Hallo zusammen,
ich arbeite seit letztem Jahr an meinem ersten Fantasyprojekt und taste mich langsam in das Schreiben hinein. Noch probier ich viel aus. Ich bin mir an vielen Stellen noch unsicher und würde mich daher sehr über Rückmeldungen und ehrliches Feedback freuen. Kleine Auschnitt von Kapitel 2.
Misanya saß in einem der hohen Sessel in der Bibliothek von Havenwacht. In der Stille vergaß sie die Welt, zwischen den Seiten ferner Reiche, vergangener Kulturen. In den Geschichten entfalteten sich Reiche aus Glas und Bernstein. Krieger, deren Schwerter Lieder sangen. Mächte, die nur für wenige bestimmt waren. Welten, in denen selbst das Unmögliche ein Zuhause hatte. Sie ließ sich in die weichen Polster sinken wie eine Feder, die der Wind sanft auf die Mitte eines Sees trug, schwerelos, losgelöst von allem.
Seit ihre Mutter nach Heliosta aufgebrochen war, lag ein Schleier über der Festung. Dicht, farblos. Der Wind peitschte gegen die Mauern und die Sonne hatte ihren Weg durch die Wolken verloren.
Sie warf sich eine der Wolldecken schützend über die Beine. Steinmetze versuchten seit Wochen, die Löcher der Gemäuer mit einer zähen, klebrigen Paste zu füllen, um der Kälte notdürftig Einhalt zu gebieten.
Der massive Wälzer bohrte sich in ihre Schenkel und der herbe Geruch der Seiten erfüllte die Luft. Die Seitenränder waren längst angefressen und vergilbt, sie las es nicht zum ersten Mal.
„Die Kunst der Magie und ihre Klassen.“
Ihre Finger fuhren rastlos über die Schrift. Kaum hatte sie einen Satz erfasst, löste er sich bereits wieder auf.
„Die Götter teilten ihre Kräfte unter den Sterblichen auf, um das kosmische Gleichgewicht zu wahren. Sie banden die Gaben an das Blut ihrer Nachkommen, sodass kein Einzelner alle Mächte beherrschen könne.
Aus Sol’Kareth, dem Lichtquell, und seinem Bruder Sol’Aegiroth, dem Schild, entsprangen die Linien des Lichts – Paladine, Heiler und Lichtmagier –, Hüter des Lebens und Bewahrer der Ordnung.
Aus Pyreax, dem Herrn der Flammen, steigen die Feuermagier, Kriegspriester und Berserker hervor. Sein Feuer ist die reinigende Kraft. Zerstört, was vergangen ist, und nährt aus der Asche das Neue.
Aus Rath, dem Beobachter … die Tür öffnete sich mit einem kaum wahrnehmbaren Ächzen und Misanyas Lippen formten leise das Satzende … sein Auge sieht, was war, und sein wird.
Zenya trat ein. Ihr Kleid rauschte in sanften Wellen um sie herum, ihre Augen zwei gefrorene Kristalle. Wenn Zenya Räume betrat, hielten die Menschen den Atem an. Selbst die Flammen der Lampen flackerten in Ehrfurcht.
„Hier steckst du“, sagte sie mit einer Stimme, die den ersten Morgenstrahlen glich.
Ihr Blick verurteilte die aufgeschlagenen Seiten. „Liest du schon wieder dieses ahnengeprägte Kompendium?“
Ein spöttisches Zucken stahl sich in Misanyas Gesicht. Musste ihre Schwester, ihre Abscheu gegen Bücher so offen zeigen?
„Es ist das Einzige, das mich nicht ansieht, als wäre ich ein Fehler. Ich hab gehört, was Sassy gestern in der Küche getratscht hat. Ich war da.“
In Havenwacht wussten sie alle voneinander. Sassy hatte oft mit ihnen gelacht, ihnen heimlich Karamellgebäck zugesteckt oder Geschichten über die Wachen geflüstert, bis ihnen die Bäuche vom Kichern schmerzten. Damals war alles einfacher gewesen. Doch je älter sie wurden, kam der Bruch: eine Tochter des Lichts - ohne Licht.
Im Reich der Sonne gab es nur eine Erklärung – göttliche Strafe. Als könnte Zenya ihre Gedanken hören, spielte sie mit dem Saum der Polster und zeichnete flüchtige Kreise auf den Stoff.
„Sie meint es nicht so.“ Misanya legte den Kopf schief, blinzelte wild und zog die Augenbrauen hoch.
„Du strahlst, Georg strahlt … und ich?“
Der Einband schnappte zu, als hätte es ebenfalls genug gehört.
„Ich bleibe die Schande der Familie – ein Schatten.“