Sie spürte die Scheiterhölzer unter ihren wunden, aufgerissenen Füssen, der Eichenpfahl drückte sich in ihr Rückgrat. Wütend zerrte sie an ihren Fesseln. Alle starrten sie zu ihr hoch, der Dorfpfarrer, die Müllerin, die einfachen Bauern. Allesamt versammelten sie sich auf dem Feld, die Ernte war gerade erst eingebracht worden.
»Tod der Hexe.«
»Brenne, Morgaine.«
Morgaine spuckte aus, ihre grünen Augen funkelten. Geholfen hatte sie ihnen, jeden Einzelnen. Dank ihr war das Vieh gesund, die Ernte reich. Sie half bei Krankheit, Geburt und Liebesdingen. Seit jeher hatte sie ihre Gaben zum Guten eingesetzt.
Dann traten drei von ihnen mit ihren Fackeln näher, sie kannte sie gut. Denn sie, Morgaine, war es, die ihnen aus dem Mutterleib auf die Welt geholfen hatte. Die Fackeln senkten sich und entzündeten den Scheiterhaufen. Knisternd, erst zögerlich, suchten sich die Flammen den Weg. Kletterten hinauf, umzingelten ihre Füße. Morgaines rotes Haar, wurde eins mit dem Feuerrot. Und sie lachte.
»Der Wind drehte sich, setzte die Stoppelfelder in Brand, den anliegenden Wald, das Dorf. Überall fand man ihre gepeinigten, gekrümmten Körper. Auf den Feldern, in ihren Häusern, in ihren Betten. Nur Morgaines Gebeine, die fand man nie. Die Flammen verschonten nichts. Nichts, bis auf dieses Haus, das Haus der Hexe. Sehen Sie, wie unberührt es erscheint. Die getrockneten Kräuter, die Tinkturen. Der schwere Eichentisch mit der polierten Oberfläche, das einfache Strohlager. Nichts hat sich in diesem Haus verändert, nicht seit 300 Jahren. Die Nachbardörfler umfuhren diese Gegend viele Jahrzehnte lang mit ihren Karren. Sie sahen in der Nacht den Rauch aus dem Kamin im Mondenschein, aber betreten hat dieses Dorf niemand mehr für mindestens 100 Jahre.
So, damit ist diese Führung beendet. Ich bedanke mich für ihren Besuch.«
Sie setzte sich auf den Holzschemel vor dem Holzfeuer, schlüpfte aus ihren Schuhen und rieb sich die vernarbten Füße. Ihr rotes Haar schimmerte im warmen Licht des Feuerscheins. Gleich würde sie ihr Notebook aus der alten, eichenen Truhe nehmen. Ihr online Verkauf lief gut, Liebestränke, Blasentees, Kräutermischungen für Wechseljahrbeschwerden. Es war einfacher heutzutage. Sie musste ihre Waren nicht mehr in den weit entlegenen Dörfern verkaufen. Auch eine Hexe wurde nicht jünger.