Zieht der Anfang irgendjemanden außer mir hinein …?

@ Palinurus

Danke, das ermutigt mich vielleicht doch mal alle Erinnerungen zusammenzufassen. Mittlerweile habe ich auch genügend Distanz zu der Zeit.

Was die Nachbartochter betrifft: Meistens liegt es nicht an der Einstellung der Eltern, sondern vor der Angst der anderen Türken. Schnell war man früher die „eingedeutschte Hure“ und wurde missachtet. Dein Nachbar schien aber Rückgrat zu haben.
Bei uns in den Vierteln gab es keine liberalen Eltern. Da wurden die Sitten aus Tunceli 1:1 gepflegt und gehegt.
Woran ich mich aber erinnere, ist eine alleinstehende Türkin mit ihrer Tochter. Sie trugen keine Kopftücher und waren auch sonst normal gekleidet. Nicht aufreizend oder provozierend. Trotzdem gingen sie durch die Hölle. Denke das kann man nicht mit deinen Nachbarn vergleichen, die vermutlich ihre Ruhe hatten. Ansonsten kenne ich solch annährend liberale Lebensweisen nur von türkischen Kurden. Bei ihnen trugen nur die älteren Frauen Kopftücher.

Was ihren letzten Blick betrifft: Es tat es ihr bestimmt leid, Dir etwas verheimlicht zu haben. Vielleicht wollte sie schauen, wie die deutschen Jungs so sind und war ganz angetan von Deiner Art.

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Sehr aufrichtig geantwortet, lieber Renator: Ich wünsche mir, daß es so gewesen sein könnte. Selbst in Anbetracht der narzißtischen Kränkung, die sich damit für mich zweifellos verbindet! Denn unter dieser Annahme muß man keinen Wirklichkeit gewordenen Albtraum vor Augen stehen haben, was ihr weiteres Leben angeht. – Es ist für mich sehr merkwürdig gelaufen, seit dein Beitrag bei mir diese Schilderung evoziert hat: Ich habe darüber (beinahe) noch nie gesprochen – und plötzlich wurde etwas “losgetreten”, das dann, warum auch immer, in eine quasi unmittelbare Expression mündete (sozusagen auch noch “in der Öffentlichkeit”). Als ob mich irgendwetwas “getriggert” habe, das dann einen “Dammbruch” auslöste.
Ich habe nicht den Mut gehabt, deinen Text daraufhin abzugrasen, was es (genau) gewesen sein könnte. Mir ist allerdings in der Zwischenzeit zu Bewußtsein gekommen, daß mich diese “kleine Geschichte” aus dem eigenen Leben (noch immer) mehr umtreibt, als ich dessen bisher gewahr war. Und ich weiß nicht, woran das liegt: Weil das für mich damals schon ein kleines Trauma war? Noch etliche Zeit danach bin ich jedenfalls wie ein Zombie durch die Botanik geirrt; will sagen: es dauerte schon eine Weile, bis ich den damit verbundenen Schock überwunden hatte. – Oder liegt dieses “Betroffenwerden” von den eigenen Erinnerungen in diesem Fall eher am Vagen** ihres** weiteren Schicksals? – Ich meine damit: Für mich sieht’s so aus, daß ich nach ein paar Monaten “über den Berg kam” … – Sie auch?

Bevor ich hier den Umriß dieser kleinen Geschichte gab, hab ich engagiert und entspannt an einer aktuellen Arbeit rumgemacht, lesend, bißchen korrigierend, dies und das dazusetzend oder streichend … – Seitdem jedoch läuft gar nichts mehr. Die Bilder, Eindrücke – übrigens auch Düfte, liebe @Buchling --, und diverse Gedankenfetzen von damals wabern durchs Gedächtnis und kumulieren zu Wolken eines melancholischen Andenkens, das mich ganz in Bann schlägt. Im Grunde genommen scheint es so zu sein, als würde meine Aufforderung an dich letztlich auch eine an mich selbst implizieren: Nämlich das aufzuschreiben. Es sieht fast so aus, als nötige etwas dazu …

Aber will ich das (wirklich)? – Was bewirkt es? V.a. mit Betracht auf’s definitve Nichtwissen, was ihr Schicksal angeht? Was würde sich die schriftstellerische Phantasie ausmalen?
Wenn man die letzten Frage – bei der so wie beschrieben vorliegenden Konstellation – genauer in Blick nimmt, wird am Vorgang des Schreibens etwas offenbar, das aus meiner Sicht zu seinem Unergrüdlichen, Magischen, Rätselhaften … aber gleichzetig auch Allerschrecklichsten gehört: Es wird etwas … ähm … “(verschriftlichte) Wirklichkeit”, ohne daß dafür “in der Welt draußen” ein fundamentum in re existieren müßte … gleichwohl könnte … – Mit Saul Aaron Kripke gesagt: Es gehört zur Wirklichkeit, sofern es eine mögliche Variante aufs Tapet bringt. Und folglich **existiert **dann ergo diese Ausformung eines Schicksals (wir zweifeln ja auch keine Sekunde an Hamlets Schicksal und wissen zugleich, daß Shakespeare ihm auch andere Wendungen hätte einschreiben können, die für uns ebenso unbezweifelbar wären).

Ich glaube, daß es letztlich das ist, was mich gerade etwas aus der Fassung gebracht hat: Es kulminiert – zweifellos neben anderem – an der Einsicht, daß es Kippunkte in jedem individuellen Leben gibt, die (metaphorisch gesprochen) eines anders wehenden Windhauchs im entsprechenden Augenblick wegen vollkommen anders hätten weitergehen können, als sie … ähm … “real” weitergegangen sind …

Schreckenzeugend ist für mich daran einerseits, daß ein Ausmalen solcher unrealisiert gebliebenen Alternativstränge einem vor Augen führt, wie fragil im Grunde genommen die eigene akute Lebenssituation ist (mit dem zusätzlichen Faktor der Vagheit auch anderer, mit mir verbundener Leben [wenn ich etwa an meine kleine Tochter denke]); und zum Zweiten ist’s dabei natürlich so, daß mir daran aufgeht, wie eminent dieser Umstand mit jenem verknüpft ist, daß Schriftsteller es nicht dabei belassen, so etwas “im Kopf mit sich herumzutragen”, sondern diesen unrealisiert bleibenden Möglichkeiten Leben und damit verknüpften Figuren Existenz einhauchen: Goethe hat einmal notiert, er habe zu einem gewissen Zeitpunkt in seinem Leben nur die beiden Möglichkeiten gehabt, entweder den Werther zu schreiben (Dank an @DuaneHanson für diese Reminiszenz) oder sich zu entleiben! Gucken wir aber, was “der Werther” bei etlichen jungen Zeitgenossen Goethes "angerichtet hat: Da sind plötzlich aufgrund dessen … ähm … “fiktiver Existenz” etliche reale Existenzen “übern Jordan gegangen” …

Was ich eigentlich sagen will: Du hast bei mir eine Lawine von Assoziationen, Gedanken und Gefühlswallungen angestoßen (also bitte nicht als Vorwurf verstehen – ich bin dir uinendlich dankbar für dieser “Anregung”!), daß sie – wie im Einzelnen auch immer, möglicherweise sogar literarisch – Einfluß auf mein Leben nimmt und auch weiterhin nehmen wird; und vielleicht hat das auch Auswirkungen auf weitere, andere, mir und dir möglicherweise überhaupt nicht bekannte menschliche Existenzen (vom anderen Fall ganz abgesehen).

Nochmal zurück zum Anfang: Wenn es mit M. nicht so zugegangen ist, wie du es dir zurechtgelegt hast und ich’s gern glauben möchte, dann ist das für mich zwar irgendwie … ähm … “virtuell”, fiktiv und nicht eruierbar, aber gleichzeitig natürlich genauso bedeutsam wie der Alternativstrang. Das hat einfach etwas mit der Macht der Gedanken zu tun – uind niemand ist in der Lage, sie einfach zu ignorieren, wenn er auf ein bestimmtes “inneres Sensorium” eingeschworen ist. Von daher betrachtet: Womöglich ist die Literatur auch eine Art pharmakon, mit derlei kaum angemessen balacierbaren Unwägbarkeiten, mit ihrer letzthinnigen Nicht-Tarierbarkeit irgendwie … ähm … fertigzuwerden …

Viele Grüße von Palinurus

PS: Und ja! Ich finde es gut, daß du Erwägungen anstellst über die Möglichkeit [sic], deinen Erinnerungen an die frühen Frankfurter Jahre Ausdruck zu verleihen.

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Ich kann Deine Reaktion gut nachvollziehen. Mein Buch basiert fast nur auf wahre Geschehnisse, - nur der Teil des anderen Hauptcharakters ist Fiktion. Es geht um die Liebe zu einem Mädchen aus dem Villenviertel. Dieses Mädchen gab (und gibt) es tatsächlich und als ich das Buch geschrieben habe, sind die ganzen Emotionen wieder hochgekommen … und ich habe sie so vermisst wie damals. Das ich sie mindestens einmal im pro Jahrzehnt sehe, hat die Flamme am Leben gehalten. Die Erfahrung beim Schreiben war heftig … hat mich unerwartet getroffen. Vielleicht war es bei Dir ähnlich, weil ich Dir mit meine Vermutung eine andere Sichtweise eröffnet habe … bzw. deine Gedanken in positive (wenn auch etwas traurige) Bahnen gelenkt zu haben.

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