Schulanfang

Die Sonne hatte sich durch die dicken Wolken gekämpft und war eifrig dabei, die Pfützen der Nacht zu trocknen. Eine wirklich Große lag mir zu Füßen, direkt vor dem Hausstein. Ihr unbewegtes Wasser schimmerte blau wie der Himmel mit watteweißen Wölkchen darin. Es reizte mich sehr, mittendrin für ein paar Wellen zu sorgen. Doch ich erinnerte mich rechtzeitig an die blöden weißen Socken und blieb stehen. Mein Blick wanderte an der grauen rissigen Fassade des Hauses gegenüber empor. Auf dem kleinen Balkon im ersten Stock lümmelte ein Mädchen am rostigen Geländer. Sie hing über der Brüstung und spuckte auf den Gehweg. Interessiert sah ich ihr zu. Anscheinend versuchte sie, eine bestimmte Pfütze zu treffen. „Was machst´n da? “Geht dich n Dreck an!“ Ungerührt spuckte sie einen gewaltigen Batzen aus und zog den Rotz in ihrer Nase hoch. “Lass mich bloß in Ruhe!” Sie schniefte erneut und wischte sich über die Augen. „Weinst du etwa?“ „Kapierst es nicht? Hau ab! Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß!“ Zum ersten Mal sah sie auf. Ich spürte ihren Blick, als berührten ihre Finger mein ordentlich gekämmtes Haar, die Bluse mit gerüschtem Kragen, den gebügelten Rock, die schneeweißen Kniestrümpfe und meine steifen Lackschuhe. „Mann, du siehst vielleicht bescheuert aus!“, rief sie über die Straße. Hitze kroch aus meinem Kragen und färbte meine Wangen. Das musste die grad sagen! Ihr wabbeliger Bauch blitze unter dem viel zu engen Shirt hervor. Unablässig zupfte sie an ihrem Rock, den der ständige Bodenkontakt am Saum aufgeribbelt hatte. Ihr mausbraunes kurzes Haar stand strubbelig vom Kopf ab. Sie hatte feste runde Backen und eine Himmelfahrtsnase, mit so riesigen schwarzen Nasenlöchern, dass sie unweigerlich jeden Blick auf sich zogen. „Haste dich vielleicht schon mal im Spiegel gesehen?“, konterte ich, die mageren Arme in die Seite gestemmt. „Na warte, du!“, brüllte das Mädchen und machte Anstalten über die Brüstung zu klettern. „Wenn ich dich erwische!“ Ohje! Die weißen Socken, die schicke Bluse! Verzweifelt versuchte ich, ins Haus zu gelangen. Doch die Tür war zu. Hektisch hüpfte ich auf dem Hausstein herum und schlug mit der ganzen Hand auf die unteren Klingelknöpfe, die ich so gerade noch erreichen konnte. Inzwischen hing die Dicke tatsächlich am Geländer und baumelte mit den Füßen in der Luft. In Zeitlupe rutschte der Rock über ihren Hintern. Ich vergaß meine Sorgen und musste kichern. „Gleich kann ich deinen Schlüppi sehen”, rief ich über die Straße. Sie ließ los und plumpste ungelenk auf den Gehweg. Erschrocken presste ich mich gegen die verschlossene Tür, die der liebe Opi genau in dem Moment aufriss. Ich fiel rückwärts in den Flur. „Um Gottes willen!“, rief mein Opa. Er eilte über die Straße. „Hast du dir wehgetan?“ Schnaufend stand das dicke Mädchen auf und klopfte den Schmutz aus ihren Sachen. „Geht schon“, murmelte sie und schüttelte die hilfsbereite Hand vom Opi ab. „Ach hier bist du!“ Eine verhuschte kleine Frau trat zu dem dicken Mädchen. „Ich hab dich schon überall gesucht. Wir müssen jetzt gehen, sonst kommen wir noch zu spät.“ Die Frau drückte ihr eine winzige Zuckertüte in die Hand. Meine Familie quoll aus unserem Haus, nahm mich laut und fröhlich in sich auf. Stolz ging ich voraus, um zu zeigen, dass ich den Schulweg genau kannte. Im Schulhaus angekommen, hatte ich den ganzen Ärger längst vergessen. Die Aula war erfüllt vom Reden und Lachen der Eltern und Kinder, Stühle und Bänke waren voll besetzt. Kaum saß ich auf meinem Stuhl, spürte ich ihren Blick. Genau zwischen meinen Schulterblättern schien ihr Groll Löcher in meine Haut zu brennen. “Sitz still”, flüsterte meine Mutti und nahm meine Hand. Ich nickte und betete insgeheim zu allen Göttern, dass dieses schreckliche Mädchen bitte, bitte nicht in meine Klasse käme. Schlimm genug, dass sie in meiner Straße wohnte und in dieselbe Schule gehen würde– mehr musste echt nicht sein! „Jetzt erfährst du, wer in deiner Klasse ist“, riss mich Mutti aus meinen trüben Gedanken. Die Familien brachten uns bis zum Klassenraum. Die Lehrerin klatschte in ihre Hände. „Alle Eltern müssen draußen bleiben“, übertönte sie die Menge und führte uns hinein. Inmitten der schnatternden Kinder schaute ich mich zufrieden um. Die meisten kannte ich schon aus dem Kindergarten: Mäxchen Ott, die eigentlich eine Simone war, Heiko, Vico, Gaston. Doch dann fiel mein Blick auf das schreckliche Mädchen. Oh nein! Mit weichen Knien lehnte ich mich gegen einen Tisch. Die Lehrerin klatschte erneut in ihre Hände. Es wurde still. „Ich heiße Frau Adamcyk und ich bin ab heute eure Klassenlehrerin“, sagte sie laut. „Genau wie ihr habe ich mich lange auf diesen Tag gefreut und mir schon mal eure Namen eingeprägt. Wenn ich jetzt ein Kind aufrufe, setzt es sich still auf einen freien Platz. Sie trug alle Namen vor und die Kinder setzten sich. „Pia Baum.“ Frau Adamcyk schaute suchend über den Rand ihrer Brille. Ihr Blick blieb am letzten Kind hängen. Es war das garstige dicke Mädchen von gegenüber. Es war neben der Tür geblieben, als wollte es im nächsten Moment weglaufen. Seine Wangen leuchteten wie Signallampen. „Du bist ja sehr … kurzfristig dazu gekommen. Bis morgen werden wir einen Platz für dich finden. Solange setzt du dich auf meinen Stuhl am Lehrertisch.“ Die Augen fest auf den Boden gerichtet, schlurfte Pia nach vorn und setzte sich auf den Stuhl. Frau Adamcyk sprach über die neue Zeit, die nun begann. Sie schien nicht zu bemerken, dass alle Kinder die dicke Pia anstarrten und auch nicht, wie das Mädchen unbehaglich auf dem Stuhl herumrutschte. Ich sah, wie sie heftig schluckte, um nicht zu heulen. Und ich spürte, wie meine Abneigung einem anderen Gefühl Platz machte. „Wenn du willst, können wir uns den Stuhl teilen“, sagte ich mit klopfendem Herzen. Zum ersten Mal schauten wir uns richtig an. Ihre Augen waren groß und leuchtend blau wie der Himmel draußen vor dem Fenster. Ich sah die Sommersprossen auf ihrer dicken Nase, genau wie bei mir. Sie nickte. Mit dem Ellenbogen stieß ich Mäxchen, die eigentlich eine Simone war und neben mir saß, an. Sie rutschte an den Rand, sodass ich mit einer Backe auf ihrem und mit der anderen auf meinem Stuhl saß, damit Pia genug Platz fand. Zum Abschluss unseres ersten Schultages sollte ein Klassenfoto im Pausenhof gemacht werden. Wir stellten uns brav auf, um nach draußen zu gehen. Max, Pia und ich bildeten die einzige Dreierreihe. Ganz vorn lief Gaston, der die letzte Stufe am Ausgang übersah und der Länge nach in die einzige Pfütze weit und breit fiel. Wir stießen uns an und mussten laut lachen. Und Gaston? Der lachte mit

PS: Übrigens, Pia und ich wurden BFF

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Am Montag geht es hier in Niedersachsen auch wieder los.