Seitenwind Woche 3: Schreib, was du siehst

Straßenbahngast / Gast in der Welt

Er zerrt den Einkaufstrolley in die Straßenbahn. Das Rumpeln über die Schwelle scheint ihn nicht zu stören, so wie die Blicke ihn nicht zu stören scheinen. Die ausgewaschene Arbeitslatzhose spannt über dem Bauch, und sein Körper wirkt groß und bullig, als wäre die Straßenbahn für eine kleinere Sorte Mensch gebaut worden. Weißer Haarflaum lugt unter dem gelben Schutzhelm hervor. Der Helm leuchtet, nur sein Lächeln leuchtet mehr. Zahnlücke. Keine Bartstoppeln. Die große Einkaufstasche, eine dieser robusten aus recyceltem Plastik, trägt er über der Schulter.
Die Bahn fährt los.
Er braucht Platz mit seinem Körper, der Tasche und dem übervollen Trolley. Doch er steht niemandem im Weg, und als eine Frau mit Kinderwagen einsteigt, drückt er sich in die Nische der gegenüberliegenden Bahntür. Er nickt ihr zu, lächelt. Ein Schwätzchen, und die Bahn fährt weiter.
Man kennt ihn.
Aus dem Trolley quellen Plastiktüten von Discountern. Sein Hab und Gut vorm Wetter geschützt, vielleicht auch vor Blicken wie meinen. Alles verpackt unter blauen Streifen und roten Quadraten. Nur die Löcher in den Tüten, wie kleine Vulkankrater im Plastik, lassen Stoff erahnen, Kleidung, eine Decke womöglich.
Eine Isomatte blitzt aus der Umhängetasche. Er klammert seine Hand um die Träger, um den Griff des Trolleys. Die Finger sind sauber, aber die Nägel tragen Trauerränder. Ein Kratzer.
Wenn man ihn nicht sieht, riecht man ihn, doch ist es nicht diese beißende Mischung aus Schweiß, Urin und … sondern ein zurückhaltender, ein Eigengeruch, sanft und sauer, zu viel, um auf ihn zuzugehen, zu wenig, um wegzulaufen.
Er lächelt jeden an. Er lächelt immer. Zuweilen geht sein Blick durch die Straßenbahn ins Nichts.
»Nächste Haltestelle: Zwätzen.«
Er lacht. »Zwätzen - Zwetschgen - Zwätzen - Zwetschgen – verstehst du? Zwetschgen!«
Er lacht. Ich lache.

Am letzten Tag hatte sein Helm ein Loch.
Die Straßenbahn fährt, sein Platz bleibt leer.