was heißt „arg allgemein“? Was @writers_headroom oben einbringt, ist für mich nachvollziehbar (und ich habe ja auch bewusst „eher „rückwärts““ geschrieben, also sehr vorsichtig formuliert). Das Althochdeutsche hatte mehr Kasusformen und komplexere Endungen als das heutige Deutsch, im Englischen ähnlich - das kann man doch sicher feststellen? Sicher wird es dafür an anderen Stellen Weiterentwicklungen geben, das werden Sprachforscher besser beurteilen können, aber ich denke z.B. schon, dass Sprachentwicklung heute womöglich verzögert wird u.a. durch Faktoren wie Schulbildung, Massenmedien usw. - und natürlich auch der Trend zu „Weltsprachen“ (Englisch) dabei eine Rolle spielt - also in jedem Fall ein interessanter Diskussionspunkt, den writers_headroom aufgeworfen hat.
Ok, ich habe in meiner These aber von „komplex“ gesprochen. Und selbst gesagt, dass Sprache seit damals
wird.
Wenn man „einfacher, leichter (grundsätzlich) verständlich und effizienter“ als Fortschritt definiert, dann hast du sicher Recht, dass es in diese Richtung geht. In den allermeisten Alltagssituationen kommt es auf ausdifferenzierte präzise Sprache nicht an und „kann ich Schokolade“ von @Phlox oben reicht und man mag es als Fortschritt gegenüber einer viktorianisch formulierten Bitte begreifen.
Grunzen und Zeigen reicht im nächsten Schritt auch.
Aber sprechen Menschen in Eurem Umfeld wirklich so?
Und wenn - wäre es quantifizierbar für die gesamte Sprachentwicklung? Ich bezweifele das, lasse mich aber gerne eines besseren belehren. Persönlich denke ich, dass das lediglich eine unterhaltsame Polemik sein sollte. („Homma mal ne Flasche Bier“ wäre das Äquivalent ein bis zwei Generationen vorher.)
Der Wortschatz im deutschen hat sich in den letzten 100 Jahren um 30% vergrößert. Also das Gegenteil von „Reduzierung des Wortschatz es auf Basiskommunikation“. Ich bin mir sicher dass der Webster ähnliche Veränderungen zeigt.
Das wäre ja konträr zu der These.
aber dass der Wortschatz um 30 Prozent (Quelle?) gewachsen ist, ist doch kein Widerspruch? Zum Einen ist die deutsche Sprache ja bekanntermaßen deshalb so umfangreich, weil sie sehr produktiv in Wortneuschöpfungen ist (Klimapolitik, Klimapolitikdebatte, Klimapolitikdebattenbeitrag … Klimapolitikdebattenbeitragsverhinderungsgesetz) - und zum Anderen dürfte diese Entwicklung v.a. durch Technik, Wissenschaft, Globalisierung, Anglizismen usw. getrieben sein - während parallel z.B. was ich oben sagte, aber v.a. auch der Einfluss der sozialen Medien, sichtbar keinen „fördernden“ Einfluss auf Sprachkomplexität hat.
Wir sehen natürlich nur den „Ausschnitt“, in dem wir gerade sitzen und leben, während Sprache sich (siehe die Beispiele von @writers_headroom) über Jahrtausende entwickelt. Aber wollte man mir Aktien verkaufen, die auf eine fortlaufende Höherentwicklung unserer Sprache(n) setzen, würde ich eher Abstand nehmen.
PS: und ja - „kann ich Schokolade“ ist typischer Jugendjargon.
Ich finde diese Diskussion hier sehr interessant und ohne jemand nahetreten zu wollen oder gar frech zu erscheinen, will ich aber dennoch eine Anekdote beisteuern. Auch weil es ja um „meine“ Generation geht.
Wir hatten im Deutschunterricht zum Thema Linguistik ein Projekt, das die Bedeutung der Jugendsprache untersuchte. Unter anderem diente uns als Grundlage dazu Matthias Heines Buch „Krass! – 500 Jahre deutsche Jugendsprache“ (Duden-Verlag, 2021) das ich hier gerne weiterempfehle.
Meine Gruppe beschäftigte sich mit Ethnolekt, einer relativ neuen Teildisziplin der Linguistik, die die Einflüsse anderssprachiger Volksgruppen auf eine Hochsprache untersucht. Wir benutzten dazu das Buch „Wallah, bin Straßenbahn“, von Matej Jakic (Ueberreuter, 2026). Darin schreibt der Autor: „Die Jugendsprache nimmt Einflüsse aus den verschiedenen Erstsprachen auf, vermischt sie mit Dialekt, Hochdeutsch und Internet-Slang und schafft daraus etwas Eigenes, Neues. Kein Zufall, sondern das Ergebnis einer gelebten Vielfalt.“
Interessant auch: Unsere dritte Teilgruppe interviewte Eltern von jetzt Erwachsenen, also Boomer, über deren Erfahrungen mit Jugendsprache, sowohl als Jugendliche in den 1960er und 1970er Jahren wie auch als Eltern in den 1980er und 90ern. Neben dem seit Sokrates bekannten Klagen über den allgemeinen Sittenverfall der „Jugend von heute“ wurde auch jener der Sprachverwahrlosung bedauert. „Was mich am meisten aufgeregt hat, waren diese unvollständigen Sätze von ihr: ‚Kann ich ein Cola? Kann ich den Fernseher? Hab kein Bock nich!‘ – Furchtbar!“ Die Frau, von der diese Äußerung stammen, ist die Mutter unserer jetzigen Deutschlehrerin, einer Hardcore-Germanistin, vor der sich Friedrich Schiller fürchten würde.
Also: Wallah, Homies! Chillt mal. Alles safe und easy!
… haha, das ist lustig - die Hardcore-Germanistin, die als Teenager keine vollständigen Sätze konnte
Da hast Du völlig recht, man sollte solche zeittypischen und generationsübergreifenden Sprach-Besonderheiten, die ja eher der Abgrenzung dienen, in dieser Diskussion nicht überstrapazieren. Jugendjargon hat sicher nichts damit zu tun, wie sich eine Sprache insgesamt entwickelt.
PS: Solche substantiellen Beiträge treten übrigens niemandem zu nahe, frech ist das erst recht nicht (?)
PPS: was heißt „Wallah“? Wo wir hier schon mal unter uns sind … wir wollen ja dazu lernen!
„Ich schwöre!“, wird aber bei jeder Gelegenheit benutzt, um einer Behauptung Gewicht zu geben
Und danke für die Nachsicht!
Danke für die Aufklärung! Merk ich mir! Wallah! ![]()
Eine Vergrößerung des Wortschatzes (gerade im Deutschen und außerdem technisch bedingt, wie @Phlox ausgeführt hat) steht nicht im Widerspruch zur Reduzierung der Komplexität der Grammatik. Ganz im Gegenteil. Ein Größerer Wortschatz begünstigt statistisch eine zurückgenommene Grammatik bei Erhalt der Verständigung. Nimm Chinesisch. Oder vergleiche Englisch mit Deutsch.
Meinst du übrigens mit „Wortschatz“ eher „Dicke des Dudens“ oder „Durchschnittlicher aktiver Wortschatz eines Deutschsprechenden“ - Ist eventuell nicht die gleiche Entwicklung…
ich mag mich falsch erinnern - aber ich meine, dass mal jemand eine wissenschaftliche Arbeit gemacht hat, in der der Erfolg von Wim Thoelke (kennt ihn noch jemand? „Der große Preis“ - eine TV-Show meiner Kindheit, in der man für solche Sendungen auch den heute ausgestorbenen Begriff „Straßenfeger“ benutzte) u.a. damit begründet wurde, dass Thoelke einen sehr reduzierten aktiven Wortschatz benutzte und daher von sehr vielen Menschen verstanden wurde.
Mir als Loriotfan sind Wum und Wendelin bekannt, nur über diesen Umweg habe ich auch den Namen „Thoelke“ schon mal gehört.
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… willkommen im Club! ![]()
Das hier
ist eigentlich ein ganz anderer Club. Aber ja, willkommen, live long and prosper. ![]()
Ja, das tun sie.
Ich habe selbstverständlich „Der große Preis“ und jede andere Abendshow des Deutschen Fernsehens vor der Privatisierung geschaut. (Wir hatten ja nix…, zweieinhalb Programme… da guckste auch Wum und Wendelin!)
Doch jemand anderes, der auch mit der Einfachheit seiner Sprache aus seinem Umfeld positiv hervorsticht, ist Herr Müntefering, ein deutscher Politiker, der beispielsweise sagte: „Opposition ist Mist!“ Er sprach häufig nur in Hauptsätzen. Ich war zwar politisch nicht auf seiner Linie, doch ich mochte ihn für seine Sprache.
Das ist eine wunderbar knappe Figurenbeschreibung, die ich bei Gelegenheit (eher schon morgen) klauen werde ![]()
absolut. Leider ist es heute eher ein Handicap für einen Politiker, wenn er Klartext spricht. Das hat schon so manchem ein Bein gestellt.