Ich bin auch ein Anfänger

Kapitel 1

»Atme.«
Das Wort war kein Befehl, eher eine Diagnose. Gesprochen mit einer leisen, rauen Stimme. Es sickerte in die kühle Stille des Ateliers, vermischte sich mit dem erdigen Geruch von feuchtem Lehm und legte sich wie ein seidenweicher Schal auf ihre Schultern. Ein Wort, das sie schon ewig nicht mehr gehört hatte.
Atme.
Als wüsste er, dass sie seit fünfundvierzig Jahren die Luft anhielt. Eine lebenslange, sittsame Apnoe, versteckt hinter makelloser Sprache, teurem Stoff und einer undurchdringlichen Fassade. Der Triumph perfekter Etikette.
Dr. Eleonora Vance saß auf einem Würfel aus unpoliertem Stein. Uneins mit sich darüber, ob er sich als Altar oder Schafott entpuppen würde.
Der riesige Raum um sie herum wirkte wie eine Kathedrale aus rohem Backstein und kaltem Beton. Und sie thronte genau in der Mitte.
Nackt.
Ein Begriff völlig lächerlich für ihren Zustand gnadenloser Präsentation.
Nackt verführten sich Liebende im Schutz der Dunkelheit.
Dies hier war etwas anderes. Eine Darbietung, eine penible Inspektion im gleißenden Licht.
Kühle Luft zog von den hohen Fenstern herab. Sie legte sich wie ein feindseliger Galan auf ihre Haut und betastete mit kalten Fingern jede Unvollkommenheit ihres Körpers.
Die feinen, silbernen Linien an den Hüften. Die kaum sichtbare Narbe über der linken Augenbraue. Die weichen Rundungen am Bauch die kein Pilates-Kurs der Welt jemals würde korrigieren können. Der letzte Widerstand des Körpers gegen den unerbittlichen Willen ihres Geistes.
Sie fühlte sich ausgestellt wie ein Manuskript in toter Sprache. Und er, der Mann im Schatten, beharrte darauf, es zu entziffern.
Kian McBride stand fünf Meter entfernt. Eine dunkle, unbewegliche Silhouette vor den riesigen Industriefenstern, die den grauen Himmel von Vanora einrahmten.
Das einzige Geräusch im Raum war das leise, rhythmische Kratzen seiner Kohle auf rauem Papier. Die Töne bearbeiteten ihre Nerven wie grobes Schleifpapier. Jeder Strich legte eine Fiber ihrer Seele frei.
Bleibe bei dir, Eleonora, befahl die Stimme in ihrem Kopf. Diejenige, die ihr die Penthouse-Wohnung am Kaiserdeich, den Respekt von Männern wie Gessner und diese zerbrechliche Illusion von Kontrolle organisiert hatte. Dies ist nur eine Verhandlung. Ein Geschäft.
Aber ihr Körper, dieser Verräter, hörte nicht auf sie. Ihr Rücken bildete eine kerzengerade Meisterleistung aus Disziplin und unterdrückter Panik. Die linke Hand umklammerte den kalten Stein neben ihr. Wie ein Anker gegen die anstürmende Flut. Der Fuß darunter war jederzeit zur Flucht bereit.
Ein strenger Knoten fasste ihr Haar im Nacken zusammen, eine letzte, verzweifelte Bastion der Ordnung. Jede blonde Strähne an ihrem Platz.
Dann hörte das Kratzen der Kohle auf. Die folgende Stille war unerträglicher als das Geräusch zuvor. Sie belagerte den Raum, füllte jede Ecke, drückte ihr auf die Brust.
Sie zwang ihren Blick auf eine Reihe von Farbtuben, die wie gefallene Soldaten auf einem Tisch lagen. Kadmiumgelb. Kobaltblau. Umbra gebrannt. Sie ordnete sie im Geiste dem Farbkreis zu. Ein verzweifelter Griff nach Kontrolle. Nach Ordnung. Nach Sicherheit in einer Welt, die gerade in ihre Einzelteile zerfiel.
»Die Narbe«, sagte McBride, ohne aufzublicken. Seine Stimme klang rostig wie der Tisch, auf dem das Werkzeug lag.
Eleonora zuckte zusammen. Ihr Körper erinnerte sich, aber sie zwang ihre Muskeln zur Ruhe. Sie würde ihm nicht die Befriedigung geben. Nicht ihre Hand heben und die feine Linie über dem linken Auge berühren. Ein dummer Sturz vom Fahrrad, als sie acht war. Eine längst vergessene Geschichte.
»Sie ist unbedeutend«, sagte sie mit einer Stimme glatt wie Eis.
»Nichts ist unbedeutend«, erwiderte er, und das Kratzen begann erneut, aggressiver diesmal, fordernder.
»Besonders nicht die Dinge, die wir zu verstecken suchen.«
Wieder Stille. Dicker als zuvor. Sie hing wie Rauch in der Luft, und Nora hatte das Gefühl, daran zu ersticken.
Sie wollte schreien, aufstehen, ihre Kleider an sich reißen und aus diesem Bau verschwinden. Stattdessen klammerte sie sich fester an den kalten Stein, ihre Fingerknöchel traten weiß hervor.
»Ihr Haar. Öffnen sie es.«
Worte wie Gewehrsalven. Eine Anweisung wie ein blitzendes Skalpell im Dämmerlicht.
Sie erstarrte.
»Warum? Mein Nacken ist doch …«
»Weil es eine Lüge ist«, unterbrach er sie schroff, und zum ersten Mal seit Minuten hob er den Blick vom Skizzenblock.
Er fixierte sie mit Augen, dunkel und undurchdringlich wie nasser Stein.
»Genauso wie Ihr Lächeln im Ausstellungskatalog. Es ist zu perfekt. Ich muss sehen, wie chaotisches Haar sich mit disziplinierten Schultern verträgt. Öffnen Sie es. Oder wir sind hier fertig.«
Ein Ultimatum. Einfach und brutal. Ihre Karriere, Gessners Zorn, ihre Finanzen – alles hing an einem paar Haarnadeln.
Sie schluckte ein bitteres Lachen hinunter. Es hätte womöglich wie Schluchzen geklungen.
Langsam, mit schweren Bewegungen, hob sie die Hände zum Nacken. Ihre Finger zitterten, als sie nach den Nadeln suchten. Sie zog sie aus der glatten Fassade und ließ sie einzeln auf den Boden fallen. Das helle Klicken des Metalls hüpfte über den Beton.
Schließlich gab die strenge Frisur nach und ihr schulterlanges Haar fiel ihr auf die nackten Schultern. Eine weitere Schicht ihrer Rüstung, achtlos zu Boden geworfen.
Das Kratzen seiner Kohle wurde langsamer, nachdenklicher. Sie wagte kaum zu atmen.
Und dann hörte es ganz auf.
Seine stoische Aufmerksamkeit galt nur noch ihr.
»Ihre Hand, Eleonora.«
Die Stimme klang jetzt ruhiger, fast beiläufig. Aber sie traf sie in die Magengrube wie ein Billardstoß.
Er hatte ihren Vornamen benutzt.
»Welche meinen sie?«, fragte sie dünn und brüchig.
Er legte den Skizzenblock beiseite und trat aus dem Halbdunkel. Wieder barfuß und in Jeans und einem ausgefransten schwarzen Shirt. Seine Augen waren unerbittlich.
»Sie wissen es selbst«, sagte er leise.
Langsam senkte sie den Blick auf ihre rechte Hand. Sie lag auf dem Oberschenkel und sah aus wie ein scheues Tier, das sich auf ihrer Haut niedergelassen hatte.
»Was ist mit ihr?«, fragte sie. Ein Wunderwerk antrainierter Gelassenheit.
»Sie lügt«, sagte er schlicht. Er trat näher. Der Schatten seines Körpers verstellte das letzte Licht.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Hitze stieg ihr in die Brust.
»Ich verstehe nicht.«
»Doch«, sagte er mit resonantem Groll. »Sie verstehen sehr wohl. Ihr Rücken schreit Disziplin. Ihre linke Hand schreit Widerstand. Aber diese hier…«
Er tippte mit einem dünnen Spatel auf den entsprechenden Körperteil.
»…diese Hand erzählt die wahre Geschichte. Eine von Hunger und Sehnsucht. Nur leider an der falschen Stelle.«
Sie riss den Kopf hoch, das Blut schoss ihr so heftig in die Wangen, dass ihr schwindelig wurde.
»Eine Unverschämtheit!«
»Nein«, sagte er leise, und jetzt hob er den Blick und sah ihr direkt in die Augen. In ihm lag eine traurige Intensität.
„Unverschämt ist eine Frau, die fünfundvierzig Jahre lang die Lüge aufrechterhält, es gäbe nichts von alledem.“
Er streckte seinen Arm aus und nahm einen feuchten Lehmklumpen vom Arbeitstisch, wog ihn in seiner Handfläche. Die Finger begannen zu formen.
»Ich habe ihnen gesagt, ich will die Wahrheit, Eleonora. Nicht die polierte Fassade, die sie Dr. Gessner verkaufen.«
Er trat den letzten Schritt zu ihr und schob ihre rechte Hand den Oberschenkel hinauf. Bis ihre Fingerspitzen den dunklen Schatten ihrer Scham berührten.
»Krümmen Sie die Finger ein wenig«, flüsterte er. »Sie wissen schon wie.«
Sie schloss die Augen. Ihr ganzer Körper zitterte unkontrolliert.
»Und jetzt werden sie genau so sitzen bleiben. Mit Ihrer Wahrheit in der Hand und ihrem disziplinierten Rücken. Und sie werden nicht wegschauen. Und Sie werden atmen. Und ich werde anfangen zu arbeiten.«
Er ließ ihre Hand los, stand auf und wandte sich ab, als wäre damit alles gesagt.
Eleonora blieb allein zurück, eine Statue aus Fleisch auf steinernem Thron. Ihr Herz hämmerte wie ein gefangener Vogel.
Und zum ersten Mal seit einer Ewigkeit füllte Dr. Eleonora Vance ihre Lungen mit einem zaghaften Atemzug.

Ich schreibe gern so. Wie geht es Euch?

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Gut

Hallo und willkommen

Willkommen im Forum :slight_smile:
Schau dich um, hier gibt es vielerlei zu entdecken.

Hast du uns hier heimlich „Akt zeichnen“ untergejubelt? :wink:

Herzlich willkommen!

Herzlich Willkommen bei uns im Forum!

Herzlichen Dank!
Keine Schmuddelware, ein bisschen Rodin vielleicht, Caravaggio im inneren Kammerspiel.
Ihr leistet hier super Arbeit! Habe schon viel gelesen und bewundert.
Schön, dass es Euch gibt!

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darüber bin ich ehrlicherweise gleich gestolpert - der Befehl „atme“ ist keine Diagnose, „eher eine Bitte“ würde hier vielleicht passen

Das Setting ist interessant, macht sofort neugierig - ich würde allerdings mutig den Rotstift ansetzen - viele Formulierungen sind für mich etwas zu „kryptisch“ (Gessners Zorn, Haarnadeln, an denen etwas hängt …), und manchmal auch nicht ganz stimmig (Blut, das in die Wangen schießt, löst keinen Schwindel aus. Eher das Gegenteil: wenn man plötzlich erblasst, könnte das in Verbindung mit einer Kreislaufschwäche zu Schwindel führen).

Lass doch mal hören, wie’s weitergeht!

Hallo Phlox, ich danke dir, das hilft mir wirklich weiter. Vor allem der Hinweis auf „Diagnose“ und die körperliche Reaktion. Die Szene ist sehr stark aus Noras Wahrnehmung geschrieben, deshalb darf Kian anfangs auch etwas fremd und schwer greifbar wirken — aber ich sehe absolut, was du mit der Dichte meinst. Ich arbeite die Stellen noch einmal nach, auch mit den Hinweisen von Tapio zum Aktzeichnen. Würdet ihr in so einem Fall das erste Kapitel später noch einmal in korrigierter Form einstellen — oder eher direkt mit Kapitel 2 weitermachen? Und natürlich danke fürs Lesen an alle!

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… work in progress … ich finde das immer interessant, also von mir aus gerne :slight_smile:

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