Also berufe ich das Konsil zur konstruktiven Textkritik ein und bitte um die werte Meinung und Hilfe zu den ersten Szenen des neuen Kapitels.
Noah
Henrik Snyders war ein distinguierter, sechsundsechzigjähriger Geschäftsmann. Hanseat in x-ter Generation.
Und bei aller Geschäftstüchtigkeit war er vor allem eines: ein Familienmensch.
Deshalb saß er an diesem kalten Dezembertag nicht in seinem Büro, sondern war mit seinen Enkeln unterwegs – durch den verschneiten Planten-un-Blomen-Park, hinunter zur Eislaufbahn in den alten Wallanlagen.
Der Schnee knirschte unter den Stiefeln der Kinder, eingepackt in feste Hosen und dicke Parkas.
Aus der Ferne wehten Musikfetzen herüber, vermischt mit dem Lachen vieler Menschen.
Hin und wieder löste sich Schnee von den Ästen und fiel mit dumpfem Schlag zu Boden. Die Eltern von Jonas und Noah hätten so etwas nie getan.
Henrik liebte seinen Sohn Markus, aber er konnte ihn nicht leiden.
So einfach war das.
Und doch so kompliziert.
Markus hatte seine Kinder wie eine Art Wertanlage in die Welt gesetzt. Jonas und Noah sollten ihn später in seiner Praxis unterstützen. Egal, was sie selbst wollten.
Bis dahin wollte er möglichst wenig von ihnen sehen. Möglichst wenig von ihnen bemerken.
Und Magda, seine Frau? Nun ja. Sie war ihrem Mann mehr oder weniger hörig und würde ihm nie widersprechen.
Er hatte deswegen oft mit Markus gestritten, aber sein Sohn war stur geblieben. Er hatte ihm sogar gedroht, den Kontakt zu seinen Enkeln einzuschränken.
Daher hatte Henrik beschlossen, seinen Enkeln so viel Freude zu schenken, wie er konnte, und seinen Sohn so weit wie möglich zu ignorieren.
Henrik beobachtete die beiden Jungen, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Der 14-jährige Jonas, immer darauf bedacht, die Anerkennung seines strengen Vaters zu gewinnen.
Und Noah, sieben, mit wachen grünen Augen, neugierig auf die Welt, gleichzeitig in sich selbst gekehrt.
Und ganz sicher nicht das brave, angepasste Kind, das sein Vater sich wünschte.
Er war immer in Bewegung, immer auf der Suche nach Abenteuern.
Als die Eisbahn in Sicht kam, riss sich Noah los und rannte hinunter zum Eis.
Er blieb am Rand stehen und schaute mit großen Augen den Menschen zu, die sich dort auf der glatten Fläche tummelten. Manche unsicher, manche trauten sich nicht von der Bande weg, die meisten fuhren mehr oder weniger sicher mit den anderen im Kreis.
Weihnachtslieder säuselten im Hintergrund, übertönt vom Geräusch, das die Kufen auf dem Eis machten. Dazwischen manchmal das Lachen von Leuten, hin und wieder ein erstaunter Ausruf. Oder ein erschrockener Schrei, wenn es jemanden auf das Eis legte.
Sein Großvater schaute seinem Enkel lächelnd hinterher, und es wurde ihm warm ums Herz, als er sah, wie glücklich das sonst so verschlossene Kind hier war.
Henrik und Jonas waren bei Noah angekommen, und Henrik holte aus seinem großen Rucksack zwei Paar Schlittschuhe. Große für sich und ein Paar kleine für Noah.
Jonas packte sichtlich wenig erfreut seine Schuhe aus seinem Rucksack und fing an, sie sich anzuziehen.
Henrik setzte sich auf eine Bank und zog seine Schlittschuhe an. Von der Seite beobachtete er Noah, wie er mit ernster Miene seine Schuhe anzog und verschnürte.
„So!„, sagte er, nachdem alle ihre Schuhe an und fest verschnürt hatten. „Woll’n wir mal!“
Jonas ging aufs Eis und glitt davon. Nicht sehr elegant, aber doch einigermaßen sicher.
Henrik stieg aufs Eis und fuhr langsam los.
Mit einem breiten Lächeln schoss Noah über das Eis, glitt zwischen den Menschen hindurch, vorwärts, rückwärts, mühelos. Immer wieder suchte er die Nähe zu seinem Bruder, bremste im letzten Moment ab und wirbelte Eissplitter auf, die Jonas trafen.
Er lachte laut. Nicht gehässig. Einfach glücklich.
Henrik blieb an der Bande stehen und sah ihm zu.
Vor vier Jahren war er zum ersten Mal mit Noah hier gewesen. Der kleine Kerl war immer wieder hingefallen – und hatte sich jedes Mal geweigert, sich helfen zu lassen.
„Allein laufen!„, hatte er mit piepsiger Stimme gesagt. „Ich kann das, Opa!“
Und er hatte es gekonnt.
Heute flog er über das Eis.
Elegant. Schnell. Frei.
Manche Besucher schüttelten den Kopf über die „Jugend von heute". Andere lächelten und sahen ihm zu.
Henrik wusste längst, was er damals nur geahnt hatte.
Das hier war mehr als ein Hobby. So viel war offensichtlich.
Und er würde alles tun, um es zu fördern.
Ein untypischer Teenager
Der Wintersturm tobte draußen seit Stunden, doch in der Halle war davon kaum etwas zu spüren.
Nur gelegentlich drang das ferne Heulen der Böen durch die Wände.
Noah und seine Teamkollegen bekamen davon nichts mit.
Das Spiel lief. Nicht, dass Noah sich langweilte – aber es forderte ihn nicht.
Die Spielzüge der Gegner waren vorhersehbar, die Abwehr lückenhaft, die Stürmer unkoordiniert.
Er bewegte sich präzise, fast mühelos. Als würde er über dem Eis schweben.
Jens Carsten Petersen saß in der ersten Reihe, direkt neben der Spielerbank, und beobachtete ihn mit geschultem Blick. Es war nicht das erste Spiel, bei dem er Noah beobachtete.
Und er hatte es schon beim ersten Mal gesehen: Der Junge war zu gut für dieses Umfeld.
„Der gehört hier nicht hin", murmelte er leise.
„Ich weiß."
Der Trainer hatte ihn gehört.
„Manfred Görlitz", stellte er sich vor und reichte ihm die Hand.
„Petersen. Jens Petersen."
„Ich kann hier nicht mehr viel für ihn tun", fuhr Görlitz fort. „Keiner der anderen kommt auch nur annähernd an ihn ran. Und uns fehlen einfach die Mittel, um sie weiterzubringen."
Er machte eine vage Bewegung, die die kleine Halle mit ihren vielleicht hundertfünfzig Plätzen umfasste – und doch so viel mehr meinte.
Petersen nickte langsam.
„Ich habe das schon oft gesehen. Es ist ein Trauerspiel."
Er sah aufs Eis. Noah machte gerade einen Spin-o-Rama um einen Verteidiger, täuschte den Goalie rechts und schlupfte den Puck dann in die linke obere Hälfte. Der Junge lächelte und klopfte mit dem Schläger ein paar Mal aufs Eis. Keine große Siegergeste. Nur dieses schlichte Klopfen.
„Vielleicht kann ich helfen", sagte Petersen schließlich.
Görlitz sah ihn aufmerksam an.
„Sind Agent? Oder Scout?"
„Agent."
Er zog eine Karte aus der Tasche und reichte sie ihm.
Görlitz musterte sie kurz. Dann sah er wieder aufs Eis.
„Geben Sie dem Jungen eine Chance. Er hat das Talent. Und er arbeitet hart auf dem Eis. Aber hier? Hier fehlt ihm die Herausforderung. Hier kann er sich nicht mehr weiterentwickeln."
Petersen starrte auf das Eis. Und dann traf er eine Entscheidung.
„Dann werde ich Ihnen Ihren besten Spieler wohl wegnehmen müssen", lächelte er schmal. „Lassen Sie uns reden."
Noah kam aus der Kabine.
Die Haare noch feucht von der Dusche. Er sah den Mann, der auf ihn wartete.
Groß. Schlank. Graue, streng gescheitelte Haare. Teurer Anzug. Neben ihm stand sein Trainer und lächelte zufrieden.
„Hallo, Noah", sagte der Mann ruhig. „Hast du einen Moment? Es ist wichtig."
Entscheidungen
Es war Sonntag.
Der Tag des Familienessens. Immer.
Selbst wenn ein Asteroid einschlagen würde oder Außerirdische die Erde eroberten.
Die Snyders würden um zwölf Uhr am Tisch sitzen.
Mit weißer Tischdecke, dem feinen Porzellan., den Stoffservietten und Kristallgäsern.
Der Braten war angeschnitten und sie reichten sich die Beilagenschüsseln.
Gesprochen wurde wenig, eigentlich nur das Nötigste, so war außer dem Klappern des Bestecks kaum etwas zu hören.
Dann legte Noahs Vater, Markus Snyders, erfolgreicher Plastischer Chirurg, sein Besteck parallel auf den Teller, tupfte sich die Lippen mit der Serviette und nahm einen Schluck Rotwein. Dabei sah er Noah aus dem Augenwinkel an.
Jonas warf Noah einen Blick zu. Was hast du diesmal angestellt?
„Noah", sagte Markus ruhig.
„Ein gewisser Jens Petersen war Montag bei mir in der Praxis."
Markus Snyders beugte sich vor und stützte die Ellenbogen auf dem Tisch ab.
„Ich nehme an, der Name sagt dir etwas."
Noahs Gabel blieb in der Luft stehen.
Damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte erwartet, dass dieses Thema nie angesprochen würde. Dass sein Vater Jens Petersen zwar anhören, aber dann ignorieren würde.
„Ja", sagte er schließlich. „Das ist ein Sportagent. Er hat mich vorletzte Woche angesprochen, nach dem Training."
„Er hält dich für talentiert", fuhr Markus fort. „Und als Agent sollte er das beurteilen können."
Jonas schnaubte. „Klar. Die erzählen jedem, er wäre der nächste große Star. Und dann lassen sie dich fallen."
„Jonas."
Magdas Stimme war leise – aber scharf.
Dann wandte sie sich Noah zu.
„Ist das wahr? Du hast mit ihm gesprochen?"
Noah nickte.
Er wollte nicht darüber reden.
Nicht hier.
Nicht jetzt.
Markus nahm noch einen Schluck Wein, nahm einen Bissen vom Braten.
„Er schlägt vor, dass du nach Berlin gehst. Zur Jugendmannschaft eines Profivereins. Eine Gastfamilie hätte er auch schon organisiert. Und eine passende Schule."
Jonas lachte trocken. „Berlin? Die zerlegen dich da, bevor du das Tor gefunden hast."
Noah sah ihn an.
„Halt dich raus, Jonas. Du hast keine Ahnung, wovon du redest. Studier du einfach weiter."
Lara hob den Kopf.
„Warum Berlin?„, fragte sie leise. „Warum so weit weg? Ich will, dass du bleibst.“
Noah sah seine jüngere Schwester an und seine Stimme wurde weicher.
„Weil der Agent denkt, ich bin gut. Gut genug, um weit zu kommen. Und weil es hier nichts mehr gibt, was mich weiterbringt", sagte er leise zu ihr, aber laut genug, dass es alle hören mussten.
Einen Moment lang geschah gar nichts. Markus drehte das Weinglas zwischen den Fingern. Sein Blick lag auf Noah – und für einen Bruchteil einer Sekunde war da etwas in seinen Augen, das Noah nicht kannte. Kein Kalkül. Kein Urteil.
Markus stellte das Glas ab.
„Talent ist schön", sagte er kühl. „Aber es reicht nicht. Das ist dir doch klar."
„Das weiß ich."
Noahs Stimme war fester, als er sich fühlte.
„Ich weiß, dass es härter wird. Dass ich mehr arbeiten muss."
Er griff nach seinem Wasserglas. Seine Hand zitterte leicht.
„Aber wenn ich hier bleibe, verliere ich Jahre. Wahrscheinlich werde ich nie etwas werden."
„Petersen verkauft dich", sagte Markus ruhig. „Das ist sein Geschäft."
„Auch das ist mir klar!"
Zum ersten Mal wurde Noah lauter.
„Aber er verdient nur, wenn ich es schaffe. Also haben wir beide Interesse daran, dass ich weiterkomme."
Dann lehnte Markus sich zurück und schaute Noah aus seinen kühlen grauen Augen an.
„Und wenn du scheiterst?"
Noah hielt seinem Blick immer noch stand.
„Dann habe ich es wenigstens versucht. Und muss mich nicht mein ganzes Leben fragen, ob ich die einzige große Chance vertan hätte!"
Er schaute auf seinen Teller „Und dann komme ich zurück. Mach mein Abitur, Und studiere hier.“
Markus betrachtete ihn, als würde er etwas bewerten.
„Ich habe mich über Petersen erkundigt. Hart, aber ehrlich und rechtschaffen." Eine kurze Pause. „Das musste ich. Du bist noch immer mein Sohn."
Dann nickte er knapp, mehr für sich selbst als für die anderen am Tisch.
„Du kannst das machen. Meinen Segen hast du."
Er nahm noch einen Schluck von seinem Rotwein.
Noah sah langsam auf, konnte kaum glauben, was er da gehört hatte.
„Ich weiß, du bist nicht wirklich glücklich hier. Also kannst du nach Berlin gehen. Aber es gibt Bedingungen: Du machst dein Abitur. Und dann studierst du Medizin. Von mir aus auch in Berlin. Alles andere kläre ich mit Herrn Petersen."
Noah blinzelte.
„… wirklich? Du meinst das ernst?"
„Unter diesen Bedingungen."
„Ich kann es kaum glauben. Kann mich bitte wer kneifen?", murmelte Noah. Immer noch fassungslos.
Magda lächelte.
„Das ist doch aufregend, Noah."
Jonas schüttelte den Kopf.
„Warum nicht einfach hier bleiben und was Vernünftiges machen?"
Noah sah ihn an.
„Neidisch?" Noah blitzte seinen Bruder an.
„Du hast von meinem Leben keine Ahnung. Also kümmere du dich um dein Leben."
„Du weißt doch nichts über –"
„Genug."
Markus’ Stimme war nicht laut, aber sie reichte.
Lara presste die Lippen zusammen, dann stand sie abrupt auf.
Der Stuhl scharrte über den Boden.
„Ich will nicht, dass du gehst!" Man hörte die Tränen in ihrer Stimme, dann rannte sie hinaus und eine Tür knallte.
Noah zuckte zusammen. Er konnte seine Schwester nicht so allein lassen. Er stand auf und ging ihr nach.
„NOAH", sagte Markus. „Lass sie. Sie beruhigt sich wieder."
Noah ignorierte seinen Vater.
Er klopfte an der Tür.
„Lara? Darf ich reinkommen?"
Lange Zeit nichts.
Dann öffnete sich die Tür einen Spalt. Lara ließ ihn in der Tür stehen und warf sich wieder auf ihr Bett, den Blick zum Fenster hinaus gerichtet. Im Arm hielt sie den großen Teddybären, den sie von ihrem Großvater bekommen hatte.
Noah machte die Tür hinter sich zu und setzte sich auf die Bettkante.
„Süße. Komm, schau mich an."
Lara reagierte nicht.
Da nahm er sie sanft am Kinn und drehte ihren Kopf vorsichtig, sodass er ihr in die Augen sehen konnte.
„Süße – ich bin ja nicht für immer weg. Und ich komm dich ja an Wochenenden besuchen."
Er lächelte sie an.
„Und an Feiertagen. Und in den Ferien! Okay? Berlin ist ja nur drei Stunden mit dem Zug."
Ihre Augen schimmerten immer noch feucht.
„Das kannst du doch nicht versprechen."
Noah zögerte einen Moment.
„Ich verspreche dir, dass ich es versuche. So oft ich kann. Okay?"
Sie nickte leicht, kaum merkbar.
„Du lässt mich aber mit dieser beknackten Familie allein. Das weißt du."
Er nahm sie in den Arm und küsste sie auf den Kopf.
„Ich weiß, und es tut mir auch wirklich leid."
Er schaute ihr wieder in die Augen.
„Aber … das … das ist wirklich wichtig für mich. Ungefähr so wichtig wie …"
Er überlegte einen Moment.
„… wie es dir wichtig wäre, wenn du ein Treffen mit den New Kids on the Block haben könntest und du dafür aber weit wegfahren musst."
„Die sind doch out, Noah. Backstreet Boys sind jetzt in!„, sagte sie ehrlich entrüstet.
„Okay – ich kenn mich da nicht so aus. Aber du weißt, was ich sagen will?“
Sie sah ihn lange an.
„So wichtig ist dir das?"
„Ja. Außer dir ist es das Wichtigste auf der Welt für mich."
„Du bringst mir aber was mit aus Berlin!"
„Was immer du willst", lachte er.
„Und wir telefonieren! Und schreiben uns Briefe!"
„Wenn du willst. Aber ich kann meine Schrift kaum selber lesen."
„Und ich darf dich auch besuchen!"
„Muss ich erst mit der Gastfamilie klarmachen, aber wird schon klappen."
„Ich hab dich lieb, Noah."
„Ich dich auch, Süße. Und wir werden immer zusammenhalten. Wir zwei gegen den Rest der beknackten Familie. Okay?"
„Okay!"
Sie umarmten sich und blieben noch lange so sitzen.
Als Noah aus Laras Zimmer kam, fing ihn seine Mutter ab.
„Du weißt, warum dein Vater zugestimmt hat?"
„Nicht so wirklich. Ganz verstehe ich es nicht."
„Dein Großvater. Er hat angerufen, und sie haben darüber gesprochen. Markus wollte es überhaupt nicht, aber dein Großvater hat mehr oder weniger darauf bestanden. Sie hatten fast einen Streit deswegen. Schon wieder."
Sie sah ihn mit einem Blick an, halb traurig, halb liebevoll.
„Und er hat auch nur Ja gesagt, weil dein Großvater die Kosten für alles übernimmt."
„Das erklärt es natürlich", murmelte Noah zwischen zusammengebissenen Zähnen.
„Ach, Liebling. Ich freue mich für dich, ehrlich. Aber du weißt ja, wie er ist."
„Ja", sagte Noah. „Ja, das weiß ich."