Das Hospiz
Als wir im Hospiz ankamen, stand es schlecht um meinen Vater.
Mein Vater sprach immer wieder vom Regenbogen.
«Wenn meine Zeit kommt, gehe ich über den Regenbogen. Dort wartet deine Mutter auf mich.»
An diesem Tag glaubten wir, dass dieser Moment gekommen war.
Wir blieben ungefähr fünf Stunden bei ihm.
Dann baten uns die Ärzte, nach Hause zu gehen und ihm etwas Ruhe zu geben. Sollte es so weit sein, würden sie uns anrufen.
In dieser Nacht schlief ich kaum.
Am nächsten Morgen kam tatsächlich ein Anruf.
Ich rechnete mit dem Schlimmsten.
Doch mein Vater war wieder ansprechbar.
Ich war erleichtert.
Am Abend fuhren meine Freundin und ich zu ihm.
Als wir sein Zimmer betraten, lag mein Vater im Bett. Seine linke Hand lag auf dem Schalter, mit dem er das Bett hoch- und runterfahren konnte.
«Hallo Papa. Wie geht es dir?»
«Es geht.»
«Möchtest du etwas essen?»
«Nein, ich habe keinen Hunger.»
Er drückte auf den Schalter. Das Bett fuhr hoch.
Kurz darauf wieder runter.
Wir liessen ihn machen und schauten mit ihm fern.
Nach ungefähr zwei Stunden wollten wir langsam gehen.
«Papa, wir gehen dann. Du solltest ein bisschen schlafen.»
Er sah zu mir.
«Kann ich doch noch etwas essen?»
«Natürlich.»
Ich ging in die Küche. Das Personal machte ihm ein kleines Plättchen mit Brot, Butter, Konfitüre, etwas Aufschnitt und Kaffee.
Ich brachte es ihm ins Zimmer.
Meine Freundin setzte sich zu meinem Vater. Sie machte ihm kleine Schnitten und half ihm beim Essen. Auch beim Joghurt half sie ihm.
Ich sass daneben und beobachtete die beiden.
Da kam mir wieder der Satz ihrer Chefin in den Sinn:
«Es ist ja nicht dein Vater. Was willst du dort?»
Ich sah meine Freundin an, wie sie meinem Vater beim Essen half.
Für sie war er eben nicht einfach nur der Vater ihres Freundes.
Als der Teller leer war, sah ich meinen Vater an.
«Hat es dir geschmeckt?»
«Ja.»
«Bist du satt oder soll ich dir noch etwas holen?»
«Ich könnte noch etwas essen.»
Also holte ich ihm eine zweite Portion.
Auch die ass er.
«Und jetzt? Bist du satt?»
«Ja.»
«Gut.»
Irgendwann wurde er müde.
Wir verabschiedeten uns und liessen ihn schlafen.
Es sollte seine letzte Mahlzeit sein.
Am nächsten Morgen ging ich früh zu ihm, bevor ich zur Arbeit fuhr.
Er war erstaunlich gesprächig.
Wir redeten über Sport. Über das Wetter. Über ganz normale Dinge.
Als ich gehen wollte, fragte mein Vater:
«Kommst du heute Abend wieder?»
«Klar. Dann können wir zusammen essen.»
«Das ist gut. Bis später.»
Ich verliess das Hospiz mit einem guten Gefühl.
Ich glaubte, wir hätten noch etwas Zeit.
Ich wusste nicht, wie wenig davon noch übrig war.
Der Engel
Am Nachmittag traf ich mich mit meiner Freundin zu Hause. Bevor wir zu meinem Vater fahren konnten, mussten wir uns wegen der damaligen Corona-Regeln noch testen lassen.
Wir waren bereits losgefahren, als meiner Freundin plötzlich etwas einfiel.
Sie wollte meinem Vater noch einen Engel mitbringen.
Also drehten wir um.
Ich parkierte vor der Wohnung. Sie stieg aus und ging hinein, um den Engel zu holen. Ich blieb im Auto sitzen.
Dann klingelte mein Telefon.
Es war die Freundin meines Vaters.
«Hallo Sven. Er hat es überstanden und ist über den Regenbogen bei deiner Mutter angekommen.»
Stille.
In diesem Moment konnte ich nichts sagen.
Meine Freundin kam zurück zum Auto. Den Engel hielt sie in der Hand.
«Du glaubst nicht, was passiert ist. Ich nahm den Engel und dann fielen die Flügel ab. Ich bin so erschrocken.»
Ich sagte nicht viel.
Sie sah mich an.
«Ist alles in Ordnung?»
«Wir müssen uns nicht mehr beeilen. Er hat es überstanden.»
Da wurde es endgültig real.
Auch mein Vater war nicht mehr da.
Auf der Fahrt zum Hospiz sprachen wir kaum. Falls wir etwas sagten, weiss ich heute nicht mehr, was es war.
Als ich sein Zimmer betrat, kam das Bild meiner Mutter zurück.
Mein Vater lag ganz ruhig da. Friedlich. Fast so, als hätte sein Körper nach all den Monaten endlich aufgehört zu kämpfen.
Ich blieb bei ihm.
Und ich bedankte mich.
Für das, was er für mich getan hatte. Für die Gespräche. Für die Zeit. Dafür, dass er mir nach meiner Trennung ohne eine Sekunde zu zögern wieder die Tür zu seinem Haus geöffnet hatte.
«Welches Zimmer möchtest du?»
Dieser Satz war damals so einfach gewesen. Heute weiss ich, wie viel darin steckte.
Mein Vater starb im Februar 2022.
Meine Mutter war schon gegangen. Nun war auch er gegangen.
Zwei Menschen, die für mich lange selbstverständlich zu meinem Leben gehört hatten, waren plötzlich nur noch in meinen Erinnerungen da.
Mein Vater hatte immer gesagt:
«Wenn meine Zeit kommt, gehe ich über den Regenbogen. Dort wartet deine Mutter auf mich.»
Ich weiss nicht, was nach dem Tod kommt.
Aber ich mochte diesen Gedanken.
Und ich hoffte, dass er recht hatte.