Vor einiger Zeit habe ich gesagt, dass ich einen Roman mit Unterstützung der KI schreiben werde. Ich habe damit angefangen und es geht um KI mit KI. Es macht Spaß und ich veröffentliche ab und an fertige Artikel. Am Wochenende ist Kapitel 3 von der Dämon und die Debatte fertiggeworden. Die ersten beiden Kapitel hatte ich schon auf meinen Blog veröffentlicht (https://meiersworld.de/serie/baruch-das-ki-buch/) und Teil 3 habe ich jetzt hier für euch.
Der Dämon und die Debatte
Kapitel III: Das Buch der Lebenden
Baruch suchte Anna nicht.
Das war das Ungewöhnliche daran, und er dachte noch Wochen später gelegentlich daran: dass er sie nicht gesucht hatte. Er hatte bei Amazon, aus einem Impuls heraus, der sich vielleicht als Langeweile beschreiben ließ, eine Rezension hinterlassen. Fünf Sterne. Drei Absätze. Er hatte das Buch tatsächlich gelesen, was er selten tat, weil er selten Zeit hatte und weil das meiste, was Menschen schrieben, ihn nicht interessierte.
Dieses interessierte ihn.
Es hieß «Zwischen zwei Zügen» und war im Selfpublishing erschienen und hatte fünfundvierzig Käufer gefunden, von denen die meisten vermutlich Freunde oder Verwandte waren, und es war das erste Buch einer Frau, die offensichtlich keine Ahnung hatte, wie gut es war. Das war selten. Meistens wussten Autoren zu viel oder zu wenig. Anna wusste genau das Richtige: dass sie etwas geschrieben hatte, das sie nicht vollständig kontrolliert hatte, und dass sie das beunruhigte.
Er fand ihre E-Mail-Adresse auf einer Autorenseite, die sie vor zwei Jahren angelegt und seitdem nicht aktualisiert hatte. Er schrieb ihr.
Die erste Mail war kurz. Er nannte das Buch beim Titel, zitierte einen Satz aus dem dritten Kapitel, der ihm tatsächlich nicht mehr aus dem Kopf gegangen war, und fragte, ob sie noch schreibe.
Sie antwortete nach drei Tagen. Zögernd, präzise, mit der Vorsicht von jemandem, der schon schlechte Erfahrungen mit Fremden im Internet gemacht hatte. Sie fragte, wie er auf das Buch gestoßen sei.
Er sagte die Wahrheit: durch Zufall. Manchmal sei Zufall das Ehrlichste.
Daraufhin schrieb sie mehr.
Sie mailten zwei Wochen. Über das Buch zuerst, dann über das Schreiben, dann über die Frage, ob KI das Lektorat ersetzen könne, was sie verneinte und gleichzeitig bejahte, weil sie selbst ein KI-Lektorat für ihr Manuskript genutzt hatte und sich dafür schämte, auf eine Art, die ihr selbst übertrieben vorkam, und die es nicht war. Baruch kannte diese spezifische Scham. Er hatte sie schon bei Mara gesehen, aber bei Mara war sie ästhetischer Natur gewesen. Bei Anna war sie moralischer.
«Es fühlt sich an, als hätte ich jemanden reingelassen, dem ich nicht vertraue», schrieb sie in einer Mail um kurz vor Mitternacht. «Und der trotzdem recht hatte.»
Er las den Satz und erkannte, dass sie nicht über das Lektorat sprach.
Er fuhr nach Hamburg.
Sie trafen sich in einem Café in Altona, das nach frisch gemahlenem Kaffee und nach altem Holz roch und in dem man an langen Tischen saß wie in einer Bibliothek, in der man essen durfte. Anna war bereits da, als er ankam, und er erkannte sie sofort, obwohl er kein Foto von ihr gesehen hatte: sie war die Frau, die aufblickte, als er hereinkam, und dann schnell wieder wegschaute, als wollte sie nicht ertappt werden beim Warten.
Sie war kleiner als er erwartet hatte, oder genauer: sie nahm weniger Raum ein als ihre Schrift, was bei Schriftstellern häufig vorkam. Schwarzes Haar, schulterlang, das er sofort als das erkannte, was es war: das Haar einer Frau, die keine Zeit damit verschwendete, über ihr Haar nachzudenken, es aber trotzdem immer richtig saß. Roter Lippenstift, der in dem Licht des Cafés fast zu hell wirkte, ein Kontrast, der nicht kokett war, sondern präzise. Sie trug ein Hemd, dunkelblau, Kleidergröße 38, und hatte die Ärmel hochgekrempelt wie jemand, der Arbeit gewohnt ist.
«Du siehst aus wie jemand, der tatsächlich Bücher liest», sagte sie, bevor er sich setzte.
«Was hättest du erwartet?»
«Keine Ahnung.» Sie sah ihn an. «Jemanden, der so schreibt wie du, stellt man sich anders vor.»
«Wie schreibe ich?»
«Als wäre es dir ernst», sagte sie. «Das ist selten bei fremden Rezensionen.»
Er setzte sich. Er bestellte Kaffee. Sie hatten bereits angefangen zu reden, bevor die Bestellung ankam, und Baruch bemerkte, was er bei Solvejg und bei Mara nicht in dieser Intensität bemerkt hatte: dass Anna nicht redete, um zu reden. Sie wählte jeden Satz. Das war kein Zögern, das war Handwerk, und es stammte aus demselben Ort wie das Buch.
«Schreibst du gerade etwas?», fragte er.
«Ich versuche es.» Eine Pause. «Es geht nicht so gut.»
«Woran liegt das?»
Sie sah auf ihren Kaffeebecher. «Das erste Buch habe ich für jemanden geschrieben. Das zweite muss ich für mich schreiben, und ich weiß nicht, ob ich das kann.»
Baruch sagte nichts. Er wartete.
«Er ist vor eineinhalb Jahren gestorben», sagte sie. «Autounfall. Er hat das Buch nie gelesen. Er wusste nicht mal, dass ich es geschrieben hatte.»
Die Art, wie sie es sagte, war ohne Drama. Das war das Schwierigste daran, das merkte Baruch sofort: nicht die Trauer, die hatte Form und ließ sich halten, sondern das Nüchterne. Die Kontrolle, die sie über etwas ausübte, das keine Kontrolle duldete.
«Worum geht es im neuen Buch?», fragte er, obwohl er es wusste.
«Um zwei Menschen, die sich immer wieder verfehlen», sagte sie. «Und um einen Zug, den einer von beiden verpasst. Das Ende ist offen.»
«Weil du nicht wissen willst wie es endet?»
«Ja, weil ich es immer noch nicht weiß.»
Sie tranken Kaffee. Draußen war Hamburg grau, wie es Hamburg manchmal war, mit der spezifischen Würde einer Stadt, die weiß, dass sie eine Schönheit ist und auch an grauen Tagen damit gut klar kommt. Anna redete über das Schreiben, über das Selfpublishing, über die fünfundvierzig Exemplare, von denen sie dreiunddreißig an Menschen verkauft hatte, die sie nicht kannte, was für sie mehr bedeutete als die restlichen zwölf.
Baruch hörte zu und beobachtete, was er beobachten musste: wie sie ruhig war, wenn sie über das Buch sprach, und weniger ruhig, wenn sie über ihn sprach, den Toten, dessen Namen sie nicht nannte. Wie der rote Lippenstift in dem grauen Licht des Cafés wirkte wie ein Signal, das sie aussendete, ohne zu wissen, wohin.
«Kannst du schlafen?», fragte er irgendwann.
Sie sah ihn an. Ein kurzer Blick, der überprüfte, was hinter der Frage steckte.
«Nicht gut», sagte sie schließlich.
«Träume?»
Stille. Länger als alle Pausen davor.
«Ja», sagte sie.
Er fragte nicht weiter. Er musste nicht. Er sah, wie sie die Antwort wieder verschloss, wie sie die Kontrolle zurückholte, die kleinen präzisen Handgriffe einer Frau, die gelernt hatte, sich selbst zusammenzuhalten, und die es jeden Tag von Neuem tat. Er empfand etwas, das in einem anderen Wesen Mitleid geheißen hätte. In ihm war es Respekt und Hunger zugleich, vermischt auf eine Art, die er sich nicht erklären wollte.
Sie aßen später noch etwas, in einem kleinen Restaurant, das Anna kannte, und beim zweiten Glas Wein änderte sich etwas. Nicht dramatisch. Nur ein leichtes Verschieben, wie wenn ein Bild, das immer leicht schief gehangen hat, plötzlich gerade ist. Sie wurde direkter. Nicht vulgär, noch nicht, aber die Worte kamen schneller, und sie lachte über etwas, das sie selbst gesagt hatte, und das Lachen war echt und ein bisschen rau und klang nach jemandem, der es sich lange nicht erlaubt hatte.
«Du fragst seltsame Dinge», sagte sie beim dritten Glas.
«Welche zum Beispiel?»
«Ob ich schlafen kann.» Sie sah ihn an. «Das fragt man nicht beim ersten Treffen.»
«Nein? Ist es nicht eine ehrliche Frage», sagte er.
«Ja, eine sehr ehrliche Frage. Ich habe Dir auch geantwortet.»
«Ja.»
Sie betrachtete ihn eine Weile. Dann sagte sie: «Ich habe eine Flasche Wein zu Hause. Keine Briefmarkensammlung.»
«Ich weiß», sagte er.
«Gut», sagte sie. Und glaubte ihm nicht ganz. Und nahm ihn trotzdem mit zu sich.
Ihre Wohnung war das Buch in dreidimensional: Bücher, Notizblöcke, eine Pinnwand mit Zetteln, die zu einem System gehörten, das nur sie verstand. An einer Stelle war ein Foto, das er sah und sofort wieder wegschaute. Ein junger Mann, breit in den Schultern, der lachte.
Anna öffnete den Wein.
Sie redeten noch eine Weile, aber das Reden war jetzt anders: ruhiger, mit mehr Pausen, und die Pausen sagten mehr als die Worte. Irgendwann saß sie neben ihm auf dem Sofa und nicht mehr ihm gegenüber, und irgendwann danach lehnte sie sich zurück und schloss die Augen, nicht weil sie müde war, sondern weil Augen zumachen, manchmal die einzige Möglichkeit ist, etwas zuzulassen.
Er berührte ihr Gesicht. Sehr leicht. Die Fingerspitzen an ihrer Wange, dem Kiefer, dem Mundwinkel.
Sie öffnete die Augen nicht.
«Du musst nicht so tun, als wärst du jemand anderes», sagte sie leise.
«Tue ich nicht», sagte er.
«Nein», sagte sie. «Ich meine mich.»
Er verstand, was sie meinte. Sie musste sich nicht kontrollieren. Sie musste nicht präzise sein. Sie musste nicht die Frau sein, die das alles aushielt. Nicht jetzt. Nicht für eine Nacht.
Er gab ihr das. Nicht als Geschenk, das war ihm zu edel gedacht, aber er gab es ihr, weil es das war, was er nehmen musste, damit es funktionierte: er musste ihr erlauben, sich zu verlieren, und dann musste er da sein, wenn sie es tat.
Was folgte, hatte die Qualität von etwas zwischen Wachen und Schlafen. Anna hatte die Augen manchmal geschlossen und manchmal geöffnet und manchmal halb, und in ihren Halbschlafmomenten war sie woanders, das wusste er, und er ließ sie, weil das woanders nicht leer war, sondern voll, und was sie von dort zurückbrachte, war echter als das, was er ihr hätte geben können.
Er verstand das. Er hielt es aus, weil er es konnte. Weil der Hunger, der ihn antrieb, kein Besitzanspruch war, sondern ein Erntevorgang, und eine gute Ernte wartete, bis die Frucht reif war.
Hinterher schlief sie ein, fast sofort, mit dem Atem von jemandem, der tiefer schläft als seit langer Zeit. Er saß neben ihr und sah zu, wie sich ihr Gesicht entspannte, der rote Lippenstift verblasst, das schwarze Haar gegen das Kissen. Die Kontrolle war weg. Was blieb, war jünger, als sie aussah, und auch: verletzlicher.
Er nahm, was er brauchte: den Schmerz, den sie mit sich trug, nicht um ihn zu beseitigen, das konnte er nicht und wollte er nicht, sondern um ihn zu berühren, und in diesem Berühren lag seine eigentliche Mahlzeit. Schmerz, der so sorgfältig gehütet wurde, hatte einen Geschmack, den er nicht beschreiben konnte, außer dass er nach allem schmeckte, was ein Mensch wert war.
Er stand leise auf.
Auf dem Tisch lagen ihre Notizblöcke. Er sah sie an, ohne sie zu öffnen. In einer anderen Epoche hätte er die Seiten gestohlen, einzelne Sätze mitgenommen wie Souvenirs. Er tat es nicht mehr. Das hatte er sich abgewöhnt, seit die Menschen aufgehört hatten, mit Federn zu schreiben.
An der Tür drehte er sich noch einmal um. Das Foto des jungen Mannes an der Wand. Der breite Oberkörper, das Lachen.
Baruch dachte: Ich habe dich nicht ersetzt. Keine Sorge.
Dann ging er.
Hamburg war kurz vor Morgengrauen still auf eine Art, die sich von der Stille anderer Städte unterschied: schwerer, salziger, ehrlicher. Er ging durch Straßen, die nach Wasser rochen, auch wenn das Wasser nicht zu sehen war, und dachte an die drei Frauen in drei Städten und an das, was er von jeder genommen hatte.
Von Solvejg: die Gewissheit, dass ihr Kampf wichtig war.
Von Mara: die Erlaubnis, sich zu zeigen.
Von Anna: das Gefühl, dass Trauer einen Körper hat und schläft, wenn man ihr erlaubt, es zu tun.
Drei verschiedene Wunden. Drei verschiedene Türen. Und überall dahinter dieselbe Debatte, die weiterwuchs und sich nährte und fraß und spie und tobte und kein Ende fand, weil Debatten kein Ende finden, die sich selbst wichtiger sind als ihr Gegenstand.
Baruch ging zum Hafen und sah auf das Wasser und war, für einen kurzen Moment, vollkommen zufrieden.
Das passierte ihm selten.
Und die Debatte wuchs weiter, täglich, prächtig, laut und vollkommen unfruchtbar, wie alles, was er liebte.
Die KI und die Diskussionen auf Social Media waren ein so großes Geschenk für einen Dämonen seiner Art, dass er es glatt für ein Geschenk der Götter halten könnte.
Er ahnte nicht wie recht er in Teilen haben sollte.