Bücher kommen – Bücher gehen

Wir feiern am liebsten Neuerscheinungen, aber manchmal auch Abschiede. Nachdem ich von Story.one eine Info-Mail mit folgendem Hinweis erhielt, habe ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt und endlich getan, was längst überfällig war und wovor ich mich zu lange gedrückt habe, unter anderem auch, weil dafür eine 25€ Gebühr anfällt: Ich habe mein Buch aus dem Handel genommen und um die Löschung meines Accounts gebeten.

»Im Juni startet story.one mit einem neuen Fokus: Wir richten die Plattform künftig auf das Schreiben und Veröffentlichen von Sachbüchern aus. Damit wollen wir genau das besser machen, was viele von euch ohnehin am häufigsten nutzen – und unseren Autorinnen und Autoren ein klareres, stimmigeres Werkzeug an die Hand geben. (…)«

Nachdem ich mich eingeloggt hatte, um den Kündigungsvorgang einzuleiten und mir zuvor erneut die Geschäftsbedingungen, mit einem Umfang, der nicht einmal in ihr eigenes Buchformat passen würde, durchgelesen hatte, schaute ich mir die Relaunch-Ideen mal genauer an. Ohne ins Detail zu gehen (jeder kann sich unter https://www.story.one/de/ selbst ein Bild machen), war ich entsetzt über die Intensität der Suggestion, dass fertige Tools, vereinfache Vorlagen und ein Editor, der je nach Geldbeutel KI-Inhalt bis zum kompletten Buch generiert, irgendetwas mit Büchern, Autoren, Sachkenntnis oder Verlag zu tun haben könnte.

Die Idee »Jeder kann bei uns ruckzuck seinen Sch*** veröffentlichen« und damit den ohnehin schon berstenden Buchmarkt mit KI-Mist füttern, wird in beispielloser Art und Weise perfektioniert. Nein, war ich schon zuvor unglücklich mit der Firmenphilosphie, in die ich durch einen Wettbewerb gezogen wurde, über dessen Absicht man ebenfalls Bücher schreiben könnte, kann und will ich das nicht unterstützen! Für mich ist es Verrat an einem der wundervollsten Medien, das ich seit Kindertagen kenne: Am Buch und seinen Inhalten!

Mein Buch »Final Countdown« ist somit nicht mehr im Handel (höchstens antiquarisch) erhältlich. Ich stehe zu meiner Geschichte, fand aber die extrem eingeschränkten Vorgaben, den Umfang und die Vorlagen schon zur Zeit des Wettbewerbs »Storyteller Award« unterirdisch, genauso wie den vorgegebenen Preis von einheitlich 18€ für sämtliche Bücher des ›Verlages‹. Die Geschichte wird irgendwann ein neues, seriöses Zuhause bekommen und überdies erweitert werden. Ich sage Tschüs zu dem Büchlein, dessen Titel heute wahr wurde.

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Wer zuschauen möchte, wie der KI-Editor von story.one arbeitet, wird hier fündig:

https://www.youtube.com/watch?v=fixz6_a7QP4

Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. :face_with_raised_eyebrow:

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Das ist wohl die Zukunft: Du schreibst einen einzigen Satz zum Inhalt und die KI macht daraus ein Buch.

Wo ist der Kotz-Smiley?

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Neben dem würgenden. :sweat_smile:

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Emojis sind doch mit das älteste Kulturgut überhaupt. Wir entwickeln und nur dahin zurück. Der Altorientalistiker sagt nur „Logogramm“ zu den damaligen Emojies.
Zum Beispiel hat sich das chinesische Schriftzeichen für „Pferd“ wie folgt entwickelt:
image

Und wer es tiefergehender mag… hier die Schrifttafel von William Albert Mason (1920 in „A history of the art of writing“ publiziert) - besonders witzig ist „Power/Macht“:

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Da siehste ja, wie es heute auch ist: Jede nachwachsende Jugend war zu faul es richtig zu lernen und so ist es nicht verwunderlich, dass das Pferd zur Strichelung verkommen ist.
Die Gen Z hat es gezeigt und Gen Alpha legt nach.

Genug gelästert.

von :slight_smile: zu :-) haben wir es ja auch schon geschafft. Das schließt sogar die 90 Grad Drehung ein, die es eben auch früher gab. Alles wiederholt sich. Wenn es gut läuft auch wieder die Entwicklung hin zu einer sprachlichen Hochkultur nach dem dunklen Zeitalter. Für mich ist eines der größten Rätsel der Menschheitsgeschichte, wie es „plötzlich“ ein superkomplexes, grammatikalisch extrem ausgefeiltes Altgriechisch und Latein geben konnte, von dem es von da an fast 3000 Jahre lang nur noch in Wellen bergab ging. Ich denke aber ehrlich gesagt nicht, dass die Menschheit so etwas nochmal hinbekommt.

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Es war ein Vorgang, bei dem Sprache komplexer und reicher wurde, statt einfacher, flacher, reduzierter.
Nenn mir irgendeine Zeit danach, bei der das so war.
Die alten Hochkulturen haben natürlich nicht über Nacht aber eben ohne direkte Not Sprachmodelle entwickelt, denen unsere aktuelle Sprache - weltweit - nicht das Wasser reichen kann und wenn ich mir die Entwicklung seit 2000 Jahren ansehe - wohl auch nie wieder können werden.

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Gezielt logische Sprachmodelle entwickeln, das können moderne Menschen durchaus: Es gibt die Plansprache Esperanto und es gibt Programmiersprachen für Computer.

Hm, durch die Genderei wurde die deutsche Sprache komplexer gemacht. :nauseated_face:
Da lobe ich mir die Zielsetzung von Esperanto: „Die Sprache muss sehr leicht sein, so dass sie jeder sozusagen spielend erlernen kann.“

Die keine Socke nutzt. Das war, soweit ich weiß, mal anders angedacht.

Danke. Das ist der Punkt.
Es geht mir nicht um die Fähigkeit, Sprache zu entwickeln. Es geht darum, was die Gesellschaft tatsächlich macht.

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Deswegen meinte ich ja auch: Die keine Socke nutzt.

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Ist das denn so? :thinking:
Was sagt denn die aktuelle Linguistik dazu? Ich denke mal, dass die Sprachwissenschaft mit Sicherheit Diskussionen dazu enthält…
Die Aussage ist ja doch arg allgemein gehalten…

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Wie vergleicht man denn Sprache heute und früher? Die überlieferten altgriechsichen und lateinischen Quellen mit Umgangssprache zu vergleichen, passt jedenfalls genauso wenig, wie Gebrauchsliteratur gegen philosophische Texte antreten zu lassen. Zu Zeiten der angesprochenen Hochkulturen konnte (wie im Großteil der Geschichte), nur ein kleiner sehr gebildeter Kreis an Menschen überhaupt schriftliche Zeugnisse hinterlassen. Wenn man schon vergleichen will, dann also die Schriften von Aristoteles und Adorno oder Nepos und Ranke, Caesars gallischen Krieg mit den Memoiren Churchills. Dort bestehen in den historischen Quellen erhebliche Unterschiede bzgl. der sprachlichen Komplexität und Ästhetik. Und auch die modernen Texte schwanken in ihrer Komplexität sehr, selbst wenn es im Beispiel oben alles intelligente, gebildete Menschen sind, die sie gefertigt haben.

Das entkräftigt nicht die These, dass moderne Sprachmodelle denen der alten Hochkulturen nicht das Wasser reichen können, da erlaube ich mir kein Urteil. Mich würde aber sehr interessieren, wie da verglichen wird bzw. verglichen werden kann.

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Das Beispiel vom Schriftzeichen für „Pferd“ würde ich als gesellschaftlichen Fortschritt ansehen.
Zunächst musste noch ein ausführliches Bild von einem Pferd gezeichnet werden, später gab es ein einfacheres abstraktes Zeichen, das in der Gesellschaft (der lesekundigen Chinesen) allgemein verstanden wurde. Das erscheint mir als wesentlich effizientere Kommunikation.

Vielleicht ist das vergleichbar damit, dass ich mündlich auf deutsch das Wort „Pferd“ sagen kann und verstanden werde, statt das Pferd pantomimisch oder durch Geräusche wie wiehern und schnauben darstellen zu müssen. Das ist doch sehr viel effizienter.

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Ok, ich habe in meiner These aber von „komplex“ gesprochen. Und selbst gesagt, dass Sprache seit damals

wird.
Wenn man „einfacher, leichter (grundsätzlich) verständlich und effizienter“ als Fortschritt definiert, dann hast du sicher Recht, dass es in diese Richtung geht. In den allermeisten Alltagssituationen kommt es auf ausdifferenzierte präzise Sprache nicht an und „kann ich Schokolade“ von @Phlox oben reicht und man mag es als Fortschritt gegenüber einer viktorianisch formulierten Bitte begreifen.
Grunzen und Zeigen reicht im nächsten Schritt auch.

Aber sprechen Menschen in Eurem Umfeld wirklich so? :thinking: Und wenn - wäre es quantifizierbar für die gesamte Sprachentwicklung? Ich bezweifele das, lasse mich aber gerne eines besseren belehren. Persönlich denke ich, dass das lediglich eine unterhaltsame Polemik sein sollte. („Homma mal ne Flasche Bier“ wäre das Äquivalent ein bis zwei Generationen vorher.)

Der Wortschatz im deutschen hat sich in den letzten 100 Jahren um 30% vergrößert. Also das Gegenteil von „Reduzierung des Wortschatz es auf Basiskommunikation“. Ich bin mir sicher dass der Webster ähnliche Veränderungen zeigt.
Das wäre ja konträr zu der These.

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Ich finde diese Diskussion hier sehr interessant und ohne jemand nahetreten zu wollen oder gar frech zu erscheinen, will ich aber dennoch eine Anekdote beisteuern. Auch weil es ja um „meine“ Generation geht.

Wir hatten im Deutschunterricht zum Thema Linguistik ein Projekt, das die Bedeutung der Jugendsprache untersuchte. Unter anderem diente uns als Grundlage dazu Matthias Heines Buch „Krass! – 500 Jahre deutsche Jugendsprache“ (Duden-Verlag, 2021) das ich hier gerne weiterempfehle.

Meine Gruppe beschäftigte sich mit Ethnolekt, einer relativ neuen Teildisziplin der Linguistik, die die Einflüsse anderssprachiger Volksgruppen auf eine Hochsprache untersucht. Wir benutzten dazu das Buch „Wallah, bin Straßenbahn“, von Matej Jakic (Ueberreuter, 2026). Darin schreibt der Autor: „Die Jugendsprache nimmt Einflüsse aus den verschiedenen Erstsprachen auf, vermischt sie mit Dialekt, Hochdeutsch und Internet-Slang und schafft daraus etwas Eigenes, Neues. Kein Zufall, sondern das Ergebnis einer gelebten Vielfalt.“

Interessant auch: Unsere dritte Teilgruppe interviewte Eltern von jetzt Erwachsenen, also Boomer, über deren Erfahrungen mit Jugendsprache, sowohl als Jugendliche in den 1960er und 1970er Jahren wie auch als Eltern in den 1980er und 90ern. Neben dem seit Sokrates bekannten Klagen über den allgemeinen Sittenverfall der „Jugend von heute“ wurde auch jener der Sprachverwahrlosung bedauert. „Was mich am meisten aufgeregt hat, waren diese unvollständigen Sätze von ihr: ‚Kann ich ein Cola? Kann ich den Fernseher? Hab kein Bock nich!‘ – Furchtbar!“ Die Frau, von der diese Äußerung stammen, ist die Mutter unserer jetzigen Deutschlehrerin, einer Hardcore-Germanistin, vor der sich Friedrich Schiller fürchten würde.

Also: Wallah, Homies! Chillt mal. Alles safe und easy!

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„Ich schwöre!“, wird aber bei jeder Gelegenheit benutzt, um einer Behauptung Gewicht zu geben

Und danke für die Nachsicht!

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Eine Vergrößerung des Wortschatzes (gerade im Deutschen und außerdem technisch bedingt, wie @Phlox ausgeführt hat) steht nicht im Widerspruch zur Reduzierung der Komplexität der Grammatik. Ganz im Gegenteil. Ein Größerer Wortschatz begünstigt statistisch eine zurückgenommene Grammatik bei Erhalt der Verständigung. Nimm Chinesisch. Oder vergleiche Englisch mit Deutsch.

Meinst du übrigens mit „Wortschatz“ eher „Dicke des Dudens“ oder „Durchschnittlicher aktiver Wortschatz eines Deutschsprechenden“ - Ist eventuell nicht die gleiche Entwicklung…

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