Zu Beginn habe ich einen Block vor mir liegen. Manchmal ist er nur klein, manchmal gewaltig. Eine Idee, eine vage Vorstellung von dem, was es werden soll.
Dann schlage ich ganze Stücke ab. Handlungsstränge, Figuren. Orte. Fliegen nach allen Seiten.
Dann hole ich da eine Szene ans Tageslicht, dort ein ganzes Kapitel. Roh. Unbearbeitet.
Während Teile noch unter der Schicht unbearbeiten Steins liegen, fange ich anderswo schon an zu schleifen. Oder zu polieren.
am Ende liegt dann vor mir, was schon die ganze Zeit da war, auf mich gewartet hat, dass ich es ans Licht hole.
Ist es nicht so, dass der Holzbildhauer mit seinen Stechbeitel das aus dem Holz entfernt, was nicht zur Geschichte gehört?
Der Scolpitore di pietra marmorea, der aus toskanischen Bergen einen Block Carrara Bianco mit Pressluft und Meißel bearbeitet, entfernt Stränge, die unwesentlich sind.
Was ich sagen will. Dein Gleichnis funktioniert IMHO genau anders herum. Oder habe ich es falsch verstanden?
Da bist du offensichtlich einer Meinung mit Hemingway. Der sagte angeblich auch mal, dass Schreiben eigentlich recht einfach sei - man bräuchte nur das weglassen, was nicht zur Geschichte gehört.
Aber ich mag den Vergleich mit (Holz-)Bildhauen gerne. Auch wir fällen ganze Bäume, entasten und entrinden, schneiden erst mit der Motorsäge aus und gehen dann mit Schälbeil und Stechbeitel drüber und später mit Raspel, 40er, 80er, 160er Schleifpapier und ganz zum Schluss mit Leinöl-Firnis.
Bloß weiß ich am Anfang nie, ob daraus eine Madonna, ein Pinocchio oder ein Nussknacker wird.
Er sagte eher anderes: „Schreiben ist gar nichts. Man braucht sich nur vor eine Schreibmaschine zu setzen - und zu bluten.“ ( „There is nothing to writing. All you do is sit down at a typewriter and bleed.“)
Ja, das sagte er auch. Er hat überhaupt sehr viel geredet, hörte ich. Zum Beispiel, dass der erste Entwurf einer Geschichte immer für den Müll ist. Oder: „Wir sind alle Angestellte in einem Handwerk, in dem nie jemand Meister wird.“ Interessanter Mann, der Mann, auf alle Fälle.
Ja, Schreiben ist Kunst und Handwerk zugleich.
Nur sind die Worte zugleich unser Material und unsere Werkzeuge.
Und was am Ende herauskommt, ist eine Geschichte - ein Buch.
Ein Kunstwerk, an dem nur der Vergnügen findet, der es versteht und sich darauf einlässt!
In diesem Sinne sind wir irgendwie alle Künstler, wie ein Bildhauer!