Herr Styx!
Ich bitte Sie aus ganzem Herzen, diese Texte nicht zu löschen (und riskiere deswegen grade einen Rüffel von meinem Bio-Lehrer, das Handy wegzulegen). Aber egal: Sie sind wie ein Rosenzüchter, der seine Schöpfung vernichtet, weil sie nicht seinen eigenen Vorstellungen entspricht. Doch sie gefällt mir und Herrn Phlox und vielen anderen auch, dessen bin ich sicher. Es ist ein wunderbarer Text, der von der ersten Zeile an mein Herz berührt. Bitte lassen Sie ihn stehen. Und nehmen Sie mein Lob im selben Ausmass an, wie Sie das Ihre mir zuteil werden liessen!
Liebe Ifrah,
ich bin hier gerade etwas durch den Wind, ich danke Dir!
Könnte ich Dich dazu überreden, Du zueinander zu sagen? Dabei wäre mir wohler.
Ein anderer Herr hatte das glaube ich auch so vorgeschlagen.
Natürlich bin ich sprachlos über Deine Reaktion, von Dir, Du weißt schon. Ich liebe Deine Texte.
Es geht auch nicht, nie, um Gewalt gegenüber Frauen in dem Text.
Ganz im Gegenteil: ich möchte Eleonora dabei beobachten, wie sie sich in der kalten Männerwelt behauptet. Und wie! Zusammen mit ihrer Freundin Sam.
Ich bewundere diese Stärke, die Du auch entwickeln wirst.
Es ehrt mich ehrlich, dass Dir der Text gefällt. Und mit dem Rosenzüchten, das ist wieder so ein Satz von Dir. Lassen wir das, es ist einfach schön!
Ich bin genauso neu hier wie Du und weiß mich deshalb nicht so richtig zu benehmen, das merkst Du ja. Verwechsele alles mit jedem, vor Aufregung sicher.
Also: der Text bleibt (hier) stehen, oder? Mir gefällt Kian, er ist mein stiller Held.
Nicht so seicht, wie Du ihn beschreiben würdest, aber immerhin.
Ich hoffe, Bio klappt jetzt trotzdem. Sag ihm einfach, es gäbe auch alternative Anschauungsmethoden, oder?
Liebe Grüße von mir! Vielen Dank!
Liebe Ifrah,
ich schließe mich dem, was Du zu @Styx sagst, vollständig an. Und dem, was @Styx zu Dir sagt, ebenso!
Wir duzen uns hier im Forum übrigens generationsübergreifend - und mit allem innewohnenden Respekt ![]()
Danke für dieses Gedicht. Wie von Dir schon gewohnt - wunderbar.
Ich verstehe, was Du sagen willst - als älterer Mensch finde ich Deine respektvolle Haltung ebenso wohltuend wie ungewöhnlich in dieser Zeit.
Hältst Du mich bitte mal fest, Phlox? Ich muss mich an einer Schulter ausweinen.
i do, Styx! ![]()
Vielen Dank, mein Bester.
Da komme ich nur mit viel Musik drüberweg. Das wird heut ein langer Abend.
Ich habe gerade dein Gedicht gelesen und jetzt sitze ich hier in Ehrfurcht erstarrt.
Ein Gemälde.
Eine Komposition aus Andy Warhol und Peter Doig. Mit einem Nachwort von Hermann Hesse.
styx und ich sitzen schon länger - schön, dass Du Dich zu uns gesellst.
Auch ich bin beeindruckt von deiner sehr persönlichen Interpretation des Brechtschen „kaukasischen Kreidekreises“. Ich gehe davon aus, dass du eine der Kernbotschaften in deinem sehr schönen Gedicht adaptiert hast. Chapeau!
Meine Herren, Ihr Lob macht mich verlegen.
Ich selbst sehe meine allzu hastig hingefetzten Zeilen kritischer. Zu oft drängt sich da eine Silbe zuviel zwischen die Jamben, das Reimschema in der fünften Strophe ändert sich plötzlich, die Dialektik im vierten Vers der ersten Strophe ist zu grob im Verhältnis zu den anderen, und überhaupt: Wäre es nicht dramaturgisch besser gewesen, die erste Strophe mit der dritten auszutauschen? Keine Ahnung…
Dass die Anleihe an Brecht erkannt wird, war mir bewusst, aber der Gute, hat sich ja auch zuvor bei König Salomon bedient. Als Lyriker schätze ich ihn sehr, bloß als Dramatiker wirkt er manchmal etwas lost. Gut, dass er ein paar kluge Frauen um sich hatte. Die Dreigroschenoper etwa wäre ohne Elisabeth Hauptmann nie geschrieben worden und auch dort hat er fleissig bei François Villon gewildert.
Whatever, ich glaub man darf das. Manchmal zumindest. Aber wer bin ich, das zu behaupten?
Hier noch ein kleiner Anhang für Sie/euch:
Frauen, sagt meine Mutter,
Müssen doppelt so gut sein wie Männer,
Sonst werden sie nicht gehört.
Mädchen, sagt meine Mutter,
Müssen doppelt so gut sein wie Frauen.
Migrantinnen doppelt so gut wie die Mädchen hier
Und eine Muslima doppelt so gut, wie andere Migras.
Eine Eins, sagt meine Mutter, ist nicht gut genug.
Man sollte neue Noten einführen.
Ja, klar, denke ich,
eine Null oder was?
Also, liebe Ifrah,
ich finde es schön, dass Du Dich hier wieder meldest. Und noch besser, was Du schreibst (über das Gedicht).
Ich bin kein Literaturtheoretiker, auch kein Literaturkritiker!
Die Informationen über Brecht zeigen, wovon Du sprichst.
Auf zwei Fragen möchte ich doch mit meiner unmaßgeblichen Meinung antworten, verzeih, ich kann nicht anders.
Dramaturgisch steht für mich die erste Strophe an genau der richtigen Stelle: es wird eine Ansage getätigt, man weiß, wo es langgeht. Alles Folgende ist die Begründung für dieses Statement.
Und der Wechsel des Reimschemas in der fünften Stufe ist genau der Hook, der mir dieses Gedicht so liebenswert macht. Ich lese (nicht nur Deine) Texte mit den Ohren. Das hier ist der Moment, auf den die ganze Geschichte hinausläuft. Und ganz ehrlich: Als ich an der Stelle angelangt war, musste ich tief Luft holen. Ab hier wird das Gedicht unvergesslich (für mich, wegen dem Wechsel in der Lautmalerei).
Ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll. Was ich weiß ist, dass ich von Dialektik keine Ahnung habe. Was ich aber gewiss weiß ist, dass Du Deine Mutter bei jeder sich bietenden Gelegenheit fest drücken solltest.
Vielen lieben Dank!
P.S. Was ich wirklich ändern würde (für mich nur): Respekt statt falschem Selbstvertrauen! Die letzte Zeile der vierten Strophe. Alles andere verteidige ich (für mich nur) wie die Löwin ihr Junges.
Richtig - das kurze Stolpern beim ersten Lesen hat sich bei mir sofort ins Gegenteil gewendet, als ich das Gedicht laut gelesen habe. DAS ist Kunst, und zwar: Echte.
Ich muss jetzt aufhören, unsere Elevin zu viel zu loben, das ist sonst nicht gut. Mir geht es wie dem Juror, der nicht die volle Punktzahl geben wollte.
Aber ihr Beitrag oben zeigt, dass wir es hier nicht nur mit einem Hochtalent zu tun haben, sondern mit einem „Profi“ - jemandem, der das Handwerk ehrt und respektiert.
Liebe Ifrah, wenn Dein erstes Buch gedruckt ist, möchte ich ein signiertes Exemplar.
Ich auch, obwohl: signiert, unsigniert. Egal. Ich nehme das, was ich kriegen kann! Wenn noch etwas übrig bleibt.
Die Situation mit dem Juror habe ich mir auch schon oft versucht, vorzustellen.
Was macht er in solcher Situation? Du bekommst diese Texte serviert.
Und erst jetzt versteht man die Weitsicht diese Mannes, Die Stärke hinter seiner Entscheidung.
Und mit dem Loben, da überlege ich auch schon lange dran.
Inzwischen glaube ich, dass Ifrah das ganz gut einordnen kann. Keine Angst, lieber Phlox!
SIC!
Kapitel 5
Die Heimfahrt vollzog sich wie im Trance. Eleonora saß am Steuer ihres Wagens, die Hände fest um das helle Leder geschlungen, und navigierte mechanisch durch den dicken Nachmittagsverkehr. Aber sie fuhr nicht wirklich. Ein Teil von ihr saß noch immer in dem staubigen Atelier, den Blick auf den leeren Platz geheftet, wo Kian seinen Werkstoff bearbeitete.
Er hatte nachgegeben.
Dieser Gedanke war eine absurde, unlogische Melodie, die sie immer wieder neu im Kopf anstimmte.
Der Mann, der ihren Panzer Schicht um Schicht mit sachkundiger Präzision ausrangierte, der ihr seine eisenharten Bedingungen diktierte – dieser Mann war vor der Geschichte eines kleinen Silberrings zurückgewichen.
Er hatte gedroht, er hatte getobt, trotzdem gab er nach. Warum?
McBride war ein Tyrann, aber einer, der Schmerz sieht und ihn … respektiert?
Sie bog in die Tiefgarage ihres Wohnkomplexes ein. Der Motor erstarb mit behaglichem Schnurren. Im Rückspiegel beobachtete sie, wie sich das Rolltor lautlos hinter ihr senkte.
Wer ist dieser Mann?
Eine Frage, die sie sich seit ihrer ersten Begegnung stellte, aber jetzt hatte sie eine neue, dringlichere Qualität. Er war nicht nur der rohe, unberechenbare Einsiedler, für den sie ihn anfangs hielt. Er war weitaus komplexer. Um einiges gefährlicher.
Und die Gedanken kehrten zurück. An den Umstand, der sie überhaupt erst in diese ausweglose Lage gebracht hatte. Den Moment, in dem ihre professionelle Strategie in etwas Persönliches kippte.
Die Erinnerung reichte zurück bis zu vergilbtem Papier und der stillen Verzweiflung nächtlicher Recherche.
Es war nicht nur die Angst um ihren Job. McBrides Verachtung traf sie an ihrer empfindlichsten Stelle: ihrer Eitelkeit.
Die beschämende Abfuhr in seinem Atelier hatte einen Brand in ihr entfacht. Gessners kalte Wut am Telefon danach goss rigoros Benzin ins offene Feuer.
»Finden Sie einen Weg, Vance, oder finden Sie einen neuen Job.«
Die Demütigung schlug in fiebrige Energie um.
Zwei Tage lang hatte sie wie eine Besessene gearbeitet.
Durchforstete alte Artikel, las obskure Interviews. Besuchte zweifelhafte Internetseiten, wechselte Identitäten.
Und endlich fand sie ihn.
Den wunden Punkt, die Achillesferse von Kian McBride.
Das „Eisenkai Jugendprojekt“.
Ein heruntergekommenes Backsteingebäude, eingeklemmt zwischen einem Lagerhaus und einer stillgelegten Fischfabrik. Ein Ort, so weit von ihrer Welt entfernt wie der Mond von der Erde.
Sie fuhr an einem Dienstagnachmittag dorthin. Verzichtete bewusst auf Etikette. In den Jeans, die sie seit Jahren nicht mehr aus dem Schrank genommen hatte. Und einem bescheidenen Kaschmirpullover. Ihr Auto ließ sie in der Garage und setzte sich aufs Fahrrad.
Der Lärm traf sie zuerst.
Das Zischen von Spraydosen, markante Bässe, die aus einem billigen Lautsprecher dröhnten. Dazu das Lachen und Rufen von Teenagern.
Im größten Raum, dessen Wände mit wilden Graffitis überzogen waren, hatte sie ihn entdeckt.
Einen völlig anderen Menschen.
Die grimmige Spannung war aus seinem Gesicht gewichen. Er stand neben einem schmächtigen Jungen mit einem Kapuzenpulli und zeigte ihm mit einer väterlichen Geduld, wie man eine Spraydose hält, um eine saubere Linie zu ziehen.
»Nicht so verkrampft, Tommy. Lass es fließen.«
Eleonora blieb im Eingang und beobachtete. Sah zu, wie er einem Mädchen mit lila Haaren half, eine Schablone zu schneiden, und dabei herzhaft lachte.
Dann trat sie aus dem Schatten und ging hinüber zu der Frau, die am Rande des Chaos auf einer wackeligen Kiste saß und mit einem Lächeln das Treiben überwachte. Die Leiterin des Projekts.
Sie stellte sich ihr als Eleonora Vance vor.
Die Frau erzählte in zwanglosen Sätzen vom Mangel und der fehlenden Anerkennung für die Kids. Von labilen Elternhäusern und der Gefahr, die von der Straße ausging.
Und letzten Endes hatte Eleonora ihr einen Vorschlag gemacht. Kein Geld. Etwas Besseres.
Eine kleine, aber professionell kuratierte Ausstellung in einem leer stehenden Raum in der Nähe der Gessler-Foundation. Mit richtiger Beleuchtung, Einladungen und Presse.
Und selbstverständlich, den allgemeinen Gepflogenheiten entsprechend, einer diskreten Spende für die nagelneuen Materialien.
In dem Moment, als die Augen der Leiterin zu leuchten begannen, wusste Eleonora, dass sie gewonnen hatte.
Erst dann, als die Frau rief – »Kian, du hast Besuch!« – trafen sich ihre Blicke quer durch den Krawall.
Sein Lächeln erlosch, als hätte jemand einen Kippschalter umgelegt. Die finstere Miene war zurück, seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.
Er kam auf sie zu und wischte sich die Farbe von den Händen.
»Was wollen Sie hier, Dr. Vance?«
»Das Projekt ansehen«, erwiderte sie gelassen.
»Welches Projekt?«, konterte er. »Das, bei dem wir talentierten Kindern eine Plattform geben, oder das, bei dem Sie meine Seele an Gessner verhökern?«
Sie hielt seinem Blick stand.
»Beide. Warum sollte sich das ausschließen?«
Ein Kampf entbrannte hinter seinen Augen.
Er fixierte sie lange durch die Haare, die ihm ins Gesicht hingen. Seine Nasenflügel bebten. Im Radio schlug jemand minutenlang auf ein Schlagzeug ein.
Und dann, endlich, befreite er sein Gesichtsfeld mit einer konzentrierten Bewegung. Nickte. Ein einziges, knappes Mal.
»Morgen«, sagte er. »Zehn Uhr. In meinem Atelier. Allein.«
Ich habe Deine Tränen gesehen und meine abgewischt. Ich bleibe im Ring. Auch wenn das komplett lächerlich sein sollte.
Das! Genau das! Deswegen bin ich hier. (Ich beginne zu verstehen) Vielen lieben Dank!