Die Polizei brauchte keine zehn Minuten, um nach dem Anruf vor Ort zu sein. Es war nicht wie im Kino. Sie kamen nicht mit unzähligen Streifenwagen und Blaulicht. Zwei dunkle SUVs mit abgetönten Scheiben fuhren zügig vor, hielten vor dem Haus und fünf Männer in Zivilkleidung stiegen aus. Zwei von ihnen trugen Sakkos, die anderen drei Rollkragenpullover, dunkle Cargo-Hosen und Waffenholster am Gürtel.
Richard Berger spähte durch den Spion an der Haustür. Er hatte sich nicht getraut die Tür erneut zu öffnen. Der junge Mann stand immer noch neben dem Toten, nach wie vor hatte er das Smartphone in der Hand. Er machte keine Anstalten wegzulaufen, auch nicht, als zwei der Polizisten ihn an die Seite führten und ein weiterer sich über den Toten beugte.
Berger löste sich von dem Spion in der Tür und schaute Dorothea an.
»Die Polizei ist da«, sagte er. »Alles wird gut.«
Dorothea sagte nichts. Es klopfte an der Tür. Er brauchte zwei Versuche um die Tür zu öffnen, weil seine Finger so sehr zitterten, dass er die Türkette nicht sofort lösen konnte. Zwei Männer um die vierzig standen davor. Berger vermied es bewusst einen Blick auf die Leiche vor seiner Haustür zu werfen. Stattdessen sah er dorthin, wo auf dem Bürgersteig der junge Mann mit dem Handy den beiden Männern, die rechts und links neben ihm standen irgendetwas auf dem Telefon zeigte. Das Video, vermutete Berger. Er ist verrückt. Ein Psychopath, wie bei Sebastian Fitzek. Dann machte er einen Schritt zurück in den Flur und ließ die Polizisten hinein.
Die beiden Männer in dunkelblauen Sakkos stellten sich als Herr Samuel und Herr Ulrich vor und schoben Berger sanft weg von der Tür in die Wohnstube. Anders als in den Krimiserien hielten ihm nicht sofort irgendwelche Ausweise oder Marken unter die Nase. Das war nicht notwendig. Er war so froh, dass sie da waren. Herr Ulrich führte Dorothea aus dem Wohnzimmer. Vermutlich wollten sie die Zeugenaussagen getrennt aufnehmen. Das hatte er mal gelesen.
»Können wir uns hinsetzen?«, fragte Herr Samuel und deutete auf den Tisch neben dem Kamin. Richard Berger mochte die Stimme. Sie zitterte nicht und war bestimmt, aber freundlich. »Erzählen Sie mir, was aus Ihrer Sicht passiert ist.« Und das tat er.
Herr Samuel schwieg, während Berger das grauenvolle Erlebnis bis zum Ende nacherzählte.
»Warum haben Sie ihm die zehntausend Euro nicht gegeben?« Herr Samuel sah ihn mit ausdruckslosem Gesicht an. Ein Verhörgesicht, kam es Berger in den Sinn.
»Was? Warum sollte ich? Ich bin doch nicht verrückt!«
»Aber jetzt haben Sie einen toten Mann vor der Haustür liegen.«
»Haben Sie mir eigentlich zugehört? Die standen plötzlich vor der Tür und verlangten Geld.«
»Haben Sie denn überhaupt zehntausend Euro hier?«
»Na ja, schon, aber…«
»Warum haben Sie so viel Geld im Haus?«
Sein Herz pochte so stark, dass es schmerzte. »Das ist doch nicht der Punkt. Es ist ja mein Geld.« Er konnte ihm ja schlecht sagen, dass es Schwarzeinnahmen aus diversen Busreisen waren. »Für den Fall der Fälle. Blackout. Kaputte Geldautomaten. So was.«
»Hätten Sie ihm tausend Euro gegeben?«
»Nein! Natürlich nicht, das ist absurd.«
»Hundert?«
»Hören Sie auf damit.«
»Hätten Sie ihm hundert Euro gegeben?«, fragte Herr Samuel erneut.
»Nein. Nicht einmal zehn. Natürlich nicht.«
»Sie hätten also einen Mann für zehn Euro sterben lassen?«
»Ich konnte doch nicht wissen, dass er sich erschießt.« Berger ballte seine Finger so fest zu Fäusten, dass es schmerzte.
»Aber er hat es Ihnen gesagt.«
»Quatsch.« Er zögerte. »Also, ja schon, aber…«
»Und Sie haben ihn dazu aufgefordert«, sagte Herr Samuel.
»WAS? Wie kommen Sie auf so etwas? Jetzt reicht es allmählich. Sie tun ja so, als hätte ich ihn umgebracht.«
»Herr Berger, Sie haben ein Problem.« Herr Samuel holte ein Smartphone aus der Sakkotasche, legte es auf den Tisch und startete eine App. Plötzlich hörte Richard Berger seine eigene Stimme. ‘Machen Sie, was Sie wollen, aber machen Sie es bitte draußen auf der Straße, okay?’ Dann folgte der Schuss. »Es wird wohl nicht einfach, sich aus dieser Sache herauszureden. Sie sagten, Sie waren auf dem Weg zur Kirche?«
Richard Berger wurde schlecht. Gerne würde er sich jetzt übergeben und dann einfach hinlegen und schlafen. Dann würde all das vorbei sein, wenn er wieder wach wurde. »Ja. Zum Gottesdienst. Wir gehen jeden Sonntag. Wir sind Christen.«
»Es ist nicht sonderlich christlich einen Menschen wegen zehn oder hundert Euro sterben zu lassen. Kennen Sie das Matthäus Evangelium?«
»Er wollte zehntausend Euro«, flüsterte Berger. »Zehn. Tausend. Euro.«
»Sie sagten, Sie hätten ihn für weniger sterben lassen.«
»Das ist nicht wahr.«
»Nochmals sage ich Euch: eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als das ein Reicher in den Himmel kommt. Matthäus 19.24, Herr Berger.«
»Sie verdrehen alles. Sie zitieren die Bibel, anstatt mir zu erklären, was hier eigentlich los ist. Was für Polizisten seid Ihr eigentlich?«
»Das ist eine gute Frage, Herr Berger. Eine starke Frage! Aber ich habe auch noch eine Frage, die im Augenblick erheblich wichtiger ist: Wie sehr lieben Sie Ihre Frau?«
(c) michel