Versuch (einfach göttlich)

Ἄνδρα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροπον … :wink: … Erinnerungen an die Schulzeit werden wach. Singe mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes …

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Wir befinden uns unten, bei den Sterblichen. Genauer gesagt, in einem Seminarraum der archäologischen Fakultät. Antike Gefäße werden vorsichtig von interessierten Studenten (1) durchgereicht. Mit aufgerissenen Augen raunt man Versicherungssummen.

„Hier haben wir ein besonders schönes Beispiel für Fische. Wie sie sicher wissen, spielten Fische eine wesentliche Rolle in der Ernährung der alten Griechen. Erinnern sie sich an Archippos, der die Fischhändler als reich darstellt, was auf den hohen Wert von Fischen hinweist, oder Antiphanes: ‚Ohne Fisch gibt es kein richtiges Mahl.‘ Dementsprechend finden sich häufig Darstellungen von Fischen auf Speisekeramik.“

Die Studenten saugen die Informationen in sich auf. Sie bewundern die Eleganz des Gefäßes und die Meisterschaft in der malerischen Ausführung.

„Beachten Sie, wie die Linienführung der Malerei mit der Kurvatur des Gefäßes harmoniert.“

Gebannt betrachten die Studenten die Schale, die der kleine Hai bemalt hatte. Die Fische sehen ganz besonders aus.

„Lecker.“

„Wie bitte?“

„Die Fische. Sie sehen irgendwie lecker aus.“

Der Professor geht um den Tisch herum und inspiziert das Gefäß intensiv.

„So habe ich das noch nie gesehen. Aber ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen.“

(1) Archäologiestudenten sind immer interessiert. Gelangweilte Studenten halten sich bevorzugt in anderen Fächern auf.

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Terro balancierte in einer dynamischen Pose auf einem Stuhl. Das Schwert hatte er kämpferisch weit vorgestreckt. Am Anfang schien das eine gute Idee zu sein, aber nachdem er jetzt seit längerer Zeit in dieser Pose verharrte, wünschte er sich, eine andere Haltung eingenommen zu haben. Vielleicht ein schlafender Mann. Unwilliges Zischen erfolgte auf seinen letzten Wackler. Terro korrigierte seinen Schwertarm etwas. Er gab sich wirklich Mühe. Aber umfasste sein Arbeitsvertrag wirklich das Modellstehen für Unterrichtseinheiten in klassischer Vasenmalerei?

„Auf dieser rotfigurigen Amphore sehen wir die illusionistische, dreidimensionale Wiedergabe eines Halbgottes. Beachten Sie die perspektivischen Verkürzungen und die gekonnte Darstellung der Bewegung.“

„Und die ganzen Kinder? Das sind doch Kinder, oder?“

„Dabei handelt es sich offensichtlich um seine Gefolgschaft. Eventuell auch ein Hinweis auf Fruchtbarkeitskulte, die mit diesem Halbgott in Verbindung stehen.“

„Nee, das ist doch ein Kindergarten.“

Allgemeines Gelächter der Studenten. Sie, werte Leserinnen und Leser, wissen natürlich, wie nah das an die Realität herankam.

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„Das sieht aber nicht wie Terro aus!“

„Lass mich doch.“

„Du machst ja nur Striche.“

„Na und? Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.“

„Striche sind doch keine Phantasie.“

„Sind sie doch!“

„Sind sie nicht!“

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„Lassen Sie sich auf den geometrischen Stil mit seinen betörend monotonen Wiederholungen ein. Spüren Sie dem Sog des meditativen Strudels nach, wenn Sie den vibrierenden Linien folgen. Und vergessen Sie nicht, das Objekt als Ganzes zu betrachten: der Horror vacui in seiner frühesten Form.“

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Belustigt sah man zu, wie sich eine vollkommen unfähige Besatzung kleinster Dinge zwischen den göttlichen Füßen hindurchlavierte. Die Götter waren sogar nett und wichen dem Schiffchen immer wieder aus, wenn es auf Kollisionskurs war.

„Kein Schiff der Menschen rühmt sich je, dort unversehrt entronnen,
wenn es einmal hinkam; sondern mit den Planken der Schiffe
und mit der Leiber der Männer füttern die Wogen des Meeres
den Typho und die vielheulende Amphitrite.“

„Kalliope! Also wirklich! Da kann doch keiner was dafür, wenn die sich so anstellen.“

„Und außerdem sind die Verse recycelt.“

Kalliope zog schmollend davon. Sollten doch andere die Dichtung vollenden! Und Zeus? Der hatte genug von den kindischen Spielereien.

„So! Für heute ist es genug. Ihr geht jetzt ins Bettchen!“

Dienstbare Geister wurden angewiesen, das Schiff einzufangen, was sich bei dem unkalkulierbaren Kurs als gar nicht so leicht erwies. Endlich wurde es von einem erwischt.

„Und jetzt? Wohin damit?“

„Zu Hebe, die soll es irgendwo hinter der Bar abstellen.“

Nicht Hebe, die gerade konzentriert einen anspruchsvollen Cocktail mixte, sondern Loki nahm das Schiff mit glänzenden Augen in Empfang. Versuchsweise pustete er gegen das Segel und hätte fast die Besatzung über Bord geblasen.

„Ups. – Hebe, wohin damit?“

„Stell es irgendwohin, wo es in Sicherheit ist.“

Loki sah sich um. Die Bar hatte nicht wirklich viel Ablagefläche, alles stapelte sich und wurde nur durch göttlichen Willen daran gehindert, umzufallen. Überall drohten Gefahren. Einzig der Alkohol in den Flaschen war sicher untergebracht.

„Was mache ich jetzt mit euch?“

Die kleinsten Dinge sahen zu Loki auf und zuckten unentschieden mit den Schultern.

„Und, Loki? Wo hast du das Schiff hingeräumt?“

Hebe folgte Lokis Blick zu den Spirituosenflaschen. Dort schaukelte das Schiff wohlbehütet auf einer Welle aus Blue Curaçao.

(Und wer in der Jugend nie blau gekotzt hat, der hebe die Hand. Andere Farben sind natürlich auch gestattet.)

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Loki war entzückt von seinem neuen Spielzeug. Immer wieder schüttelte er die Flasche und wirbelte die kleinsten Dinge durcheinander wie in einer Schneekugel (1). Sobald sie das Schiff wieder erklommen hatten, drohten sie ihm mit den Fäusten (vorher brauchten sie die Hände natürlich zum Schwimmen und Ins-Schiff-Klettern). Loki lachte nur und führte jedem Gott, der vorbeikam, den Trick vor. Anfangs schauten die Götter interessiert zu, dann begann es, sie zu langweilen. Manche hatten Mitleid mit den kleinsten Dingen, die unermüdlich zurück ins Schiff kletterten. Irgendwann war der Punkt gekommen, an dem es reichte. Kalliope nutzte die Gelegenheit, um einen weiteren Vers zu recyceln.

„Seid Männer, Freunde, und gedenkt des stürmischen Mutes,
auf dass wir in glücklosen Zeiten dem Unbill Fortunas trotzen!“

Obwohl die kleinsten Dinge die Augen verdrehten, fühlten sie sich angefeuert und sinnierten über Fluchtmöglichkeiten. Vorschläge wurden diskutiert und verworfen, bis nur noch zwei im Raum standen. Die Mehrheitsmeinung neigte sich mal der einen, mal der anderen Seite zu. Vielleicht war es nicht die ideale Vorgehensweise, die Abstimmung mit den Füßen vorzunehmen und die Amplitude der Eigenfrequenz ihrem Maximum zuzuführen, was die Flasche schließlich vom Regal kippen ließ. Loki sprintete noch hin, aber sie glitt ihm durch die Finger und zerschellte am Boden. Natürlich zersprang sie in die obligatorischen tausend Scherben und schleuderte die kleinsten Dinge in die letzten Ecken. Eine blaue Lache breitete sich langsam aus, kroch freudig unter Sockelblenden und würde mit der Zeit eine klebrige Konsistenz annehmen, die eine magische Anziehungskraft auf Staub ausübt. (2)

(1) Man kann es nicht leugnen: Loki ist ein wenig kindisch.

(2) Auch wenn es scheinbare Anzeichen geben mag: Der Verfasser hat keinerlei Putzzwang.

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Die kleinsten Dinge mussten sich neu sortieren. Sie stellten sich in einer Reihe auf und zählten durch. Merkwürdigerweise kam immer die gleiche Zahl raus. Sie sahen sich irritiert an. Statt den einen oder anderen Mitstreiter hinter Getränkekästen verloren zu haben, waren sie mehr geworden. Merkwürdigerweise sahen sie niemanden. Mit dem Schütteln eines nassen Hundes wehrten sie weitere Gedanken ab. Eine Scherbe atmete erleichtert auf. Sie würde sich den kleinsten Dingen anschließen. Der Aspekt mit der Sichtbarkeit war nur eine Sache der Lichtverhältnisse. Sowas bekam man in den Griff.
Hebe stieg vorsichtig über die blaue Flüssigkeit, vermied das Zusammentreffen mit den kleinsten Dingen und zog Loki mit sich.

„Komm, Loki. Hier stören wir nur.“

Der beobachtete mit einem Auge die Bemühungen der kleinsten Dinge, wurde aber von dem anderen Auge, das auf der lieblichen Hebe weilte, überzeugt, sich anderen Dingen zu widmen.

Das Schiff war in einem schlimmen Zustand. Manche Dinge waren gar nicht mehr zu gebrauchen, andere mussten vollständig ersetzt werden. Endlich standen die kleinsten Dinge vor dem restaurierten Schiff. Okay, es war ein Schiff. Aber war es noch ihr Schiff? Inzwischen war Loki wieder aufgetaucht.

„Nennt es doch einfach Theseus.“(1)

(1) Für diejenigen, die das Gefühl haben, dieser „Theseus“ habe eine Bedeutung. Sie liegen richtig. Es handelt sich natürlich um ein philosophisches Paradoxon: Bleibt ein Objekt dasselbe, wenn alle seine Teile ausgetauscht wurden? Eine Frage, die in der Oldtimer-Szene intensiv und leidenschaftlich diskutiert wird. Und in Deutschland, das für seine bürokratischen Spitzfindigkeiten bekannt ist, spielt die Fahrzeug-Identifikationsnummer (FIN) eine entscheidende Rolle für die Zulassung als Oldtimer. Sie definiert die rechtliche Identität. Gut, zumindest dieses Problem trat bei den kleinsten Dingen nicht auf.

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:rofl: :rofl: :rofl: :+1:

Evi und Poppy hockten auf dem Boden und starrten gebannt in ein Loch. Kinder starren ja gerne mal etwas an, einen Bagger, die Glatze des Nachbarn oder eben ein Loch. Göttliche Kinder machen in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Evi bohrte mit einem Schaschlikspieß herum. Zeus suchender Blick galt Hebe oder Athene. Keine von beiden war in der Nähe. Also raffte er sich auf, die Auswirkungen der potentiell gefährlichen Begabungen seiner Kinder zu kontrollieren. Er beugte sich über das Loch und schrak zurück.

„Kinder! Wir wollen doch nicht, dass diese Dinge noch laufen lernen. Lasst sie weiter kriechen!“

Zeus schnappte sich die beiden und klemmte sie sich unter die Arme. Mit den Füßen schob er die herumliegenden Steinchen zurück in das Loch. Dienstbare Geister eilten herbei.

„Zubetonieren! Aber gründlich! Ich will hier keinen Pfusch!“

Frage: Versteht man die Anspielung?

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hm, nein … sorry :thinking:

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“Great holes secretly are digged where earth’s pores ought to suffice, and things have learnt to walk that ought to crawl.”
― H.P. Lovecraft, The Festival

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