Kapitel 1 – Der letzte Versuch
Josephina hatte aufgehört, auf den Briefkasten zuzulaufen.
Früher war sie gerannt, hatte die Klappe aufgerissen, noch bevor der Schlüssel ganz im Schloss steckte. Heute blieb sie stehen, ließ den Blick kurz über den schmalen Weg schweifen und atmete einmal tief durch, bevor sie den Umschlag überhaupt herauszog.
Absagen fühlten sich irgendwann gleich an.
Die erste hatte sie noch wütend gemacht. Die zweite traurig. Die dritte hatte sie einfach nur müde werden lassen. Immer dieselbe Begründung. Zu jung. Zu wenig Erfahrung. Vielleicht nächstes Jahr.
Dabei wollte Josephina nichts Unmögliches.
Nur weg. Nur raus. Nur sehen, wie die Welt aussah, wenn sie nicht jeden Weg kannte.
Die Zusage aus Los Angeles war anders gewesen. Endlich konkret. Endlich greifbar. Ein Ort, ein Name, ein Gefühl von Jetzt geht es los. Wochenlang hatte Josie Listen geschrieben, sich Bilder angesehen, Englisch geübt, bis ihr der Kopf schwirrte. Sie hatte sich erlaubt, sich zu freuen.
Und dann war da dieser Brief gewesen.
Familieninterne Gründe. Leider. Unvorhersehbar. Es tue ihnen leid.
Josephina hatte das Papier gefaltet, wieder geöffnet, erneut gelesen. Nicht, weil sie den Inhalt nicht verstanden hätte, sondern weil sie hoffte, sich irgendwo verlesen zu haben.
Danach hatte sie den Umschlag in die Schublade geschoben und sie tagelang nicht mehr geöffnet.
„Vielleicht soll es einfach nicht sein“, hatte Josie irgendwann zu Anna gesagt. Und es hatte sich nicht einmal dramatisch angefühlt. Nur ehrlich.
Jonas war zufällig da gewesen. Er saß mit Ben am Küchentisch, hatte eine Tasse Kaffee in der Hand und hörte zu, ohne etwas zu sagen. Das war eine seiner Eigenschaften: Er redete nicht dazwischen. Er ließ Pausen stehen.
„Du weißt“, hatte er schließlich gesagt, „dass es nicht nur die USA gibt.“
Josephina hatte nur mit den Schultern gezuckt. Kanada war ein Wort gewesen. Weit weg, kalt, unbestimmt. Keine Postkartenbilder in ihrem Kopf. Kein Traum, den sie sich über Jahre aufgebaut hatte.
„Die Brogdens“, hatte Jonas weitergesprochen, als würde er von alten Bekannten erzählen. „Ganz normale Leute. Nicht perfekt. Aber fair. Und ehrlich.“
Er hatte nicht versucht, sie zu überzeugen. Er hatte einfach erzählt. Von Abenden am See. Von Fremdsein, das langsam weniger wurde. Von dem Gefühl, irgendwann nicht mehr zu zählen, wie viele Tage man noch hat, sondern wie viele man erlebt.
Josie hatte zugehört. Mehr, als sie wollte.
Am Abend saß Josephina an ihrem Schreibtisch. Das Fenster war gekippt, irgendwo draußen fuhr ein Auto vorbei. Alles war wie immer. Und genau das machte es schwer.
Sie hatte den Brief dreimal neu begonnen. Den Stift wieder hingelegt. Worte gestrichen. Sätze vereinfacht. Keine Erwartungen, hatte sie sich gesagt. Keine Hoffnungen. Nur eine Anfrage.
Als sie den Umschlag schließlich schloss, zitterten ihre Hände ein wenig. Nicht vor Aufregung. Eher vor Erschöpfung.
Josephina stand auf, ging zur Tür und blieb einen Moment stehen.
Dann legte sie den Brief auf den Stapel neben dem Schlüssel.
Morgen, dachte Josie.
Mehr konnte sie gerade nicht.
Kapitel 2 – Im Dunkeln
Der Brief war abgeschickt.
Seit drei Tagen wartete Josephina auf eine Antwort.
Sie brauchte frische Luft.
Abstand von den Gedanken, die sich seitdem immer wieder im Kreis drehten.
Wenn ihr alles zu nah wurde, zog es sie oft hierher.
Dorthin, wo sie nicht erklären musste, was sie fühlte.
Der Wald begann dort, wo der Weg aufhörte.
Josephina blieb einen Moment stehen und wartete, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Über den Baumwipfeln war der Himmel noch hell genug, um Umrisse zu erkennen, doch darunter verschluckte der Wald jedes Licht. Neben ihr zog Anna die Kapuze ihrer Jacke tiefer ins Gesicht.
„Sag mir bitte noch mal, warum wir das nachts machen“, murmelte sie.
Josie grinste. „Weil man tagsüber alles schon kennt.“
Sie setzten sich in Bewegung. Der Boden war weich, feucht vom Regen der letzten Tage. Unter ihren Schuhen gab die Erde nach, irgendwo knackte ein Ast, weiter hinten raschelte es im Unterholz. Die Gruppe war klein diesmal. Keine Mutproben, kein lautes Lachen – nur gedämpfte Stimmen und das gleichmäßige Geräusch von Schritten.
Josie mochte diese Momente. Wenn alles stiller wurde. Wenn man nicht reden musste.
Der Wald roch nach Erde und Moos. Nach etwas Altem. Vertrautem. Sie atmete tief ein und versuchte, sich jedes Detail einzuprägen: den schmalen Weg zwischen den Bäumen, das Laub unter ihren Füßen, die Kälte, die langsam durch die Jacke kroch.
„Denkst du manchmal daran, dass du bald weg bist?“, fragte Anna leise.
Josie zögerte. „Eigentlich ständig.“
„Und?“
Sie zuckte mit den Schultern. „Manchmal fühlt es sich an wie Freiheit. Und manchmal wie …“
Sie brach ab, suchte nach einem Wort.
„Wie etwas, das man nicht mehr zurückholen kann.“
Anna nickte. Sie stellte keine weiteren Fragen.
Die Stimmen der anderen entfernten sich ein wenig, wurden leiser, bis Josie und Anna fast allein waren. Plötzlich flatterte ein Vogel ganz in der Nähe auf. Anna fuhr zusammen.
„Ich hasse das“, flüsterte sie.
„Du liebst es“, erwiderte Josie.
Ein schmaler Pfad führte zu einer kleinen Lichtung. Von hier aus konnte man den Ort nicht mehr sehen. Keine Häuser, keine Straßen. Nur Bäume, die sich dicht an dicht aneinanderdrängten.
Josie blieb stehen.
„Was ist?“, fragte Anna.
„Nichts“, sagte sie. „Ich wollte mir das nur merken.“
Anna sah sie an. „Was merken?“
„Dass es Orte gibt, an denen alles gleich bleibt. Auch wenn man selbst geht.“
Sie setzten sich auf einen umgestürzten Baumstamm. Für einen Moment sagte niemand etwas. Der Wind bewegte die Blätter über ihren Köpfen, irgendwo rief eine Eule. Dieses leise Ziehen in Josies Brust war wieder da. Nicht traurig. Nicht glücklich. Irgendetwas dazwischen.
Zwiespalt.
Als sie später den Rückweg antraten, war der Wald nicht mehr ganz so dunkel. Aber auch nicht heller. Josie ging langsamer als zuvor. Nicht, weil sie Angst hatte – sondern weil sie wusste, dass sie diesen Weg so bald nicht mehr gehen würde.
Und plötzlich erschien ihr der Gedanke,
dass das Unbekannte nicht nur weit weg lag.
Sondern manchmal genau dort begann,
wo man sich am sichersten fühlte.
Kapitel 3 – Die Zusage
Der Brief kam an einem Morgen, der aussah wie jeder andere.
Josephina hörte den Briefkasten klappen, während sie noch am Küchentisch saß und gedankenverloren in ihrem Tee rührte. Für einen Moment tat sie so, als hätte sie es nicht gehört. Als würde das Warten weniger bedeuten, wenn sie es hinauszögerte.
Dann stand sie doch auf.
Der Umschlag war heller als die anderen. Ausländische Briefmarken. Ihr Name in einer Handschrift, die sie noch nicht kannte. Josephina blieb im Flur stehen. Sie öffnete den Umschlag nicht sofort. Ihre Finger lagen nur auf dem Papier, als müsste sie sich vergewissern, dass es wirklich da war.
Erst als sie tief Luft holte, riss sie ihn auf.
Sie las den ersten Satz.
Dann den zweiten.
Dann blieb ihr Blick an einem Wort hängen.
Gerne.
Mehr brauchte es nicht.
Josephina setzte sich auf die Treppenstufe im Flur. Der Brief rutschte ihr aus der Hand und landete neben ihr auf dem Boden. Sie lachte leise, fast ungläubig, und spürte gleichzeitig dieses vertraute Ziehen in der Brust. Freude – und etwas anderes, das sich noch nicht benennen ließ.
„Mama?“, rief sie.
Ihre Mutter kam aus der Küche. Josephina sagte nichts, reichte ihr nur den Brief. Sie beobachtete, wie die Augen ihrer Mutter die Zeilen überflogen, wie sich ihr Gesicht veränderte.
„Das ist Kanada“, sagte sie schließlich.
Josephina nickte.
Es war kein Jubel. Kein Kreischen. Kein Springen.
Nur dieses stille Wissen: Jetzt ist es wirklich.
Die Tage danach vergingen schneller, als sie es für möglich gehalten hätte.
Listen tauchten auf. Termine. Gespräche. Menschen, die ihr plötzlich sagten, wie mutig sie sei. Josephina hörte zu, lächelte, nickte – und merkte erst spät, dass Mut nicht bedeutete, keine Angst zu haben. Sondern trotzdem weiterzugehen.
Anna kam fast jeden Tag vorbei. Sie redeten über alles und nichts. Über Kanada. Über den Wald. Über Dinge, die sie nie laut ausgesprochen hatten. Manchmal saßen sie einfach nur nebeneinander.
„Du wirst fehlen“, sagte Anna irgendwann.
„Du auch“, antwortete Josephina.
Mehr brauchten sie nicht.
Am Abend vor der Abreise lag Josephina wach. Ihr Zimmer war fast leer. Die Koffer standen bereit. An den Wänden hingen noch Schatten dort, wo früher Poster gewesen waren.
Sie dachte an den Wald. An den Weg. An die Lichtung.
Und daran, dass sie morgen etwas hinter sich lassen würde,
ohne zu wissen, was genau vor ihr lag.
Der Flughafen war lauter, als sie es erwartet hatte.
Stimmen, Durchsagen, rollende Koffer. Josephina stand zwischen ihren Eltern und versuchte, sich alles einzuprägen. Die Art, wie ihre Mutter sie ansah. Der feste Händedruck ihres Vaters. Annas Umarmung, die einen Moment länger dauerte als sonst.
„Schreib mir“, sagte Anna.
„Versprochen“, sagte Josephina.
Als sie sich umdrehte und durch die Kontrolle ging, schaute sie nicht zurück. Nicht aus Kälte. Sondern weil sie wusste, dass sie sonst stehen bleiben würde.
Im Flugzeug saß sie am Fenster. Als die Maschine abhob, legte sie die Stirn an die Scheibe. Die Stadt wurde kleiner. Die Straßen dünner. Der Wald verschwand als dunkler Fleck in der Ferne.
Josephina schloss die Augen.
Sie wusste nicht, was sie erwartete.
Aber sie wusste, dass sie bereit war, es herauszufinden.