Ich habe hier einen Dialog, an dem ich schon längere Zeit feile. Er erscheint mir zu lang, zu kompliziert, zu umständlich. Aber ich weiß nicht, wo kürzen, wie prägnanter.
Was meint ihr?
„Wie kann er es wagen? Wie kann irgendjemand wagen, mein Fleisch und Blut vor den Augen dieser Unwürdigen in den Staub zu treten?“
„Weil du dich nie zu deinem Fleisch und Blut bekannt hast!“ Entgegnete Mheruniza nicht weniger laut.
„Nach all dem böswilligen Gerede über unsere Tochter und mich? Diesen Jungen zu meinem Bluterben auszurufen, wäre wie Öl in ein Feuer zu gießen.“
„Das hättest du bedenken sollen, bevor du sie entehrt und in den Tod getrieben hast.“
„Ich habe sie geliebt!“
„Geliebt? Du hast sie zu Grunde gerichtet!“
„Es war ihre Entscheidung, davonzulaufen.“
„Weil sie wusste, dass du sie geopfert hättest! Du sorgstest dich mehr um dein Ansehen, als um die Folgen deiner Taten. Der große Medir fürchtete das Gerede der Leute, das Gesetz, dessen Stimme er selbst ist und tat nichts, um dieses arme Kind zu retten. Seitdem ist ein halbes Leben vergangen und du bist geblieben, wer du immer warst: Ein Knabe, der in den Schuhen seines großen Bruders geht.“
Es klatschte laut. Mherunizas Kopf schnellte herum. Auf ihrer Wange zeigte sich glühend rot der Abdruck von Mizars Hand.
„Schweig, Frau!“
„Nein! Ich werde nicht länger dabei zusehen, wie du alles Glück in meinem Leben deiner Feigheit opferst.“
„Du redest dir den Kopf von den Schultern!“
„Ich habe keine Angst vor dem Tod! Nach all dem Schmerz an deiner Seite werde ich die Ewigkeit mit einem Lächeln in die Arme schließen.“
„GENUG!“ Seine Stimme kippte.
Mizar legte seine Hände um Mherunizas Hals und drückte fest zu. Ihre Augen traten aus den Höhlen und ihr Gesicht färbte sich dunkel. Sie stolperte rückwärts. Die Wand in ihrem Rücken verhinderte, dass sie fiel. Doch zugleich gab es kein Entrinnen mehr. Vergeblich riss und kratzte sie an seinen Armen.
„Aufhören!“ Schrie Bogus.
Er warf sich zwischen sie und löste den festen Griff des Medirs.
Mheruniza taumelte zum Fenster und stieß die Läden weit auf. Regenfeuchte Luft strömte herein.
„Mhoram ging es gut, als wir aufbrachen. Ich verstehe nicht, warum ihr streitet.“
„Über einen Streit sind wir längst hinaus. Doch dieses eine Mal spreche ich es aus, sonst würde ich daran ersticken.“ Krächzte die Daai.
„Einmal? In der unaufhörlichen Flut deiner Anschuldigungen könnte das ganze Tal ertrinken.“
„Und du schwimmst so unbekümmert darin, wie ein Fisch im Wasser.“
„Unsere Söhne sind bei einem Jagdunfall gestorben, Maissa ist im Wald in eine Felsspalte gestürzt. Wie hätte ich das verhindern können?“
„Das fragst du noch?“
„Schön! Gib mir die Schuld an ihrem Tod, wenn du dich dadurch besser fühlst!“
„Es geht doch nicht um mich! Mit derselben Unbedachtheit, die unseren Söhnen das Leben kostete, wirfst du seine Zukunft weg, als wäre er nicht alles, was mir geblieben ist! Und glaubst du wirklich, du hättest nichts zu Maissas Tod beigetragen? Woher nimmst du all die rechtschaffene Entrüstung? Wie findest du jemals Ruhe?“
„Du irrst! Jede Nacht, wenn ich auf den Schlaf warte, wünsche mir, es wäre anders gekommen. Sie waren auch meine Kinder. Ich habe nicht weniger verloren als du!“
„Du hast unter dem heiligen Baum die Vaterschaft beschworen. Doch was du verloren hast, kannst du nicht ermessen. Denn zur Liebe bist du gar nicht fähig.“
„Was weißt du schon über mein Herz?“
„Hättest du eins, stünde deine Welt so still wie meine.“
„Wie sehr ich dich beneide! Könnte ich mich nur wie du in meiner Trauer verlieren! Doch die Pflichten eines Herrschers sind wichtiger.“
„Die Pflichten eines Herrschers? Du bist wie eine Grille, die auf ihrer Blume sitzt, über die Wiese schaut und sich dabei einbildet, ihr läge die Welt zu Füßen.“
„Egal, was ich sage. Du hörst ja doch nicht zu! Die Vergangenheit ist vergangen. Es liegt nicht in meiner Macht, daran etwas zu ändern. Deshalb lasse ich sie los und lebe weiter, so gut ich es vermag. Aber du vergräbst dich in deinem Schmerz und badest darin, als seien es Rosenblätter. Wer gibt dir überhaupt das Recht, über mich zu urteilen?“
„Ich nehme es mir, in dem Wissen, was du meiner Tochter angetan hast!“ Schrie Mheruniza.
Der Medir zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen. Sein Mund klappte auf und zu, wie bei einem Fisch auf dem Trockenen.
„Ich habe geduldet und geschwiegen, wie die Sitte es verlangt. Ich fügte mich in das Unmögliche, bis mein Kind daran zerbrach und das Ausmaß meiner Schuld nimmt mir die Freude am Leben. Aber ich habe aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Mhoram bekommst du nicht. Ich warne dich. Lass die Finger von ihm!“
„Du bist nur ein Weib! Es steht dir nicht zu, etwas zu verlangen oder mir zu drohen. Ich werde mit ihm verfahren, wie es mir gefällt.“
„Dann steige ich auf das höchste Dach dieser Stadt und schreie die Wahrheit laut hinaus. Ich klage dich an vor aller Augen und Ohren.“
„Worum geht es hier eigentlich?“ Unterbrach Bogus den Streit.
„Um gar nichts.“
Der Medir bedeckte seinen Mund, um den Strom seiner unbedarften Worte aufzuhalten. Doch es war zu spät.
„Um gar nichts…“ Wiederholte Mheruniza tonlos.
Sie presste beide Hände auf ihr Herz. Es zerbrach in tausend Scherben.
Mizar streckte seine Arme nach ihr aus. Doch er wagte nicht, sie zu berühren.