Ich schwitze. Vor mir, auf dem dunklen Tisch aus Kirschholz, steht ein benutzter Teller. Wäre mein Blick nicht verschleiert, könnte ich unter Schlieren von Bratensauce und einem zur Hälfte aufgegessenen Stück Fleisch den handgemalten Weihnachtsbaum erkennen. Draußen ist es kalt, aber mir ist heiß. Auf meinen Wangen vermischen sich Schweiß und Tränen. Unter meiner Nase gesellt sich Rotz dazu. Ich muss würgen. Wie jedes Mal, wenn ich versuche, das Stück Fleisch in meinem Mund herunterzuschlucken.
»Es reicht mir so langsam mit dir! Was soll das Theater!«, poltert mein Vater und wird dabei immer lauter. Würde ich ihn ansehen, wäre sein Gesicht wahrscheinlich genauso rot wie meines. Und wutverzerrt. Aber ich sehe ihn nicht an. Ich ziehe den Kopf ein, weitere Tränen fließen, der Rollkragenpullover kratzt an meinem Hals.
»Jetzt iss‘ endlich dein Fleisch! Du stehst hier nicht auf, bis du nicht aufgegessen hast! Und stell dich verdammt nochmal nicht so an. Deine Krokodilstränen kannst du dir sonst wohin stecken!«
Meine Hände klammern sich um Messer und Gabel. Ich fixiere das dicke Stück Fleisch auf dem Teller vor mir. Gerade erst die Hälfte geschafft. Ich kann nicht mehr, aber ich muss. Ich halte die Luft an und versuche zu schlucken. Dieses Mal klappt es.
Widerwillig, trostlos, resigniert schneidet mein Messer durch das Fleisch mit der dicken Sehne. Unter halb gesenkten Lidern blicke ich zaghaft zu meinem Vater. Ein Murmeln:
»Kann ich nicht wenigstens die Seh-«
Entnervtes Schnauben.
»Nein. Und setz dich gefälligst gerade hin«, fällt er mir ins Wort.
Ich richte mich auf. Mein Vater blättert in seiner Zeitung. Alle anderen sind schon weg. Sie haben längst aufgegessen.
Obwohl ich weiß, dass mein Wasserglas schon vor einer halben Stunde leer war, wandert mein Blick wie von selbst dorthin. Aber da ist nichts mehr zum Herunterspülen.
Ich hole tief Luft, dann stecke ich mir das nächste Stück Fleisch in den Mund und kaue. Die Sehne ist zäh und knarzt laut in meinen Ohren. Ich unterdrücke ein Würgen, diesmal erfolgreich. Bald, denke ich, bald ist es geschafft. Eins nach dem anderen. Nur noch weniger als die Hälfte.