Ich bin auch ein Anfänger

Kapitel 1

»Atme.«
Das Wort war kein Befehl, eher eine Diagnose. Gesprochen mit einer leisen, rauen Stimme. Es sickerte in die kühle Stille des Ateliers, vermischte sich mit dem erdigen Geruch von feuchtem Lehm und legte sich wie ein seidenweicher Schal auf ihre Schultern. Ein Wort, das sie schon ewig nicht mehr gehört hatte.
Atme.
Als wüsste er, dass sie seit fünfundvierzig Jahren die Luft anhielt. Eine lebenslange, sittsame Apnoe, versteckt hinter makelloser Sprache, teurem Stoff und einer undurchdringlichen Fassade. Der Triumph perfekter Etikette.
Dr. Eleonora Vance saß auf einem Würfel aus unpoliertem Stein. Uneins mit sich darüber, ob er sich als Altar oder Schafott entpuppen würde.
Der riesige Raum um sie herum wirkte wie eine Kathedrale aus rohem Backstein und kaltem Beton. Und sie thronte genau in der Mitte.
Nackt.
Ein Begriff völlig lächerlich für ihren Zustand gnadenloser Präsentation.
Nackt verführten sich Liebende im Schutz der Dunkelheit.
Dies hier war etwas anderes. Eine Darbietung, eine penible Inspektion im gleißenden Licht.
Kühle Luft zog von den hohen Fenstern herab. Sie legte sich wie ein feindseliger Galan auf ihre Haut und betastete mit kalten Fingern jede Unvollkommenheit ihres Körpers.
Die feinen, silbernen Linien an den Hüften. Die kaum sichtbare Narbe über der linken Augenbraue. Die weichen Rundungen am Bauch die kein Pilates-Kurs der Welt jemals würde korrigieren können. Der letzte Widerstand des Körpers gegen den unerbittlichen Willen ihres Geistes.
Sie fühlte sich ausgestellt wie ein Manuskript in toter Sprache. Und er, der Mann im Schatten, beharrte darauf, es zu entziffern.
Kian McBride stand fünf Meter entfernt. Eine dunkle, unbewegliche Silhouette vor den riesigen Industriefenstern, die den grauen Himmel von Vanora einrahmten.
Das einzige Geräusch im Raum war das leise, rhythmische Kratzen seiner Kohle auf rauem Papier. Die Töne bearbeiteten ihre Nerven wie grobes Schleifpapier. Jeder Strich legte eine Fiber ihrer Seele frei.
Bleibe bei dir, Eleonora, befahl die Stimme in ihrem Kopf. Diejenige, die ihr die Penthouse-Wohnung am Kaiserdeich, den Respekt von Männern wie Gessner und diese zerbrechliche Illusion von Kontrolle organisiert hatte. Dies ist nur eine Verhandlung. Ein Geschäft.
Aber ihr Körper, dieser Verräter, hörte nicht auf sie. Ihr Rücken bildete eine kerzengerade Meisterleistung aus Disziplin und unterdrückter Panik. Die linke Hand umklammerte den kalten Stein neben ihr. Wie ein Anker gegen die anstürmende Flut. Der Fuß darunter war jederzeit zur Flucht bereit.
Ein strenger Knoten fasste ihr Haar im Nacken zusammen, eine letzte, verzweifelte Bastion der Ordnung. Jede blonde Strähne an ihrem Platz.
Dann hörte das Kratzen der Kohle auf. Die folgende Stille war unerträglicher als das Geräusch zuvor. Sie belagerte den Raum, füllte jede Ecke, drückte ihr auf die Brust.
Sie zwang ihren Blick auf eine Reihe von Farbtuben, die wie gefallene Soldaten auf einem Tisch lagen. Kadmiumgelb. Kobaltblau. Umbra gebrannt. Sie ordnete sie im Geiste dem Farbkreis zu. Ein verzweifelter Griff nach Kontrolle. Nach Ordnung. Nach Sicherheit in einer Welt, die gerade in ihre Einzelteile zerfiel.
»Die Narbe«, sagte McBride, ohne aufzublicken. Seine Stimme klang rostig wie der Tisch, auf dem das Werkzeug lag.
Eleonora zuckte zusammen. Ihr Körper erinnerte sich, aber sie zwang ihre Muskeln zur Ruhe. Sie würde ihm nicht die Befriedigung geben. Nicht ihre Hand heben und die feine Linie über dem linken Auge berühren. Ein dummer Sturz vom Fahrrad, als sie acht war. Eine längst vergessene Geschichte.
»Sie ist unbedeutend«, sagte sie mit einer Stimme glatt wie Eis.
»Nichts ist unbedeutend«, erwiderte er, und das Kratzen begann erneut, aggressiver diesmal, fordernder.
»Besonders nicht die Dinge, die wir zu verstecken suchen.«
Wieder Stille. Dicker als zuvor. Sie hing wie Rauch in der Luft, und Nora hatte das Gefühl, daran zu ersticken.
Sie wollte schreien, aufstehen, ihre Kleider an sich reißen und aus diesem Bau verschwinden. Stattdessen klammerte sie sich fester an den kalten Stein, ihre Fingerknöchel traten weiß hervor.
»Ihr Haar. Öffnen sie es.«
Worte wie Gewehrsalven. Eine Anweisung wie ein blitzendes Skalpell im Dämmerlicht.
Sie erstarrte.
»Warum? Mein Nacken ist doch …«
»Weil es eine Lüge ist«, unterbrach er sie schroff, und zum ersten Mal seit Minuten hob er den Blick vom Skizzenblock.
Er fixierte sie mit Augen, dunkel und undurchdringlich wie nasser Stein.
»Genauso wie Ihr Lächeln im Ausstellungskatalog. Es ist zu perfekt. Ich muss sehen, wie chaotisches Haar sich mit disziplinierten Schultern verträgt. Öffnen Sie es. Oder wir sind hier fertig.«
Ein Ultimatum. Einfach und brutal. Ihre Karriere, Gessners Zorn, ihre Finanzen – alles hing an einem paar Haarnadeln.
Sie schluckte ein bitteres Lachen hinunter. Es hätte womöglich wie Schluchzen geklungen.
Langsam, mit schweren Bewegungen, hob sie die Hände zum Nacken. Ihre Finger zitterten, als sie nach den Nadeln suchten. Sie zog sie aus der glatten Fassade und ließ sie einzeln auf den Boden fallen. Das helle Klicken des Metalls hüpfte über den Beton.
Schließlich gab die strenge Frisur nach und ihr schulterlanges Haar fiel ihr auf die nackten Schultern. Eine weitere Schicht ihrer Rüstung, achtlos zu Boden geworfen.
Das Kratzen seiner Kohle wurde langsamer, nachdenklicher. Sie wagte kaum zu atmen.
Und dann hörte es ganz auf.
Seine stoische Aufmerksamkeit galt nur noch ihr.
»Ihre Hand, Eleonora.«
Die Stimme klang jetzt ruhiger, fast beiläufig. Aber sie traf sie in die Magengrube wie ein Billardstoß.
Er hatte ihren Vornamen benutzt.
»Welche meinen sie?«, fragte sie dünn und brüchig.
Er legte den Skizzenblock beiseite und trat aus dem Halbdunkel. Wieder barfuß und in Jeans und einem ausgefransten schwarzen Shirt. Seine Augen waren unerbittlich.
»Sie wissen es selbst«, sagte er leise.
Langsam senkte sie den Blick auf ihre rechte Hand. Sie lag auf dem Oberschenkel und sah aus wie ein scheues Tier, das sich auf ihrer Haut niedergelassen hatte.
»Was ist mit ihr?«, fragte sie. Ein Wunderwerk antrainierter Gelassenheit.
»Sie lügt«, sagte er schlicht. Er trat näher. Der Schatten seines Körpers verstellte das letzte Licht.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Hitze stieg ihr in die Brust.
»Ich verstehe nicht.«
»Doch«, sagte er mit resonantem Groll. »Sie verstehen sehr wohl. Ihr Rücken schreit Disziplin. Ihre linke Hand schreit Widerstand. Aber diese hier…«
Er tippte mit einem dünnen Spatel auf den entsprechenden Körperteil.
»…diese Hand erzählt die wahre Geschichte. Eine von Hunger und Sehnsucht. Nur leider an der falschen Stelle.«
Sie riss den Kopf hoch, das Blut schoss ihr so heftig in die Wangen, dass ihr schwindelig wurde.
»Eine Unverschämtheit!«
»Nein«, sagte er leise, und jetzt hob er den Blick und sah ihr direkt in die Augen. In ihm lag eine traurige Intensität.
„Unverschämt ist eine Frau, die fünfundvierzig Jahre lang die Lüge aufrechterhält, es gäbe nichts von alledem.“
Er streckte seinen Arm aus und nahm einen feuchten Lehmklumpen vom Arbeitstisch, wog ihn in seiner Handfläche. Die Finger begannen zu formen.
»Ich habe ihnen gesagt, ich will die Wahrheit, Eleonora. Nicht die polierte Fassade, die sie Dr. Gessner verkaufen.«
Er trat den letzten Schritt zu ihr und schob ihre rechte Hand den Oberschenkel hinauf. Bis ihre Fingerspitzen den dunklen Schatten ihrer Scham berührten.
»Krümmen Sie die Finger ein wenig«, flüsterte er. »Sie wissen schon wie.«
Sie schloss die Augen. Ihr ganzer Körper zitterte unkontrolliert.
»Und jetzt werden sie genau so sitzen bleiben. Mit Ihrer Wahrheit in der Hand und ihrem disziplinierten Rücken. Und sie werden nicht wegschauen. Und Sie werden atmen. Und ich werde anfangen zu arbeiten.«
Er ließ ihre Hand los, stand auf und wandte sich ab, als wäre damit alles gesagt.
Eleonora blieb allein zurück, eine Statue aus Fleisch auf steinernem Thron. Ihr Herz hämmerte wie ein gefangener Vogel.
Und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit füllte Dr. Eleonora Vance ihre Lungen mit einem zaghaften Atemzug.

Ich schreibe gern so. Wie geht es Euch?

6 „Gefällt mir“

Gut

2 „Gefällt mir“

Hallo und willkommen

2 „Gefällt mir“

Willkommen im Forum :slight_smile:
Schau dich um, hier gibt es vielerlei zu entdecken.

Hast du uns hier heimlich „Akt zeichnen“ untergejubelt? :wink:

2 „Gefällt mir“

Herzlich willkommen!

2 „Gefällt mir“

Herzlich Willkommen bei uns im Forum!

2 „Gefällt mir“

Herzlichen Dank!
Keine Schmuddelware, ein bisschen Rodin vielleicht, Caravaggio im inneren Kammerspiel.
Ihr leistet hier super Arbeit! Habe schon viel gelesen und bewundert.
Schön, dass es Euch gibt!

3 „Gefällt mir“

darüber bin ich ehrlicherweise gleich gestolpert - der Befehl „atme“ ist keine Diagnose, „eher eine Bitte“ würde hier vielleicht passen

Das Setting ist interessant, macht sofort neugierig - ich würde allerdings mutig den Rotstift ansetzen - viele Formulierungen sind für mich etwas zu „kryptisch“ (Gessners Zorn, Haarnadeln, an denen etwas hängt …), und manchmal auch nicht ganz stimmig (Blut, das in die Wangen schießt, löst keinen Schwindel aus. Eher das Gegenteil: wenn man plötzlich erblasst, könnte das in Verbindung mit einer Kreislaufschwäche zu Schwindel führen).

Lass doch mal hören, wie’s weitergeht!

3 „Gefällt mir“

Hallo Phlox, ich danke dir, das hilft mir wirklich weiter. Vor allem der Hinweis auf „Diagnose“ und die körperliche Reaktion. Die Szene ist sehr stark aus Noras Wahrnehmung geschrieben, deshalb darf Kian anfangs auch etwas fremd und schwer greifbar wirken — aber ich sehe absolut, was du mit der Dichte meinst. Ich arbeite die Stellen noch einmal nach, auch mit den Hinweisen von Tapio zum Aktzeichnen. Würdet ihr in so einem Fall das erste Kapitel später noch einmal in korrigierter Form einstellen — oder eher direkt mit Kapitel 2 weitermachen? Und natürlich danke fürs Lesen an alle!

2 „Gefällt mir“

… work in progress … ich finde das immer interessant, also von mir aus gerne :slight_smile:

2 „Gefällt mir“

Kapitel 1

»Atme.«
Das Wort klang nicht wie ein Befehl, eher wie die stoische Enthüllung eines Mangels. Gesprochen mit einer leisen, rauen Stimme. Es sickerte in die kühle Stille des Ateliers, vermischte sich mit dem erdigen Geruch von feuchtem Lehm und legte sich wie ein seidenweicher Schal auf ihre Schultern. Ein Begriff, den sie schon ewig nicht mehr gehört hatte.
Atme.
Als wüsste er, dass sie seit fünfundvierzig Jahren die Luft anhielt. Eine lebenslange, sittsame Apnoe, versteckt hinter makelloser Sprache, teurem Stoff und einer undurchdringlichen Fassade. Der Triumph perfekter Etikette.
Dr. Eleonora Vance saß auf einem Würfel aus unpoliertem Stein. Uneins mit sich darüber, ob er sich als Altar oder Schafott entpuppen würde.
Der riesige Raum um sie herum wirkte wie eine Kathedrale aus rohem Backstein und kaltem Beton. Und sie thronte genau in der Mitte.
Nackt.
Ein Begriff völlig lächerlich für ihren Zustand gnadenloser Präsentation.
Nackt verführten sich Liebende im Schutz der Dunkelheit.
Dies hier war etwas anderes. Eine Darbietung. Eine penible Inspektion im gleißenden Licht.
Kühle Luft zog von den hohen Fenstern herab. Sie legte sich wie ein feindseliger Galan auf ihre Haut und betastete mit kalten Fingern jede Unvollkommenheit ihres Körpers.
Die feinen, silbernen Linien an den Hüften. Die kaum sichtbare Narbe über der linken Augenbraue. Die weichen Rundungen am Bauch die kein Pilates-Kurs der Welt jemals würde korrigieren können. Der letzte Widerstand des Körpers gegen den unerbittlichen Willen ihres Geistes.
Sie fühlte sich ausgestellt wie ein Manuskript in toter Sprache. Und er, der Mann im Schatten, beharrte darauf, es zu entziffern.
Kian McBride stand fünf Meter entfernt. Eine dunkle, unbewegliche Silhouette vor den riesigen Industriefenstern, die den grauen Himmel von Vanora einrahmten.
Das einzige Geräusch im Raum war das leise, rhythmische Kratzen seiner Kohle auf rauem Papier. Die Töne bearbeiteten ihre Nerven wie grobes Schleifpapier. Jeder Strich legte eine Fiber ihrer Seele frei.
Bleibe bei dir, Eleonora, befahl die Stimme in ihrem Kopf. Diejenige, die ihr die Penthouse-Wohnung am Kaiserdeich, den Respekt von Männern wie Gessner und diese zerbrechliche Illusion von Kontrolle organisiert hatte. Dies ist nur eine Verhandlung. Ein Geschäft.
Aber ihr Körper, dieser Verräter, hörte nicht auf sie. Ihr Rücken bildete eine kerzengerade Meisterleistung aus Disziplin und unterdrückter Panik. Indes die linke Hand umklammerte den kalten Stein neben ihr. Wie ein Anker gegen die anstürmende Flut. Der Fuß darunter war jederzeit zur Flucht bereit.
Ein strenger Knoten fasste ihr Haar im Nacken zusammen, eine letzte, verzweifelte Bastion der Ordnung. Jede blonde Strähne an ihrem Platz.
Dann hörte das Kratzen der Kohle auf. Die folgende Stille war unerträglicher als das Geräusch zuvor. Sie belagerte den Raum, füllte jede Ecke, drückte ihr auf die Brust.
Sie zwang ihren Blick auf eine Reihe von Farbtuben, die wie gefallene Soldaten auf einem Tisch lagen. Kadmiumgelb. Kobaltblau. Umbra gebrannt. Sie ordnete sie im Geiste dem Farbkreis zu. Ein verzweifelter Griff nach Kontrolle. Nach Ordnung. Nach Sicherheit in einer Welt, die gerade in ihre Einzelteile zerfiel.
»Die Narbe«, sagte McBride, ohne aufzublicken. Seine Stimme klang rostig wie der Tisch, auf dem das Werkzeug lag.
Eleonora zuckte zusammen. Ihr Körper erinnerte sich, aber sie zwang ihre Muskeln zur Ruhe. Sie würde ihm nicht die Befriedigung geben. Nicht ihre Hand heben und die feine Linie über dem linken Auge berühren. Ein dummer Sturz vom Fahrrad, als sie acht war. Eine längst vergessene Geschichte.
»Sie ist unbedeutend«, sagte sie mit einer Stimme glatt wie Eis.
»Nichts ist unbedeutend«, erwiderte er, und das Kratzen begann erneut, aggressiver diesmal, fordernder.
»Besonders nicht die Dinge, die wir zu verstecken suchen.«
Wieder Stille. Dicker als zuvor. Sie hing wie Rauch in der Luft, und Nora hatte das Gefühl, daran zu ersticken.
Sie wollte schreien, aufstehen, ihre Kleider an sich reißen und aus diesem Bau verschwinden. Stattdessen klammerte sie sich fester an den kalten Stein, ihre Fingerknöchel traten weiß hervor.
»Ihr Haar. Öffnen sie es.«
Worte wie Gewehrsalven. Eine Anweisung wie ein blitzendes Skalpell im Dämmerlicht.
Sie erstarrte.
»Warum? Mein Nacken ist doch …«
»Weil es eine Lüge ist«, unterbrach er sie schroff, und zum ersten Mal seit Minuten hob er den Blick vom Skizzenblock.
Er fixierte sie mit Augen, dunkel und undurchdringlich wie nasser Stein.
»Genauso wie Ihr Lächeln im Ausstellungskatalog. Es ist zu perfekt. Ich muss sehen, wie chaotisches Haar sich mit disziplinierten Schultern verträgt. Öffnen Sie es. Oder wir sind hier fertig.«
Ein Ultimatum. Einfach und brutal. Ihre Karriere, Gessners Zorn, ihre Finanzen – alles hing an einem paar Haarnadeln.
Sie schluckte ein bitteres Lachen hinunter. Es hätte womöglich wie Schluchzen geklungen.
Langsam, mit schweren Bewegungen, hob sie die Hände zum Nacken. Ihre Finger zitterten, als sie nach den Nadeln suchten. Sie zog sie aus der glatten Fassade und ließ sie einzeln auf den Boden fallen. Das helle Klicken des Metalls hüpfte über den Beton.
Schließlich gab die strenge Frisur nach und ihr schulterlanges Haar fiel ihr auf die nackten Schultern. Eine weitere Schicht ihrer Rüstung, achtlos zu Boden geworfen.
Das Kratzen seiner Kohle wurde langsamer, nachdenklicher. Sie wagte kaum zu atmen.
Und dann hörte es ganz auf.
Seine Aufmerksamkeit galt nur noch ihr.
»Ihre Hand, Eleonora.«
Die Stimme klang jetzt ruhiger, fast beiläufig. Aber sie traf sie in die Magengrube wie ein Billardstoß.
Er hatte ihren Vornamen benutzt.
»Welche meinen sie?«, fragte sie dünn und brüchig.
Er legte den Skizzenblock beiseite und trat aus dem Halbdunkel. Barfuß und in Jeans und einem ausgefransten schwarzen Shirt. Seine Augen herrschten unerbittlich.
»Sie wissen es selbst«, sagte er leise.
Langsam senkte sie den Blick auf ihre rechte Hand. Sie lag auf dem Oberschenkel und sah aus wie ein scheues Tier, das sich auf ihrer Haut niedergelassen hatte.
»Was ist mit ihr?«, fragte sie. Ein Wunderwerk antrainierter Gelassenheit.
»Sie lügt«, sagte er schlicht. Er trat näher. Der Schatten seines Körpers verstellte das letzte Licht.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Hitze stieg ihr in die Brust.
»Ich verstehe nicht.«
»Doch«, sagte er mit resonantem Groll. »Sie verstehen sehr wohl. Ihr Rücken schreit Disziplin. Ihre linke Hand schreit Widerstand. Aber diese hier…«
Er tippte mit einem dünnen Spatel auf den entsprechenden Körperteil.
»…diese Hand erzählt die wahre Geschichte. Eine von Hunger und Sehnsucht. Nur leider an der falschen Stelle.«
Sie riss den Kopf hoch, das Blut schoss ihr heiß in die Wangen. Für einen Moment verlor der Raum sein Gleichgewicht.
»Eine Unverschämtheit!«
»Nein«, sagte er leise, und jetzt hob er den Blick und sah ihr direkt in die Augen. In ihm lag eine traurige Intensität.
»Unverschämt ist eine Frau, die fünfundvierzig Jahre lang die Lüge aufrechterhält, es gäbe nichts von alledem.«
Er streckte seinen Arm aus und nahm einen feuchten Lehmklumpen vom Arbeitstisch, wog ihn in seiner Handfläche. Die Finger begannen zu formen.
»Ich habe Ihnen gesagt, ich will die Wahrheit, Eleonora. Nicht die polierte Fassade, die Sie Dr. Gessner verkaufen.«
Er trat den letzten Schritt hinzu und schob mit dem Spatel ihre rechte Hand ein wenig höher. Nur ein winziges Stück. Bis knapp vor die Grenze des Verbotenen.
Die Haut unter dem Holz schlug augenblicklich Alarm, schickte brennenden Strom durch ihre Adern.
»Krümmen Sie die Finger ein wenig«, flüsterte er. »Sie wissen schon wie.«
Sie schloss die Augen. Ihr ganzer Körper zitterte unkontrolliert.
»Und jetzt werden sie genau so sitzen bleiben. Mit Ihrer Wahrheit in der Hand und ihrem disziplinierten Rücken. Und sie werden nicht wegschauen. Und Sie werden atmen. Und ich werde anfangen zu arbeiten.«
Er stand auf und wandte sich ab, als wäre damit alles gesagt.
Eleonora blieb allein zurück, eine Statue aus Fleisch auf steinernem Thron. Ihr Herz hämmerte wie ein gefangener Vogel.
Und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit füllte Dr. Eleonora Vance ihre Lungen mit einem zaghaften Atemzug.

Danke Euch für die Rückmeldungen — ich habe Kapitel 1 entsprechend überarbeitet und einige Stellen geschärft (insbesondere die Körperreaktionen und die „Atme“-Passage).

Ich wünsche Euch einen schönen Vatertag!

2 „Gefällt mir“

Moin und Willkommen!

2 „Gefällt mir“

Hi,

welcome bei uns! :sunglasses:

1 „Gefällt mir“

Kapitel 2

»Das reicht für heute.«
Die Worte trafen sie wie kaltes Wasser und zerbarsten in der endlosen Stille. Zwei Stunden oder zwei Ewigkeiten? Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren.
Kian warf seine Kohle auf einen Stapel Kritzeleien. Das Signal für das Ende ihres Martyriums.
Er wandte sich ab und verschwand, ohne sie anzusehen. Mit der gleichen unleserlichen Gelassenheit, mit der er sie entblößt hatte, stieß eine schwere Schiebetür aus Metall rumpelnd ins Schloss. Der Klang hallte in dem riesigen Raum nach wie in einem Glockenturm.
Plötzlich war Eleonora allein. Nackt, mit ihrem Vogel im Herzen.
Die Abwesenheit seines Blicks kam ihr so vor wie ein abgerissener Druckverband. Alles roh und überempfindlich.
Jeder Luftzug jetzt ein Schock, jede Gänsehaut ein blasses Übel.
Atmen, hatte er gesagt.
Sie probierte es. Sog die staubige Luft ein, dass es in ihren Lungen zu schmerzen begann.
Zum ersten Mal wagte sie, den Kopf zu heben, und sah sich wirklich um.
Abgeschlagene weiße Farbe auf rohem Backstein. Feine Risse im Betonfußboden. Und hoch oben, im fahlen Licht der Neonröhren, ein Spinnennetz an einem Eisenträger – vibrierend im schwachen Luftzug. Eine unvollkommene Welt, die ihre Wunden offen zeigte.
Und sie saß darin. Ein glänzender Fremdkörper in einem schiefen Diorama.
Eleonora blickte an sich herab. Hastig zog sie ihre rechte Hand vom Oberschenkel, als hätte sie sich daran verbrannt.
Sie stand auf. Ihr Körper protestierte mit dumpfem Schmerz. Das Ergebnis stundenlanger Schinderei.
Am Rand des Raumes, unerreichbar weit, lag ihre Kleidung ordentlich auf einem Holzstuhl. Seidenbluse, Bleistiftrock, Strümpfe, Pumps. Die Mosaiksteine einer akribisch konstruierten Festung.
Aber heute fühlte sich der Wiederaufbau eigenartig fremd an.
Jedes Kleidungsstück war Widerstand. Die Bluse klebte unangenehm an der glühenden Haut. Der enge Bund des Rocks schnürte ihr den Bauch ein. Die filigranen Strümpfe zitterten in ihren Händen bei dem Versuch, sie über die Beine zu ziehen. Das Ankleiden war anstrengender als die zweistündige Tortur auf dem kalten Stein.
Eleonora verließ das Atelier, ohne sich umzudrehen. Nur nach vorn, zum fahrigen Griff an die rostige Klinke.
Eisenkais Straßen lagen im fahlen Nachmittagslicht. Kranarme stachen in den bleiernen Himmel, Rauchfahnen verschluckten den Hafenlärm. Die Luft roch nach Salz, Diesel – und kommendem Regen.
Vanora war eine Stadt mit unverhüllten Narben. Und zum ersten Mal im Leben beschlich sie die ungute Vorahnung, dass sie sich hier passgenau einfügen würde.

Ihr Auto wartete auf dem Parkplatz, ein geduckter roter Panther.
Die Tür schloss sich mit einem satten Flüstern. Sofort sprang die Klimaanlage an und verteilte künstlich kühle Luft. Das Leder der Sitze war unmöglich weich, surreal sauber. Es roch nach den schmucklosen Foyers von Banken und den nüchternen Räumen edler Auktionshäuser.
Ihre Hände zitterten kaum merklich am Lenkrad. Sie starrte durch die Windschutzscheibe auf den Aethel-Fluss, der träge wie Quecksilber vor ihr lag.
Auf der anderen Seite: der Kaiserdeich. Ihre Welt aus Glas, Stahl und perfekter Symmetrie. Der Kontrast zum rostigen Eisenkai hätte größer nicht sein können. Eine natürliche Grenze zwischen zwei Universen. Und sie torkelte ungebremst von einem ins andere.
Während die Ampel auf Rot stand, hallte Gessners Stimme in ihr nach: hart und emotionslos.
»Sie fahren morgen. Und Sie kommen nicht ohne eine Unterschrift zurück. Es ist mir egal, wie.«
Ein Satz wie ein Stiefel in der Tür. Kein Spielraum. Kein Ausweg.
Sie schloss die Augen für eine Sekunde.
Ich habe ihm die Unterschrift nicht gebracht, dachte sie, und ein bitteres Lächeln zuckte um ihre Lippen. Stattdessen trage ich jetzt meine Haut für ihn dorthin. Und ich habe keine Ahnung, welcher Preis dafür höher ist.
Das Hupen eines Schiffes riss sie zurück in die Gegenwart. Die Ampel schaltete um auf Grün.
Der Sportwagen beschleunigte, die Brücke summte unter den Rädern. Die Stadt wechselte ihr Gesicht. Aus Rost wurde Glas. Aus Geräusch wurde Dämmung. Aus Geruch wurde steriles Nichts.
Zu Hause angekommen, warf sie die schwere Eichentür hinter sich zu.
Die Beine trugen sie kaum, ihre Knie gaben nach, einer der weichen Designersessel fing sie auf.
Sie schlang die Arme um die Schenkel und legte den Kopf darüber. Ihr war unendlich kalt.
Nach Minuten vergingen die ersten Krämpfe. Vorsichtig öffnete sie die Augen.
An der Ferse ihres rechten Pumps: ein Lehmfleck.
Eleonora beugte sich hinunter, versuchte, ihn wegzuwischen. Es gelang nicht, ein Schatten blieb.
In diesem Moment summte das Handy in ihrer Handtasche.
Mühsam erhob sie sich und wankte hinüber zur Kommode.
Auf dem Bildschirm stand: unbekannte Nummer.
Sie tippte auf das Display und las.
Sieben Worte.
Morgen Gleiche Zeit und seien Sie pünktlich
Kein Punkt. Kein Fragezeichen.
Ein Befehl. Oder ein Gelöbnis.
Das Spiel hatte sich verändert. Und sie begann gerade erst, die neuen Regeln zu erlernen.
Eleonora stand still. Wie ein Tier, das im Regen verharrt.
Und irgendwo unter ihrer Seide, hinter all der Disziplin, überlegte ein Nerv angestrengt, ob er jetzt zittern dürfe.

Coole Themen hier im Forum! Man kann gar nicht so viel Zeit frei machen, wie man lesen möchte.

3 „Gefällt mir“

Hallo Styx,
die Geschichte baut Spannung auf - man will wissen, was hinter dieser merkwürdigen Situation steckt, wie sich das auflöst. Ich würde aktuell - was den Stil betrifft - v.a. prüfen, ob all die Adjektive und Bilder, die Du einsetzt, auch wirklich funktionieren. Da „zittern“ z.B. die Hände am Lenkrad - während Absätze später ein „Nerv sich frag, ob er jetzt zittern darf“. Oder: „Mit der gleichen unleserlichen Gelassenheit, mit der er sie entblößt hatte, stieß eine schwere Schiebetür aus Metall rumpelnd ins Schloss.“ - ist hier gemeint, dass „er“ eine Schiebetür ins Schloss stieß? (Die Schiebetür selbst kann kaum „unleserlich gelassen“ sein?).
„Morgen Gleiche Zeit und seien Sie pünktlich“: hier schreibst Du: „Ein Befehl. Oder ein Gelöbnis.“ - das verhält sich ein bisschen wie „Atme“ und „Diagnose“ in Deinem ersten Kapitel, passt nicht recht zusammen. „Morgen gleiche Zeit“ ist ein Befehl, eine Aufforderung, eine Anweisung . aber sicher kein „Gelöbnis“.
Aus Geräusch wurde Dämmung": müsste es nicht heißen „wurde Stille“? Aus einem Geräusch wird ja keine „Dämmung“ - da denkt man an dämmendes Material? Auch „Geruch“ und „steriles Nichts“ passen m.W. nicht wirklich gut als Gegensatz-Paar.
Ich glaube Du bist auf einem guten Weg, starke Atmosphäre aufzubauen, musst aber einfach am Handwerk feilen.

4 „Gefällt mir“

Hallo Phlox,
unglaublich punktgenaue Analyse, ich danke Dir sehr!
Ja, das Handwerk, da hast Du recht. Es fallen viele Adjektive und Metaphern durcheinander.
Ich werde das hier ändern und in Zukunft mehr darauf achten.
Würdest Du dann noch mehr lesen wollen?
Herzliche Grüße, herzlichen Dank!

3 „Gefällt mir“

Hallo Styx,
mein erster Eindruck ist, dass Du aus einem sehr reichen Fundus von Wörtern, Begriffen, Bildern usw. schöpfen kannst (vermutlich bist Du ein Sehr-Viel-Leser?) - und dass Du eher darauf achten solltest, das, was Dir spontan zufliegt, zu prüfen und sorgfältig auszuwählen. Ich habe zwar den Verdacht, dass Du in einem Genre unterwegs ist, welches eigentlich nicht „meins“ ist, trotzdem machst Du mich neugierig. Auf jeden Fall am Ball bleiben!

2 „Gefällt mir“

Kapitel 3

Das metallische Rumpeln der Schiebetür war verklungen. Eine endgültige Zäsur, die ihre Welt von seiner trennte.
Kian lehnte sich mit dem Rücken an den kühlen Stahl und atmete erleichtert aus. Ein drängender Laut, als würde er den Finger vom Einstich im defekten Reifen nehmen.
Er fuhr sich mit zitternder Hand durchs Haar.
Scheiße.
Das war das einzige Wort, das ihm einfiel und die Situation präzise beschrieb.
Er wollte Kontrolle, forderte Wahrheit – und bekam das Echo seiner Dämonen, serviert mit dem Duft eines sündhaft teuren Dekolletés.

Kian lauschte in die Stille. Von nebenan drang kein Geräusch. Kein Laut. Nichts. Sie war weg.
Er löste sich von der Tür und ging zum Arbeitstisch. Die Bewegung fühlte sich steif an, fremd im eigenen Körper. Er wischte sich die angetrockneten Lehmreste von den Händen, eine mechanisch sinnlose Routine.
Aus dem kleinen Kühlschrank in der Ecke entnahm er eine Flasche Bier, kalt und feucht. Willkommen real. Den Kronkorken riss er an der Tischkante ab.
Er ließ sich in den abgewetzten Ledersessel an der Wand fallen und nahm einen bitteren Schluck. Kühle Flüssigkeit bahnte sich einen Weg nach unten.
Sein Blick fiel auf den Stapel von Kunstbüchern auf dem Fußboden. Obenauf lag der Katalog ihrer letzten Ausstellung. Er hatte ihn sich besorgt, nachdem sie das erste Mal hier war. Um seinen Feind im offenen Gelände zu studieren.
Er nahm das Hochglanzmagazin zur Hand und lehnte sich zurück.
Blätterte um.
Da war sie, auf der Seite zwei.
Dr. Eleonora Vance.
Director of Strategic Acquisitions & Legacy Curation der Gessler-Foundation.
Ein Titel wie die Bezeichnung für eine mobile Eingreiftruppe.
Das Foto darunter eine psychologische Meisterleistung. Perfekt ausgeleuchtet, die Augen kühl und undurchdringlich.
Kian zog die Visitenkarte aus dem Heft, die sie ihm wie eine Kampfansage zugesteckt hatte.
Dr. Eleonora Vance.
Wie so oft in den letzten Tagen hielt er sich die Karte an die Nase. Schloss die Augen.
Und da war der Geruch wieder. Teures Parfum über kaltem Beton. Und das Klackern ihrer Absätze, das sich wie Gewehrsalven in die Stille seines Unterstandes bohrten.
Die Erinnerung überkam ihn plötzlich wieder.

Sie war durch die offene Tür getreten, als würde sie eine Quarantänezone inspizieren. Ihr Rock, ein winziges Stück Stoff, dessen Gegenwert für eine Museumssanierung gereicht hätte. Die Strümpfe darunter schimmerten in perfekten Linien. Unberührbare, seidige Barrieren.
Auf gefährlich hohen Schuhen balancierte sie durch sein Chaos und schob eine auserlesene Sonnenbrille auf ihren makellosen Scheitel. Sie roch nach Vorstandsetage bei Maison Francis Kurkdjian.
Mit gerümpfter Nase sah sie sich rasch um und ging ohne Verzug zur Tagesordnung über.
»Kian McBride?«
In ihrem Tonfall klang sein Name wie eine Kontamination.
»Ich vertrete Dr. Gessner«, hatte sie gesagt und ihm ein undefinierbares Lächeln geschenkt.
Gessner.
Das Wort explodierte lautlos in seinem Kopf. Eine Granate aus altem Schmerz und gefrorener Wut.
Gessner.
Der Mann, der Jakobs Seele gekauft und in einem Keller begraben hatte. Und diese Frau war seine Botin. Seine Priesterin.
Perplex zwang er jede Faser seines Körpers, ruhig zu bleiben.
Er kannte ihre Sorte. Die Geier in Designerkleidung. Die, die Kunst nicht fühlten, sondern taxierten. So wie Saskia – die mit weichem Blick kam und in Aktien ging. Der Gedanke an sie schoss ihm wie Gift ins Blut.
Nein. Er würde nicht der nächste Jakob Steiner werden. Er würde diesen Fehler nicht noch einmal machen.
»Wir interessieren uns für Ihre Arbeit«, säuselte sie, als würde sie ihm einen Hauptgewinn verkünden.
»Ich mich nicht für ihre«, antwortete er knapp.
Nichts passierte. Ihre Fassade bestand aus reinem Granit.
Geübt unterbreitete sie ihm ein Angebot. Zahlen, die ihn für zwei, drei Jahre hätten sorgenfrei leben lassen.
Er lehnte ab.
»Wir würden gern …«
»Nein.«
Sie blinzelte nur kurz und sammelte sich sofort wieder.
»Vielleicht wäre es hilfreich, wenn ich Ihnen erkläre, worum es geht.«
»Ich weiß, worum es geht. Und die Antwort lautet Nein.«
Kian verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust.
Erst jetzt schien die Ungeheuerlichkeit seiner Worte zu ihr durchzudringen.
Ihr Blick wanderte orientierungslos durchs Atelier.
Plötzlich schlug die Stimmung um. Ein unbändiger Zorn blitzte in ihren Augen auf.
»Sie halten sich für einen Puristen, nicht wahr?«, zischte sie. Ihre Stimme klang jetzt wie Schmirgelpapier.
»Sie glauben, Ihre Kunst ist zu heilig für unsere Welt. Aber in Wahrheit haben Sie nur Angst, dass jemand hinter die große Show des rebellischen Genies blickt und sieht, dass dort nichts zu finden ist.«
Das war der Moment. Ein Riss in der Fassade. Der erste vernünftige Satz, der aus ihrem Munde kam.
Wutentbrannt drehte sie sich um und tippelte auf den Ausgang zu. Als sie die Tür in Schloss warf stoben die Tauben im Dachgebälk fassungslos auseinander.
Zum ersten Mal an diesem Tag hatte er gelächelt. Hinter dem Vorhang Wahrhaftiges entdeckt.
Und instinktiv wusste er, dass er soeben den Beginn eines neuen Feldzugs miterlebt hatte.

Kian warf den Katalog auf den Boden. Das glatte Papier traf mit einem satten Geräusch auf den staubigen Beton.
Dann nahm er die Flasche und trottete hinüber ins Atelier.
Der Geruch von ihr hing noch immer unsichtbar in der Luft.
Er versuchte zu arbeiten. Wollte mit dem Ton beginnen, den ersten Abdruck ihrer Haltung einfangen. Aber seine Hände gehorchten ihm nicht.
Missmutig setzte er sich auf einen wackligen Hocker und besah sich den leeren Würfel.
Dort hatte sie gesessen. Zwei Stunden lang. Wie ein Denkmal, das sich nicht zu atmen traute.

Ein leises Miau ließ ihn aufhorchen. Die einäugige Streunerin stand am Türspalt. Sie legte den Kopf schief, als würde sie ihn fragen, was los sei.
Er holte eine Dose Futter aus einer Blechschublade.
»Na, du alte Kämpferin?«, murmelte er, als er den Inhalt in eine rostige Schale kratzte.
»Du spürst es ebenso, was? Hier stimmt etwas mit den Aromen nicht.«
Die Katze schnupperte, dann fraß sie gierig,
»Genauso wie sie«, sagte er leise.
»Misstrauisch. Hochbeinig. Bereit, bei der kleinsten Bewegung zu verschwinden. Aber diesen Hunger … den könnt ihr beide nicht verbergen.«
Er dachte an die Hand auf ihrem Oberschenkel.
Ja, er hatte sie provoziert. Aber die Reaktion war echt gewesen. Authentischer als alles, was er seit Ewigkeiten erlebt hatte.
Langsam ging er zum Tisch zurück und nahm sein altes Handy aus dem Schubfach. Ein Nokia, das nur Texte konnte. Ein Relikt aus einer anständigeren Zeit.
Als er zu tippen begann, schwirrten digitale Pieptöne in die Andacht des Raumes. Der Code, der eine halbe Welt entfernt nach einer Antwort verlangte.

Hallo Phlox,
Deine Ratschläge habe ich im Kapitel 2 umgesetzt, vielen Dank noch einmal!
Anbei die Fortsetzung, weil Du danach fragtest. Diesmal hoffentlich besser gelungen.
Vielleicht ein genereller Hinweis:
Sollte es zuviel werden, Dir unnötig Zeit rauben, sag einfach: Piep, piep Klabautermann. Oder etwas in der Art. Du weißt, was ich meine. Ansonsten mache ich hier einfach weiter. Klingt wie eine Drohung, oder? Soll aber keine sein!
Und ja, wir alle lesen sehr, sehr gern! Aber im Grunde spiegelt der Text das wieder, was für mich Papyrus 12 so unglaublich faszinierend macht: das Synonymwörterbuch! Allein deswegen hat sich die Anschaffung gelohnt.
Und, ich weiß nicht, ob ich das hier so fragen darf: Bei Deinen Beiträgen hier im gesamten Forum hätte ich Lust, unglaubliche Lust, etwas von Dir zu lesen.
Wenn nein: Piep, piep. Du verstehst.
Herzlichen Dank an Dich, herzliche Grüße. Alles Gute!

3 „Gefällt mir“

Kapitel 4

Das ferne Brüllen eines Schiffshorns riss sie aus einem fiebrigen Schlaf. Wirre Bilder lösten ihre Widerhaken und zogen sich schmerzhaft aus ihrem Kopf zurück.
Eleonora stemmte mühsam die Augen auf. Ihr Mund war trocken, ihr Körper klebte schweißnass an der zerknitterten Uniform des Vortages. Ein Blick auf die Uhr schickte heißes Adrenalin durch ihr System.
11:35.
Der Termin war in fünfundzwanzig Minuten. Am anderen Ende der Stadt.
Panik schnitt ihr die Luft ab. Sie stürzte aus dem Bett. Keine Zeit für die Dusche. Auf dem Weg ins Bad riss sie sich die Kleider vom Leib. Wasser ins Gesicht, ein neuer Slip, den sie im Laufschritt anzog. Ihre Hände zitterten, als sie nach dem Nötigsten griff.
Sie hatte von ihrem Bruder geträumt, jetzt fiel es ihr wieder ein. Das offene Schmuckkästchen. Sie suchte fieberhaft und fand ihn unten auf dem Velours. Hastig steckte sie den schmalen Silberring an den kleinen Finger der rechten Hand. Ein Splitter seiner Vergangenheit. Ein Talisman für alles Zukünftige.
Sie raste durch Vanora wie eine Gejagte.
Und war zehn Minuten zu früh.

Diesmal wartete Eleonora nicht vor der schweren Stahltür. Zögerlich trat sie ein, ohne zu klopfen. Die unverschlossene Tür vermittelte den Eindruck einer niederträchtigen Falle.
Bis auf den männlichen Geruch von Arbeit war das Atelier leer. In der Mitte des Raumes lauerte der steinerne Würfel auf sie. Ein Frösteln stahl sich unter ihre Kleidung.
Sie legte ihre Handtasche und ihren Mantel auf den einzelnen Holzstuhl. Die Hände vor dem Körper, harrte sie der Dinge. Wie eine exponierte Bastion im Feindesland.
Die Minuten dehnten sich wie zähes Gummi.
Von oben hörte sie das sägende Summen aus der Neonröhre, von unten das Ticken ihrer Armbanduhr. In der Ferne rumpelte ein Zug vorbei, eine Möwe schrie.
Ihr Herz schlug ungerührt im Takt. »Lügner«, würde Kian McBride zuverlässig konstatieren.
Zehn Minuten nach der vereinbarten Zeit wurde die schwere Tür aufgerissen und schlug gegen die Wand. Putz fiel ab.
Aber er kam nicht aus dem Nebenraum.
Sondern von draußen, die Schultern nass vom Nieselregen. In einer Hand schwang er eine schwere Werkzeugkiste, so beiläufig wie eine Aktentasche. Er würdigte sie keines Blickes. Geschäftig bewegte er sich durch den Raum, als wäre er allein.
Mit einem lauten Knall ließ er die Kiste neben den Tisch fallen und schaltete eine weitere Neonröhre an. Sie erwachte mit einem flackernden Zischen.
Dann bereitete er die Werkzeuge vor, legte sie auf einem Metalltablett aus. Die Geräusche waren präzise, professionell, unpersönlich.
Die Szenerie riss Eleonora den Boden der Empörung unter den Füßen weg. Sie wusste nicht, was ihr mehr zu schaffen machte: der Mangel an Dramatik oder seine lautlosen Aggressionen.

Beiläufig, ohne aufzusehen, sagte er:
„Worauf warten sie? Fangen wir an.“
Die Worte trafen sie mit kalter Sachlichkeit. Wie Arbeitsanweisungen für den Operationsbeginn.
Mechanisch begann sie, sich auszuziehen. Zuerst die Bluse, dann den Rock. Einen hautfarbenen BH, eine filigrane Strumpfhose.
Ihre Finger lagen einen Moment lang unsicher am Bund ihres Slips. Dem letzten Rest privater Würde.
»Alles.«
McBride beugte sich über seine Messer. Er hatte kein einziges Mal herübergeblickt.
Eleonora bückte sich und ließ die Unterhose eilig an den Beinen herab.
Dann huschte sie zum Würfel. Die kalte Oberfläche biss ihr ins Gesäß.
Langsam legte sie die linke Hand an den Rand der Sitzfläche. Die Rechte schob sie auf den Oberschenkel. Die Finger krümmten sich von selbst.
Jetzt endlich sah McBride sie an, kühl und prüfend.
Ein Künstler, der das Material betrachtet.
Ton. Holz. Haut.
Sein Blick blieb hängen, an ihrer rechten Hand.
Die Luft gefror augenblicklich. Er kniff die Augen zusammen.
»Was ist das?«, fragte er verständnislos.
Sie folgte seinem Blick.
»Ein Ring.«
»Ich sehe, dass es ein Ring ist, Eleonora.« Er trat langsam näher.
»Nehmen Sie ihn ab.«
Widerstand regte sich in ihr.
»Nein. Warum?«
Er blieb vor ihr stehen. Überraschung blitzte in seinen Augen auf, wechselte schnell in Ungeduld.
»Er stört. Er blendet mich. Ich kann Sie nicht sehen. Nehmen Sie ihn ab.«
»Nein«, wiederholte sie, ihre Stimme klang fester als erwartet.
Kian prallte einen Schritt zurück, die Hände zu Fäusten geballt. Er blickte sie entgeistert an.
Nach zehn Sekunden drehte er sich ruckartig um und ging hinüber zum Tisch. Er kramte das Handy aus der Schublade.
»Was tun sie?«, fragte Eleonora. Eine ungute Vorahnung breitete sich in ihr aus.
Kian setzte sich auf den kleinen Hocker und beugte sich über den winzigen Apparat.
»Ich rufe Gessner an. Er kann den Vertrag aus dem Fenster werfen und sein Model abholen. Soll ein anderer seinen Arsch noch fetter machen.«
Seine Worte steckten im Saal wie eine Axt im Hauklotz.
Ein Damm brach in ihr. Kälte verwandelte sich in heiße Wut. Mit einer einzigen, fahrigen Bewegung stieß sie sich vom Stein ab, drehte sich um und hastete zu dem Stuhl, auf dem ihre Kleidung lag.
»Gut«, zischte sie, während sie nach ihren Sachen griff.
»Vergessen Sie Ihre verdammte Statue. Vergessen Sie Eleonora Vance. Sie wird morgen nicht mehr für Sie existieren. Vergessen Sie, dass wir uns jemals begegnet sind. Bleiben Sie allein in Ihrer kaputten Welt, die gar keine Wahrheiten verträgt! Suchen sie weiter nach Begierden, die nur ihrer bettlägerigen Fantasie entspringen.«
Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle, eine unkontrollierte Mischung aus Zorn und Schmerz.
»Warten Sie!«
Sie erstarrte, den Rücken ihm zugewandt.
Die Neugier des Künstlers war stärker als die Wut des Mannes.
»Warum?«, fragte er.
»Sie lassen jede Ihrer professionellen Schichten fallen. Ohne mit er Wimper zu zucken. Aber dieses … dieses winzige Stück Metall … das verteidigen Sie, als wäre es Teil ihrer Seele?«
Er erhob sich, trat forschend einen Schritt näher.
»Erklären Sie es mir, Eleonora. Ich will es verstehen. Welche Geschichte erzählt dieser Ring, die so viel wichtiger ist als alle anderen?«
Sie atmete geräuschvoll ein und sah flehentlich zur Decke. Bilder reihten sich aneinander.
»Er gehörte meinem Bruder.«
Langsam drehte sie sich zu ihm um. Kians Augenlider zuckten fast unmerklich.
»Leo«, fuhr sie fort. Die Worte bildeten einen Strom, den sie nicht mehr aufhalten konnte.
»Als ich mit achtzehn aus dem Fenster kletterte, um einen Mann zu heiraten, den meine Eltern verabscheuten, war er der Einzige, der nach mir suchte.«
Sie dachte zurück an ihre Vergangenheit.
»Er fand mich drei Tage später in diesem schäbigen Hotel an der Küste. Mit einem blauen Auge und dem Hochzeitskleid in einer Plastiktüte. Er packte wortlos meine Sachen, setzte mich ins Auto und gab mir nur den hier. Sagte…«
Ihre Stimme wurde zu einem Flüstern.
»Trag das, verflixt nochmal, Nora. Damit du nie vergisst, dass du größer bist als alles, was Männer aus dir machen wollen.«
In der folgenden Stille hörten selbst die Tauben auf zu gurren.
Eleonora hob den Kopf. Kämpfte mit den Emotionen.
»Er starb sechs Monate später. Motorrad. Kein Drama.«
Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Nase.
»Nur ein nasser Fleck auf der Straße und dieser verfluchte Ring. Die Inschrift lautet ›Survive‹. Ironisch, nicht wahr? Meine Rettungsleine in einer bewegten Welt. Ohne ihn stünde ich heute nicht hier.«
Ihre Lippen bebten. Das Flackern der Röhre warf spröde Schatten über ihr Gesicht, dokumentierte jede ihrer Tränen.
McBride stand reglos da, die Hände in den Taschen vergraben. Sein Blick war leer, nach innen gerichtet. Die Gesichtsmuskeln arbeiteten, der Kiefer mahlte.
»Zwei Minuten«, murmelte er unkenntlich. Er drehte sich um und ging zu seinem Arbeitstisch.
Eleonora drückte zitternd ihre Strümpfe an die Brust, verstaute die Unterhose wieder in der Handtasche.
In matter Ruhe zog sie den Ring von ihrer rechten Hand und schob ihn auf den kleinen Finger ihrer linken.
Dann tappte sie zum Würfel zurück, setzte sich und nahm die Pose ein. Das Silber verbarg sie hinter der Kante des Steins.
Als Kian sich umdrehte, hatten seine Worte weniger Schneid.
Leise hauchte er, fast tonlos:
»Jetzt Eleonora … fangen wir endlich an.«

2 „Gefällt mir“

Mir ist gerade mit Erschrecken klar geworden, dass das hier die völlig falsche Kategorie für derartige Dinge ist. Ich habe mich von der Überschrift meines Vorgängers irritieren lassen.
Oje, das ist mir peinlich! Selbst beim Lesen haperts.
Gibt es eine Möglichkeit? Kann ich das hier löschen?
Phlox, was soll ich tun?

1 „Gefällt mir“