Der Anfang meiner Kapitel (show-don´t-tell, Worldbuilding und lore)

Ah, alles klar.
Deine Nr. 2 ist im Grunde das, was ich auch meine. Nicht beschreiben sondern zeigen. Indem man z.B. die Schüchternheit anhand einer Handlung zeigt, ist man im ‚show‘ - Modus. Auf diese Weise erlebt man die Handlung auch aus Sicht der betroffenen Figur.

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Ich hätte meine Nr. 2 eher bei „was schreibe ich“ eingeordnet und deine Erklärung bei „wie schreibe / beschreibe ich es“.

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Na, was die schreibt ist halt schon saugut. Kenne nichts, wirklich nichts, was sich damit im Moment vergleichen lässt. Broken Earth hat nicht umsonst drei Hugos hintereinander bekommen.
Alternativen? Ich habe das Gefühl (im positiven Sinne), dass merklich mehr Frauen interessante SciFi oder Fantasy schreiben, als Männer. So. Noch eine Diskussion eröffnet :slight_smile:

Aber nochmal: wie soll die Prota etwas miterleben, dass vor ihrer Zeit passiert ist? Oder am anderen Ende der Welt? Manchmal muss man ja einfach tell machen.

Ja, sehe ich auch so.

Da wäre die Frage, wie weit das für die Geschichte relevant ist und wieviel an Gründen, Ursachen und Vorgeschichte der Leser wirklich braucht.
Beispiel: Die Geschichte spielt in der DDR. Muss man dann erstmal den kalten Krieg, die Einschränkung der Reisefreiheit und den Sozialismus erklären? Ich denke nicht. Man kann auch ohne diese Hintergrundinformationen mit den Protagonisten auf der spannenden Flucht über die Grenze in den Westen mitfiebern.

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Ich behaupte mal, dass es nicht das eine oder andere Geschlecht ist, das bessere SciFi oder Fantasy schreibt. Wenn es um das Gefühlvolle geht, da mögen Frauen wirklich gute Storys schreiben, während es bei Männern eher kühle Konflikte sind. Immer ein Feind, den es zu bekämpfen gilt. In Broken Earth sucht eine Mutter ihre Tochter, in Enders Game geht es um einen militärischen Konflikt, bei dem Kinder „missbraucht“ werden. Je nach dem, was dem Schreiberling am Ehesten liegt, ist die Story dann halt besser oder schlechter.
Und ohne die Awards schlecht reden zu wollen, aber auch die sind hin und wieder dem Zeitgeist unterworfen.

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Möglichkeiten gibt es: im Rahmen eines Gespräches mit Zeitzeugen, durch Briefe oder Tagebücher, Zeitungsarchive, alte Nachrichtensendungen, selbstgedrehte Videos (oder Super 8-Spulen) … all das könnten für einen Protagonisten erlebbare Quellen sein, falls Rückblenden oder Sprünge in der Erzählzeit vermieden werden sollen. Da Deine Story in 2050 angesiedelt ist, wäre auch das Internet (oder dessen Nachfolger) eine Möglichkeit. Das erste Youtube-Video ist bereits heute 18 Jahre alt.

Gruß,
misc

Nein, kann man nicht. Meine Kinder sind alle nach ’90 geboren, denen musst du ein Minimum an Grundwissen vermitteln, bevor die Flucht spannend wird. Du musst ihnen sagen, was sie erwartet, wenn sie es nicht schaffen. Mann muss ihnen erzählen, warum die Flucht wichtig ist. Nicht alles zu Beginn, aber ohne die Infos kann die Geschichte nicht gut werden, höchstens experimentell.

Das war die ursprüngliche Idee, also in der Story verschiedene Medien zu nutzen. Das war aber so ein, pardon, fuckup, dass ich es bleiben habe lassen.
Nur eines mache ich: die Prota findet von dem Antagonisten sein Tagebuch. Aber ich kann sie ja nicht einfach das Buch aufblättern lassen und dann vorlesen lassen. Auch wenn sie selbst hier die Wahrheit liest, wird das doch nicht erlebt. Das funktioniert nur, wenn der Protagonist im Tagebuch auch was erlebt und es dann wieder alles showed. Und hier kommt dann das Problem:
Genau das habe ich gemacht und das Tagebuch von dem Antagonisten geschreiben und ein 250.000 Wörter Unding erhalten. So. Hat meine Probleme nicht weniger werden lassen.

Wenn sie ihre Geschichte als Ich-Erzähler vorträgt, ist es doch so, dass sie zum Beispiel erzählen muss (tell), was sie in der Schule gelernt hat über die Zeit bevor sie geboren worden ist. Oder was sie später rausgefunden hat, über die Welt da draußen, als sie ein Kind war. Oder sie findet etwas Entscheidendes in einer Bibliothek, dass sie gelesen hat und damm dem Leser erzählt. Ich baue einmal ein Kapitel um und stelle es in den Schreibzirkel. Das macht es klarer.

Auch das wäre möglich. Es reicht ja, wenn er es im Kopf erlebt.

Vaters Tagebuch lag noch auf dem Nachttisch, aufgeschlagen, mit dem Rücken nach oben. Als hätte er es nur kurz weggelegt, um sich die Brille zu putzen. Ich nahm es vorsichtig und drehte es um.
   Die linke Seite war leer, auf der rechten stand „Das Mädchen“, darunter ein Datum, doppelt unterstrichen. Fast wie eine Titelseite. Klar, mein Alter und die Frauen. Hat früh angefangen. Ich blätterte um und las die ersten Zeilen. Ein Treffen auf einer Brücke, aber ein zufälliges. Sie will gar nicht zu ihm, sondern in den Fluss.
   Am Ende der Seite atmete ich tief durch. Wieso hatte er uns das nie erzählt? Ich schloss die Augen. Sofort sah ich ihn - seinen Sprung nach vorne, als er versucht, ihre Hand zu packen (…)

Oder Dein Protagonist liest nicht daraus vor, sondern erzählt es irgendjemandem nach. Vielleicht solltest Du Dich einfach nicht zu sehr von diesem show, don’t tell verunsichern lassen. Wenn Du etwas gut und spannend erzählst, dann wird’s dem Leser egal sein, welche Techniken Du dafür nutzt. Sie sind letzten Endes nur Mittel zum Zweck.

Gruß,
misc

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‚broken earth‘ hatte ich irgendwann mal angelesen und es hat mir nicht gefallen, ganz besonders wegen der halben Tonne Infodump gleich zu Anfang. Romane im Präsens hab ich auch nicht so gerne, schon gar nicht, wenn sie auch noch in der ‚du‘ - Form gehalten sind.
Ich fand die Story anstrengend, verworren und irgendwie nervig zu lesen und hab nach ein paar Kapiteln aufgegeben. Aber Geschmäcker sind zum Glück verschieden.

Ich weiß ja nicht, welche Art von Sci Fi oder Fantasy du magst, ich empfehle trotzdem immer die Klingen-Trilogie von Joe Abercrombie.
Zusammen mit George R.R. Martin hat er, wie ich finde, die besten Charakterbeschreibungen, da sind die Figuren allesamt echte Persönlichkeiten.

Natürlich muss man auch immer wieder ‚tellen‘, geht gar nicht anders. Ich würde den Leser halt nicht gleich auf den ersten Seiten mit so einem schwer verdaulichen Brocken erschlagen, sondern so nach und nach in die Handlung einfließen lassen, und zwar an den Stellen, wo es dann auch wirklich gebraucht wird.
Ein weiterer Nachteil von solch anfänglichem Infodump: Vieles davon kommt erst viel später im Buch zum Tragen, bis dahin hat der Leser die speziellen Zusammenhänge längst wieder vergessen.

Genau das ist der Punkt. Viele Autoren meinen, der Leser müsse bereits nach den ersten fünf Seiten in der Lage sein, die gesamte Story mit all ihren politischen, soziologischen, ökologischen, ökonomischen und sonstigen Settings zu durchblicken.
Muss er nicht!
Der Leser muss lediglich in der Lage sein, der ersten Szene zu folgen und sie spannend und unterhaltsam zu finden. Dann und nur dann liest er weiter. Für alles andere ist im weiteren Verlauf noch genügend Zeit.

Solange dabei klar wird, dass die Flucht eine lebensgefährliche Angelegenheit ist und die Gefahren gezeigt werden, gäbe das einen spannenden Beginn.
Die ganze Entwicklungsgeschichte der DDR kann man später bringen - falls es überhaupt notwendig ist.

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ja, die „Klingen-Romane“ finde ich auch genial! Ich habe mich allerdings von Joe Abercrombie dazu verleiten lassen, zig Vergleiche, Metaphern, lange Sätze, Adjektive und Adverbien pro Abschnitt zu verwenden. Das funktioniert aus der Sicht meiner Probeleser aber nur, wenn man es wirklich, wirklich kann. So, wie Herr Abercrombie. Ich übe mich darin weiter, halte mich aber zunächst lieber an die Papyrus-Autor-Stilanalyse…

Ok. Viele finden da keinen Zugang, das stimmt. Ich hab auch drei Anläufe gebraucht wegen der Eröffnungsszene mit dem Kind…

Ich habe nicht vor, Infodumps am Anfang zu platzieren. Ich will den kompletten ersten Akt nur für Charakter und Setting benutzen. Die Backgroundinfo wollte ich tatsächlich größtenteils im Zuge von Dialogen, Recherchen der Prota und eben die kurzen Einsprengsel am Anfang einbringen.

Aber klar, das alles so zu machen, dass es packt, ist die hohe Kunst des Schreibens. Bin ja totaler Anfänger…

Ich lese generell alles, was ich in die Finger bekomme. War schon immer so. Ja, Abercrombie kann was, manchmal ist er mir aber zu… keine Ahnung. Langatmig? Wie Robert Jordan. Als ich damals, noch vor dem Hype mit Song of Ice and Fire anfing zu lesen, war ich hin und weg. Fand das schon große Kunst. Aber ich hab bei Band 4 aufgehört weiterzulesen, da Martin einfach überhaupt nichts herzwarmes drin hat. Das war alles so depressiv und auf die Fresse… puh… hab da nie weitergelesen. Was offensichtlich auch nicht schlimm ist, weil er es sowieso nie fertig bekommt, was schade ist und blah blah blah. Könnte Tage über Fantasy und Sci-Fi Bücher reden. Und weil da auch viele (erfolgreiche!) dabei waren, die ich Teils Banane fand, dachte ich mir: kann ich auch! Weit gefehlt… seufz…

Edit: anstatt hier zu jammern, sollte ich wohl einfach schreiben und üben :wink:
Edit2: Rotwein wird bestimmt helfen.

Hallo FlorianSo,

vielleicht eine Idee… füge doch eine unabhängige Stimme ein. Sagen wir mal, ein Computerprogramm, eine KI. Die berichtet dann, unabhängig von Handlung und Perspektive, an den geeigneten Stellen, über bestimmte Themen. Quasi Zitate aus einem Almanach, Handbuch, historischen Aufzeichnungen.
Ich hab das in einem meiner Projekte (Ich- Perspektive, postapokalyptisches Setting) so gelöst, dass ich Augenzeugenberichte eingeschoben hab, die das nötige Hintergrundwissen liefern und unabhängig von der Story platziert sind. So konnte ich jederzeit Infos liefern, ohne die Story damit zu überlasten.
Viel Spaß beim Schreiben.
Gruß
Mats Bonini

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Super, das erinnert mich an das Computerspiel Marathon aus den 90er Jahren:
Marathon Trilogy - Wikipedia https://en.wikipedia.org/wiki/Marathon_Trilogy:

„The Marathon series was the first in its genre to place a heavy emphasis on storytelling, which it accomplished through the use of terminals.“

„The games’ story is presented to the player through computer terminals throughout the single-player levels; their textual content is often accompanied by annotated maps or other still images. The contents of these terminals most often consist of messages sent by artificial intelligences; these messages advance the games’ narrative and provide the player with mission objectives. Other terminals contain civilian/alien reports or diaries, database articles, conversations between artificial intelligences and even stories or poems.“

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Also hast du den Ich-Erzähler erzählen lassen und dann kam ein Abschnitt, wo du dann bringst:
„Helga hat mir erzählt, dass der Max der Gretel einen kybernetischen Bypass mit einer Mistgabel gelegt hat. Was natürlich Quatsch ist, weil jeder weiß, dass man dazu einen Rechen benötigt.“

?

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So ungefähr :slight_smile: . Es gibt verschiedene Arten, wie man die Montagetechnik anwendet. Bsp: In einer meiner Stories ( Ich- Perspektive) wurde die Stadt, die mein Protagonist gerade verlassen hat, später von seinen Verfolgern zerstört. Das konnte er also nicht wissen. Es war aber für das nächste Kapitel wichtig zu erfahren, dass die Stadt im Eimer ist. Also hab ich einfach am Ende des Kapitels einen Augenzeugenbericht angeheftet, in dem ein Überlebender berichtet, was passiert ist. Das hab ich dann einfach so stehen lassen und hat wunderbar funktioniert. In deinem Fall würde ich mir was anderes einfallen lassen.
Bsp:: Jede Kultur hat ja eine Sammlung an Wissen, die irgendwo gelagert, gespeichert ist. In deinem Fall vielleicht eine KI. Dann schiebst du halt das nötige Hintergrundwissen anhand eines Auszuges aus der Bibliothek ein (Überschrift: Aus dem Buch der …: Seit Anbeginn der technischen Revolution blablabla…usw.oder: Aus den Akten des Ministeriums für…) Die Erzählweise kann da ruhig auktorial sein, also von außen auf das Geschehen, ohne Bezug zur eigentlichen Geschichte. Da kannst du dann lose alle Informationen an der geeigneten Stelle unterbringen. Das Ganze dann in kursiv geschrieben, damit man am Schriftbild schon sieht, dass es sich dabei um zusätzliche Informationen handelt.

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Nr. 1 finde ich mittlerweile zum Kotzen. Wer will schon zum x-ten Mal lesen, wie sich jemanden „die Nackenhaare aufstellen“ oder es ihm „kalt über den Rücken läuft“?

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