzungen sind … astronomisch.«
Sein Gesicht verhärtete sich. Das Spiel war vorbei. Für einen Moment fiel die Maske und enthüllte den erbosten Groll darunter.
»Sie sind eine brillante Frau, Eleonora«, sagte er, und es klang jetzt mehr wie eine Drohung.
»Aber passen Sie auf, dass Ihre Brillanz Sie nicht alt und einsam werden lässt.«
Er hob sein Glas. »Auf unseren Erfolg.«
»Auf das Projekt«, korrigierte sie und hielt ihr Wasserglas hoch.
Gemeinsam stießen sie an. Das dissonante Klingen des Champagnerglases gegen das schlichte Wasser wehte verquer durch den Raum.
Sie stand auf. Sammelte ihre Mappe ein.
»Ich danke für das Abendessen, Dr. Gessner, und empfehle mich dann. Die Kosten gehen auf die Foundation. Die Rechnung schicke ich ihnen morgen früh.«
Mit einem kurzen Nicken wandte sie sich dem Ausgang zu.
»Immer eine Freude für mich, Eleonora.«
Durch die rauchige Glasscheibe der Tür sah sie beim Weggehen, wie er die Papierfetzen ihrer Statistiken in der Faust zerknüllte. Erst im Aufzug bemerkte sie die feuchten Streifen unter ihren Achseln.
So, damit möchte ich eigentlich (vorerst) Euch wieder die Bühne überlassen. Es soll hier keine Langeweile aufkommen. Bleibt tapfer und fleißig! Erhebt Eure schönen Stimmen, sie werden mehr denn je gebraucht!
Hallo Carlo-Valentino,
vielen Dank für Deine Nachfrage!
Im Prinzip habe ich hier unwissend den völlig falschen Kanal bedient, sorry!
Ich war bereit, das auch zu löschen.
Im Prinzip wollte ich nur mal Hallo sgen.
Ich lese hier schon sehr lange mit und hatte den Eindruck, dass man dann auch mal was zeigen soll.
Ich bewundere Eure Einstellung zur Literatur und die Arbeit, die Ihr hier leistet.
Ich bin kein Autor, habe aber trotzdem schon wertvolles Feedback hier bekommen.
Sieh bitte diesen Text nicht als Provokation oder so. Ich hatte den Eindruck, als würde hier der ein oder andere trotzdem lesen, deswegen hatte ich noch ein wenig mehr Kapitel gezeigt.
Mein Handwerk hier ist nicht der Rede wert, es brennt an allen Ecken und Enden.
Nachdem Ifrah hier dabei ist, ist mir alles doppelt so peinlich.
Um Deine Frage aber trotzdem zu beantworten: es gibt kein direktes Anliegen.
Solltest Du trotzdem etwas schreiben wollen, vor allem Kritik, wäre ich sehr froh! Wenn Du kein Blatt vor den Mund nähmst, noch mehr.
Ich habe hier natürlich auch Textproben anderer gelesen. Aber diese zu kommentieren traue ich mich ehrlich nicht.
Ist das okay als Antwort? Ich würde mich freuen!
Herzlichen Dank an Dich!
Wir bewerten nicht A schreibt besser als B, aber C macht es noch viel besser.
Wir haben einfach Spaß am Schreiben!
Das merke ich ja auch, und genau das soll das Schreiben ja auch sein!
Vielen Dank!
Das wiederum, lieber Herr Styx ist mir peinlich!
Und überhaupt: Was soll denn das? Sie können doch nicht mein Geschreibsel, dass ohnehin nicht mehr ist, als ein paar wirre Tagebucheinträge eines Teenagers, mit ihrer Geschichte vergleichen! Ihr Text hier ist das, was Hemingway meinte, als er Schreiben mit Bluten verglich, es kommt aus dem tiefsten Winkel Ihres Herzen (in den Sie - geben Sie es ruhig zu - gar nicht gerne blicken!)
Ich wollte zu Ihrem Text Stellung nehmen und wollte es gleichzeitig nicht - wahrscheinlich aus dem selben Grund: Er trifft mich ins Herz. Ich identifiziere mich von der ersten Zeile an mit Ihrer Nora und habe keine Ahnung wieso. Auch wenn diese viel älter ist als ich, so weiß ich genau, wie sie sich fühlt, nackt auf diesem Holzblock sitzend, dem Röntgenblick des unwirschen Künstlers ausgesetzt, erkannt und doch nicht, angewidert und dennoch vertraut. Ach wie Sie mich trafen! Und dann noch diese permanente erotische Stimmung, die er auslöst und die mich zutiefst verwirrt und anzieht zugleich.
Ich schrieb es schon andernorts: Ich bin nur ein Mädchen, das mit Worten spielt. Nicht mehr. Ich habe das Anrecht auf Selbstzweifel, nicht Sie, der gut dreimal so alt und dreimal so gut ist wie ich.
Liebe Ifrah,
weißt Du, warum Deine Texte, diese kleinen Smaragde so berühren? Weil sie wahr sind! Sie sind das, was Gasser mit „Not“ meint! Sie sind wahrhaftig, erlebt, jedes einzelne Wort davon, und in einer atemberaubenden Weise vorgetragen. Das ist Souveränität. Du rührst mich zu Tränen!
Sieh Dir an, was ich getan habe. Mir etwas ausgedacht. Das kann und darf, auch aus Gassers Sicht, nicht auf Deiner Stufe stehen. Entschuldige, dass ich immer wieder ihn zitiere. Er ist bisher mein Wegweiser gewesen. Bis jetzt. Wenn er Bücher bespricht, dann solche mit Deinem Anliegen.
Entschuldige, Ifrah, ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll. Ich kann Texte wie Deine nicht einfach neutral lesen. Wenn Du von einer wackligen Leiter auf unebenem Grund schreibst, sehe ich mich reflexartig nach einem sicheren Griff um.
Wenn Du Kirschkerne auf den Kompost spuckst, kann ich das Lachen danach hören und verfolge im Geiste die Flugbahn. Es ist einfach so bei mir, das ist Literatur für mich!
Bitte, nimm mir das nicht übel! Bitte!
Ich nehme ihnen gar nichts übel, ich bin nur verwirrt.
Aber mein Freund kommt gerade, draußen scheint die Sonne und ich glaube, ich brauche jetzt etwas Luft. Nehmen Sie auch mir nichts übel bitte…